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10. 01. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die Standards mit Leben füllen"

Ein kleines Institut in Berlin steuert die Umsetzung der Bildungsstandards in den Ländern

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Prof. Dr. Olaf Köller

Bildung PLUS: Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) wurde von der Kultusministerkonferenz (KMK) eingerichtet. Inwiefern befürchten Sie politische Einflussnahme auf ihre Arbeit?

Köller: Die Kultusministerkonferenz hat dem IQB einen eindeutigen Auftrag erteilt: Die Weiterentwicklung, Normierung und Überprüfung der nationalen Bildungsstandards. Das heißt, es gibt ganz klare Erwartungen von Seiten der Länder an das Institut. Wir sind Dienstleister für die jeweiligen Evaluationsprogramme der Bundesländer. Die Anbindung an die Humboldt-Universität in Berlin ist bewusst so gewählt worden, um dem IQB ein wissenschaftliches Standbein zu sichern. Man muss klar sagen, dass wir zwar einen Auftrag haben, aber deswegen keine nachgeordnete Einrichtung der Politik sind. Natürlich sind unsere Mittel zweckgebunden, aber nichtsdestotrotz sind wir in der Ausgestaltung relativ frei und können auch zusätzliche Forschungsaufträge annehmen oder weitere Drittmittel einwerben. Zugleich besteht die Möglichkeit, noch gezielter angewandte Forschung oder Grundlagenforschung zu betreiben.

Bildung PLUS: Das Institut existiert erst seit wenigen Monaten. Was gehen Sie als Erstes an?

Köller: Zunächst benötigen wir eine funktionierende Infrastruktur: wissenschaftliche Mitarbeiter und Lehrkräfte, Kontakt zu Fachdidaktikern, die Entwicklung von nationalen und internationalen Netzwerken und möglichst schnell müssen Arbeitsgruppen konstituiert werden, welche die Aufgabenpools für verschiedene Fächer generieren. Wir kaufen auch Dienstleistungen von außen ein wie Expertisen und Testaufgaben. Das liegt auch daran, dass wir mit 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im internationalen Vergleich eine kleine Institution sein werden. Um es noch einmal zu betonen: Der Schwerpunkt liegt zunächst in der Entwicklung der entsprechenden Aufgabenpools.

Bildung PLUS: Welche Instrumente zur Qualitätssicherung setzen Sie ein, damit die Überprüfung der Bildungsstandards in den 16 Bundesländern vergleichbar bleibt?

Köller: Es geht in erster Linie darum sicherzustellen, dass Schülerinnen und Schüler länderübergreifend das erreichen, was wir in den Bildungsstandards festgelegt haben. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Auch die PISA-Ergebnisse, obwohl nicht an die Bildungsstandards gekoppelt, sind alle drei Jahre eine Informationsbasis auf Stichproben-Ebene, wie unser Bildungssystem funktioniert.
Eine zweite Möglichkeit ist es, die Standards mit Leben zu füllen, indem wir dafür eigene Testaufgaben entwickeln und präzise definieren, was wir von den Schülerinnen und Schülern erwarten. Diese Aufgabensammlungen geben wir dann den Bundesländern an die Hand, damit sie selbst flächendeckend die Leistungen der Schülerinnen und Schüler überprüfen können. Das ist eine wirklich große Herausforderung, und umso wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Koordination mit den einzelnen Länderprogrammen.

Bildung PLUS: Die Koordination mit 16 Bundesländern hört sich tatsächlich nach einer Herkulesaufgabe an. Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?

Köller: In der Amtschefkommission der Kultusministerkonferenz stimmen die Länder regelmäßig alle Maßnahmen ab. Alle 16 Länder bauen zur Zeit auch eigene Agenturen auf, die teilweise in den Landesinstituten für Lehrerbildung angesiedelt sind und sich mit dem IQB abstimmen sollen. Es gab auch schon erste Kontakte, um konkret über die Koordination der Programme zu reden. Die Länder profitieren natürlich vom IQB, weil sie in Zukunft Testaufgaben erhalten werden, die geeignet sind, die Standards zu überprüfen. Die Landesinstitute haben ja ein viel größeres Aufgabenfeld, zum Beispiel in der Schulentwicklung, und können bei weitem nicht so viele Ressourcen in die Aufgabeentwicklung stecken wie wir.

Bildung PLUS: Viele Bundesländer entwickeln eigene Evaluationsprogramme. Wie lässt sich das mit Ihrer Arbeit vereinbaren?

Köller: Es geht bei den Aktivitäten der Länder momentan noch nicht explizit um die Überprüfung der Bildungsstandards, sondern die Evaluationsprogramme orientieren sich größtenteils noch an den Lehrplänen der einzelnen Länder. Nordrhein-Westfalen zum Beispiel führt die Lernstandserhebungen in der Mittelstufe durch. So kann schon eine Infrastruktur aufgebaut werden, die später bei der Überprüfung der Bildungsstandards benötigt wird - wie Expertengruppen, Aufgabenpools, rechnergestützte Rückmeldungen und Tests. Die aktuellen operativen Aktivitäten werden dann an die nationalen Bildungsstandards angegliedert.

Bildung PLUS: Ist es nicht ein zusätzliches Problem, dass der Entwicklungsstand innerhalb der Bundesländer sehr unterschiedlich ist?

Köller: Alle Länder haben sich geeinigt, die Standards zu akzeptieren und dafür Sorge zu tragen, dass diese überprüft werden. Einige Länder verfügen über einen Vorsprung in punkto Infrastruktur. Dort wird die Umstellung relativ reibungslos funktionieren. Andere Länder sind noch nicht so weit und warten auf die Zuarbeit aus Berlin. Das ist auch eine legitime und rationale Strategie. Allen Ländern ist aber bewusst, dass sie selbst einzelne Landesprogramme etabliert haben müssen, sobald die Aufgaben aus Berlin vorliegen. Wir können - schon aus finanziellen Gründen - die Evaluationsmaßnahmen der Länder nicht übernehmen.

Bildung PLUS: Der Erfolg bei den Bildungsstandards hängt ja auch von der Evaluation in den Schulen selbst ab. Welche Einflussmöglichkeiten haben Sie da?

Köller: Es werden Stichproben von Schulen gezogen, in die wir Testleiter schicken werden, welche die Leistungen der Schülerinnen und Schüler überprüfen. Diese Daten werden dann in unserem Institut ausgewertet. Der nächste Schritt wird sein, dass die Länder dafür Sorge tragen, dass die Schulen verantwortungsvoll mit den Erhebungsinstrumenten umgehen. Also beispielsweise, dass die Lehrerinnen und Lehrer nicht die Aufgaben an der Tafel vorrechnen oder dass sie bei der Auswertung beide Augen zudrücken. Diese Professionalisierung der Lehrerinnen und Lehrer als Testleiter benötigt aber ohne Frage Zeit. Auch muss sich die Einsicht durchsetzen, dass es nichts bringt, sich bei der Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler in die Tasche zu lügen.

Bildung PLUS: Wie sieht ihr Zeitfahrplan aus?

Köller: Unser Auftrag gilt für fünf Jahre. In dieser Zeit sollen die Bildungsstandards für den mittleren Abschluss sowohl normiert und überprüft als auch weiterentwickelt werden. Ähnliche Erwartungen gibt es für die Grundschule in Deutsch und Mathematik. Das ist unsere Perspektive für die nächsten fünf Jahre. Bis dahin sollen die Länder in die Lage versetzt werden, die Aufgaben in ihre eigenen Programme zu übernehmen.

Bildung PLUS: Hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen die Chance zu einer dauerhaften Institution zu werden?

Köller: Davon muss ich als Gründungsdirektor ausgehen. Ich sehe die Aufgabe schon so, dass wir eine Institution etablieren, die eine dauerhafte Perspektive haben wird. Das hängt natürlich auch von den Leistungen ab, die wir hier erbringen - als Dienstleister für die Länder und als wissenschaftliche Einrichtung. Ich bin da aber sehr zuversichtlich.


Prof. Dr. Olaf Köller, Psychologe und ausgewiesener Bildungsforscher, war von 1992 bis 1996 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel. Von 1996 bis 2002 arbeitete er am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und habilitierte sich 2001 an der Universität Potsdam. Während seiner Tätigkeit als Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin arbeitete er gemeinsam mit Prof. Dr. Baumert an Schulleistungsuntersuchungen wie TIMMS und BIJU.
Seit Dezember 2004 ist er Direktor des "Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Wissenschaftliche Einrichtung der Länder an der Humboldt-Universität zu Berlin "(IQB).

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 10.01.2005
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