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29. 11. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Mittel gegen den Praxisschock

Hamburger Projekt bereitet junge Lehrende auf ihren Berufsalltag vor

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Praxisschock?

Der Beginn der Berufslaufbahn ist vielfach durch Extremsituationen gekennzeichnet. Untersuchungen belegen, dass sich die meisten Neueinsteiger nicht genügend auf ihren Beruf vorbereitet fühlen und ihren eigenen Erziehungs- und Unterrichtsstil noch entwickeln müssen. Noch sind Wirkungen der Studienreform können nicht absehbar, in Hamburg läuft jedoch das Modellprojekt "Berufseingangsphase", das bundesweit Schule machen könnte. Träger des Projektes ist das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung.

Berufseingang entscheidend
Die Kultusministerkonferenz (KMK) setzte 1998, aufgeschreckt durch das schlechte Abschneiden deutscher Schüler und Schülerinnen bei der internationalen Schulstudie Timss (Third International Mathematics and Science Study), eine Kommission zur Reform der Lehrerbildung ein. Unter der Leitung des Bochumer Erziehungswissenschaftlers Ewald Terhart empfahl die Kommission eine stärker auf den späteren Beruf ausgerichtete Ausbildung der Pädagogen. Dabei maß sie der Berufseingangsphase eine entscheidende Bedeutung für den weiteren Berufsweg bei. "Man kann Anfänger in den Anfang vom Ende schicken, wenn sie falsche Routinen einüben", meint der Ulmer Pädagogik-Professor Ulrich Herrmann.

In Gutachten und Empfehlungen zur Reform der Lehrerbildung wird eine Berufseingangsphase gefordert: "Die Berufseingangsphase ist die entscheidende Phase in der beruflichen Sozialisation und Kompetenzentwicklung von Lehrkräften. Hier bilden sich personenspezifische Routinen, Wahrnehmungsmuster und Beurteilungstendenzen sowie insgesamt die Grundzüge einer beruflichen Identität. Umso fataler ist es, dass genau in dieser Phase die jungen Lehrer weitgehend allein gelassen werden", so Prof. Terhart im Kommissionsbericht.

Laut Abschlussbericht der KMK sei es notwenig, selbstorganisierte Arbeits- und Gesprächskreise anzubieten sowie Fortbildungsverpflichtungen für Berufsneulinge einzurichten und spezifische Instrumente innerschulischer Personalentwicklung einzuführen. Der KMK-Kommission folgte eine Hamburger Kommission unter Leitung des Züricher Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers. Sie schlug unter anderem eine Neugestaltung der Berufseingangsphase vor. 

Genau der richtige Zeitpunkt
In dieser Umwälzungsphase entstand ein Hamburger Projekt, das ganz pragmatisch die Probleme in die Hand nimmt. Der Zeitpunkt ist gerade richtig, da an den Schulen ein großer Wechsel eingesetzt hat. Jährlich werden in Hamburg 700 Lehrer pensioniert. Ein Viertel der gesamten Lehrerschaft wird in fünf Jahren ausgewechselt sein.

Peter Daschner, der Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung sagt, "die Zeit läuft uns davon. Wenn an den Universitäten das Lehrerstudium reformiert wird, spüren wir die Wirkungen erst in ein paar Jahren." Aus diesem Grund setze er auf die Berufseingangsphase.

Seit Sommer 2002 gibt es in Hamburg ein entsprechendes Angebot für alle Berufseinsteiger. Ungefähr die Hälfte der 201 Junglehrer, die im August 2002 mit der Ausbildung starteten, nahmen freiwillig daran teil. Im Jahr 2003 sind es 169 von 370. Und Anfang des Jahres 2004 wurden die ersten Teilnehmer im Lehrerbildungsinstitut begrüßt, die zwei Jahre zu Gast dort sein werden.   

Frust abladen und Ratschläge entgegennehmen
Maja Dammann legte nach 25 Jahren Schuldienst im Jahr 2000 ein Sabbatjahr ein und las dann ganz zufällig den gerade erschienen Bericht von Oelkers und fand darin ihr Thema. Maja Dammann leitet gemeinsam mit fünf Kolleginnen, erfahrende Pädagoginnen, die in verschiedenen Methoden der Moderation und der Fallberatung ausgebildet sind, die Hamburger Gruppe. Dort können sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen individuell coachen lassen.

So müssen nun junge Lehrerinnen und Lehrer endlich nicht mehr einzelkämpferisch in den Berufsalltag stolpern, sondern erhalten Unterstützung. Maja Dammann sagte der ZEIT: "Gerade habe ich eine junge Kollegin beraten, die Probleme mit ihrem Schulleiter hat. Der scheint Kommunikationsverweigerer zu sein. Wir haben regelrecht trainiert, wie sie ihn zu einem Gespräch zwingt."

Ein weiterer Fall handelt von einem jungen Lehrer (26 Jahre). Dieser erzählt im Gesprächskreis: "Ich kriege einen Schüler einfach nicht in den Griff. Der pöbelt permanent im Unterricht rum. Außerdem verweigert er jede Mitarbeit, verlässt ständig den Klassenraum."
Solche Fälle sind für Maja Dammann und ihr Team Alltag.

Etwa 60 Mal ließen sich junge Lehrende in den vergangenen zwei Jahren beraten, hinzu kamen 150 kürzere Beratungen. Ungefähr neunzig Prozent der Berufsstarter stehen im E-Mail-Kontakt zu Dammann und ihrem Team. Die jungen Lehrer sind mit dem Projekt zufrieden. Mehr als 95 Prozent der Teilnehmer waren laut einer anonymen Befragung mit dem Praxisbezug und der Auswirkung auf ihren Berufsalltag sehr zufrieden.

Wo drückt des Lehrers Schuh?
Junge Lehrerinnen und Lehrer erleben beim Berufseinstieg oft einen so genannten Praxisschock. Die unterschiedlichsten Belastungen im Schulalltag tragen hierzu bei: Ein entscheidender Faktor ist der Disziplinstress in schwierigen Klassen, aber auch der Erwartungsdruck durch Kollegen und Kolleginnen und die Schulleitung. Die zunehmende Gewaltbereitschaft, zumindest an verschiedenen Großstadtschulen, Konflikte mit Kollegen und Schulleitung, Mobbing, allgemeine mangelnde Gesprächskompetenz sowie Konflikt- und Sozialkompetenz gehören zu den wichtigen Themen, mit denen sich junge Lehrerinnen und Lehrer auseinandersetzen müssen.

Dabei gilt Konfliktfähigkeit inzwischen als eine Art Schlüsselqualifikation. Wie aber sollen Schülerinnen und Schüler dazu befähigt werden, wenn Zusammenstöße verdrängt oder im Ansatz abgewürgt werden? Als zusätzliche Belastung wird von vielen auch die fehlende Kooperation in den Lehrerkollegien genannt. Für die "Neuen" verläuft die Integration meistens recht schleppend. Hiermit wird im Gegensatz zum teamfähigen Kollegen eher der "Einzelkämpfer" gefördert und so eine sinnvolle Zusammenarbeit von Lehrerinnen und Lehrern erschwert.

Auch die Arbeit mit den Eltern, Unterrichtsprojekte, Schulentwicklung und die sehr hohen Erwartungen an das eigene Wirken tun das Ihrige, um in eine Überforderungssituation zu geraten. In dieser wichtigen Phase fehlen den jungen Lehrerinnen und Lehrern vor allem erfahrene Ansprechpartner.

Die Einführung in die Praxis der Lehrer beginnt zu spät und bietet zu wenig Unterstützung. Die Erfahrung, in der Berufseingangsphase aufgenommen zu werden und Unterstützung zu erhalten, wird an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben. Nur  so kann eine organisierte und von allen Beteiligten unterstützte und strukturierte Begleitung den Berufseinstieg von jungen Lehrenden erleichtern und Professionalität des Unterrichtes ermöglichen.

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.11.2004
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