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09. 01. 2006

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Abitur ist nicht alles

Wer ohne Abitur studieren will, braucht oft ein dickes Fell

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Von der Baustelle auf den Campus?

"Ohne eine gewisse Dickhäutigkeit hätte ich das nicht durchgestanden", erinnert sich Knuth Hornbogen, 37 Jahre, an die Zeit vor zehn Jahren. Der gelernte Schreiner hatte sich damals für ein Studium an der Fachhochschule für Design in Köln beworben. Das Problem: Abitur hat er nie gemacht. Trotzdem schaffte es Knuth Hornbogen, in dem zweistufigen Bewerbungsverfahren aus Hunderten von Bewerbern in den erlesenen kleinen Kreis der Designer aufgenommen zu werden. Doch die Freude über den Erfolg währte nur kurz, denn die Verwaltung der Fachhochschule störte sich an seiner "einschlägigen Berufserfahrung", einer Grundvoraussetzung für das Studium. Er hatte nach seiner Lehre mehrere Jahre im Vertrieb einer Wintergarten-Firma gearbeitet. "Denen wäre es lieber gewesen, wenn ich jahrelang Rigipsplatten zusammenschraubt hätte, anstatt in meiner Biographie einen Sprung nach vorne zu machen", ärgert sich Knuth Hornbogen noch heute. Bis zur Zwischenprüfung studierte er dann mit Unterstützung der Professoren, aber ohne den Segen der Fachhochschule. Im Rückblick bezeichnet er das Ganze als "Horrortrip" und "bürokratischen Graus", denn schließlich hatte er damals auch ohne den Verwaltungskrieg genug Anpassungsschwierigkeiten mit der für ihn fremden akademischen Welt.

Ohne Hochschulreife eine Immatrikulationsbescheinigung zu bekommen, war vor zehn Jahren sicher noch beschwerlicher. Doch auch heute werden Bewerber ohne Abitur von den Fachhochschulen und Unis nicht gerade mit offenen Armen empfangen: Nicht nur eine Berufsausbildung und langjährige Berufserfahrung werden verlangt, sondern auch anspruchsvolle Eignungstests und Probesemester gehören zum Standard-Repertoire der Hochschulen. Das schreckt natürlich viele ab, die schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, ein Studium aufzunehmen. Doch die meisten scheitern bereits an den vielen Fragezeichen hinter der Finanzierung des Studiums - BAföG-Mittel sind knapp und Stipendien sind rar. Knuth Hornbogen hat damals parallel zum Studium sein erstes Unternehmen gegründet und dabei nicht schlecht verdient. "Ohne diese finanzielle Unabhängigkeit wäre ein Studium völlig utopisch gewesen", sagt er heute.

Studium als Herzensangelegenheit
Grundsätzlich gibt es für Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, die zwischen drei und fünf Jahren Berufspraxis haben, in allen Bundesländern die Möglichkeit zu studieren. Und zwar berufsbegleitend oder im Vollzeitstudium. Die erste Variante erscheint allerdings nur auf den ersten Blick attraktiv, denn bei dieser Lösung muss der Arbeitgeber mitspielen und die Dauerbelastung von Studium, Arbeit und Familie über Jahre bewältigt werden. "Viele wählen schon deshalb ein Vollzeit-Studium, weil das Studieren an sich für sie eine Herzensangelegenheit ist und sie sich voll darauf konzentrieren wollen", erklärt Ralf Alberding, Leiter der Geschäftsstelle des Netzwerks "Wege ins Studium".

Theoretisch stehen den Studierenden in spe alle Fachrichtungen offen, sogar der Zugang zu Medizin, Pharmazie, Tiermedizin und Zahnmedizin ist vor einigen Jahren gelockert worden. Doch der freie Zugang gilt nur in der Theorie: Zum einen ist der Zugang zu einem Studiengang oft mit dem vorher ausgeübten Beruf verknüpft und zum anderen sind, je nach Bundesland, Fächer mit einem bundesweiten Numerus Clausus exklusiv für Kandidaten mit Abitur. Auch das Studium des Lehramts für Gymnasien ist in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt ohne die Eintrittskarte Abitur tabu.

Bevor die Bewerberinnen und Bewerber ihren Studierendenausweis in der Mensa vorzeigen können, werden sie von den Hochschulen noch auf Herz und Nieren geprüft: Je nach Bundesland müssen sie anspruchsvolle Eignungstests bestehen, in denen Allgemeinwissen, Mathematik, Deutsch, Politik und Geschichte abgefragt werden, bis zu vier Semestern auf Probe studieren oder ein Propädeutikum mit Ergänzungsprüfung erfolgreich absolvieren. Das ist aber keineswegs Schikane, sondern soll auf der einen Seite das hohe akademische Niveau garantieren und auf der anderen Seite auch die Bewerberinnen und die Bewerber selbst vor einer verzerrten Selbsteinschätzung schützen. Bei Studierenden ohne Abitur verhält es sich nämlich genauso wie bei denen mit Abitur: Nicht für jeden und jede ist ein Studium der richtige berufliche Weg. Von den Bewerbern ohne Abitur - in den meisten Bundesländern sind es deutlich unter Hundert pro Jahr - werden nach dem Test-Parcours oft zwischen einem Drittel und der Hälfte ausgesiebt. In Baden-Württemberg schafften im Jahr 2002 von 63 Bewerbern nur 23 die Zulassung und in anderen Bundesländern sieht es in der Relation ähnlich aus. Die Kombination aus individueller Beratung und strengen Eignungstests an den Hochschulen ist deshalb für beide Seiten sinnvoll. Mit einem bösen Erwachen nach dem ersten Semester ist niemandem geholfen - ein Studienfachwechsel ist in den meisten Bundesländern für diese Spezies von Studierenden sowieso ausgeschlossen.

Die Statistiken bestätigen noch einmal die Wirksamkeit der bestehenden Zulassungsbestimmungen, denn "die Abschlussnoten zeigen, dass die Studierenden, die kein Abitur haben, sich nicht von ihren Kommilitonen unterscheiden, auch wenn sie aufgrund ihrer beruflichen Biographie andere Stärken und Schwächen haben", erklärt Ralf Alberding vom Netzwerk "Wege ins Studium".

Open University - eine Uni für alle
Dass es auch ohne Berufserfahrung und Eingangsprüfungs-Marathon geht, zeigt eine Universität, die alle immatrikuliert, die älter als 18 Jahre alt und der englischen Sprache mächtig sind: Die Open University in Großbritannien. Seit 35 Jahren ist sie der akademische Hafen für all diejenigen, die studieren wollen, aber keine Hochschulreife besitzen. Inzwischen bietet die Open University 105 Kurse an, in denen man die "credit points" für einen Abschluss als Bachelor erwirbt. Die Lernmaterialien kommen in allen Ländern klassisch per Post und ein Kurs kostet zwischen 500 und 1000 Pfund. Für diejenigen, die das Geld nicht aufbringen können, bietet die Universität günstige Kredite an. Und den Gedanken, dass die Open University bei diesen Voraussetzungen einer "richtigen" Universität bei weitem nicht das Wasser reichen kann, verweist eine Untersuchung über über "Higher Education" in Großbritannien ins Reich der Phantasie. In diesem Ranking landete die Open University überraschend auf Platz 13  von 98 getesteten Einrichtungen.

Knuth Hornbogen, der ohne Abitur den Abschluss in seinem Design-Studium mit Bravour meisterte, ist heute offiziell Geschäftsführer eines Unternehmens, das innovative Sonnenschirme und Schattenspender vertreibt. Ob ihm das Studium bei der Gründung des Unternehmens geholfen hat? "Natürlich", sagt er entschieden, "denn alles in meiner Biographie greift ineinander, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht." Das spüren die Designer und Produzenten, mit denen er zusammenarbeitet - spätestens dann, wenn der Diplom-Designer Knuth Hornbogen an ihre Entwürfe selbst Hand anlegt.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 09.01.2006
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