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13. 09. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Leichtfüßiger Schuleintritt

Die Grundschulzeit dauert künftig auch in NRW drei bis fünf Jahre

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Das Werk "Buch und Füsse" des verstorbenen Künstlers Wolfgang Seiler.

"Darf ich nun in diesem Jahr eine Schultüte wie meine Freundin Charlotte haben oder nicht?", fragt sich die knapp sechsjährige Ruth und ist mit dieser Fragestellung nicht alleine. Viele der als noch nicht schulreif eingeschätzten Kinder erleben Rückstellung vom Grundschulbesuch als Abwertung. Doch auch die als erst mal schwächer geltenden Schülerinnen und Schüler haben mit der neuen, jahrgangsübergreifenden Grundschule in NRW gute Karten. Je nach persönlichem Entwicklungsstand und Lerntempo durchlaufen sie dort die bislang vierjährige Grundschulzeit in drei bis fünf Jahren. So können viele Kinder spätestens mit dem Schuljahr 2005/2006 durch die flexible Schuleingangsphase leichtfüßiger den Schritt aus dem Kindergarten auf das Schulgelände wagen. Zahlreiche Schulen in NRW bieten im kommenden Schuljahr die Klassen eins und zwei schon im jahrgangsübergreifenden Unterricht an.  

In vielen europäischen Ländern ist die Flexibilisierung der Schuleingangsphase längst gang und gäbe und die Bundesländer Brandenburg, Schleswig Holstein, Berlin und Thüringen haben sich bereits 2003 vom Konzept der vierjährigen Grundschulzeit verabschiedet. Doch noch ist Deutschland an erster Stelle, wenn es heißt Kinder auszusieben. Alleine in Nordrhein-Westfalen werden jährlich circa 11.000 Kinder zurückgestellt, bevor sie eine Schule von innen kennen lernen konnten. Als schuluntauglich geltend, wechseln die Kinder vom Kindergarten in einen der 785 Schulkindergärten, um hier die Schulreife zu erlangen.    

Integration statt Selektion 
Die Notwendigkeit, in Deutschland Kinder früh und individuell zu fördern, ist nach PISA und IGLU in vielen Köpfen angekommen. Aber wie diesen Einspruch einlösen? Ein Ansatz ist das Konzept der drei bis fünfjährigen Schuleingangsphase. Weil Schulministerin Ute Schäfer (SPD) "nicht mit einem Paukenschlag den Hebel umlegen will", stehen die 3500 Grundschulen in NRW nicht unter dem Druck, sofort den jahrgangsübergreifenden Unterricht einzuführen. Dennoch muss jede nordrhein-westfälische Schule bis zum 31. Januar 2005 ein Konzept vorlegen, in dem sie darstellt, wie sie die Kinder stärker als bisher individuell fördern wird. Ute Schäfer erläutert: "Ziel ist es, alle schulpflichtigen Kinder eines Jahrgangs in die Grundschulen aufzunehmen und sie dem Grad ihrer Schulfähigkeit entsprechend zu fördern."

Einzig aus medizinischen Gründen dürfen Experten künftig den Schülernachwuchs vom Schulbesuch zurückstellen. Ein weiterer entscheidender Vorteil der neuen jahrgangsübergreifenden Schuleingangsphase: Die Kinder bleiben in festen Gruppen. Weder überspringen sie einzeln eine Klasse, wenn sie besonders schnell lernen, noch bleiben sie alleine sitzen, wenn ihr Lerntempo etwas langsamer ist. Auf diese Art wird das Kind weder belastet durch "das Stigma, ein Lernversager zu sein" noch durch die Neuorientierung in einer fremden Klasse, sagt die Pädagogik-Professorin Renate Hinz von der Universität Dortmund.    

Lerngruppen statt Jahrgänge
Wie soll das aussehen? Am Beispiel einer zweizügigen Grundschule lassen sich die organisatorischen Veränderungen verdeutlichen: Die Schülerinnen und Schüler wurden bislang jahrgangsbezogen in Klassen verteilt. Gebildet wurden jeweils zwei erste und zweite Klassen, also insgesamt vier Klassen. Bei Einführung der flexiblen Eingangsphase löst ein zweizügige Schule am Ende des ersten Jahres die erste Klasse auf und bildet aus den Klassen eins und zwei vier übergreifende Lerngruppen. Auch die Kinder der bisherigen Klassen drei und vier werden gemischt. Je nach Begabung bleiben die Schüler ein bis drei Jahre in der Schuleingangphase. Die Grundschulzeit richtet sich somit nach der individuellen Leistungsstärke und dauert drei bis fünf Jahre.

Zum Lehrerpersonal werden sich die 600 Sozialpädagogen aus den Schulkindergärten sowie 450 zusätzliche Pädagogen hinzugesellen. Mentoren und Fortbildner bereiten die Lehrerinnen und Lehrer auf die veränderten Rahmenbedingungen und Fördermöglichkeiten vor und qualifizieren in Bezug auf Förderdiagnostik sowie Unterrichtsmethodik.

Schulkindergärten werden geschlossen

Laut Schulministerium werden die nordrhein-westfälischen Schulkindergärten in ihrer bisherigen Form aufgelöst. Die dort tätigen Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen sollen dann in Grundschulen zum Einsatz kommen, um dort gezielt einzelne Kinder besser zu fördern und Lehrerinnen sowie Lehrer im jahrgangsübergreifenden Unterricht zu unterstützen.

An diesem Punkt meldet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Zweifel an: Da nur 900 Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen in den NRW-Schulkindergärten beschäftigt sind, könnte nur jede vierte Grundschule eine Unterstützung erwarten. Die Ministeriumssprecherin Christiane Vielhaber kann diese Zweifel nicht zerstreuen: "Kindern, die absehbar eine Förderung brauchen, soll empfohlen werden, eine Grundschule zu besuchen, die von einer Sozialpädagogin betreut wird", sagte Vielhaber in einem Gespräch mit dem Westdeutschen Rundfunk.   

Nachwirkungen der PISA-Studie
Das frühe und individuelle Fördern der Kinder und Jugendlichen ist in Deutschland keine Lieblingsdisziplin. Hierfür erhielt das deutsche Bildungssystem mit den Ergebnissen der PISA-Studie ein miserables Zeugnis. Daher beschloss die Kultusministerkonferenz unter anderem Maßnahmen zu besseren Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule. Angestrebt wird beispielsweise eine frühere Einschulung der Kinder. Auch eine Verbesserung der Sprachkompetenz der Schulkinder soll hiermit unterstützt werden. Denn die Basis für Sprachgefühl und -verständnis entwickelt sich schon früh und kann so gezielt gefördert werden. 

In den Grundschulen, so die Kultusminister, würden die Maßnahmen vor allem auf eine optimale Nutzung der Lernzeiten zielen. Flexible Einschulungstermine und flexible Eingangsstufen erlauben eine individuelle Förderung. Das Kultusministerium Baden Württemberg stellte nach Erprobung verschiedener Modelle durchgehend große Vorteile fest (siehe Link "Vom Projekt zum Alltag"). So ermögliche die Flexibilisierung der Einschulung eine verstärkte Berücksichtigung individueller Lernvoraussetzungen, - fortschritte und Lebenslagen. Mittels Lernstandsdiagnosen und Förderplänen könnten alle Kinder von lernschwach bis hochbegabt individuell gefördert werden. Integrative Schulentwicklung werde erleichtert und der Schultag könne anderen, kindgemäßeren Rhythmen folgen. 
Möglich werde auch eine verstärkte Zusammenarbeit der Schulen mit den Eltern, Kindergärten und dem Umfeld im Stadtteil. Diese Verzahnung habe positive Auswirkungen auf die Schule und deren Kooperationskultur.

Bedenken statt Hoffnung

Nicht alle können sich mit dem neuem Einschulungsmodell anfreunden: In der letzten Plenarsitzung des Landtags vor der Sommerpause beantragten CDU-Abgeordnete, das gesetzlich bereits beschlossene Vorhaben auszusetzen und die Schulkindergärten weiterhin separat zu erhalten. "Zu kurz" sei die Vorbereitungszeit für die Schulen, materielle und personelle Ressourcen fehlten, kritisierte Marie-Theres Kastner (CDU): "Wir können die flexible Eingangsphase jetzt nicht mit der Brechstange durchsetzen." 

Auch Eltern haben Bedenken, sie bewegt die Sorge, dass die älteren Kinder möglicherweise unterfordert sein und in ihrem Lernfortschritt gebremst werden könnten. Skeptisch, nicht pessimistisch betrachtet Renate Hinz von der Universität Dortmund die Erfolgschancen der Reform: Erfolg sei nur gesichert, wenn die Lehrer auf die grundlegende Umstellung des Unterrichts ausreichend vorbereitet würden.    

Probieren statt studieren
Das neue Kleid der Grundschule ist zwar neu aber nicht ungetragen. Es gibt im Land schon vielfältige, punktuelle Erfahrungen damit. So hat die Leiterin der katholischen Münsterschule in Neuss, Ursula Jäkel, gute Erfahrungen mit der flexiblen Schuleingangsphase gesammelt und kann beruhigen: "..., die Älteren profitieren davon, wenn sie den Jüngeren etwas erklären." Zudem steigere sich ihr Selbstwertgefühl, "weil sie schon mehr wissen als andere" und sie seien in der Lage, ein Thema noch einmal zu durchdenken, um es selbst erklären zu können, so Ursula Jäkel.

Wolfgang Grüe, Schulleiter der Andreas-Grundschule in Korschenbroich, weist auf Hürden hin, die noch zu bewältigen sind.: "Für diese Art des Unterrichts sind wir alle nicht ausgebildet. Also haben wir Lehrerfortbildungen beantragt und auch erhalten", berichtet Grüe. Mehrarbeit entstehe auch durch die notwendige Suche nach geeignetem Lehrmaterialien, die zwar von den Verlagen "auf den Markt geworfen" würden aber noch ausgewählt werden müssten. Schwierig sei auch, dass es für die Anschaffung des neuen Lehrmaterials vom Land keinen Cent zusätzlich gebe. "Wir stehen deshalb bittend bei der Kommune und hoffen auf einen Förderverein der Eltern", klagt Wolfgang Grüe. Doch der Schulleiter sieht auch die Dringlichkeit der Reform: "Schon jetzt sei die Bandbreite der Bedingungen, die Kinder mitbrächten, "von gut in Rechnen bis nicht Stift halten können", so groß, dass nur individuelle Förderung weiterhelfe. Ein Fazit, dass Verantwortliche auf allen Ebenen zum beherzten Wegräumen der noch auf dem Weg liegenden Stolpersteine einlädt.

Bundesländer und flexible Schuleingangsphase: Wer schon hat - Wer noch will

Folgende Länder haben die Grundschul-Reform schon umgesetzt oder sie fest eingeplant.  

  • Baden-Württemberg: Regional vorhanden
  • Bayern: Regional vorhanden
  • Berlin: Ja, flächendeckend ab 2006
  • Brandenburg: Ja, flächendeckend in den nächsten Jahren
  • Bremen: Ja, flächendeckend ab 2006
  • Hamburg: Regional vorhanden
  • Hessen: Ja, flächendeckende Einführung geplant
  • Mecklenburg-Vorpommern: Nein
  • Niedersachsen: Regional vorhanden
  • Nordrhein-Westfalen: Ja, ab 2005 
  • Rheinland-Pfalz: Nein
  • Saarland: Nein
  • Sachsen: Nein
  • Sachsen-Anhalt: Ja, flächendeckend ab 2005
  • Schleswig-Holstein: Regional vorhanden
  • Thüringen: Ja, flächendeckend seit 2004

 

 

Autor(in): Katja Haug
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.09.2004
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