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01. 09. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Lust statt Frust auf Schule

Reintegrationsprogramm weist Schulverweigerern erfolgreich den Weg zurück ins Klassenzimmer

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Logo des Projektes "Coole Schule"

Immer mehr Kinder in Deutschland schwänzen die Schule. Schätzungen sprechen von 300.000 bis 500.000 Schülerinnen und Schülern täglich. An Haupt- und Sonderschulen fehlen oft zwischen 10 und 20 Prozent der Schüler mehrere Wochenstunden unentschuldigt. Die meisten Schulverweigerer kommen aus der siebten, achten und neunten Jahrgangsstufe. Es gibt aber auch immer jüngere Kinder, die schon regelmäßig dem Unterricht fernbleiben. "Zunehmend schwänzen Zehn- und Elfjährige die Schule", sorgt sich Heinz Wagner vom Verband Bildung und Erziehung (VBE).

Gründe fürs Schwänzen
Die Ursachen für die Schulverweigerung sind dabei so individuell wie die Kinder und Jugendlichen selbst: ungünstige soziale Faktoren, schwierige familienbiografische Rahmenbedingungen und eine Inflexibilität der Bildungsangebote und -methoden im schulischen Bildungssektor. Viele kommen im Unterricht nicht mit, sie empfinden die oft hohen Anforderungen, die ständige Angespanntheit und den Leistungsdruck als unerträglich. Die Schulthemen sind meistens viel zu weit weg von der eigenen Lebensrealität und Alltagserfahrung, Sinnzusammenhänge zwischen der Lebenswelt und den Lerninhalten können nicht entstehen. Auch die wachsende Aggressivität an den Schulen macht für viele den Schulbesuch unerträglich.

Kein Abschluss, keine Perspektive
Die Folge ist, dass viele Schulverweigerer aufgrund zu vieler Fehlstunden den Anschluss an den Unterricht ganz verpassen, die Klasse wiederholen müssen und im schlimmsten Fall die Schule ohne Abschluss verlassen. Neun Prozent aller Jugendlichen gehen zurzeit ohne Abschluss von der Schule ab. Die meisten Ausstiegsgefährdeten sind zwischen 14 und 15 Jahre alt. Ohne Schulabschluss bekommen die meisten von ihnen keine Lehrstelle. Fast 26 Prozent aller Ungelernten sind arbeitslos. In der beruflichen Perspektivlosigkeit liegt für viele die Gefahr in die Illegalität abzurutschen. Bußgeldverfahren sind oft das einzige Mittel, die "Blaumacher" zurück in die Schule zu bringen.

Reintegrationsprogramm "Coole Schule"
Reintegrationsprogramme von Schulverweigerern setzen auf andere Lösungen: individuelle Betreuung statt Bestrafung, Aufbrechen herkömmlicher Lernmethoden, Einbeziehung von Wirtschaft und Jugendhilfe. Mit diesen Mitteln konnte das präventive Programm "Coole Schule - Lust statt Frust auf Schule", das sich in den Schuljahren 2002/ 2003 und 2003/2004 intensiv um 58 Schülerinnen und Schüler mit schulverweigernder Haltung gekümmert hat, 51 von ihnen zurück in die Regelklassen integrieren! "Coole Schule" ist eine Initiative des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge und der Deutschen Bank Stiftung, mit Unterstützung der deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und ProSieben Sat 1.

"Coole Schule" gestaltete sich als Ganztagsangebot, das parallel zum Regelunterricht am Lernort Schule durchgeführt wurde. An den fünf Projektstandorten Berlin/Marzahn-Hellerdorf, Landkreis Sömmerda (Thüringen), Frankfurt am Main (Hessen), Belm bei Osnabrück (Niedersachen) und Freiburg im Breisgau (Baden-Württemberg) wurden an Haupt- bzw. Regelschulen oder integrierten Gesamtschulen jeweils eigene Lerngruppen bis zu zehn Schülerinnen und Schüler mit schulverweigernder Haltung zusammengefasst. Nach eigens erstellten bildungs- und sozialpädagogischen Unterstützungskonzepten wurden sie unter Einbeziehung der Angebote der örtlichen Jugendhilfe gefördert. Für den Unterricht und die sozialpädagogische Begleitung standen jeder Lerngruppe mindestens eine Lehrkraft sowie 1,5 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte zur Verfügung.

Die Kinder und Jugendlichen des Projektes "Coole Schule" kamen aus verschiedenen Jahrgangsstufen (6, 7 und 8). Auf Grund ihrer schulverweigernden Haltung - einige hatten bis zu einem Jahr die Schule geschwänzt - hatten sie erhebliche Wissenslücken. Die meisten der Kinder kamen aus Familien, die in schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen leben: Armut, Arbeitslosigkeit, psychosoziale Auffälligkeiten, Scheidungs- und Beziehungsproblematiken.

Individuelle Förderung
Die im Projekt umgesetzte "Individuelle Bildungsplanung und Entwicklungsförderung" als ein integratives Element von Schul- und Sozialpädagogik orientierte sich am individuellen Lern- und Entwicklungsstand der Schülerinnen und Schüler. Nach Prüfung des Leistungsstandes sowie der sozialen Profilierung jedes einzelnen Schülers wurden Förderbedarf und Fördermaßnahmen in Abstimmung mit den Schülern und nach Möglichkeit auch mit den Eltern festgelegt. Die Einbeziehung der Eltern spielte im Projektverlauf eine zentrale Rolle. Sie wurden von den Pädagoginnen und Pädagogen ermutigt, die Kinder in ihren Möglichkeiten zu unterstützen. An den Standorten ist eine sehr intensive Elternarbeit mit regelmäßigen Einzelgesprächen aufgebaut worden.

Aufbrechen alter Strukturen
Um den Anschluss an die schulische Bildung zu ermöglichen, waren zunächst Fortschritte im sozialen Bereich notwendig, um, darauf aufbauend, eine positive Leistungsentwicklung im kognitiven Bereich einleiten zu können. Das negative Selbstbild der Schülerinnen und Schüler musste verändert und ihre sozialen Kompetenzen wie "Verantwortung und Aufgaben für die Gruppe übernehmen" gefördert werden. Auf Grund der Arbeit in der kleinen Lerngruppe und der besonders intensiven individuellen Förderung konnten Kompetenzen und Defizite aufgegriffen, Unterstützungsmaßnahmen angeboten und Entwicklungsprozesse eingeleitet werden. Der vertrauensvollen Beziehung der Pädagoginnen und Pädagogen zu den Schülerinnen und Schülern und einem projektorientierten, lebenswelt- und praxisbezogenen Unterricht sind es zu verdanken, dass über 80 Prozent aller freiwillig am Projekt teilnehmenden Kinder in den Unterricht zurückgeführt werden konnten.

Einbeziehung der Wirtschaft
Das Projekt "Coole Schule" setzte auf eine Öffnung des Unterrichts und der Schule zum Gemeinwesen und insbesondere zu den bildungsrelevanten Institutionen und Akteuren. Vor allem Kontakte zur Arbeitswelt wurden hergestellt und berufliche Praktika eingeführt. Ziel dieser Kontakte war es, neben einer ersten Information über die Vielfalt beruflicher Orientierungsmöglichkeiten den Schülerinnen und Schülern Einblick in die Ordnungsstrukturen der Arbeitswelt zu geben und die Anforderungen der verschiedenen Berufsfelder kennen zu lernen. Im Projektverlauf zeigten sich sowohl Schüler als auch Betriebe sehr zufrieden.

Wesentlich: Die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe
Auch die Unterstützungsangebote der Jugendhilfe konnten gezielt in eine Förderung der Gesamtentwicklung der Schülerinnen und Schüler integriert werden. Die gemeinsame Gestaltung von Unterrichtseinheiten und sozialen Aktivitäten ermöglichte eine stärkere Verzahnung von Schulalltag und Lebenswirklichkeit. Dies führte zu deutlich feststellbaren Erfolgen im Verhalten und in der Gesamtentwicklung der Schülerinnen und Schüler, und auch zu einer spürbaren Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer, stellten die Projektverantwortlichen unter Leitung von Dr. Josef Faltermeier zufrieden fest.

In der Kooperation von Jugendhilfe und Schule liegt der wesentliche Grund für den Erfolg des Projektes. Nur selten erfolgt in der Regel eine Abstimmung zwischen Schule und Jugendhilfe über eine gezielte und planvolle schulische und sozialpädagogische Förderung der jungen Menschen, die von der Jugendhilfe betreut werden. Die Schule versteht Kooperation mit der Jugendhilfe zumeist als "Delegation" schwieriger Schüler an die Jugendhilfe. "Das liegt in erster Linie an fehlenden Regelungen und Klarheiten über Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten in solchen Fällen", so Faltermeier. "Deshalb ist es erforderlich, über Rahmenvereinbarungen zwischen Ländern und Kommunen bzw. Schul- und Jugendhilfeträger verbindliche Eckpunkte der Zusammenarbeit festzulegen." Schule, Jugendhilfe und Eltern müssen sich gemeinsam überlegen, was sie für die Kinder tun können.

Auf der Grundlage der Ergebnisse des Projektes "Coole Schule" haben die Projektmitarbeiter folgende Empfehlungen für Praxis und Politik erarbeitet: Neuregelungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) und in den Ausführungs- und Schulgesetzen der Länder, die die Zusammenarbeit an den "Schnittstellen" verbindlich festlegen, Abschluss von Vereinbarungen auf kommunaler Ebene zwischen Schule und Jugendhilfe, Einrichtung kommunaler Netzwerke "Jugend und Bildung", gemeinsame Qualifizierung von Lehrerinnen und Lehrern, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sowie Leitungskräften aus beiden Bereichen und Durchführung gemeinsamer Fachtagungen und jahresbezogene Auswertungen der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe auf Leitungsebene. Auf der Bundeskonferenz "Jugend und Schule", die am 31. März und 1. April 2006 stattfindet, werden die vertraglichen Vereinbarungen inhaltlich formuliert. Im Januar 2006 werden alle Schulen zuvor über diese Ziele informiert.

Steigerung der Leistungsmotivation
Individuelle Bildungsplanung mit den Kernelementen kontinuierliche Begleitung, Kleinschrittigkeit im Setzen von Förderzielen und -abschnitten und gemeinsame Auswertung des Lernprozesses mit den Schülern haben sich im Projekt "Coole Schule" als ausgesprochen erfolgreich herausgestellt. Die Leistungsmotivation der Schülerinnen und Schüler konnte enorm gesteigert und die Anstrengungsbereitschaft deutlich erhöht werden. Die Schülerinnen und Schüler fühlten sich ernst genommen, gefördert und gefordert und entwickelten Vertrauen in ihre eigene Handlungsfähigkeit. Im Projekt "Coole Schule" wurde die Aufmerksamkeit der Schüler auf die eigenen Stärken gerichtet und so das Erleben von vielen kleinen Erfolgen systematisch unterstützt. Den Schülerinnen und Schülern konnten im Verlauf des Projektes sehr erfolgreich Handlungsalternativen und Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Nun liegt es an Politikern und Trägern, so Dr. Josef Faltermeier, den Transfer in die konkreten fachlichen und fachpolitischen Institutionen sicherzustellen. In Berlin zumindest, wird das Projekt an der Jean-Piaget-Schule mit zwei Klassen fortgeführt, die von Schule und Jugendhilfe mischfinanziert werden.

Eine Etablierung von Reintegrationsprogrammen solcher Art könnte dazu beitragen, die Anzahl der Schulverweigerer zu reduzieren, weil man ihnen mehr Lust auf Schule macht und nicht nur ihre Anwesenheit im Klassenraum durch Strafandrohung sicherstellt.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 01.09.2005
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