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12. 12. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Neue Lehrer braucht das Land

Dramatischer Lehrermangel bis 2015 erwartet

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Fällt in Deutschland bald immer mehr Unterricht aus?

Ist Deutschland bald ein Land ohne Lehrer? Nach aktuellen Berechnungen des Deutschen Philologenverbandes steuert Deutschland auf den dramatischsten Lehrermangel seit dem Ende der sechziger Jahre zu. In den nächsten zehn Jahren werden rund 320.000 Lehrerinnen und Lehrer von insgesamt 785.000 aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Damit gehen in diesem Zeitraum rund 40 Prozent der bundesdeutschen Lehrer in den Ruhestand. Besonders in Deutschland, aber auch in anderen OECD-Ländern ist fast die Mehrheit der Lehrer über 40 (Primarbereich) oder sogar über 50 Jahre alt (Sekundarbereich). "Diese Länder werden große Probleme bei der Einstellung neuer Lehrer bekommen, um einen zukünftigen Lehrkräftemangel zu vermeiden", stellte die OECD Studie "Bildung auf einen Blick" bereits im Jahr 2003 heraus. Auch wenn man den Rückgang der Schülerzahlen berücksichtigt, müssen in Deutschland mindestens 290.000 der ausscheidenden Lehrer ersetzt werden.

Lehrernachwuchs reicht nicht
Da im gleichen Zeitraum voraussichtlich aber nur 210.000 Lehramtsbewerber in Deutschland die Hochschulen und die Studienseminare verlassen werden und dem Lehrerarbeitsmarkt zur Verfügung stehen, werden in den nächsten zehn Jahren an Deutschlands Schulen rund 80.000 Lehrerstellen nicht oder nicht adäquat durch voll ausgebildete Lehrkräfte besetzt werden können. Schon jetzt fehlen nach Schätzungen des Philologenverbandes bundesweit etwa 10.000 Lehrer. Seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ist ein deutlicher Rückgang der Lehramtsstudienanfänger zu verzeichnen. Der Tiefpunkt lag 1998 bei 22.200 Studienbewerberzahlen. Seitdem ist das Interesse der Studienanfänger am Lehrerberuf zwar wieder gewachsen, aber die Zahlen steigen nicht stark genug, um den sich verschärfenden Lehrermangel auszugleichen. "Selbst wenn sofort genügend neue Studenten für das Lehramt gewonnen werden könnten, würde eine Deckungslücke von über 80.000 Lehrerinnen und Lehrern in den nächsten 10 Jahren nicht geschlossen werden können, da eine Lehrerausbildung rund acht Jahre dauert", konstatiert Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV). Für sehr bedenklich hält Meidinger auch, dass nach einem vorübergehenden Anstieg der Studienanfängerzahlen im Lehramt im letzten Jahr ein Einbruch um über sechs Prozent stattfand. Problematisch ist auch, dass sich 60 Prozent der Studenten für Sprach- und Kulturwissenschaften entscheiden, während sich nur jeder Vierte für Mathematik und Naturwissenschaften interessiert, gefolgt vom Fachbereich Sport mit fünf Prozent.

Unattraktivität des Lehrberufes
Es gibt einige Gründe, warum heutzutage nicht mehr so viele junge Menschen den Beruf des Lehrers, der Lehrerin ergreifen wollen. Für viele leistungs- und karriereorientierte junge Erwachsene ist der Lehrerberuf nicht lukrativ genug. Referendare und Lehramtsanwärter müssen sich im Lebensalter von knapp 30 Jahren mit monatlichen Anwärterbezügen begnügen, deren Sätze unterhalb der Ausbildungsvergütung vieler Ausbildungsberufe liegen. Junglehrer und Lehramtsassessoren bekommen zum Teil nur befristete und im Beschäftigungsumfang erheblich reduzierte Verträge angeboten.
Auch das Lehrerimage ist in Deutschland ausgesprochen schlecht, was viele junge Menschen von der Wahl dieses Berufes abhält. Seit Jahren wird der Berufsstand öffentlich von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Journalisten diskreditiert. Der Berufstand hat in der Gesellschaft seine Anerkennung verloren. Auf der anderen Seite werden die sozialpädagogischen Erwartungen der Eltern und der Gesellschaft an die Schule und die Lehrer immer größer. Dagegen nehmen die Verhaltensauffälligkeiten vieler Kinder immer mehr zu und werden für Lehrer zu einer größeren Belastung. "Es hat sich eine negative gesellschaftliche Stimmung gebildet", sagt Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende und Leiterin des Vorstandsbereichs Schule bei der GEW. Indem die Arbeitsbedingungen von Lehrern erschwert wurden, zum Beispiel durch höhere Pflichtstunden, hätten die Kultusminister die falschen Signale an junge Leute gesendet. "Viele denken, die Belastung für Lehrer ist hoch und steigt noch weiter", so Demmer.

Lehrernotstand
Besonders betroffen sind schon jetzt die strukturschwachen und ländlichen Gebiete vor allem in den alten Bundesländern, wo der Lehrermangel inzwischen alle Schularten und fast alle Fächerverbindungen erfasst hat. In Bayern sind die Wartelisten leer geräumt. An Realschulen, beruflichen Schulen und Gymnasien gibt es bei Krankheitsfällen praktisch keine Aushilfskräfte mehr. Auch Nordrhein-Westfalen hatte Mühe, die 3.000 von der schwarz-gelben Landesregierung versprochenen neuen Lehrerstellen zu besetzen und selbst das Schulministerium geht von einer Versorgungslücke von 5.000 Lehramtsbewerbern allein in den nächsten fünf Jahren aus.
Lediglich in den neuen Bundesländern gibt es zurzeit wegen stark sinkender Schülerzahlen noch keinen akuten Mangel an Pädagogen. Trotzdem fehlen auch hier Lehrer, insbesondere in Mangelfächern. In einigen Ländern wie Thüringen und Sachsen gibt es massiven Unterrichtsausfall. Der von den dortigen Schulbehörden behauptete rechnerische Lehrerüberhang scheint vor Ort gar nicht zu bestehen, so Meidinger. Dazu komme die massive Abwanderung von Lehrern in die alten Bundesländer, die mit ganzen Beamtenstellen locken. Meidinger prognostiziert deshalb: "Mit erzwungenen Teilzeitverträgen, fehlender Verbeamtung, nicht vorhandenen Leistungsanreizen wie etwa Beförderungsmöglichkeiten und überhöhten Stundendeputaten werden die neuen Bundesländer in den nächsten zehn Jahren die großen Verlierer des bundesdeutschen Wettlaufs um die noch vorhandenen Lehramtsanwärter sein." Umgekehrt werde aber die Abwanderungsbewegung in die alten Bundesländer keinesfalls ausreichen, dem dortigen Mangel in größerem Umfang zu begegnen.

Ländern wird falsche Einstellungspolitik vorgeworfen
Um den zu erwartenden Lehrermangel aufzufangen, müssten rein rechnerisch 27.000 neue Lehrer pro Jahr eingestellt werden, so der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Zusätzliche Pädagogen für den Ganztagsbetrieb, eine Vertretungsreserve von fünf Prozent zur Kompensation von Unterrichtsausfall und für gezielte Fördermaßnahmen sowie für Lehrerfortbildung erforderten noch einmal insgesamt 36.000 Lehrerstellen. Diese Stellen werden aber lange nicht alle besetzt. Die GEW wirft den Bundesländern daher eine schlechte Personalpolitik vor. "Sie haben in diesem Jahr 4.600 Lehrkräfte weniger eingestellt als von der Kultusministerkonferenz (KMK) berechnet, um allein den Status quo zu halten", so Ulrich Thöne, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Damit fallen die Länder schon zum dritten Mal in Folge deutlich hinter die KMK-Prognose von 2003 zurück: Sie blieben in diesem Zeitraum um fast 15.000 Einstellungen unter den KMK-Zahlen - die Verschlechterung der Unterrichtsversorgung ist die Folge." Die Bundesländer haben 2005 nur 22.400 Lehrkräfte eingestellt. Das ist das Ergebnis des Lehrer-Arbeitsmarktberichtes, den die AG Bildungsforschung/Bildungsplanung an der Uni Duisburg/Essen unter der Leitung von Prof. Klaus Klemm vorgelegt hat. Die Experten nennen für diese Diskrepanz zwei Gründe: Zum einen habe die in den meisten Ländern angekündigte oder bereits vollzogene Arbeitszeiterhöhung der Lehrer den Einstellungsbedarf erheblich gesenkt. Zum anderen könnten die im Bundesbeamtenrecht festgelegten Pensionsminderungen dazu geführt haben, dass immer mehr Lehrer auf den vorzeitigen altersbedingten Ausstieg aus dem Berufsleben verzichteten. Dem vielerorts in Zukunft drohenden Lehrermangel steht daher aktuell ein Überangebot an voll ausgebildeten Lehrkräften gegenüber: Nach den neuen Berechnungen haben sich 2004 im Durchschnitt mehr als zwei Personen auf eine Stelle beworben. Für das ganze Bundesgebiet schätzt man die Zahl derer, die 2004 keine Anstellung als Lehrerin oder Lehrer gefunden haben, auf bis zu 35.000.
Thöne setzt sich dafür ein, dass die Länder mehr junge Lehrkräfte einstellen. "Die Länder machen einen strategischen Fehler: Sie müssen heute die jungen Leute anwerben, damit diese nicht in andere Berufe abwandern und dann nicht mehr zur Verfügung stehen. Mit der künstlichen Einstellungs-Verknappung verschärfen die Länder den drohenden Lehrermangel", sagte der Gewerkschafter. Auch der DPhV-Vorsitzende Meidinger gibt der Politik einen Teil der Schuld an der Mangelsituation, "die praktisch in keinem Bundesland zu einer vorausschauenden Personalpolitik in der Lage war. Anders als in der freien Wirtschaft ist der Personalbedarf an Schulen von bekannten Zahlengrößen abhängig, die statistisch relativ leicht erfassbar und aussagefähig sind wie etwa die Geburtenentwicklung, die Altersstruktur der Lehrerschaft und die Zahl der Lehramtsstudenten." Stattdessen haben viele Landesregierungen durch mehrmalige Anhebung von Lehrerarbeitszeiten, Erhöhung von Klassenstärken und Unterrichtskürzungen den wahren Lehrerbedarf künstlich verschleiert.

Bildungsqualität darf nicht vernachlässigt werden
Befürchtet wird, dass der fehlende Lehrernachwuchs zu einer Minderung der Unterrichtsqualität führen wird. Die Zahl der Neuabsolventen wird nicht ausreichen, um die bereits heute vielerorts von Unterrichtsausfall gekennzeichnete Schulversorgung aufrechtzuerhalten: Ausgehend von den Absolventenquoten 2004 dürften bis 2012 pro Jahr nur zwischen 18.000 und 28.000 ausgebildete Referendare für den Einsatz im öffentlichen Schuldienst zur Verfügung stehen. Eine Auswahl der Besten findet unter solchen Voraussetzungen kaum statt. Weil in Bayern jetzt schon viele Planstellen unbesetzt bleiben, ist das Kultusministerium in München inzwischen dazu bereit, die Zugangsvoraussetzungen für die Übernahme in den Staatsdienst zu senken. So würden bei den Fächerkombinationen Mathematik/Physik, Deutsch/Englisch oder Deutsch/Französisch "sämtliche Bewerber des aktuellen Jahrgangs eingestellt". Teilzeitregelungen gibt es nur noch mit Einschränkungen. Meidinger verfolgt diese Entwicklung besorgt: "Es ist zwar gut, wenn möglichst viele Lehrer eine Anstellung bekommen. Allerdings ist es auch problematisch, wenn man die qualitativen Anforderungen zu weit absenkt."

Langfristige und kurzfristige Gegenmaßnahmen
Um den Lehrermangel langfristig in den Griff zu bekommen, helfen nach Meidinger nur bessere Arbeitsbedingungen für Lehrer sowie Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufes wie beispielsweise die Image- und Werbekampagnen der Kultusministerkonferenz, die gemeinsam mit den Lehrergewerkschaften ausgerichtet werden sollten, damit sich wieder mehr junge Menschen für den Beruf entscheiden. Auch die Einführung einer bundesweiten Lehrerstellenbörse sowie eine bessere Abstimmung unterschiedlicher Einstellungstermine und -modalitäten der einzelnen Bundesländer könnten helfen. Um aber zunächst einen massiven Unterrichtsausfall in den nächsten Jahren zu vermeiden und die Bildungsqualität abzusichern, schlägt der Deutsche Philologenverband als kurz- und mittelfristige Maßnahmen vor, Anreize für einen Studiengangwechsel und schnellere Studienabschlüsse zu schaffen, eine effektive und qualitätsorientierte Nachqualifizierung von Seiteneinsteigern zu erreichen, Programme zur Rückgewinnung früher abgewiesener und beurlaubter Lehramtsbewerber zu erstellen und einen verbesserten Planstellentausch zwischen den Bundesländern (Überhang Ost / Mangel West) einzurichten. Auch freiwillige, individualisierte Arbeitszeitkonten, die Sicherung und Erhöhung der Ausbildungskapazitäten an den Universitäten und an den Studienseminaren sowie attraktivere Mehrarbeitsvergütungen und Anwerbungen von Lehrern aus dem Ausland (z.B. Österreich) könnten sinnvolle Hilfsmaßnahmen sein.

Es gibt also noch Möglichkeiten, dem zukünftigen Lehrermangel entgegenzuwirken bzw. ihn. etwas aufzufangen. Langfristig wäre es aber zum Wohle unserer Kinder am besten, der Berufsstand würde seine gesellschaftliche Anerkennung wieder finden, damit sich wieder genügend Studienanfänger für ihn begeistern können. Denn eine Verschlechterung der Unterrichtsqualität kann sich Deutschland nicht leisten.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.12.2005
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