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23. 09. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Noch schneller besser werden

Andreas Schleicher spricht sich für eine komplette Neuorientierung des Bildungssystems aus

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Andres Schleicher

Bildung PLUS: Warum befindet sich Deutschland bei dem jetzt vorgelegten OECD- Bericht "Bildung auf einen Blick" wieder nur auf einem hinteren Platz?

Schleicher: Unsere Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2002, erfassen also jüngste Reformen nicht mehr. Dennoch wird deutlich, dass trotz positiver Veränderungen in Deutschland die Dynamik in vielen anderen Staaten deutlich stärker ausgeprägt ist. Das heißt: Deutschland ist nicht etwa schlechter geworden, sondern es ist in vielen anderen Staaten vieles sehr viel schneller besser geworden. Wobei sich der Bericht im Wesentlichen gar nicht auf Schule bezieht, sondern auf Ausbildung nach der Schule in der Tertiärausbildung.

Bildung PLUS: Welche Reformvorhaben müssen im deutschen Bildungssystem Ihrer Meinung nach vorrangig angegangen werden, um das erklärte Ziel des raschen Anschlusses an die führenden Bildungsnationen bald zu erreichen?

Schleicher: Zunächst einmal: klare strategische Perspektiven im Bildungssystem. Bei Schule ist das relativ klar. Da können wir uns heute an den erfolgreichen Bildungsnationen orientieren, die haben klare Perspektiven, da wissen Lehrer, was zu tun ist und da gibt es einen breiten Konsens über die Rolle von Bildung in der Gesellschaft. Dort arbeiten die Schulen ergebnisorientiert und haben ein deutlich größeres Maß an Selbstständigkeit und Verantwortung als Schulen in Deutschland. Sie sind in der Lage, Schüler zu besserem Lernen, Lehrer zu besserem Unterrichten und Schulen zu mehr Effizienz anzuregen. Sie gehen mit Heterogenität verantwortungsvoll um, anstatt dies an verschiedene Schulformen zu delegieren. Und sie bieten außerdem die richtige Kombination aus qualifiziertem Lehrpersonal, individuellen Lernangeboten sowie innovativer Ausstattung.

Auch im tertiären Ausbildungssystem besteht deutlicher Nachholbedarf. Hier sind viele Staaten bei der Integration von Bildungswegen und bei der Flexibilisierung von Qualifikationssystemen deutlich weiter fortgeschritten. Im Ergebnis wurde die Kluft zwischen langer akademischer Ausbildung auf der einen und beruflicher Ausbildung auf der anderen Seite besser überwunden, und der Studierende kann seinen Bildungsweg in vielen Staaten heute flexibler nach seinen Interessen und den sich wandelnden Anforderungen des Arbeitsmarktes gestalten.

Ich bin überzeugt, dass die Zukunft hier in Rahmenkonzepten für Qualifikationen und Abschlüssen liegt, die sich, unabhängig von den Bildungsanbietern, sowohl für die Bewertung als auch für die Anerkennung von Bildungsabschlüssen und Ergebnissen - sei es in formalen Institutionen, aber auch bei der Weiterbildung am Ausbildungsplatz - nutzen lassen. Solche "qualification frameworks" fördern die Kontinuität des Lernens und erlauben es dem Bildungsteilnehmer, verschiedene Bildungsangebote selektiv wahrzunehmen. Ich glaube auch, dass ein solcher Ansatz zu einem ganz anderen Wettbewerb unter den Bildungsanbietern führen wird. In einer veränderten Situation werden sich verschiedene Bildungsanbieter um Qualifikation bewerben und ich denke, dass wird sich insgesamt sehr positiv auswirken.

Bildung PLUS: Der Bericht "Bildung auf einen Blick" hat auch der Diskussion um Schulstrukturen neue Nahrung gegeben. Welche Schlussfolgerungen müssen Ihrer Meinung nach aus dieser Debatte gezogen werden?

Schleicher: Der Bericht enthält keinerlei Informationen, aus denen sich neue Schlussfolgerungen in diesem Sinne ableiten lassen. Der Bericht bestätigt aber, dass das Bildungssystem in Deutschland der Anforderung, mit Verschiedenheit, mit Heterogenität konstruktiv umzugehen, nicht gerecht wird. Auf der einen Seite werden sozial bedingte Schwächen nicht ausreichend ausgeglichen, auf der anderen Seite werden Talente nicht gefördert.

Klar bleibt, dass die gegenwärtigen, auf Selektion anstatt individueller Förderung ausgerichteten Schulstrukturen in Deutschland diesen Anforderungen nicht gerecht werden. Das möchte ich hier nicht als Empfehlung für die deutsche Gesamtschule missverstanden wissen. Wohl aber kann die integrative und individuelle Förderung von Schülern in Staaten wie Finnland, Japan, Kanada, Korea oder Schweden Beispiel dafür sein, wie eine breite Beteiligung an Bildungsgängen zu höheren Abschlüssen führt und gleichzeitig eine hohes Leistungsniveau gesichert werden kann.

Online-Redaktion: Welche Rolle können Ganztagsschulen für das Gelingen der Bildungsreform spielen?

Schleicher: Ich halte Ganztagsschulen für eine wichtige Voraussetzung, um Lernen stärker zu individualisieren, sie bieten dafür aber keine Garantie. Wichtig ist, dass wir Ganztagsschulen nicht als Selbstzweck ansehen, der darin besteht, Schülern mehr vom Gleichen zu vermitteln, sondern als Instrument, um individuelle Förderung zu realisieren.

In der Halbtagsschule, die auch für viele junge Menschen eine halbherzige, Halbtagsangelegenheit bleibt - auch von Schülerseite aus - lassen sich individuelle Förderung und Unterstützung oft nicht ausreichend verwirklichen. In einer Halbtagsschule, in der auch die Lehrer nur halbtags sind, lässt sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht stärken. Aber letztendlich kommt es darauf an, wie weit es gelingt, Lernen zu individualisieren.

Den Erfolg der Ganztagsschule müssen wir daran messen, inwieweit es gelingt, sowohl Defizite auszugleichen - ob sozial bedingt oder nicht - und auf der anderen Seite Talente zu finden und zu fördern, also das Potenzial aller jungen Menschen optimal zu nutzen.
 
Bildung PLUS: Von welchen Ländern kann Deutschland besonders lernen?

Schleicher: Im Bereich Schule zeigen uns Länder wie Finnland, Kanada oder Japan, wie man eine ausgezeichnete Gesamtleistung und gleichzeitig auch ein hohes Maß an Chancengerechtigkeit erreichen kann. Von diesen Ländern kann Deutschland viel lernen. und ich halte gar nichts von dem Argument, dass die Erfolge anderer Bildungssysteme nicht übertragbar seien.

Im tertiären Bildungsbereich bieten Länder wie Australien, England, Finnland oder Schweden Beispiele, wie man in überschaubaren Zeiträumen ein offenes leistungsstarkes Bildungssystem entwickeln kann, das viele junge Menschen anspricht und attraktiv ist.

Verschiedene Länder bieten in verschiedenen Bereichen Orientierung an. Was ich mir für Deutschland wünschen würde, ist die Offenheit, darauf zuzugehen und nicht immer als erste Reaktion, das funktioniert hier nicht, sondern zu überlegen, wie können wir das auf unsere Verhältnisse übertragen.

Andreas Schleicher, geboren 1964 in Hamburg, verheiratet und Vater von drei Kindern; Studium der Physik, Master of Science am Fachbereich Mathematik der Deakin Universitiy in Australien; Auszeichnung 2003 mit dem "Theodor Heuss" Preis.
Schleicher ist Leiter des OECD-Programms zur Bewertung der internationalen Schülerleistungen (PISA) bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

Autor(in): Peer Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 23.09.2004
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