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06. 12. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Es geht nicht mehr wie bisher"

Die Studie "Bildung neu denken!" ist ein radikaler Versuch zur Rettung des Bildungssystems

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Prof. Dr. Dieter Lenzen

Bildung PLUS: "Bildung neu denken!" ist ein radikales Konzept zur Bildungsreform, das vom Kindergarten bis zur Weiterbildung alles durcheinanderwirbelt. Steht es so schlimm um das deutsche Bildungssystem, dass Sie sich gleich alles vornehmen mussten?

Lenzen: Es hilft wenig, nur an einer Schraube zu drehen, denn im Bildungssystem hängt alles miteinander zusammen. Und die Situation ist tatsächlich dramatisch: Die demographische Entwicklung zeigt ganz deutlich, dass wir in den nächsten Jahrzehnten ein massives Problem bekommen werden, überhaupt noch genug Erwerbstätige auf hohem Niveau in diesem Land zu haben. Wenn wir nichts unternehmen, werden wir vor allem im Facharbeiter-Segment und bei den akademischen Abschlüssen mittelfristig in eine  Situation kommen, in der ein Erwerbstätiger auf zwei bis drei Nicht-Erwerbstätige kommt. Der Wirtschaftsstandort Deutschland muss mit Blick auf Innovationen abgesichert werden. Aus diesem Grund muss ein neues Bildungskonzept einen starken Akzent auf die Ausbildung von Erwachsenen legen. Das ist in der öffentlichen Diskussion über "Bildung neu denken!" ein bisschen zu kurz gekommen, obwohl das ganze Konzept sich generell mehr um Erwachsene als um Kinder dreht. Wir brauchen eine Weiterbildungsstrategie, die direkt nach dem Eintritt in eine Berufstätigkeit einsetzt und dann in einer Mischung aus Personalentwicklung und Weiterbildung sowohl für den Einzelnen als auch für das Unternehmen Perspektiven sichert.

Bildung PLUS: Und wie hängt die Weiterbildung nun mit der Schule zusammen?

Lenzen: Eine wichtige Voraussetzung für einen durchorganisierten Prozess des Life-Long-Learning ist es, dass die primäre Ausbildung, also Kindergarten und Schule, verkürzt, verfrüht und verdichtet wird. Das heißt: Einschulungsmöglichkeit mit vier, Ende der Schulpflicht mit 14 Jahren, Abitur mit 17 Jahren. Das alles funktioniert aber nicht ohne ein großes Maß an Individualisierung: Dieses Bildungssystem hat verschiedene Geschwindigkeiten, die von der Leistungsfähigkeit des Einzelnen abhängig sind. Und nur durch eine frühe Einschulung kann sichergestellt werden, dass das erste Lernfenster auch adäquat genutzt wird. Kinder könnten also - je nach Veranlagung - bereits mit vier Jahren oder später eingeschult werden. Das ist übrigens ein wichtiges Instrument, um den sozialen Selektionsprozess aufzulösen, der speziell am Übergang von der Vorschule zur Grundschule greift. Nur wenn wir uns früh um die Sprach- und Lesekompetenz von Kindern aus den bildungsfernen Schichten kümmern, haben diese überhaupt die Möglichkeit, ihren weiteren Bildungsweg vernünftig auszufüllen. Diesen sozialen Selektionsprozess können wir uns nicht nur aus Gründen der Chancengerechtigkeit nicht mehr leisten, sondern ganz banal auch aus demographischen Gründen. 

Bildung PLUS: Nicht nur das Alter der Einschulung würde sich ändern, sondern auch die Dauer der Schulpflicht und der Zeitpunkt für Abitur und Studium. Sie haben die Bildungsbiographie in Lebensphasen eingeteilt. Warum?

Lenzen: Das war eine wichtige Vorentscheidung, weil wir in Deutschland schon immer zu sehr auf den Schultyp fixiert waren. Im Gegensatz dazu müssen wir uns aber überlegen, was wir für die Menschen in ihrem jeweiligen Lebensalter tun können. Deshalb haben wir die verschiedenen Lebensalter anhand anthropologischer Entwicklungsschritte identifiziert: 0 bis 14 Jahre, 14 bis 21 Jahre, 21 bis 35 Jahre, 35 bis 65 Jahre und über 65 Jahre. Im optimalen Fall heißt das: Vorschule bis vier Jahre, Primarschule bis zehn Jahre, Sekundarschule und Gymnasium bis vierzehn Jahre, Berufsausbildung und gymnasiale Oberstufe bis siebzehn Jahre und mit 23 Jahren hätten Sie ihr Master-Studium in der Tasche - inklusive eines zivilen Pflichtjahres.

Bildung PLUS: Mehr Selbstverantwortung des Einzelnen und generell mehr Privatinitiative in der Bildung ist eine Forderung in "Bildung neu denken!". Aus welchen Aufgaben darf sich der Staat zurückziehen?

Lenzen: Die Frage muss lauten: Aus welchen muss er sich zurückziehen, weil er es nicht mehr bezahlen kann? Die alleinige staatliche Verantwortlichkeit für das Bildungswesen ist ein deutsches Unikum, weil die Bildung hierzulande in der Historie immer ein ordnungspolitisches Instrument gewesen ist. Wir müssen also sehen, dass wir die privaten Haushalte und die Unternehmen darauf vorbereiten, dass sie alle stärker in die eigene Bildung investieren müssen. Der Staat wird in Zukunft im Wesentlichen zuständig sein für die Primärausbildung. Aber alles, was darüber hinausgeht, wird er nicht mehr bezahlen können.

Bildung PLUS: Mehr Tempo, mehr Standardisierungen, Wettbewerb und Selbstverantwortung sind Schlagworte aus Ihrem Konzept. Sind diese marktwirtschaftlichen Instrumente überhaupt dafür geeignet, mehr Gerechtigkeit zu schaffen?

Lenzen: Es ist im Grunde eine Paradoxie: Durch die Liberalisierung der Bildung entsteht eine Individualisierung, durch diese wiederum mehr Gerechtigkeit. Wenn Sie ein staatliches Schulwesen wie wir in Deutschland haben, das nicht auf den Einzelnen zugeschnitten ist, sondern sein Programm standardmäßig abspult, erzeugen Sie automatisch weniger Freiheit und Gerechtigkeit. Es existierte in Deutschland noch niemals ein freier Bildungsmarkt. Ein Beispiel: Nicht die Nutzer des Bildungssystems finanzieren ihre jeweilige Bildung, sondern alle Steuerzahler. So ist es weder Ausdruck von Marktfreiheit, noch von Gerechtigkeit, wenn bildungsferne Schichten, deren Kinder niemals studieren, das Studium von Kindern gut situierter Leute mitfinanzieren. Wichtige Marktelemente, die für andere Dienstleistungsbereiche selbstverständlich sind wie für das Gesundheitssystem, waren in der Bildung bislang nicht vorgesehen und das muss sich ändern.

Bildung PLUS: Für den Umbau des Bildungssystems vom Primarbereich bis zur Weiterbildung veranschlagen Sie Mehrausgaben von 30 Milliarden Euro. Wie soll das in Zeiten leerer Kassen finanziert werden?

Lenzen: Unsere Aufgabe war es nicht, das politische Problem zu lösen, woher der Staat das Geld dafür nimmt, sondern zu zeigen, dass, wenn man einfach so weitermacht, Kosten auf Länder und Gemeinden zukommen, die sie gar nicht schultern können. Das wirft sofort die Frage nach der Zuständigkeit des Bundes auf. Sie sehen an der Finanzierungsfrage, dass wir uns diesen Föderalismus gar nicht leisten können. Steuererhöhungen sind natürlich inakzeptabel, aber man könnte zweckgebundene Steuern wie die Ökosteuer eventuell in Bildungssteuern umwandeln. Die Kosten werden über eine neue Verwendung von Steuern, private Haushalte und Unternehmen aufgebracht werden müssen.

Bildung PLUS: Bildung darf nicht mehr kosten als sie wert ist? Diese Ökonomisierung von Bildung hört sich nach Armeen von McKinsey-Mitarbeitern an, die jede unrentable Schule schließen werden...

Lenzen: Die Rentabilität von Bildung wirft natürlich die Frage auf, ob man Bildung überhaupt in Geld ausdrücken kann. Und das sollte man auf jeden Fall. Dabei aber nicht vergessen, dass Bildung auch Lebensqualität ausdrückt, die sich nicht in Euros messen lässt. Nichtsdestoweniger wird es eine Entscheidung des Einzelnen sein, ob ihm der Besuch eines kunsthistorischen Seminars mit Blick auf seine Berufsausbildung dieses Geld wert ist oder nicht. Die Diskussion darüber ist an sich überflüssig, denn es ist ganz einfach: Es geht nicht mehr wie bisher.

Bildung PLUS: Das deutsche Bildungssystem ist teilweise reformresistent, weil viele Interessengruppen ein Wörtchen mitzureden haben. Nun legen Sie ein Konzept vor, in dem kein Stein auf dem anderen bleibt und auch noch die Bildungsausgaben um 30 Prozent steigen. Wie wollen Sie das umsetzen?
 
Lenzen: Wir tun einiges, um die Umsetzung wahrscheinlicher zu machen. Demnächst werden wir eine juristische Studie vorlegen, die genau auflistet, welche Gesetzesänderungen für diese Reform notwendig sind. Das hat den Vorteil, dass sich dann niemand rausreden kann, dass der Umbau des Bildungssystems aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht zu realisieren sei. Außerdem werden wir in den nächsten fünf Jahren massiv versuchen, Widerstände aus dem Weg zu räumen. Aus Analysen wissen wir, wer warum dagegen ist und wie man eventuell aus Gegnern Befürworter machen kann. Der Erfolg hängt aber noch von anderen Dingen ab: Zum Beispiel muss sich die Einsicht rasch durchsetzen, dass wir vor einem Abgrund stehen. Wir werden im Jahr 2005 wahrscheinlich die Marke der fünf Millionen Arbeitslosen erreichen. Den Leuten muss klar werden, dass dies auch ein Produkt der ausgebliebenen Bildungsqualität und Innovationsfähigkeit ist und dass nur durch schnelles und entschiedenes Handeln gegengesteuert werden kann. 

Bildung PLUS: Gegner der Reformen dürften die Bundesländer sein. Den Föderalismus bezeichnen Sie als historisch überlebtes Hindernis einer Reform. Wie wollen Sie so den Widerstand der Bundesländer knacken?

Lenzen: Das ist ambivalent. Ich habe zunächst den Eindruck, dass der Bund natürlich eher auf unserer Seite steht, aber auch bei den Ländern ist es überhaupt keine geschlossene Gruppe von Gegnern. Sie stehen selbst unter einem solchen Reformdruck, dass sie sich beeilen, Reformen schnellstmöglich umzusetzen. Schauen Sie sich nur mal die verfrühte Einschulung mit fünf Jahren in einigen Bundesländern an. Oder die Verkürzung der Gymnasialzeit auf zwölf Jahre. Teilweise überschlagen sich die Ereignisse ja regelrecht, aber solche Beispiele sind deutliche Effekte der angestoßenen Diskussion. Ich bin weit davon entfernt zu sagen, dass wir uns dafür auf die Schulter klopfen können, aber mit unserer Studie wirken wir mit Sicherheit als Verstärker der Reformen. Es wird am Ende darauf ankommen, dass es eine glaubwürdige Veränderung gibt. Wenn der Föderalismus zu solchen Veränderungen fähig ist, wäre uns das ja recht. Ich persönlich habe da aber so meine Zweifel.

Prof. Dieter Lenzen ist Präsident der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Koordinator der Studie "Bildung neu denken"

 

"Bildung neu denken": Über 70 ausgewählte Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Bildungspraxis haben im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) das ganzheitliche Konzept "Bildung neu denken" für das deutsche Bildungswesen erarbeitet. Die Studie ist in zwei Teile gegliedert: In "Bildung neu denken" und aktuell "Bildung neu denken! - Das Finanzkonzept".

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 06.12.2004
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