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07. 02. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Vorerst alles beim Alten

Internet-Communities für Migranten füllen viele Lücken, aber nicht in der Bildung

"Ich kenne Jugendliche, die das Gymnasium besucht haben und nach dem Abitur unbedingt eine Lehre machen wollten und was war? Nichts". Das schreibt ein Jugendlicher unter dem Pseudonym Ego im Chat der Internet-Community Vaybee, die sich an Türken in Deutschland wendet. Die Bildungschancen ausländischer Jugendlicher hierzulande sind tatsächlich ernüchternd: Vier von zehn Migranten in Deutschland im Alter zwischen 20 und 30 Jahren haben keinen Berufsabschluss und jeder Fünfte nicht mal einen Hauptschulabschluss. Diese Zahlen bilden aber nur einen Teil der deutschen Wirklichkeit ab. Auf der anderen Seite der Bilanz stehen 51.000 türkische Unternehmen in Deutschland, die 293.000 Menschen beschäftigen - und in den kommenden Jahren sollen es noch mehr werden. Vaybee reiht sich in die Riege des florierenden türkischen Unternehmertums nur auf dem Papier ein. Denn Vaybee - "Wow!" auf Englisch - hat nichts mit den klassischen Branchen wie Gastronomie, Tourismus und Handel zu tun. Gehandelt wird hier höchstens mit Bannern, Visits und Mitgliederzahlen. Die Wirtschaftswoche schien so begeistert über die Tatsache, dass Türken nicht nur Imbissbuden betreiben können, dass sie über Vaybee schrieb: "Dot.Com statt Döner". Die drei Brüder Tamer, Akgün und Hasim Kulmac und ihr Schwager Ufuk Senay aus Köln haben entweder studiert oder waren früher schon selbstständige Unternehmer.

Das Internet vernetzt junge Türken

Der Erfolg von Vaybee basiert zum einen auf dem Dornröschenschlaf der klassischen Medienanbieter und zum anderen auf dem interaktiven Angebot, welches das Portal selbst anbietet. Deutsche Medien basteln ihr Programm an den türkischen Jugendlichen vorbei und die türkischen Medien richten sich ausschließlich an die Elterngeneration. Der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir von Bündnis 90/Die Grünen in einem Interview mit der Online-Redaktion des Forum Bildung (» zum Interview): "Die mehr als 7 Millionen Nicht-Deutschen stehen im medialen Abseits".
Kein Wunder also, dass Ethno-Portale nun an allen Ecken und Enden aus dem Netz schießen. Weitere Angebote für Polen, Türken und auch die 34.000 Inder in Deutschland sind inzwischen online. Pioniere auf diesem Gebiet sind die spanischsprachigen Communities in den USA, die schon seit Jahren vormachen, was hierzulande noch in den Kinderschuhen steckt: Ein professionelles Medienangebot, das seinen Vorteil der Interaktivität auszuspielen weiß.


Vaybee bietet seinen 27.000 Mitgliedern eine redaktionelle Mixtur aus Politik, Lifestyle und kostenlosen SMS- und E-Mail-Services, die heute zum guten Ton eines jeden Internet-Portals gehören. Der Motor auf der Homepage sind aber die interaktiven Chats und Foren, in denen sich die meisten Mitglieder tummeln. Die Internet-Community schafft etwas, was bislang undenkbar war: Die junge türkische Gemeinde in Deutschland zu vernetzen. "Wir merken, dass anscheinend der soziale Kontakt sehr, sehr wichtig ist", erklärt Vaybee-Gründer Tamer Kulmac im Gespräch mit der Online-Redaktion des Forum Bildung (» zum Interview). Es gebe es so viele Communities in Deutschland, aber nicht für die Türken, die hier leben. So beschlossen die vier Gründer von Vaybee, "wenn es das nicht gibt, machen wir es selbst". Investoren waren schnell gefunden und ab Mai 2000 boten sie türkischen Migranten in Deutschland eine virtuelle Heimstatt an.

Die türkische Gemeinde drängt ins Netz

Was das Internet angeht, ist die türkische Gemeinde eher ein Spätentwickler, denn 60% der türkischen Internet-Nutzer sind laut einer Emnid-Umfrage erst seit vergangenem Jahr online. Insgesamt sind das 13% der 2,1 Millionen Türken, die in Deutschland leben. Weitere 29% wollen laut Emnid ihren Landsleuten in den nächsten sechs Monaten ins Netz folgen. Dieser Trend wird aber vorerst nichts an den schlechten Ausbildungschancen ausländischer Jugendlicher ändern. Ein Blick auf die Nutzerprofile von Vaybee zeigt, dass der duchschnittliche türkische Internet-Surfer seinem deutschen Gegenpart in nichts nachsteht: Männlich, zwischen 21 und 29 Jahren alt und gut ausgebildet. Die Frauen sind aber mächtig auf der Überholspur: Bei Vaybee sind schon knapp 40% der Mitglieder Frauen. Die Anonymität des virtuellen Raumes trägt zu dieser hohen Quote ohne Zweifel bei. Die Hoffnung, dass benachteiligte Jugendliche mit Hilfe des Internets erreicht werden können, ist eine Illusion. Auch im neuen Medium bleibt vorerst alles beim Alten.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.02.2001
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