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03. 02. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Bildung und Schulerfolg sind der zentrale Schlüssel"

Junge Migrantinnen legen Wert auf eine hohe Schulbildung und eine höchstmögliche berufliche Qualifizierung

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Marieluise Beck

Bildung PLUS: Frau Beck, anlässlich der Veröffentlichung der Studie "Viele Welten leben" haben Sie gefordert, dass die jungen Ausländerinnen "selbst handeln, selbstbestimmt agieren und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können". Wie kann das umgesetzt werden und was wurde bisher erreicht?

Beck: Der Blick auf junge Migranntinnen in der Öffentlichkeit ist oft durch drei K bestimmt: Küche, Kinder, Kopftuch. Die Studie kommt zu einem ganz anderen Bild von jungen Migranntinnen. Sie sind bildungs- und karriereorientiert und wollen einen Beruf ergreifen. Doch die tatsächlich erreichten Bildungsabschlüsse bleiben stark hinter den angestrebten Schulabschlüssen und Berufszielen zurück. Daher müssen wir sie empowern, um ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Bildung und Schulerfolg sind da wie für deutsche Mädchen der zentrale Schlüssel.

Bildung PLUS: Junge Migrantinnen leben gerne in Deutschland. Wie wichtig sind ihnen hohe Bildungsabschlüsse und wie oft erreichen sie diese?

Beck: Schon seit Jahren wird in vielen Studien und Untersuchungen immer wieder festgestellt, dass junge Migrantinnen eine hohe Bildungsaspiration haben. Sowohl die jungen Mädchen und Frauen als auch ihre Eltern legen Wert auf eine hohe Schulbildung und eine höchstmögliche berufliche Qualifizierung. Ähnlich wie deutsche Mädchen auch, erreichen sie im Vergleich zu männlichen Jugendlichen höhere Schulabschlüsse: So erreichten 11 Prozent der ausländischen Mädchen das Abitur, aber nur 8 Prozent der Jungen; 16 Prozent der Mädchen verließen die Schule ohne Abschluss, aber 23 Prozent der Jungen. Im Vergleich zu Deutschen ist allerdings ein enormes Bildungspotenzial nicht ausgeschöpft, dass angesichts der hohen Bildungsmotivation ausländischer Mädchen und ihrer Eltern durch die allgemeinbildende Schule besser unterstützt werden muss. Ein entscheidender Bruch liegt weiterhin bei der beruflichen Bildung. Trotz besserer Schulabschlüsse im Vergleich zu den Jungen, finden die Mädchen seltener einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Es gilt in verstärktem Maße, Vorbehalte der Ausbildungsbetriebe abzubauen und die spezifischen Kompetenzen der Mädchen in den Vordergrund zu stellen.

Bildung PLUS: Die Familien haben traditionell großen Einfluss auf die Mädchen und traditionelles Rollenverständnis wirkt weiter. Wie kann erreicht werden, dass die Mädchen erfolgreich Schule und Ausbildung absolvieren?

Beck: Alle Untersuchungen weisen nach, dass in der Regel auch ein traditionelles Rollenverständnis und ein traditionelles Erziehungsverhalten einer hohen schulischen und beruflichen Qualifizierung der Mädchen nicht entgegenstehen. Sowohl die Studie "Viele Welten Leben" als auch Untersuchungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) weisen nach, dass die Eltern ausländischer Mädchen unabhängig ihrer traditionellen Wertvorstellungen, eine hohe schulische und berufliche Qualifizierung ihrer Töchter begrüßen. Das Sprichwort "Der Beruf ist ein goldenes Armband" zeigt, dass zwischen dem Festhalten an Traditionen und einer hohen Qualifikation kein Widerspruch existieren muss. Was vielen Eltern fehlt, ist das entsprechende soziale und kulturelle Kapital, um ihre Kinder und insbesondere ihre Töchter in dem Qualifizierungsprozess adäquat zu unterstützen. Allerdings zeigt die Studie deutlich, dass ausländische Eltern in hohem Maße bereit sind, finanzielle Ressourcen für den Bildungsprozess ihrer Töchter bereitzustellen, z.B. für zusätzlichen Förder- und Nachhilfeunterricht.

Bildung PLUS: Wie entscheidend ist der Kindergartenbesuch für die Bildungsbiographie der Mädchen?

Beck: Grundsätzlich kann gesagt werden, dass sich ein Kindergartenbesuch durchaus positiv auf die Bildungsbiographie auswirken kann. Entscheidend dabei ist allerdings, dass im Elementarbereich der Bildungsauftrag stärker berücksichtigt wird. Für die Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund ist in diesem Zusammenhang die Förderung der deutschen Sprache im Vorschulalter von besonderer Bedeutung. Dabei geht es sowohl um systematische Sprachförderung als auch um den informellen Sprachlernprozess durch die deutschsprachige Kommunikation mit Gleichaltrigen. Bildung und Erziehung in sprachlich und kulturell heterogenen Gruppen setzt eine hohe Kompetenz des pädagogischen Personals voraus. Ohne Kenntnisse sprachdiagnostischer Verfahren, der frühkindlichen Sprachentwicklung und Methoden frühkindlicher Sprachförderung in heterogenen Gruppen ist diese Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern im Elementarbereich kaum zu leisten. Dies gilt es in der Ausbildung, aber auch in der Fort- und Weiterbildung des Personals zu berücksichtigen.

Bildung PLUS: Junge Migrantinnen leben natürlich zweisprachig. In der Familie wird überwiegend in der Herkunftssprache gesprochen, in der Schule Deutsch. Wie gut bewegen sie sich in beiden Sprachen und wie kann erreicht werden, dass die Mädchen gut Deutsch lernen.

Beck: Zweisprachigkeit hat in einer globalisierten Welt eine besondere Bedeutung. Alle Untersuchungen weisen nach, dass Zweisprachigkeit an sich keine Überforderung von Kindern darstellt und sich nicht automatisch negativ auf Bildungsbiographien auswirken muss. Die Förderung der Zweisprachigkeit von Kindern muss allerdings ein bewusster Akt der Bildung und Erziehung sowohl im Elternhaus als auch in den Bildungsinstitutionen sein. Dies setzt die Beratung der Eltern ebenso voraus, wie die Qualifizierung des Lehrpersonals im Umgang mit zweisprachigen Kindern und die Anerkennung der Herkunftssprachen im Schulalltag. Das bedeutet aber auch den bildungsbegleitenden Ausbau von Deutsch als Zweitsprache ausgehend vom Kindergarten bis hin zur Sekundarstufe II. Allein eine vorschulische Sprachförderung als Vorbereitung auf die allgemeinbildende Schule reicht dabei nicht. Deutsch als Zweitsprache muss ebenso Teil des schulischen Curriculums werden wie Sprachförderung in allen Schulfächern (Language across the curriculum).

Bildung PLUS: Schlechte Ergebnisse bei den internationalen Studien werden oft in Verbindung gebracht mit dem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in unseren Schulen. Sehen Sie das auch so?

Beck: Die PISA- und IGLU-Studien zeigen deutlich, dass der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen in Deutschland vor allem von der sozialen Herkunft abhängig ist. Dies ist das entscheidende Selektionskriterium, das sowohl den Schulerfolg selbst als auch die Kompetenzentwicklung beeinflusst. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind davon besonders betroffen, da sie überproportional aus der sozialen Unterschicht kommen. Das soziale und kulturelle Kapital ihrer Eltern ist durchschnittlich erheblich niedriger als das der Deutschen. PISA hat aber auch gezeigt, dass Migrantenkinder deutlich bessere Kompetenzen erzielen als deutsche Unterschichtenkinder. Entscheidend ist die Beherrschung der deutschen Sprache auf einem für den Schulerfolg entsprechendem Niveau. Daraus folgt: Nicht die Migrantenkinder sind für das schlechte Abschneiden Deutschlands bei den internationalen Leistungsuntersuchungen verantwortlich, sondern die hohe soziale Selektion des bundesdeutschen Schulsystems.

Bildung PLUS: Welche Konsequenzen in Sachen Bildung sollten aus der Studie gezogen werden?

Beck: Nicht ein selektierendes, sondern ein individuell förderndes Schulsystem gilt es aufzubauen. In Schulentwicklungsplänen ist die Förderung von Migranten- und Unterschichtenkindern und die Erhöhung ihres Bildungserfolges als entscheidendes Ziel aufzunehmen und zu evaluieren. Dies hat konstitutiver Teil des Bildungsmonitorings und der Bildungsberichterstattung zu sein. Neben dem Ausbau des bildungsbegleitenden Deutsch als Zweitsprache-Unterrichts, geht es vor allem um die individuelle Förderung in heterogenen Gruppen, um die höhere Durchlässigkeit des gegliederten Schulsystems nach oben, um die Anerkennung und Förderung der Herkunftssprachen und die interkulturelle Ausrichtung der Schulen. Dies braucht mehr Zeit, deshalb sind der Ausbau der Ganztagsschulen und die konsequente Förderung der Kinder im Elementarbereich von besonderer Bedeutung. Um Brüche in den Bildungsbiographien zu vermeiden, sind vor allem die Übergänge im Bildungssystem - Kindergarten/Grundschule; Grundschule/Sekundarstufe I; Schule/Beruf - durch regionale Netzwerke in den Vordergrund zu stellen.


Marieluise Beck, Jahrgang 1952, ist seit 1998 Ausländerbeauftragte der Bundesregierung. Seit Oktober 2002 ist sie Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. In der 13. Legislaturperiode von 1994 bis 1998 war sie für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen als Obfrau im Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung. Marieluise Beck wurde bereits 1983 - mit dem Einzug der Grünen in den Deutschen Bundestag - in den Deutschen Bundestag gewählt und war neben Otto Schily und Petra Kelly Fraktionssprecherin der Grünen. Auch 1987 bis 1990 gehörte sie dem Deutschen Bundestag an. Von 1991 bis 1994 war sie Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Frau Beck ist ausgebildete Lehrerin, hat zwei Töchter und lebt in Bremen und Berlin.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 03.02.2005
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