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03. 03. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Demokratie lernen und leben - Utopie oder Wirklichkeit?

Halbzeitkonferenz des Modellprogramms "Demokratie lernen und leben" der Bund-Länder-Kommission (BLK)

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Logo "Demokratie lernen und leben"

Wer erwartet hätte, dass die Teilnehmer und Teilnehmerinnen eines der größten laufenden Schulentwicklungsprogramme in Deutschland eine Konferenz zur Hälfte der fünfjährigen Laufzeit vor allem dazu nutzen würden, um sich in den eigenen Erfolgen zu sonnen, der wurde eines Besseren belehrt. 350 Beteiligte des BLK-Modellprogramms Demokratie lernen und leben aus 13 Bundesländern kamen vom 24. bis 26. Februar in Magdeburg zusammen, um sich im Rückblick auf die ersten zweieinhalb Programmjahre das bislang Erreichte zu vergegenwärtigen, sich auf den aktuellen Stand zu bringen, aber auch kritisch zu reflektieren und vor allem gemeinsam Perspektiven für das weitere Gelingen des Programms zu entwickeln.

Der erste Abend stand zunächst ganz im Zeichen von Projektpräsentationen als Ideenpool für Schüler/innen, Lehrer/innen, Eltern, Netzwerker, Weiterbildner/innen und Schulverwalter/innen. Zu erleben war eine beeindruckende Palette an Aktivitäten aus allen Schularten, die alle auf die Demokratisierung von Schule zielen: Feedback-Kultur, historische Projekte zur totalitären Vergangenheit, Klassenrat, Klassensprecherschulungen Mediationstraining, Partizipationsorientierte Unterrichtsprojekte, Politikeinmischung vor Ort, Schülerfirmen, Schulversammlung, Service-Learning. Diese und weitere Beispiele sollen in Zukunft auf den Internetseiten des Programms als Orientierung und Anschauung gelungener Praxis (best practice) allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden. 

Grenzen und Probleme des Programms
Wolfgang Edelstein, Nestor des Programms und mit Peter Fauser Autor eines zugrunde liegenden Gutachtens, benötigte nur 15 Minuten, um die Anwesenden mit den Grenzen ihrer Bemühungen zu konfrontieren und ihnen zu verdeutlichen, dass viele der Probleme, denen sich das Programm stellt, längst nicht gelöst sind. Zwar sei alles bisherige Engagement ansehnlich, jedoch reiche es bei Weitem nicht aus, um dem tief greifenden Anspruch einer Veränderung der Kultur in den Schulen zu genügen. Er verwies auf die blinden Flecken in der bisherigen Arbeit des BLK-Programms und sämtlicher demokratiepädagogischer Bemühungen, die derzeit in Deutschland unternommen werden. Seine Thesen wollte er dabei nicht als Infragestellung des gesamten Unterfangens, sondern vielmehr als nächste Entwicklungsaufgaben verstanden wissen:

  • Im Rahmen der Demokratiepädagogik seien bislang nur wenige Ansätze zu erkennen, die als wirksame Prävention gegen rechtsradikalen Extremismus unter Jugendlichen begriffen werden könnten.
  • Schulen, die massive Probleme mit Rechtsradikalismus haben, würden von demokratiepädagogischen Maßnahmen nicht erreicht. Vielfach "outen" sich diese Schulen nicht aus Angst vor Diffamierung in der Öffentlichkeit. 
  • Es gebe in vielen Schulen zwar Aktivitäten, aber noch keine durch und durch wirksame Mitgestaltung für Schülerinnen, Schüler und Eltern. Eine Veränderung der Anerkennungskultur bleibe über weite Strecken aus. 
  • Statt dessen gebe es in vielen Schulen demokratiepädagogische Aktivitäten, die letzlich im Ganzen eher randständig seien und entsprechend werde Demokratiepädagogik auch in der Öffentlichkeit als randständig wahrgenommen. 
  • Die Idee der Demokratiepädagogik sei noch nicht genug weiterentwickelt, so dass ein Gesamtkonzept anderen Schulen zum Transfer angeboten werden könne.

Dagegen bot Gerhard de Haan, Inhaber eines Lehrstuhls für pädagogische Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin und Träger des Programms, eine gewisse Entlastung, indem sein Beitrag stärker die Perspektive des Bildungssystems als die einzelner Schulen einnahm. De Haan thematisierte die Machtlosigkeit, das Anerkennungssystem zu ändern. Schulen werde Wertschätzung zuteil für Matheleistungen, aber nicht für Demokratieleistungen. Die allenthalben geplanten Schulinspektionen würden Schulen schon bald dazu zwingen, bei durchschnittlich schlechten Matheleistungen der Schüler/innen aktiv zu werden, aber die durchschnittliche Fremdenfeindlichkeit werde nicht zum Anlass für Veränderungen genommen. Um diesem Ungleichgewicht in der Wahrnehmung zu begegnen, sollen aus dem Programm heraus Standards für Schulen der Demokratie entwickelt werden, die dabei helfen können, klare Qualitätsmaßstäbe für demokratische Schulen zu setzen und somit gleichzeitig der Demokratie einen höheren Stellenwert im pädagogischen Zielkatalog zu verschaffen.

Gemeinsames Nachdenken über das Programm
Im Zentrum des folgenden Tages stand eine Open Space Veranstaltung. Bei diesem Großgruppenverfahren haben alle Anwesenden die Chance, sich mit ihren Anliegen einzubringen und Themen für Kleingruppenarbeit vorzuschlagen. Ob ein Vorschlag tatsächlich in einer Gruppe behandelt wird, entscheidet ausschließlich die Zahl der Interessierten. Es bleibt dem Vorschlagenden überlassen, bei ausbleibenden Interessenten eine Gruppe mit sich selbst zu eröffnen. Insgesamt wurden so 55 Themen in kleineren und größeren Gesprächsgruppen im Laufe des Tages bearbeitet. Zwar erweckt die Vielzahl der Titel zunächst den Eindruck einer starken Heterogenität, jedoch lassen sich bei genauerem Hinsehen deutliche Schwerpunkte erkennen:

  • Besonders wichtig schien den Beteiligten die Frage, wie man für die Umsetzung des Programms unterschiedliche Personengruppen an der Schule gewinnt. So wurde diskutiert, wie man die Kollegien zur Mitarbeit motivieren könne, wie das Verhältnis zwischen Projektgruppe und Schulleitung gestaltet werden sollte und wie außerschulische Partner einbezogen werden können. Aber auch die Perspektive der Schülerinnen und Schüler wurde erörtert, insbesondere durch die anwesenden, die nach Möglichkeiten suchten, ihre Rolle im Programm zu stärken.
  • Neben der Einbeziehung unterschiedlicher Personengruppen stand vor allem die Frage im Raum, wie der Demokratiegedanke in den Alltag gegebener schulischer Strukturen (beispielsweise den Abschlussprüfungen oder den nicht auf Demokratie bezogenen Fachunterricht) integriert werden kann. 
  • Wohl nicht nur als Reaktion auf das Statement Wolfgang Edelsteins spielte in verschiedenen Kleingruppen die Frage nach dem richtigen Umgang mit Rechtsradikalismus und Antisemitismus eine wichtige Rolle.
  • Gefragt wurde auch danach, wie spezifische Demokratiekompetenzen angemessen vermittelt werden können, beispielsweise durch die SV-Arbeit oder Formen des Projektlernens.
  • Das Verhältnis von Schule und Politik wurde aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet. Einerseits wurde diskutiert, wie man Schülerinnen und Schüler an "echte" Probleme der Politik heranführen könne. Andererseits galt es zu überlegen, wie das Programm die Ebene der "großen Politik" anders und besser erreichen kann, um deutlicher sichtbar zu werden und sich eine Chance auf langfristige Veränderungen zu eröffnen.
  • Nicht zuletzt wurde die Gelegenheit genutzt, über das Programm selbst nachzudenken: seinen bisherigen Verlauf, die Stärken und Schwächen sowie seine künftige Perspektive, vor allem Möglichkeiten des Transfers auf andere Schulen. In diesem Zusammenhang kam auch der Gruppe der Demokratieberater/innen eine wichtige Position zu, die in einem eigens aufgelegten Multiplikatorenprogramm ausgebildet werden, um das Thema in den Unterstützungssystemen fester zu verankern und auch nicht beteiligte Schulen von den Ergebnissen des Programms profitieren zu lassen.

Neue Vorhaben
Offenbar traf die Methode den Bedarf nach Austausch und Kommunikation. Mit hohem Engagement wurde einen ganzen Tag lang an den selbst gewählten Themen gearbeitet. Da überrascht es nicht, dass am Abend ein gewisses Maß an Erschöpfung zu spüren war, was sich unter anderem darin bemerkbar machte, dass die meisten nach Abschluss des "offiziellen Teils" lieber den Tagungsort - in dem ein reichhaltiges Kulturangebot lockte - verließen und sich andernorts entspannten oder vergnügten. Am nächsten Morgen ging es jedenfalls mit frischer Energie weiter. Dem Verfahren des Open Space folgend, wurden nun nicht mehr Themen, sondern Vorhaben eingebracht, für die jeweils Verbündete gesucht wurden. Zwei Dutzend Vorhaben wurden so auf den Weg gebracht, d.h. es trafen sich jeweils Interessierte, besprachen, was die nächsten Schritte sind und wer daran arbeitet. So wird sich zum Beispiel eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen für den Aufbau einer eigenen Plattform im Rahmen des BLK-Programms engagieren. In einigen Fällen blieb es zunächst bei der Vernetzung, z.B. wenn das Ziel explizit in der Stärkung unterschiedlicher Akteure durch Kontakt bestand, so der Fall bei den Vorhaben "Netzwerk gegen Rechtsradikalismus" oder "Netzwerk für Kinderrechte". Ein Teil dieser Vorhaben ist sicher auch als dauerhafte Aufgabe zu betrachten, die über das BLK-Demokratieprogramm hinaus zu bearbeiten sein wird. Um der Demokratiepädagogik eine solche dauerhafte Heimat zu geben, wurde im Anschluss an die Konferenz die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik  (DeGeDe e.V.) gegründet.
Als Text, der den vielen Aktivitäten Zusammenhalt und Orientierung geben sollte, verlas Wolfgang Edelstein am Ende des Open Space das "Magdeburger Manifest", ein Zehn-Punkte-Papier, das über historische Genese, gegenwärtige Notwendigkeit und Gestaltungsanspruch von Demokratiepädagogik als einem fachübergreifenden Anliegen informiert.

Autor(in): Dr. Hermann Josef Abs, Martina Diedrich (DIPF)
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.03.2005
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