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24. 02. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Ticket in die Integration oder in die Armut

"Integration: Zuhören und Engagement", eine Tagung der Körber-Stiftung am 17. und 18. Februar 2005

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Ali Ercan von der Deutsch-Türkischen Teestunde in Hamburg

Ali Ercan reicht den Menschen Tassen mit Tee. Der Botschafter der Deutsch-Türkischen Teestunde spricht wenig deutsch. Er lässt den türkischen Tee mit seinem herben Geschmack für sich sprechen und die Geste des Schenkens. Auf einmal erscheint Cem Özdemir, Mitglied des Europäischen Parlaments für Bündnis 90/Die Grünen. Nun wechselt Ali vom Teeausschank zum Gespräch mit dem Politiker auf türkisch und posiert für ein Erinnerungsbild vor den Fotografen, die Özdemir begleiten. Cem Özdemir - ein Vorbild, nicht nur für die jüngeren Türkinnen und Türken, sondern auch für viele andere Jugendliche.  

Und Cem Özdemir ist nicht zufällig in Hamburg, denn am 17. und 18. Februar 2005 inszeniert die Körber-Stiftung viele Gesprächsrunden unter dem Motto: "Integration: Zuhören und Engagement", die in der Universität zu Hamburg stattfinden. Die Teestunde, die die Körberstiftung im BegegnungsCentrum Haus im Park anbietet, ist nur ein Ansatz von vielen anderen, über den die Körber-Stiftung Gespräche anzetteln will. Die Stiftung fördert besonders die beiden größten Zuwanderergruppen: Türkinnen und Türken und Aussiedlerinnen und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Auch Integration durch Bildung wurde auf der Tagung in zwei Foren diskutiert: "Schule und Islam - eine Herausforderung für die Bildungsarbeit" und "Spielend zur Vielfalt? Kulturprojekte gegen Ausgrenzung".  

Cem Özdemir stellt die Studie "Integration stiften" vor, die erstmals aus der Sicht von Betroffenen systematisch das Angebot der deutschen Stiftungen zur Integration von Migrantinnen und Migranten durch Bildung untersucht. Hauptproblem ist, das hat schon die PISA-Studie deutlich gemacht, Jugendliche mit Migrationshintergrund werden durch das selektive Schulsystem benachteiligt. Einige Stiftungen stellen sich der Verantwortung, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund nach vorn zu bringen, in einem Maß, das über das staatliche Engagement hinausgeht. Dabei kommt es auch zu Kooperationen mit den Kultusministerien.   

Stiftungen als Lückenfüller?
Stiftungen füllen Lücken aus, die der Staat hinterlässt. Sie wollen auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Feldern wie Sprachförderung ("PC & Deutsch"), Elitebildung ("Stipendiatenprogramm START"), Vernetzung und gesellschaftliche Initiativen ("Rat für Migration") stärken. Adressen, die man sich in diesem Zusammenhang einprägen sollte, sind die Bertelsmann Stiftung, die Gemeinnützige Hertie-Stiftung, die Robert-Bosch-Stiftung, die Mercator-Stiftung, die Jacobs-Foudation und die Freudenberg-Stiftung.

Die meisten Stiftungen, so ein Fazit der Studie, setzten darauf, erfolgreiche Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund als Vorbilder aufzubauen. Wichtig war den Autoren der Studie um Cem Özdemir, dass die Kinder neben der Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse auch die Chance erhielten, ihre Muttersprache zu pflegen. Auf der Grundlage einer Fallstudie über Jugendliche mit Migrationshintergrund an Berliner Schule haben die Autoren (Cem Özdemir, Todd Ettelson, Silke Heuser und Sükrü Uslucan) Empfehlungen ausgesprochen.   

Empfehlungen sind eine kluge Sache. Sie bündeln Interessen von gesellschaftlichen Gruppierungen in einem Katalog von politischen Ansprüchen, die dann nachhaltig in die Öffentlichkeit sickern, vielleicht gerade durch ihre respektvolle Form. Sie zwingen zu nichts, aber sie können mobilisieren. Auch der Respekt vor zugewanderten Menschen, so hoffen die Autoren von "Integration stiften", könnte durch acht Empfehlungen befördert werden:

  • Beteiligung von Migrantenorganisationen an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen,
  • mehr Kooperationen,
  • Förderung leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler,
  • Begleitung durch ein Mentorenprogramm,
  • stärkere Einbeziehung der Eltern,
  • Förderprogramme,
  • wissenschaftliche Begleitung von Förderprogrammen und
     Migrantenquoten. 

"Die Herkunft der Eltern bestimmt noch immer, auf welche Schule die Kinder und Jugendlichen geschickt werden", sagt Cem Özdemir. Wenn aus Empfehlungen Tatsachen würden, könnte sich die Situation verbessern. Eine Möglichkeit sind Informationskampagnen von Migrantenorganisatonen über die Förderung von Kindern an Schulen und in der Gesellschaft - in der Landessprache der Zuwanderer, versteht sich. Auch Ganztagsschulen könnten einen Beitrag leisten, den Anforderungen der acht Empfehlungen gerecht zu werden, weil Nachteile im Elternhaus, etwa zu wenig Lektüre, ausgeglichen werden könnten.   

Stiftungen springen dort ein, wo das Handeln des Staates nicht immer hineinreicht. Sie eröffnen Felder für eine "parallele Bildung", wie Roland Kaehlbrandt von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung sagt. Doch Fakt ist für den Chef der Hertie-Stiftung auch, dass Kindergarten und Schule "die zentralen Bildungsinstanzen" bleiben. Die Lenker der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), Heike Kahl, der Körber-Stiftung, Wolf Schmidt, der Freudenberg-Stiftung, Christian Petry und der Hertie-Stiftung fanden vor allem die vierte Empfehlung spannend, das Mentorenmodell. Wolf Schmidt meint, das Mentorenprojekt müsste aus der Gesellschaft heraus entwickelt werden, Petry hingegen sieht hier eine Marktlücke ("das ist ein richtiger Berufszweig"). "Persönliche Mentoren" könnten als Brückenbauer zwischen Elternhaus, Schule und Nachbarn die kulturelle Kluft überwinden, die den Alltag vieler Menschen in sogenannten sozialen Brennpunkten prägt.  

Debatte um Schule und Islam
Einer der Höhepunkte der Integrationstagung war die Debatte um "Schule und Islam als Herausforderung für die Bildungsarbeit". Hierzulande lernen allein 700.000 Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens. Vor dem Hintergrund der stetigen Wanderungsbewegungen in der ganzen Welt und des gewalttätigen Einbruchs der fundamentalistischen Strömungen des Islam in vielen anderen Ländern mag das auch wenig verwundern. Am wenigstens hilfreich ist es, sich von unbequemen Wahrheiten abzuschotten. Um die verhärteten Lager  im Hamburger Stadtteil Veddel in Gang zu bringen, hat die Körber-Stiftung in der Schule Slomanstieg - das ist die Schule aus der ARD-Dokumentation "Nix deutsch - eine Schule kämpft für Migration" - ein beispielhaftes Forum eröffnet: Einen so genannten "open space", also einen offenen Raum für Dialog von unten.

Im Unterschied zu Tagungen oder Konferenzen gibt es hier keine Tagesordnung. Die Themen bringen die Betroffenen  im Stadtteil Veddel von sich aus zur Sprache. Dieser Stadtteil hat einen Anteil von 60 Prozent Menschen mit Migrationhintergrund; in der Schule sind es sogar um die 80 Prozent. Professionell vorbereitete Moderatoren bringen Struktur in die Gespräche von über 100 überwiegend muslimischen Betroffenen, deren Richtung und Verlauf offen ist.  

Als wichtige Themen haben sich "Islam und Angst" herauskristallisiert, Bezugspunkte sind etwa Sprachlosigkeit, Klassenfahrten, Schwimmunterricht für Mädchen und Konflikte auf dem Schulhof, wie Eberhard Seidel von "Schule ohne Rassismus" berichtet. Im Anschluss an die Präsentation der Ergebnisse des Open spaces entspann sich auf dem Podium eine erhitzte Diskussion um die Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund und um den Religionsunterricht. Gestritten wurde darüber, ob Religionslehrer christlicher oder islamischer Provenienz durch den Staat oder durch die Kirchen oder Moscheen ausgebildet werden sollten.  

Ticket in Integration oder in die Armut
Sanem Kleff von der "Schule ohne Rassismus" warf der anwesenden Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig vor, dass - und dies vor dem Hintergrund der kontinuierlichen Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen unterer sozialer Schichten - die Sprachförderung in Hamburg um über 20 Prozent gekürzt worden sei. Die Senatorin rechtfertigte sich, indem sie darauf hinwies, dass es nicht darauf ankäme, dass auf dem Papier mehr Mittel für Sprachförderung ausgewiesen seien. Wichtig sei, dass die für Sprachförderung vorgesehenen Lehrerstunden nun nicht mehr unter der Hand in den Vertretungsunterricht wanderten.

Zugleich mahnte sie eine gezielteren Umgang mit staatlichen Geldern an. Sowohl Alexandra Dinges-Dierig als auch Sanem Kleff plädierten dafür, nicht zu viel über den Islam zu diskutieren: "Dies darf nicht als Ersatzdebatte für fehlende politische und soziale Debatten geführt werden", so Kleff, denn in dieser Gesellschaft sei es weniger schlimm, muslimisch zu sein als arm zu sein.

Ali Ercan hat sich mit seinen mangelnden Deutschkenntnissen im Leben arrangieren können. Zu seiner Zeit gab es noch viele Jobs für Ungelernte. Doch für die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund bedeutet eine schlechte Schulbildung heute das Ticket in die Armut.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 24.02.2005
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