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02. 09. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Kleine Stiftungen wissen, dass sie nicht die Welt verändern können"

Alle fördern, wie sie können: Immer mehr Privatleute gründen Stiftungen

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Ambros Schindler, Deutsches Stiftungszentrum (DZS)

Bildung PLUS: Jede fünfte Stiftung in Deutschland kümmert sich um Bildung. Wie lässt sich dieser hohe Anteil erklären?  

Schindler: Dafür sind zwei Haupttriebfedern verantwortlich: Die rationale Triebfeder ist, dass Bildung das Einzige ist, was das Land voranbringt, denn sie ist die Voraussetzung für Forschung und Wissenschaft, die wiederum zu Patenten und letztendlich zu wirtschaftlicher Blüte führen. Das ist auch der Grund, warum sich die meisten der Stiftungen um die Begabtenförderung kümmern. Das betrachten Kritiker wahrscheinlich als eine wenig soziale Förderung, weil nicht in der Breite gefördert wird, aber nur eine gezielte Begabtenförderung kann als Motor für Wissenschaft und Forschung dienen.

Neben dieser rationalen gibt es auch eine emotional begründete  Triebfeder: Personen, die keine Kinder haben, sehen in der Förderung von jungen Menschen ein Ideal. Die Stifter nehmen auch gerne an den Auswahlverfahren teil, und zwar nicht, weil sie Dankbarkeit der Stipendiaten erwarten, sondern weil sie ihr Ideal real vor Augen haben möchten.  

Bildung PLUS: Gibt es in der Bildung Schwerpunktthemen?  

Schindler:
Die Stifter fördern meist ab dem Hochschulzugang. Natürlich gibt es auch eine gezielte Förderung in Gymnasien mit Hilfe von Preisen. Diese Förderungen spielen sich aber meistens unterhalb der Stiftungsebene ab - oft sammeln Fördervereine oder Einzelpersonen Spenden und können so einen Preis stiften.  

Bildung PLUS: Wie unterscheiden sich die großen von den kleinen Stiftungen in ihrer Leistungsfähigkeit?   

Schindler: Leistungsfähigkeit hängt natürlich vom Vermögen und Ertrag ab. Die großen und kleinen Stiftungen unterscheiden sich dadurch, dass große Stiftungen programmatisch arbeiten, während die kleinen Stiftungen sich im System eingliedern und zum Beispiel geisteswissenschaftliche Stipendien vergeben. Die kleinen Stiftungen wissen auch genau, dass sie nicht die Welt verändern können, sondern nur innerhalb des Systems mit einer gezielten Förderung etwas bewirken können.

Die großen Stiftungen dagegen gelten eher als Systemverbesserer. Ich halte beide Strategien für sinnvoll und wichtig und würde mir nur wünschen, dass die kleinen Stiftungen zumindest in dem Rahmen, in dem sie fördern, bekannter werden. Zumindest so bekannt, dass die Zielgruppen von ihnen wissen und sich an sie wenden können...

Bildung PLUS:
Das ist ja nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Einstellung. Bertelsmann zum Beispiel investiert nur in eigene Ideen und Projekte...

Schindler: Viele große Stiftungen sind operativ tätig, aber Bertelsmann verfolgt dieses Prinzip am konsequentesten. Bertelsmann operiert wie ein Institut und kann, weil ja sie alle Leute vor Ort haben, viel direkter und stringenter an Projekte herangehen und diese auch innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens realisieren.

Die anderen Stiftungen suchen sich die Experten außerhalb des eigenen Hauses. Das hat natürlich Nachteile, aber auch Vorteile: So können diese flexibler arbeiten, weil sie sich individuelle Teams zusammenstellen können und nicht nur auf ihren eigenen Apparat angewiesen sind.  

Bildung PLUS: Warum sind Stiftungen wie Bertelsmann effektiver als der Staat, wenn es um Reformen geht?

Schindler: Sie haben die Chance, dass sie nicht auf austarierte Mehrheiten schauen müssen. Die Politik dagegen muss Rücksichten nehmen, Kompromisse eingehen und irgendwann ist das Ursprungskonzept so verwässert, dass nur noch das Etikett stimmt.

Die Stiftung dagegen kann eine gewisse Willkür walten lassen, indem sie bestimmte Dinge und Menschen fördert und andere eben nicht. Damit können sie die Mittel, die sie haben, an einer Stelle konzentrieren und zum Beispiel ein Modellprojekt wirklich vorantreiben. Ein weiterer Vorteil von Stiftungen ist, dass sie Einrichtungen und Vorhaben auch wieder auflösen oder stoppen können, wenn das Projekt nicht von Erfolg gekrönt war. In der Politik würde dieser Ballast oftmals weiter mitgeschleppt werden.

Bildung PLUS: Gutes tun bringt nicht nur Lob ein. Kritiker verdächtigen die Stiftungen der Einflussnahme in der Politik...

Schindler: Ich kann diese Einschätzung nicht teilen. Allein schon deshalb nicht, weil die finanziellen Beträge der Stiftungen und die des Staates weit auseinanderliegen. Natürlich gibt es immer Fälle, an denen das festgemacht wird, wie zum Beispiel an einem Künstler, der für eine Stiftung einen Museumsneubau fordert. Diese Dinge sollte man auch kritisch hinterfragen, denn ich bin der Meinung, dass ein Vorhaben von A-Z vom Initiator durchfinanziert sein sollte. Aber pauschal ist diese Kritik an den Stiftungen eben nicht gerechtfertigt.

Natürlich setzen die Stiftungen den Staat mit erfolgreichen Modellprojekten unter Druck, diese Lösungsansätze dann flächendeckend einzuführen. Aber das ist ja ein heilsamer Druck. Es ist doch toll, wenn eine Stiftung, ohne den Staat Geld zu kosten, eine Vorleistung erbringt und Dinge ausprobiert, die der Staat adaptieren kann, wenn sie funktionieren.

Dr. Ambros Schindler ist Mitglied in der Geschäftsleitung des Stifterverbandes und leitet das Deutsche Stiftungszentrum (DSZ).

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 02.09.2004
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