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08. 11. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Mutig auf neues Terrain

Naturwissenschaften erobern die Kindertagesstätten

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Juliaw (Copyright)

Der tägliche Abwasch diente ihr als Inspirationsquelle für naturwissenschaftliche Experimente. Agnes Pockels, außerhalb des Wissenschaftsbetriebs wenig bekannt, untersuchte Ende des 19. Jahrhunderts mit einfachsten Mitteln die Auswirkungen der Verunreinigung von Wasser auf die Oberflächenspannung. In einer Zeit, in der Frauen im Lesesaal einer Universität nicht selbstverständlich waren, schaffte sie den Sprung zur angesehenen Forscherin - auch ohne akademische Ausbildung.  

Aus diesem Grund ist es durchaus verständlich, dass die Macher des Agnes-Pockels-Labors an der TU Braunschweig gerade diese Wissenschaftlerin als Namenspatronin gewählt haben. Schließlich wollen sie das naturwissenschaftliche Interesse bei Kindern - und besonders bei Mädchen - im Kindergarten und in der Grundschule fördern. Im Braunschweiger Schülerlabor weihen die Mitarbeiter jede Woche mehrere Schulklassen in die Geheimnisse der Chemie ein und die mobilen Experimentierkisten sind ständig auf Tour in Schulen und Kindertagesstätten. Doch geht es "Erfinderin" Petra Mischnick, Professorin für Lebensmittelchemie an der TU Braunschweig, mit ihrem Engagement nicht darum, den Grundstein für Chemie-Nobelpreisträger zu legen oder Forschung zur frühkindlichen Bildung zu betreiben.

Der Wissenschaftlerin ist es vielmehr ein Anliegen, den Wissensdurst von Kindern zu stillen, sie mit naturwissenschaftlichen Phänomenen vertraut zu machen und eine Balance im Wissens-Angebot für Kinder herzustellen: "Heute werden die Kinder zur Musik- oder Kunstschule gefahren, zum Sportverein, aber der Bereich der Naturwissenschaften spielt noch immer eine untergeordnete Rolle. Wenn der eine oder andere die Chemie für sich entdeckt, ist das wunderbar, aber eigentlich geht es darum, allen überhaupt diese Chance zu eröffnen. So was ergibt sich ja nicht von alleine", erklärt Petra Mischnick. 

Auch die Wirtschaft engagiert sich in Kindertagesstätten Auf dem Gebiet, auf dem sich frühkindliche Bildung und Naturwissenschaften treffen, herrscht mittlerweile ein reges Treiben. In erster Linie, was Physik und Chemie angeht, denn die "unbelebten" Naturwissenschaften führten im Gegensatz zur Biologie lange Zeit ein Schattendasein. Auch viele Wirtschaftsunternehmen haben die Notwendigkeit erkannt, Kinder mit den Naturwissenschaften in Kontakt zu bringen: Sie öffnen ihre Labore für Schüler oder gehen wie das Agnes-Pockels-Labor gleich dahin, wo die Kinder sind: In die Kindertagesstätten. Die NORDMETALL-Stiftung ist so ein Beispiel. Mit 100.000 Euro initiierte sie das Projekt "Versuch macht klug", zusammen mit der Vereinigung der Hamburger Kindertagesstätten. Die 20 Experimentierstationen rotieren in Hamburger Kindertagesstätten und in naher Zukunft soll das Projekt auch Einrichtungen außerhalb der Hansestadt zugute kommen.

Im Unterschied zu Einrichtungen wie dem Agnes-Pockels-Labor hat die Wirtschaft den Arbeitsmarkt genau im Blick und ist in dieser Hinsicht auch entwaffnend offen: "Natürlich handeln wir mit solchen Projektförderungen nicht ganz uneigennützig", erklärt Peter Gollinski, stellvertretender Geschäftsführer des Arbeitgerberverbandes NORDMETALL. "Wir müssen bereits heute befürchten, es in einigen Jahren mit einem Mangel an technischen Fachkräften zu tun zu haben. Daher ist es nur konsequent, wenn die Wirtschaft auch selbst Zeichen setzt und neue Wege  geht, die langfristig allen Beteiligten zu Gute kommen werden". Den Kindern in Hamburg dürfte es tatsächlich gleichgültig sein, aus welchem Motiv ihnen jemand Experimentierstationen zur Verfügung stellt, an denen sie sehen können, wie ein Ballon im Luftstrom eines Ventilators konstant auf einer Höhe bleibt oder wie ein Bogen aus Bauklötzen das Gewicht eines Menschen hält.  

Die zahlreichen Initiativen der Wirtschaft begrüßt auch Gisela Lück, Professorin für Didaktik der Chemie an der Universität Bielefeld. Die Autorin des Buches "Leichte Experimente für Eltern und Kinder" findet es sogar "sehr wohltuend, dass die Wirtschaft so engagiert ihre Verantwortung für Gesellschaft und Bildung wahrnimmt". Sie kennt auch zahlreiche Unternehmen, die Patenschaften für Kindertagesstätten übernommen haben und betont, dass auf diese Art wirklich "Gräben übersprungen werden". 

Viele Kinder erinnern sich an Experimente - unabhängig von der sozialen Herkunft.
Die Frage nach dem Nutzen steht auch bei der frühkindlichen Bildung im Raum - vor allem, weil die Forschung der Entwicklung noch hinterherhinkt. Und natürlich schadet es auch nicht, wenn nicht nur die Neugier und Motivation von Kindern angeregt wird, sondern auch Wissen hängen bleibt, das übrigens nichts mit Formeln und Gesetzen zu tun haben muss. 

Gisela Lück hat diesen Aspekt untersucht und interessante Ergebnisse zutage gefördert: Kinder erinnern sich sehr wohl an Experimente, auch wenn diese schon ein halbes Jahr zurückliegen. Knapp einem Drittel der Kinder gelingt das sogar sehr detailliert, weitere 20 Prozent erinnern sich zumindest an die Phänomene. Ein Ergebnis, das darauf hindeutet, so die Chemikerin aus Bielefeld, "dass man in der Sekundarstufe I nichts mehr erreicht". Doch nicht nur das Erinnerungsvermögen der Kinder verblüffte die Wissenschaftlerin, sondern auch die Tatsache, dass behinderte und verhaltensauffällige Kinder einen überraschend leichten Zugang zu diesen Themenbereichen haben. Überhaupt nahmen mehr als zwei Drittel der Kinder freiwillig an den naturwissenschaftlichen Experimenten teil - obwohl attraktive Alternativangebote zur Auswahl standen. Das hat mit einer natürlichen Neugier und Begeisterungsfähigkeit von Kindern zu tun, die auch Petra Mischnick  bei ihrer Arbeit beobachten kann: "Neugier wecken? Da muss man gar nichts wecken. Die ist einfach da in dem Alter. Die Kinder machen das gern und ungefangen".  

Wie wichtig außerschulische Erfahrungen für den späteren Berufswunsch sind, zeigt eine Auswertung biographischer Daten von Studienanfängern im Fach Chemie an der Uni Bielefeld: Bei den prägenden Einflüssen auf die Berufswahl rangieren die außerschulischen mit 37 Prozent auf dem zweiten Platz. Stolze 22 Prozent machen dabei Erfahrungen in der Vorschule aus.   

Bundesländer nehmen "unbelebte Natur" in Bildungspläne auf
Trotz aller positiven Entwicklungen in diesem Bereich bleibt einiges zu tun. Gisela Lück fordert schon seit geraumer Zeit, dass dringend die "Anschlussfähigkeit des Wissens" der Kinder geklärt werden müsse. Das bedeutet, dass es überhaupt nichts bringt, Kinder früh an die Naturwissenschaften heranzuführen, wenn ihr Interesse in der Grundschule und den weiterführenden Schulen wieder erlischt - durch Wiederholungen oder zu langen zeitlichen Leerlauf. Die Konsequenz: Der Wissenserwerb muss aufeinander aufbauen.  

Viele Bundesländer haben das verstanden und räumen inzwischen "Naturphänomenen der unbelebten Natur" einen prominenten Platz in Bildungsplänen ein - und zwar von der Kindertagesstätte über die Grundschule bis zur Sekundarstufe I. Vor allem Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gelten als Vorreiter. Andere Bundesländer ziehen gerade nach. Bei so viel Bewegung, Engagement und Einsicht kommt Gisela Lück "aus dem Staunen gar nicht mehr heraus".  

Besonders engagiert zeigen sich die Fachkräfte vor Ort: Die Erzieherinnen und Erzieher. Im Unterschied zu Lehrern, die Veränderungen öfter mal mit Skepsis begegnen, sind Fortbildungsveranstaltungen für Erzieher zu diesem Thema oft ausgebucht. Es hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden, wie Petra Mischnick von der TU Braunschweig festgestellt hat: "Das hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Ich habe das Thema bei meinen eigenen Kindern schon frühzeitig im Kindergarten anstoßen wollen. Da haben alle nur die Hände gehoben und gesagt, damit fangen wir nicht auch noch an. Inzwischen sind viele Erzieherinnen offener und mutiger geworden." Viel Lob und Respekt für die Erzieherinnen und Erzieher kommt auch von Chemieprofessorin Gisela Lück, weil diese "sich freiwillig auf neues Terrain begeben, weil sie den Kindern etwas mitgeben wollen".  

Experimente können für Erwachsene zu Stolperfallen werden
Doch auch die Experimente selbst können für Erwachsene zu Stolperfallen werden. Deshalb hat die Wissenschaftlerin Gisela Lück für erfolgreiche Experimente eine Reihe von Regeln aufgestellt. Eine davon lautet: Die Experimente müssen immer gelingen. Was sich banal anhört, ist durchaus ernst gemeint und gar nicht so einfach zu realisieren. Zum einen sind Kinder schnell gelangweilt, wenn Erwachsene selbst kopfschüttelnd immer wieder erfolglos probieren. Und zum anderen hat sich mit dem Scheitern auch der wichtigste Anspruch des Experiments im Nichts aufgelöst: Kinder mit Naturphänomenen vertraut zu machen. In der Natur klappt es schließlich auch immer. Das kann auch die Wissenschaftlerin Petra Mischnick von der TU Braunschweig bestätigen: "Kinder kennen ja keine Formeln, sehen aber, dass in den Naturwissenschaften unter bestimmten Bedingungen immer die gleichen Dinge passieren. Das ist ein Grundgesetz der Natur, das die Kinder verstehen. Es passt natürlich gut zusammen, dass Kinder Wiederholungen sehr mögen."  

Weitere Regeln von Gisela Lück sind: Die Experimente müssen einen Alltagsbezug haben, verständlich vermittelbar sein, sie dürfen aus Konzentrationsgründen nicht länger als 25 Minuten dauern und müssen von den Kindern selbst durchgeführt werden. Zudem sollen die Bestandteile leicht und preiswert zu erwerben sein, denn Nachmachen ist erwünscht und hat einen wichtige Multiplikations-Effekt.  

Die erfolgreichsten Experimentierkisten aus dem Agnes-Pockels-Labor in Braunschweig befassen sich mit dem Thema "Dem Täter auf der Spur". Auf der Suche nach Fingerabdrücken lernen die kleinen Spürnasen mit Lupe, Pipette, Grafitpulver, Stempelkissen und Reagenzglas einiges über chemische Reaktionen und kriminalistische Ermittlungen. Der Grund für den Erfolg liegt laut Petra Mischnick in der konkreten Fragestellung und dem fächerübergreifenden Profil dieser Experimentierkisten: Mit Krimigeschichten, Memory-Spielen der Fingerabdrücke und Computer-Phantombildern eröffnet sich den Kindern ein spannendes Betätigungsfeld. Doch den Wissenschaftlern aus Braunschweig geht es nicht nur darum, Kinder und Naturwissenschaften zusammenzubringen, sondern auch darum, der zunehmend virtuellen Erlebniswelt eine reale entgegen zu setzen. "Lehrerinnen beklagen häufig, dass die motorischen Fähigkeiten der Kinder deutlich schlechter geworden sind. Mit Reagenzgläsern, Spatel und Pipetten zu hantieren trainiert eben auch das handwerkliche Geschick", erklärt Petra Mischnick. 

Auf dem Gebiet der frühkindlichen Bildung und den Naturwissenschaften werden gerade große Schritte gemacht. Doch wie lange hält dies noch an? Die Wissenschaftlerin Gisela Lück von der Uni Bielefeld schaut in die Zukunft und wünscht sich, dass alle, die sich gerade so engagiert zeigen, noch fünf Jahre "einen langen Atem behalten", weil bis dahin die langfristigen Weichen für die Zukunft gestellt werden könnten. Vor allem die Professionalisierung der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern stehe ganz oben auf der Agenda. Danach, so die Wissenschaftlerin aus Bielefeld, "können wir alle zu einem neuen Bildungsthema weiterziehen, weil sich dieses Tempo ja auch nicht ewig aufrechterhalten lässt". Aber erst dann.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.11.2004
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