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21. 09. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Am Ende des Jahres wird Bilanz gezogen

Deutschlands erste Frauenuni - Interview mit der Präsidentin Aylâ Neusel

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Aylâ Neusel

Forum Bildung: Was unterscheidet die "Internationale Frauenuniversität" von anderen Universitäten?

Neusel: Die Internationale Frauenuniversität ist ein Reformprojekt: sie hat den Anspruch Alternativen für viele der in der Hochschulpolitik der letzten Jahre diskutierten Probleme zu bieten.

Forum Bildung: Welche Besonderheiten weist die ifu auf?

Neusel: Die ifu ist zunächst eine Forschungsuniversität, die Nachwuchswissenschaftlerinnen aus aller Welt - unsere 900 Studentinnen kommen aus 115 Ländern - ein interdisziplinäres und internationales Studium anbietet, so etwas wie sechs graduierten Kollegs unter einem Dach: Arbeit, Information, Körper, Migration, Stadt, Wasser.Jetzt habe ich bereits die Interdisziplinarität erwähnt und sollte gleich die weiteren Leitprinzipien herausheben, durch deren Umsetzung sich unser Modell profiliert: ganz wichtig ist die Einbeziehung der Kategorie Geschlecht im Sinne des englischen "gender" und der Frage nach dem Geschlechterverhältnis in die grundlegenden Herangehensweisen und Fragestellungen in der Forschung.Ein dritter zentraler Aspekt ist die Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und damit verbunden eine Betonung des Praxisbezugs. Und schließlich, für uns alle zunehmend wichtiger, die Dimensionen der Internationalität und Interkulturalität.

Forum Bildung: Was können andere Universitäten von der ifu lernen?

Neusel: Ungemein viel, das steht außer Frage. Wir werden am Ende des Jahres Bilanz ziehen und sehen, inwiefern wir hier wirklich Neuland beschreiten und sichern konnten. Um dies zu gewährleisten wird das ifu-Semester von einem gründlichen Evaluationsvorhaben begleitet, das die Nachhaltigkeit und auch die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Hochschuleinrichtungen absichern hilft. Mit einer ganz konkreten und abgesicherten Beantwortung Ihrer Frage sollten wir also bis zum Jahresende warten.

Forum Bildung: Sind Frauenuniversitäten ein Erfolgsmodell, das sich auch bei uns durchsetzen wird?

Neusel: In Deutschland gibt es keine Tradition von Frauenuniversitäten. Die Frauenbewegung hierzulande hat das Ziel verfolgt, in die "Männeruniversitäten" aufgenommen zu werden. Anders als zum Beispiel in den USA. Dort wurden schon im 19. Jahrhundert neben den bekannten Universitäten für die Männer äquivalente Universitäten für Frauen gegründet. Wir werden diese Tradition nicht nachholen können. Ein mit der ifu ausgelöster Impuls ist die Anregung zu einer vergleichenden Betrachtung gleichsam im Weltmaßstab und das Interesse, voneinander zu lernen. Für die Bundesrepublik kann ich sagen: Ich setze mich dafür ein, dass sich unser Modell hier durchsetzen wird und dass wir über die Vernetzung mit anderen Frauenuniversitäten künftig immense Vorteile bieten können.

Forum Bildung: Wie ist das Projekt finanziert und ließe es sich auch als ständige Einrichtung finanzieren?

Neusel: Wir haben es beim Projekt ifu 2000 mit einer Finanzierung durch mittlerweile mehr als siebzig Fördereinrichtungen zu tun - die wichtigsten sind das BMBF, das Land Niedersachsen, die Freie und Hansestadt Hamburg, das bmz, der DAAD, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die Expo GmbH, die Freie und Hansestadt Bremen und viele, viele andere. Es ist eine wirklich lange Liste, und wir sind allen genannten und ungenannten Förderern zu großem Dank verpflichtet, dass sie unserem Konzept Vertrauen geschenkt und dieses Experiment unterstützt haben.Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Ja, genau das hoffen wir: wir arbeiten mit allen Kräften daran, die ifu in der Hochschullandschaft dauerhaft zu etablieren

Forum Bildung: Eine der Visionen der ifu ist die Demokratieförderung. Wo sehen Sie konkrete Ansatzpunkte über Internet ein Mehr an Demokratie zu initiieren?

Neusel: Zweifellos zeigen unsere Erfahrungen im Vorfeld und in der jetzigen Präsenzphase der ifu, dass das Internet ein unschätzbarer Kommunikations- und Informationsweg ist. Aber die demokratische Verfassung einer Hochschule muss die wirkungsvolle Beteiligung an dem Geschehen der Institution gewährleisten. Ich halte am meisten davon, innerhalb einer akademischen Institution konkrete Bedingungen zur Selbstorganisation und zu einem direkten Austausch zu schaffen.

Forum Bildung: Stichwort Virtuelle Frauenuniversität. Werden durch neue Medien traditionelle Wert- und Lernvorstellungen radikal verändert?

Neusel: Ich denke, wir müssen uns die Frage neu stellen, was Lernen ist bzw. auf diejenigen hören, die uns seit geraumer Zeit darauf aufmerksam machen, dass wir mit der landläufigen Vorstellung vom Lernen nicht weiterkommen. Die neuen Lernmedien können uns darin unterstützen, mit dem explosionsartigen Anstieg von Informationsmengen und dem Problem eines sinnvollen Ordnens und adäquaten Einschätzens dieser Informationsberge umzugehen. Darin liegt ihr Potential und die Hoffnung für die Zukunft.

Forum Bildung: Was sagen Sie zu der Kritik, Sie würden wegen der Studiengebühren eine Eliteuniversität für Frauen gründen?

Neusel: Dieses Missverständnis wird kontinuierlich reproduziert, und ich bin dankbar, dass Sie mir Gelegenheit geben, dies klärend aus der Welt zu schaffen. Wir bieten ein postgraduales Studium an, das die Ausbildung der Studentinnen in den Mittelpunkt stellt. Das heißt: Wir haben mit Studentinnen zu tun, die junge Wissenschaftlerinnen und selbstständig sind, bereits einen Studienabschluss in der Tasche haben. Unser Ziel war, dass keine qualifizierte Bewerberin durch finanzielle Probleme vom Studium ausgeschlossen werden sollte. Für den Sommer 2000 ist es uns gelungen, deutlich über 60% der Studienplätze mit einem Stipendium auszustatten. So ist eine Beteiligung an der ifu seitens einer interessierten und qualifizierten Studentin nach meinem Wissen in keinem Fall an den Teilnahmekosten gescheitert.

Forum Bildung: Ein anderer Kritikpunkt sind die angebotenen Themenschwerpunkte. Wie kam die Auswahl zustande? Sind diese Themenschwerpunkte wie Wasser und Körper für potentielle Arbeitgeber nicht zu abstrakt?

Neusel: Diese Kritik ist mir bisher verborgen geblieben: Die Auswahl wurde in einem Expertinnengremium getroffen, wie ich es mir nicht qualifizierter vorstellen kann. Ich hatte eingangs die zweite niedersächsische Forschungskommission erwähnt. Diese Kommission hat sich mit der Frauenforschung in den Natur- und Technikwissenschaften beschäftigt und als Beispiel für zukünftige Forschungsperspektiven sechs Themen formuliert, die letztlich zu den heutigen Projektbereichen geführt haben. Zum Stichwort Arbeitgeber: Tatsächlich war zunächst unser Ziel die Förderung von jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen für eine akademische Karriere. Inzwischen haben wir auch die Berufspraxis als zukünftiges Betätigungsfeld von ifu-Absolventinnen stärker vor Augen.

Forum Bildung: Die ifu ist ja ein sehr mutiges Projekt. Glauben Sie, dass sich die Internationalität in dieser Größenordnung - Studentinnen aus 115 Ländern - überhaupt unter ein Dach bringen läßt?

Neusel: Sie sprechen einen sehr interessanten Punkt an, der in der ifu zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Wichtig scheint mir die Beobachtung, dass unsere Studentinnen in den letzten Wochen immer wieder darauf hingewiesen haben, wie unschätzbar dieses Lernen voneinander, aus dieser Vielfalt heraus für sie ist. Ich kann zur Zeit nur sagen: Wir setzen auf dieses hohe Gut, stellen Überlegungen an, wie sich das auch institutionell noch stärker unterstützen lässt.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 21.09.2000
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