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05. 01. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Musik gegen Gewalt an Schulen

Alle zwei Jahre veranstaltet die Schülervertretung der Gesamtschule Mücke das Open Air-Festival "Musik statt Gewalt"

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Rockband "Cross Fire" beim Open Air-Festival in Mücke

Verbale Drohungen gegen Schulkinder, Schläge, regelrechte Erpressungen sind an der Tagesordnung. Gerade jüngere Schüler werden gezwungen sich als Drogenkuriere für die rechte Szene zu verdingen. Der Hintergrund: Ganze sechs Rechtsextreme drangsalieren eine Schule. Die Angst greift um sich und damit einher geht, dass die betroffenen Kinder dem Unterricht fernbleiben. Deutliche Einbrüche in den Schulleistungen sind die Folge.

"An unserer Schule war die Stimmung unter immer mehr Schülern geprägt von Angst und Hoffnungslosigkeit", sagt Gustav Theiß, stellvertretender Schulleiter der Gesamtschule Mücke (GSM). Als man der Rechtsextreme habhaft wird, stellt sich heraus, dass sie Schüler der GSM sind. Außerdem breiten sie ihre Aktivitäten und Provokationen auf die gesamte Gemeinde in Mücke aus: körperliche Gewalt gehört zum Repertoire der rechten Bande ebenso wie Sachbeschädigung und Nazischmierereien.

Die Großgemeinde Mücke, die im Vogelsberg liegt, ist eine ländlich geprägte Region mit knapp über 10.000 Einwohnern. Die Schulkinder kommen aus zwölf verschiedenen Ortsteilen der Gemeinde. Von außen betrachtet ist die kleine Welt in Mittelhessen völlig intakt. Doch die rechte Szene in Mücke ist dabei gewesen, sich mental und logistisch gegen Schwächere, Andersdenkende und gegen die "Fremden" aufzurüsten.

Jeder dritte Junge schlägt seinen Mitschüler
Gewalt an Schulen, insbesondere rechtsextreme Gewalt ist bloß die Spitze eines Eisberges. Der größte Brocken an sozialer Kälte und Alltagsgewalt hat sich zuvor wie ein Massiv unter der Wasseroberfläche aufgetürmt. Laut einer Studie Aggression und Delinquenz unter Jugendlichen vom Bundeskriminalamt hat im ersten Halbjahr 2003 jeder dritte schulpflichtige Junge in Deutschland einen Mitschüler geschlagen und getreten. Gut fünf Prozent aller Schüler verhalten sich "regelmäßig aggressiv" gegen andere, wobei das Spektrum der Gewalt von Beschimpfen, Erpressen bis zum Schlagen reicht.

Wie kann das Eis der Gewalt an Schulen, das mitten aus der Gesellschaft kommt, aufgetaut werden und welche Rolle spielt dabei das schulische Umfeld? Nach dem Amoklauf in Erfurt mit 16 Toten haben die Bundesländer zunächst Programme zur Gewaltprävention aufgelegt. So etwa ein Anti-Gewalt-Trainings-Programm in Nordrhein-Westfalen, an dem bisher 30.000 Schüler teilnahmen.

Desweiteren unterstreicht der Schulversuch der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung Demokratie lernen und leben , wie wichtig es ist, die "zivilgesellschaftliche Handlungskompetenz" zu stärken. An dem Schulversuch nehmen 160 Schulen aus zwölf Bundesländern teil. Der von der Gesamtschule Mücke mit 1095 Schülerinnen und Schülern gewählte Weg gegen rechte Gewalt orientiert sich am demokratischen und zivilgesellschaftlichen Handeln der Schülerschaft. Darüber hinaus versucht die Schule, eine ortsübergreifende Öffentlichkeit zu schaffen, um gegen das Gewaltproblem zu mobilisieren.

Schülervertretung mobilisiert gegen Gewalt
Es beginnt mit ersten konsequenten Schritten der Betroffenen, also der Schülerinnen und Schüler gegen die rechte Szene und die Eiseskälte des Hasses. So wird in Mücke zunächst die Schülervertretung aktiv. Was tun? Flugblatt entwerfen, Infoabend, öffentliche Veranstaltung im Rahmen eines Schulfestes: das alles ist der Tragweite der Übergriffe nicht angemessen. Also wird eine größere Veranstaltung anvisiert, ein Musikevent gegen rechte Gewalt.

Eine Arbeitsgruppe von Lehrern, die "Anti-Gewalt-AG" steuert mit den Schülervertretern die Aktion, die gegen Gewalt allgemein und gegen rechtsradikale Gewalt im Besonderen aufmerksam machen will. Eltern und Schüler sollen aufgeklärt werden über die Ursachen der Gewalt und sie sollen ermutigt werden, dagegen vorzugehen. "Wir haben im Lehrerzimmer das Motto der Veranstaltung geboren, indem wir die Initialen der Schule umgedreht haben; anstelle von GSM: 'Musik statt Gewalt' (MSG)", sagt Gustav Theiß von der Schulleitung.

Volltreffer gegen die rechte Szene
Das erste Schulfest gegen rechte Gewalt wird im August 2001 durchgeführt. Es ist ein Projekt von Schülern und Lehrern, das auch gezielt ein außerschulisches Publikum erreichen will. Ideengeber sind die Lehrer Rolf-Dieter Aff und Jörg Wöhrmann. Beide sind Musiker und stellten Kontakte zu den Bands her. Sie wurden dabei von anderen Lehrkräften unterstützt. Beim ersten Festival kommen die Rechtsradikalen noch mit Springerstiefeln, um die Veranstaltung zu stören. Doch "wir haben die Szene getroffen" sagt Gustav Theiß von der GSM. Außerdem sorgen Sicherheitskräfte bei der Veranstaltung dafür, dass keine Ausschreitungen vorkommen.

Schon das erste Musikfestival gegen rechte Gewalt an Schulen wird ein Erfolg, was die Beteiligung und das Engagement der Schüler betreffen. Während des Open Air Konzerts auf dem Gelände der GSM treten drei bekannte Bands mit Lokalkolorit auf: Die "Urban Style Changers", Sonja Wiegand mit Band und die Gruppe "Fate". Sie verbreiten eine lebhafte, rockige Stimmung in dem sonst ländlichem Ort. Gesponsert wird das Festival übrigens auch von Coca Cola im Rahmen der Aktion "1000 Schulen in Bewegung". Für die Schülervertretung wird das erste Schulfest unter dem Strich aber eine Verlustrechnung, die sie durch den schülereigenen Kiosk auffangen kann.

Die zweite Auflage von "Musik statt Gewalt" im Sommer 2003 wollte die Schülervertretung unter veränderten Vorzeichen realisieren. Der Fokus sollte weit über die Schule hinaus reichen und die Veranstaltung sollte vor allem besser finanziert werden. Jennifer Kühnle, die Schulsprecherin und der Schulleiter Willi Sollner schreiben an den Bürgermeister Matthias Weitzel der Gemeinde Mücke: "Rechtsextreme Gewalt nimmt zu, wir erleben häufig offen ausgetragene Gewalt bei öffentlichen Veranstaltungen. Medien verbreiten Gewalt bis ins Kinderzimmer und letztendlich bestätigen uns die schrecklichen Ereignisse des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt im letzten Frühjahr darin, auch unser nächstes Open-Air-Konzert wieder unter dem Leitbild 'Musik statt Gewalt' zu organisieren." Der Bürgermeister erklärt sich bereit, das Projekt wohlwollend zu unterstützen.

Anti-Gewalt-Training
Plakate und Logos entwerfen, Arbeitspläne zu erstellen, die Einladung von gemeinnützigen Organisationen, die Erstellung einer eigenen Website: Die Organisation einer Schulveranstaltung, die auch über die rechte Gewalt aufklären möchte, ist sehr abeitsaufwändig. Ein Jahr Vorlaufzeit müsse man dafür schon in Kauf nehmen, sagt Gustav Theiß. Ein wichtiger inhaltlicher Bestandteil des Open-air Programms ist übrigens die Präsentation von Anti-Gewalt-Ausstellungen und ein "anti-gewalt-schüler-rap-musik-kontest". Auch ein "anti-gewalt-trainings-seminar" für die älteren Schüler, das von einem Kriminalbeamten durchgeführt wird, ist gehört zu dem Kanon der Großveranstaltung. Hierbei geht es darum, dass die Schwachen Techniken lernen, sich besser gegen körperliche und verbale Gewalt in der Klasse zu behaupten.

Im Mittelpunkt der Organisation steht aber die Musik: Insgesamt sind 2003 vier Bands eingeladen worden, zwei Profi-Bands die "Capones" und "Cross Fire" und zwei Amateurgruppen "Habbits" und "Bembelator" mit Hessenrock. Sie sollen den ereignisreichen Tag aus Information, Aufklärung, Sport und Unterhaltung mit einem bunten Musikprogramm abschließen, das alte und junge Besucher anspricht.

Sponsoren suchen
Die Akquise von Sponsorengeldern ist dieses Mal erfolgreicher: die finanziellen Hilfen der ca. sechs Sponsoren sind nicht üppig, aber immerhin von nicht geringer symbolischer Wirkung. Das Ziel einer besseren finanziellen Absicherung der Veranstaltung ist jedenfalls erreicht worden: "Es ist so kalkuliert worden, dass die laufenden Kosten über Sponsorengelder gedeckt werden konnten", so Theiß.

Das zweite Musikfestival gegen rechte Gewalt an Schulen entpuppt sich als ein Magnet für Besucher aus der ganzen Region: "Unsere Arbeit und vor allem das Engagement der Schülervertretung haben sich sehr gelohnt. Mit der gelungenen Veranstaltung haben wir ein Signal für die gesamte Region Vogelsberg gesetzt", betont Theiß. In der Gemeinde spricht man noch lange und voller Anerkennung von dem Großereignis.

"Die Mauer des Schweigens gebrochen"
Der Anlass der Schüleraktion ist damit aber nicht aus der Welt. Die Rechtsradikalen sind nach wie vor präsent in Mücke und haben auch versucht, das Open Air Festival im Vorfeld mit Nazischmierereien an öffentlichen Plakaten zu stören. Doch die Gewalt an der Schule hat deutlich abgenommen: "Die Mauer des Schweigens ist jedenfalls gebrochen worden und die Schüler haben den Mut entwickelt, sich gegen Gewalt zu stellen", sagt Theiß. Wichtig ist, dass man die Schülerinnen und Schüler mit dem Problem nicht mehr allein lässt. Mit der öffentlichen Thematisierung von Hass und Gewalt trauen sich die Rechtsradikalen zumindest in der Schule nicht mehr hinter dem Ofen hervor: "Sie sind Einzelkämpfer an der Schule geworden, die sich hier nichts mehr zuschulden kommen lassen. Man weiß von ihnen und sie stehen unter permanenter Beobachtung", ergänzt der zweite Schulleiter.

Nach der bestandenen Feuertaufe für die GSM will die Schule nun versuchen den Aktionsradius des Anti-Gewalt Projektes zu vergrößern und Schulen in Gießen, Alsfeld und Lauterbach zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Auf jeden Fall soll der Grundgedanke von "Musik statt Gewalt" in Zukunft Teil des Schulprogramms werden, so Theiß: "Er soll das neue Gesicht unserer Schule werden".

 

Autor(in): Peer Zickgraf
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Datum: 05.01.2004
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