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29. 09. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Blickrichtung der neueren Resilienzforschung

Wie es manche Kinder schaffen, schwierigen Lebensumständen zu trotzen

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Corina Wustmann

Immer wieder begegnet uns das Phänomen, dass sich einige Kinder trotz enormer Schicksalsschläge - entgegen aller Erwartung - erstaunlich positiv und kompetent entwickeln. Was macht diese Kinder derart "robust" bzw. "stark", dass sie Lebensbelastungen wie z.B. Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern, Gewalterfahrungen oder Kriegserlebnisse so erfolgreich meistern können, und wie können wir Kinder darin unterstützen, solche entscheidenden Bewältigungskompetenzen zu entwickeln? Diesen Fragen widmet sich in jüngerer Zeit die so genannte Resilienzforschung. Ziel der Resilienzforschung ist es, ein besseres Verständnis darüber zu erlangen, welche Bedingungen psychische Gesundheit und Stabilität bei Kindern, die besonderen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind, erhalten und fördern.

Was meint "Resilienz"?
Der Begriff "Resilienz" leitet sich von dem englischen Wort "resilience" ("Spannkraft, Elastizität, Strapazierfähigkeit"; lat. resilere = abprallen) ab und bezeichnet allgemein die Fähigkeit, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen (Unglücken, traumatischen Erfahrungen, Misserfolgen, Risikobedingungen etc.) umzugehen. Mit anderen Worten: Es geht um die Fähigkeit, sich von einer schwierigen Lebenssituation nicht "unterkriegen zu lassen" bzw. "nicht daran zu zerbrechen". Resilienz kann damit verstanden werden als eine psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken. Kurz gesagt: Resilienz meint das Immunsystem der Seele.

Die Resilienzforschung fragt nun danach, welche Eigenschaften und Fähigkeiten jene Kinder auszeichnen, die sich trotz vorliegender Risikokonstellationen positiv und psychisch gesund entwickeln. Durch zahlreiche Untersuchungen zu Risikoeinflüssen kindlicher Entwicklung hatte man zu Beginn der 1970er Jahre zunehmend erkannt, dass große Unterschiede existieren, wie Kinder auf Risikobedingungen reagieren: Auf der einen Seite gibt es Kinder, die Verhaltensstörungen entwickeln, auf der anderen Seite Kinder, die relativ unbeschadet "davonkommen" oder die an diesen schweren Lebensbedingungen sogar erstarken und wachsen. Lange Zeit wurde dieses Phänomen der psychischen Widerstandskraft in der Erforschung kindlicher Entwicklungsverläufe nahezu ausgeblendet.

Charakteristika von Resilienz
Im Zuge der heutigen Forschungserkenntnisse kann das Phänomen der Resilienz u.a. folgendermaßen beschrieben werden:
o Resilienz bezeichnet kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal eines Kindes, sondern umfasst eine Kapazität, die im Verlauf der Entwicklung im Kontext der Kind-Umwelt-Interaktion erworben wird. Mit anderen Worten: Resilienz ist lernbar.
o Resilienz kann mit der Zeit und unter verschiedenen Umständen variieren. Kein Mensch ist immer gleich widerstandsfähig. Mit anderen Worten: Resilienz ist keine lebenslange Fähigkeit gemäß "einmal erworben, immer vorhanden".
o Die Wurzeln für die Entwicklung von Resilienz liegen in besonderen schützenden Bedingungen, die einerseits in der Person des Kindes, andererseits in seiner Lebensumwelt lokalisiert sein können.

Was kennzeichnet resiliente Kinder?
Obwohl es große Unterschiede in den jeweiligen Risikobelastungen und methodischen Vorgehensweisen der Untersuchungen gibt und auch der Resilienzansatz noch etliche konzeptuell-methodische Unklarheiten aufweist, kamen dennoch viele Forscher zu relativ übereinstimmenden Befunden hinsichtlich jener Faktoren, die Resilienz charakterisieren bzw. an der Entstehung maßgeblich beteiligt sind. Als bedeutsame Untersuchungen können dabei z.B. die "Kauai-Längsschnittstudie" von Werner und Smith, die so genannte Pionierstudie der Resilienzforschung mit einer Laufzeit von 40 Jahren, die "Mannheimer Risikokinderstudie" von Laucht u.a. sowie die "Bielefelder Invulnerabilitätsstudie" von Lösel und Mitarbeitern benannt werden. Zusammenfassend konnten in diesen Untersuchungen u.a. folgende entscheidende schützende Faktoren bzw. Bedingungen identifiziert werden:

Personale Ressourcen
o Positive Temperamentseigenschaften, die soziale Unterstützung und Aufmerksamkeit bei den Betreuungspersonen hervorrufen (flexibel, aktiv, offen)
o Problemlösefähigkeiten
o Hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugung
o Realistische Kontrollüberzeugung
o Hohes Selbstwertgefühl
o Hohe Sozialkompetenz wie z.B. Empathie und Verantwortungsübernahme
o Aktives und flexibles Bewältigungsverhalten wie z.B. die Fähigkeit, soziale Unterstützung zu mobilisieren
o Optimistische, zuversichtliche Lebenseinstellung (Kohärenzgefühl).

Soziale Ressourcen 
o Mindestens eine stabile, verlässliche Bezugsperson, die Vertrauen und Autonomie fördert
o Offenes, wertschätzendes, unterstützendes Erziehungsklima
o Zusammenhalt, Stabilität und konstruktive Kommunikation in der Familie
o Religiöser Glaube in der Familie
o Kompetente und fürsorgliche Erwachsene außerhalb der Familie, die als positive Rollenmodelle dienen und Mut zusprechen (z. B. Großeltern, Freunde, Lehrer)
o Wertschätzendes Klima in den Bildungsinstitutionen (Schule als "zweites Zuhause").

Die Untersuchungsergebnisse verweisen darauf, dass resiliente Kinder mit dem Erfolg eigener Handlungen rechnen, Problemsituationen aktiv angehen, ihre eigenen Ressourcen effektiv ausnutzen, an eigene Kontrollmöglichkeiten glauben, aber auch realistisch erkennen können, wenn etwas für sie unbeeinflussbar, d.h. außerhalb ihrer Kontrolle ist. Diese Fähigkeiten tragen dazu bei, dass Stressereignisse und Problemsituationen weniger als belastend, sondern vielmehr als herausfordernd wahrgenommen werden. Dadurch werden mehr aktiv-problemorientierte und weniger passiv-vermeidende Bewältigungsstrategien angeregt. Und dies führt wiederum dazu, dass sich die Kinder ihrem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert fühlen.

Perspektivenwechsel von der Defizitorientierung zur Ressourcenorientierung
Was macht nun das Besondere an diesem Resilienzansatz aus? Dazu kann Folgendes festgehalten werden: Das Konzept der Resilienz legt den Fokus erstmals auf die Bewältigung von Risikosituationen. Es interessieren nicht mehr nur Anpassungs- und Bewältigungs"probleme". Die Perspektive ist nicht defizitorientiert, sondern richtet sich auf die Fähigkeiten, Ressourcen und Stärken jedes einzelnen Kindes, ohne dabei Probleme zu ignorieren oder zu unterschätzen. Von Interesse ist, wie individuell mit Stressbewältigung umgegangen wird und wie Bewältigungskapazitäten aufgebaut bzw. gefördert werden können.

Darüber hinaus beinhaltet das Resilienzparadigma die Sichtweise vom Kind als aktiven "Bewältiger" und Mitgestalter seines eigenen Lebens, z.B. durch den effektiven Gebrauch seiner eigenen Ressourcen. Dabei wird aber auch betont, dass Kinder sich natürlich nicht selbst dauerhaft "resilient machen" können, sondern hier maßgeblich auf die Hilfe und Unterstützung in ihrem Lebensumfeld angewiesen sind. Andernfalls würde das Resilienzkonzept auch zu einem "Befriedigungsansatz" verkommen.

Die Resilienzforschung zielt deshalb auf eine stärkere Betonung primärer Prävention ab: Kinder so früh wie möglich für Stress- und Problemsituationen zu "stärken". Denn frühzeitige Präventionsansätze können verhindern, dass unangemessene Bewältigungswege beschritten und stabilisiert werden, die den Umgang mit Belastungen in späteren Entwicklungsabschnitten erschweren.

Bedeutung für die Bildungs- und Erziehungspraxis
Die Kenntnis der schützenden Faktoren, wie sie von der Resilienzforschung identifiziert und (zum Teil wieder neu) in die Diskussion eingebracht werden, sind für die Konzipierung von Präventionsmaßnahmen, für die Entwicklung curricularer Konzepte sowie für alle Erziehungspersonen von großer Bedeutung. Denn darauf baut sich die Zielprojektion auf, "wie" wir in unserer alltäglichen Erziehungs- und Bildungspraxis Kinder (noch mehr) stärken und unterstützen können, um belastende Lebenssituationen und Alltagsanforderungen zu bewältigen. Resilienzförderung heißt in diesem Zusammenhang vor allem, jene wichtigen Grundlagen (Person- und Umweltressourcen) zu schaffen, zu festigen und zu optimieren, die es Kindern ermöglichen bzw. die sie motivieren, selbst weiterzukommen (Aktivierung von Selbsthilfekräften).

Das Resilienzkonzept eröffnet hier eine enorm optimistische Herangehensweise: Der Blick richtet sich nicht mehr auf die Defizite und Schwächen, sondern vielmehr auf die Kompetenzen und Bewältigungsressourcen jedes einzelnen Kindes. Was dabei zählt, sind keine außergewöhnlichen, magischen Fähigkeiten, sondern eigentlich normale menschliche Eigenschaften: Die Fähigkeit, positiv zu denken, zu lachen, zu hoffen, dem Leben einen Sinn zu geben, aktiv zu handeln, um Hilfe zu bitten oder Beziehungen zu anderen Menschen zu suchen. Diese Eigenschaften verleihen eine enorme Kraft, auch unter widrigsten Bedingungen zu gedeihen.

Lesen Sie zum Thema: Wustmann, C. (2004). Resilienz: Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Beiträge zur Bildungsqualität, hrsg. von W.E. Fthenakis. Weinheim/Basel: Beltz.


Corina Wustmann, Diplom-Pädagogin, Wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut e.V. (DJI), Arbeitsschwerpunkte: Resilienz, Bildung und Erziehung im Elementarbereich, Beobachtung und Dokumentation kindlicher Bildungs- und Lernprozesse.

Autor(in): Corina Wustmann
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.09.2005
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