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28. 02. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Bildungspolitik ist immer auch eine Werteentscheidung"

Die Grundschule stellt die Weichen für die Bildungschancen

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Prof. Dr. Rolf Becker

Bildung PLUS: Ist Bildung heute ein Privileg?

Becker: Auf der einen Seite kann man Bildung auf jeden Fall als Privileg ansehen, weil es Vorteile für bestimmte soziale Gruppen im Erwerb von Lebens-, Arbeits-, und Einkommenschancen gibt. Der Titel des Buches zielt darauf ab, zu fragen, ob die vermehrten Bildungsmöglichkeiten heute auch von allen Bevölkerungsschichten tatsächlich wahrgenommen werden können. Vor allem mit Blick auf die Hochschulen und Fachhochschulen muss man sich schon fragen, ob die Bildungspolitik das Schlagwort der Chancengleichheit aus den Augen verloren hat.

Bildung PLUS: Warum gibt es denn mehr Bildungsmöglichkeiten für alle, aber trotzdem keine Chancengleichheit?

Becker: Es gibt mehr Bildungsmöglichkeiten, weil das Bildungssystem seit den 1960er Jahren expandiert ist. Es wurden Schulen gebaut, die Universitäten haben mehr Studienplätze angeboten und vor allem das duale Berufsbildungssystem ist ausgebaut worden. Trotzdem haben die sozialen Schichten, die vorher schon privilegiert waren, die neuen Möglichkeiten auch mengenmäßig mehr wahrgenommen. Bildung im Sinne des Erwerbs von qualifizierten Bildungszertifikaten ist nicht für alle Bevölkerungsschichten in gleichem Maße möglich. Es scheint eine Polarisierung der Bildungschancen stattgefunden zu haben: Auf der einen Seite stehen die privilegierten Kinder aus den Oberschichten und ein Teil der Kinder aus den unteren sozialen Schichten, die nun auch mittlere Bildungsabschlüsse erreichen und vor allem im dualen Berufssystem Fuß fassen können. Auf der anderen Seite steht der große Teil der Kinder aus den unteren Sozialschichten oder von Migranten, der schon immer benachteiligt war und nun noch deutlicher ins Hintertreffen gerät. Für einen Aspekt trifft dies allerdings nicht zu: Die Unterschiede in den Bildungsabschlüssen zwischen den Geschlechtern haben sich zugunsten der Mädchen gewandelt. Bei manchen Bildungsabschlüssen sind es sogar mehr Mädchen als Jungen, die diese erreichen.

Bildung PLUS: Die erste Bildungsentscheidung fällt in der Grundschule. Wie kommt diese Entscheidung zustande?

Becker: Die elterliche Bildungsentscheidung ist ausschlaggebend für die Schullaufbahn der Kinder. Und die Motive dieser Entscheidung haben sich im Laufe der Zeit kaum geändert. Eltern verfügen je nach Herkunft über ein gewisses ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital, das die Bildungsentscheidung stark beeinflusst. Die oberen Sozialschichten sind quasi gezwungen, ihre Kinder das Abitur machen zu lassen, damit sie ihren Sozialstatus halten können. Ein Chirurg oder Hochschulprofessor will natürlich, dass sein Kind über die gleichen Bildungszertifikate verfügt wie er selbst. Auf der anderen Seite reicht vielen Arbeitern, einfachen Beamten und Angestellten ein mittlerer Schulabschluss oder eine Berufsausbildung für ihre Kinder aus, um den Sozialstatus zu halten. Sie haben in vielen Fällen auch heute noch nur vage Vorstellungen von den höheren Bildungsabschlüssen. Da sie zudem über weniger ökonomisches Kapital verfügen, ist für sie eine längere Ausbildungszeit auch eine Frage des Geldes - trotz Bafög und Stipendien. Das heißt aber nicht, dass nicht immer wieder Einzelne versuchen, ihre Kinder über Bildung sozial aufsteigen zu lassen. Das war ja auch der Sinn und Zweck der Bildungsexpansion. Aber, das fällt unter dem Strich nicht ins Gewicht. Um dieses Paradoxon zu verstehen, kann man sich ein Fußballstadion vorstellen: Wenn sich alle Zuschauer auf die Zehenspitzen stellen, sehen sie auch nicht mehr als vorher. Es gibt ja diese Metapher mit dem Fahrstuhl in der Soziologie, dass im Zuge der Bildungsexpansion und des Wohlstandes alle eine Etage höher gefahren seien. Dieses Bild ist irreführend, weil es Leute gibt, die sogar in den Keller hinuntergefahren sind - besonders Menschen mit Migrationshintergrund.

Bildung PLUS: Die Grundschule scheint die Schnittstelle zu sein, an der über den weiteren Bildungsverlauf entschieden wird...

Becker: Die Leistungen, die Kinder in der Grundschule erbringen, sind nicht unabhängig von ihrer Schichtzugehörigkeit. Das heißt, die Grundschule hat anscheinend nicht die Ressourcen, solche Ungleichheiten auszugleichen. Eine Lösung wäre, dass die elterliche Bildungsentscheidung wie in Skandinavien später gefällt wird. Das deutsche Schulsystem zeichnet sich ja dadurch aus, dass der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I tatsächlich die entscheidende Schnittstelle ist. Eine Revision dieser Entscheidung ist danach kaum noch möglich, weil die Durchlässigkeit zwischen den Schulsystemen so gering ist. Die Schule besitzt nach wie vor ihre Rolle als Statuszuweiser. Das ist sicher ein Grund dafür, dass die soziale Ungleichheit bei den Bildungschancen im internationalen Vergleich sehr hoch ist. Je früher die Bildungsübergänge sind, desto stärker schlagen die Bildungsentscheidungen zwischen den Sozialgruppen durch.

Bildung PLUS: Kinder aus bestimmten sozialen Schichten, die gute Noten in der Grundschule haben, werden von Lehrerinnen und Lehrern trotzdem auffallend oft auf die Realschule oder Hauptschule geschickt. Ist das Absicht oder Zufall?

Becker: Dafür gibt es zwei Interpretationsstränge: Einerseits könnte dahinter eine statistische Diskriminierung stehen. Das heißt, dass Lehrerinnen und Lehrer gute Noten von Kindern aus einer unteren Sozialschicht als Glückstreffer beurteilen und ihre Erfolgswahrscheinlichkeit auf dem Gymnasium als gering einstufen. Dann werden sie eben auf die Realschule geschickt. Die andere Sichtweise, zu der ich neige, ist, dass natürlich immer eine gewisse Fehlerquote existiert. Diese kommt so zustande, dass Lehrer nicht nur die Noten, sondern auch die schulische Performance insgesamt in ihre Bewertung mit einbeziehen. Ich glaube, dass die Lehrer im Großen und Ganzen fair sind und die erbrachten Leistungen der Schüler gut abschätzen können. Die geringe Fehlerquote ist aber meist zum Nachteil von Kindern aus einer bestimmten Sozialschicht. Eltern aus höheren Sozialschichten scheinen hingegen eher in der Lage zu sein, erfolgreich gegen Grundschulempfehlungen intervenieren zu können, die nicht ihren Bildungsvorstellungen entsprechen.

Bildung PLUS: In "Bildung als Privileg?" stand zu lesen, dass die vorschulische Betreuung kaum einen Einfluss auf die spätere Schullaufbahn hat. Stimmt das?

Becker: Diese Aussage muss man mit Vorsicht genießen, denn einerseits kann man tatsächlich keinen durchschlagenden signifikanten Einfluss der vorschulischen Betreuung auf die Leistung in der Grundschule feststellen. Dies gilt insbesondere für die sozial benachteiligten Migranten- und Arbeiterkinder. Auf der anderen Seite haben wir aber auch wenig Aussagen über die Qualität und pädagogische Ausrichtung dieser Betreuung. Ich denke, dass die bildungspolitischen Maßnahmen in Deutschland in die richtige Richtung gehen: nicht nur eine Ausweitung der Betreuungsangebote, sondern auch eine gezielte Vorbereitung der Kinder auf die Schule. Wenn die Erzieherinnen und Erzieher noch professionell ausgebildet werden, könnte die vorschulische Betreuung noch zu einem sehr wichtigen Baustein bei der Verringerung von Bildungsungleichheiten werden, insbesondere dann, wenn der Besuch von Kindergarten und Vorschule zur Pflicht wird.

Bildung PLUS: Inwiefern könnte auch die Ganztagsschule zu dieser Verringerung von Bildungsungleichheiten beitragen?

Becker: Die Ganztagsschule ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Wenn man den Einfluss des Elternhauses auf die schulische Performance sozial benachteiligter Kinder verringert, steigt gleichzeitig das Gewicht der Schulen für den Ausgleich von herkunftsbedingten Bildungsungleichheiten. Das zeigt sich zum Beispiel bei langen Sommerferien. In den USA wurde vorgeschlagen, die Schulferien zu kürzen, weil viele Bemühungen der Schule, Herkunftseffekte auszugleichen, in den Ferien wieder zurückgedreht wurden, weil die Kinder zu viel zu Hause waren.

Bildung PLUS: Vorschulische Betreuung, Grundschule und elterliche Bildungsentscheidungen. An welchen Stellschrauben würden Sie drehen, um Chancengleichheit herzustellen?

Becker: Man kann in der Bildungspolitik nicht davon ausgehen, dass ein einziges Instrument den erhofften Erfolg bringt. Man bräuchte eine professionelle vorschulische Betreuung, mehr Ganztagsschulen, aber auch einen anderen Unterricht. In Skandinavien zum Beispiel kümmern sich mehrere Lehrkräfte um eine Schulklasse. So können im Unterricht auch schwächere Jugendliche gezielt gefördert werden. Eine weitere wichtige Änderung wäre die zeitliche Verlegung der Bildungsübergänge nach hinten. Aber das Instrumentarium hängt natürlich davon ab, was man gerne möchte. Bildungspolitik ist immer auch eine Werteentscheidung. 


Bildung als Privileg? Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit
Im Anschluss an kontroverse Diskussionen über dauerhafte Bildungsungleichheiten stellen die Autoren des Buches detailliert aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zentrale Ursachen für sozial ungleiche Bildungschancen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Im vorliegenden Band werden daher aktueller Stand empirischer Bildungsforschung diskutiert und neue Analysen vorgelegt. Ziel ist es, in systematischer Weise soziale Mechanismen aufzuzeigen, die zur Entstehung und Reproduktion von Bildungsungleichheiten beitragen. Erschienen ist das Buch im VS Verlag.

Über die Autoren und Herausgeber

Prof. Dr. Rolf Becker ist Ordinarius für Bildungssoziologie und Schulforschung an der Universität Bern.

Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach ist Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Lebenslauf-, Bildungs- und Familiensoziologie an der Universität Münster.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.02.2005
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