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11. 10. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Training für den Lesemuskel

"Lesekompetenz stärken - Lesestrategien fördern" - Tagung der DGLS an der Humboldt-Universität zu Berlin

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Auditorium der Tagung an der Humboldt-Universität

Wie viel Zeit verbringt wohl der Kanzler täglich mit Lesen? 10 Prozent? 30 Prozent? Mehr als 50 Prozent? Wie lange der Kanzler auch täglich lesen mag, ohne Lesen von Berichten, Beschlüssen, Gesetzesvorlagen dürfte gar nichts laufen im Kanzleramt - ohne Lesen kein Regieren.  

Auch die Tagung "Lesekompetenz stärken - Lesestrategien fördern" am 18. September 2004 in Berlin ging davon aus, dass Lesen eine Schlüsselkompetenz ist, erforderlich, um am gesellschaftlichen und kulturellen Leben überhaupt teilzunehmen. Die Tagung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben e.V. (DGLS) durchgeführt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.   

Kann man den Lesemuskel eigentlich trainieren?
Lesen kann fast jeder, verstehend lesen können schon weniger Menschen. Doch genau darauf kommt es im Leben an, im Beruf, ja sogar im Privatleben. Im Mittelpunkt der Berliner Tagung steht so das "Training von Lesestrategien". Klingt so wie das Trainieren von Muskeln. Dass das bei jedem klappt, der will, weiß man spätestens, seitdem Fitness-Studios wie Pilze aus dem Boden gesprossen sind.  

Nicht, ob man das Lesen trainieren kann, ist für Andreas Gold, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt am Main, die Frage, sondern wie. Die Lesekompetenz kann umfassend durch die Vermittlung von Lesestrategien verbessert werden. Das Wort "Strategie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie die Heerführung (stratos - "Heer"). Beim Lesen hat jeder so seine Tricks und lieb gewordenen Gewohnheiten. Studien haben ergeben, dass die Leser am besten lesen, die gezielt Strategien des Lesens eingeübt haben. Das "Heer der Gedanken" beim Lesevorgang will also geführt werden, wenn es denn mit der Leserin oder dem Leser ans Ziel kommen will.   

Spurensuche im Körper des Textes
Dazu hat Gold ein Leseprogramm für den Unterricht entwickelt: "Wir werden Textdetektive". Gestützt auf die Vorlage von Erich Kästner "Emil und die Detektive" hat der Professor ein anregendes Modell selbstregulierten Lernens entwickelt, das auf kognitionspsychologischen Voraussetzungen fußt. Das durch Empirie gestützte Programm wurde in den vergangenen drei Jahren in über 100 Schulklassen eingesetzt.   

Bessere und schlechtere Leser unterscheiden sich darin, dass für die einen Lesen ein "aktiver und bewusster Prozess" ist, für die anderen dagegen ein Verstehen einzelner Wörter und Sätze, ohne einen Zusammenhang zu sehen. Die guten Leserinnen und Leser achten also darauf, wie das Ganze zusammenhängt und erkennen Muster, während die Buchstabengläubigen sich an Details klammern, an Wörter und Sätze und den Zusammenhang aus dem Augen verlieren. Bei der Erforschung des Lesevorgangs haben die Wissenschaftler zudem herausgefunden, dass gute Leser ihr Lesetempo dem Text mit seinen unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden anpassen. Schlechte Leser hingegen erkennen erst gar nicht, an welcher Stelle des Textes sie ein Problem haben.   

Was ist wichtiger: der Text oder die Lesestrategie?
Wer nicht im unbewussten Strom der Lektüre abdriften möchte, setzt also auf den bewussten Umgang mit Texten. Dabei sollte man nicht den Fehler machen, zu viele Strategien auf einmal einzusetzen. Welche Strategie sollte wann eingesetzt werden? Da Erinnern und Behalten andere kognitionspsychologische  Grundlagen haben als das Verstehen, sollten Schülerinnen und Schüler Texte im Aufbau durchschauen können (Organisationsstrategie). Etwa durch Unterstreichen wichtiger Passagen oder durch ein Checken, ob die Hauptgedanken des Textes erinnert werden. Andererseits sollten sie sich auch Vorgehensweisen aneignen, die über den jeweiligen Text hinausgehen: Sich während der Lektüre etwas bildhaft vorstellen und Fragen an den Text stellen (Elaborationsstrategie). Der Text wäre hier so etwas wie ein Steinbruch, anhand dessen dem Leser mentale Vorgänge bewusst gemacht werden.   

Verfeinert wird das Strategiemodell nach Gold durch "kognitive Strategien" und "metakognitive Strategien", so dass fürs Lesetraining eine Strategiematrix mit vier Strategien eingesetzt werden kann. Gold empfiehlt, dass die Lesetrainer Strategien aus allen vier Feldern vermitteln. Die Texte, welche auch immer, sind aus diesem Blickwinkel nur ein "Mittel, die Strategie zu begreifen". Dem Psychologen ist dabei klar, dass das Primat der Strategievermittlung bei eingefleischten Germanisten nicht nur auf Zustimmung stoßen wird.   

Wirksamkeitsforschung steckt noch in den Kinderschuhen
Entscheidend ist, dass die Lesestrategien auch tatsächlich eingesetzt und nicht nur gekannt werden. Sie müssen "handlungsrelevant" sein, um Wirksamkeit zu entfalten. Im Unterricht sollten nach Gold nicht mehr als zwei Lesestrategien innerhalb einer Woche vorgestellt werden. Lesetraining setze zudem einen "schülerzentrierten" Unterricht voraus. Für die Schüler gibt es ein Arbeitsheft, die Lehrkräfte orientieren sich am Lehrermanual. Was bringt das Ganze eigentlich?  

Das Lesetraining entfaltet seine Wirkung offenbar "zeitverzögert". Der Zeitpunkt - wie viele Tage? wie viele Monate? -, von dem an das Programm wirkt, ist derzeit noch offen. An Gymnasien fallen die Ergebnisse mit dem Textdetektivprogramm wohl besser aus als an anderen Schulformen: "Von einem guten Programm profitieren die am meisten, die es am wenigsten nötig haben". Die Pädagogen, so eine Befragung, haben sehr gern mit dem Programm gearbeitet.   

Zu ähnlichen Ergebnissen wie Professor Gold kam auch Gerheid Scheerer-Neumann, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam. Die Forschergruppe um Scheerer-Neumann hatte über 300 Schülerinnen und Schüler in Trainingsgruppen eingeteilt. Das Ergebnis hier: Direkte Wirksamkeit konnte im Vergleich der Trainingsgruppen mit Kontrollgruppen nicht festgestellt werden. "Es war tollkühn zu behaupten, dass die Kinder nach zwölf Wochen Lesetraining die Lesetechniken beherrschen würden", sagte Mitarbeiterin Carola Hofmann, Universität Potsdam. Die festgestellten Trainingseffekte waren eher kurzfristiger Natur. Die handlungsbetonte Erforschung von Lesetechniken steckt insgesamt noch in den Kinderschuhen.    

Surfen, Lesen, Schreiben
Eingangs der Tagung hatte die Präsidentin der DGLS, Prof. Renate Valtin, auf die "Zehn Rechte der Kinder auf Lesen und Schreiben" hingewiesen. Nach dem vierten Recht haben "Kinder das Recht auf Zugang zu allen Medien und technischen Geräten, mit denen Lesen und Schreiben gelernt und ausgeübt werden kann". Johannes König von der Humboldt-Universität zu Berlin macht sich zum Anwalt genau dieses vierten Rechts. In seinem Referat für die Arbeitsgruppe postuliert der junge Pädagoge: "Zum Lesen gehört auch das Schreiben". Dass man selbst Grundschüler dazu animieren kann, das zu tun, was für viele als Fronarbeit gilt, das Schreiben, zeigt er an einem Internetprojekt mit Viertklässlern.  

Immer mehr Kinder lesen am Computer. Für die Hausaufgaben wird schon mal im Internet gezielt nach Informationen gefischt. Viele Kinder schreiben Mails an ihre Freunde. Hier setzt König an: Wer viel liest, beginnt irgendwann mit dem Schreiben. Der Computer als vielseitiges Schreibwerkzeug motiviert die Kinder ganz besonders. Nur: Wie motiviert man die Kinder einer vierten Klasse zum Schreiben? Nach König sind "authentische Schreibanlässe" zentral. Für die Kinder der Deutsch-Türkischen Europaschule Berlin-Kreuzberg war ihr Stadtviertel - der Ort, wo sie leben - natürlich das Spannendste. So sammelten sie erst einmal Schreibideen, von der "Ankerklause" bis hin zum "Türkischen Markt" und dem "Verkehrsmuseum". Nach der Ideensammlung machten sich die Kinder ans Lesen von Stadtführern und anderen interessanten Quellen und sie machten die Erfahrung: Aha, Lesen kann doch Spaß machen! Und das Schreiben?  

Nachdem die Themen gefunden wurden, planten die Kinder gemeinsam die Texte (Wer schreibt was?). Die Rohtexte haben die Schüler mit der Hand geschrieben und nach der Korrektur in den Computer eingegeben. Geschichten wie die über die Synagogen und ihre Zerstörung in der Nazizeit.   

Sich ein Bild vom Text machen
Die Verknüpfung der einzelnen Texte im Internet mit den Hyperlinks erfolgte zunächst auf einer Stellwand mit Bindfäden. Anschließend haben die Kinder diese Verknüpfungsstruktur im Textverarbeitungsprogramm mit wenigen Mausklicks in den Computer eingegeben. Die Texte, Schriftart, Schriftfarbe, Bilder usw. gestalteten die Kinder selbst. Das Veröffentlichen im Internet war dann Sache des Webmasters. Ist der selbstgeschriebene Text einmal online, taucht rasch der Wunsch nach Mehr auf. "Alle Kinder hatten Spaß am Schreiben", sagt König. Die Mädchen, so ein Fazit, hätten sich eher an die Sachtexte gehalten, die Jungen hätten sich schon mal von der Vorlage frei gemacht und drauflos geschrieben.   

Die Kinder des Internetprojekts haben indes nicht nur geschrieben, sondern auch Interviews mit Menschen aus dem Stadtteil geführt und Fotos gemacht. Bilder sind mächtig. Alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Tagung bestätigten die Bedeutung der Bildlichkeit beim Lesen. Insofern kann das Internet über Fotos, Bilder sowie gestalterische Entwürfe einen Beitrag leisten, das Lesenlernen zu unterstützen. Die Macht der Bilder lässt sich belegen, wie Barbara Bütow von der Universität Berlin im Hinblick auf die Wahrnehmung von Reizen feststellt. Die Augen mit ihren Millionen Fotozellen liefern fast das 20fache an Informationen im Vergleich zu den Ohren. Bilder in Texten steigern das Interesse, ergänzen die Textinformationen, veranschaulichen räumliche und körperliche Zusammenhänge. Man kann sich nicht nur ein Bild von Menschen machen, sondern auch ein Bild vom Text.   

"Verzweckung" des Lesens?
Nach PISA ist die Offenheit groß, sich auf interdisziplinäre Ansätze zur Verbesserung der Lesefähigkeit einzulassen. Entwicklungspsychologen, Germanisten, Erziehungswissenschaftler, Lehrer - viele Gruppen erforschen nun die Lesekompetenz unter verschiedensten Gesichtspunkten. Erst Anfang der achtziger Jahre hat sich die empirische Erforschung des Lesens und Schreibens in Deutschland etabliert. In den Vereinigten Staaten war dies schon länger eine Selbstverständlichkeit. Seit PISA ist die Erforschung des Lesens und Schreibens in Deutschland viel stärker in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Die wissenschaftliche "Unschuld" jedenfalls ist passé und die Lese-Forschung wird sich in Zukunft verstärkt mit der Frage beschäftigen müssen, wie Kinder und Jugendliche Spaß am Lesen finden können und wie ihnen vermittelt werden kann, was sie - außer Spaß - davon haben. Bleibt zu hoffen, dass das Bücherlesen nicht total "verzweckt" wird.   

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.10.2004
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