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04. 12. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Kanaken Art & Weise"

Die multikulturelle Band Ischen Impossible begeistert mit "balkan-afro-germanischer" Musik

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"Ischen Impossible"

Bildung PLUS: Ischen Impossible - ihr seid eine multikulturelle Band mit Wurzeln in Afrika, im ehemaligen Jugoslawien, in Amerika und in Kreta. Erfahrt ihr das "Anderssein" als Bereicherung oder als Defizit?

Maria: Auf jeden Fall als Bereicherung!

Conny: Ich denke, dass wir mittlerweile sogar den ganz normalen Durchschnitt der heutigen Gesellschaft bilden. Heute findet man keine Gruppe oder Fußballmannschaft mehr, in der nur Deutsche sind.

Bildung PLUS: Und was bedeutet die Kulturenvielfalt für eure Musik?

Maria: Alle Sprachen, die wir sprechen, fließen in unsere Texte und Songs mit ein. Es wäre auch schade, wenn wir das nicht machen würden, denn dadurch verstehen uns Leute, die nicht deutsch sprechen.

Iva: Und natürlich beeinflusst die Folklore, mit der wir aufgewachsen sind, unsere Musik jetzt immer noch. Wir vermitteln das durch die Kombination von HipHop und Raggae.

Bildung PLUS: Macht ihr deutsche Musik?

Iva: Wir machen schon deutsche Musik, denn wir leben in Deutschland und beschäftigen uns mit den alltäglichen Sachen in Deutschland. Wir setzen sie aber auf unsere eigene Art und Weise um. Deshalb nennen wir unsere Musik auch "balkan-afro-germanisch". Es kommen Einflüsse aus verschiedenen Ländern zusammen.

Bildung PLUS: Und was ist das Besondere an eurer Musik?

Maria: Wir versuchen eine 1a-Kombination zwischen Ragga und HipHop herzustellen. Das ist nicht neu, aber wir bringen es jetzt in Deutschland auf den Punkt. Einige Leute finden das vielleicht merkwürdig, sie denken, dass man so etwas nicht mischen kann. Wir wollen den Leuten aber zeigen, dass das doch geht und es funktioniert auch.

Conny: Und wir haben den Vorteil, dass es hier eine gefestigte Kultur gibt. Diese interpretieren wir mit unserer unterschiedlichen Erziehung und Herkunft. Dadurch ist das, was wir machen, etwas ganz Neues. Es ist weder etwas Deutsches, Griechisches, Jugoslawisches, Afrikanisches oder Amerikanisches, es ist ein Mischmasch. Ich glaube, dass heutzutage nur ein Mischmasch herauskommen kann.

Bildung PLUS: Wie reagiert denn das Publikum auf eure Musik?

Iva: Sehr unterschiedlich, genau wie unsere Fans. Wir haben Leute, die Punkmusik hören, die Reggaemusik hören oder HipHop, junge und ältere Leute.

Maxine: Ja und wir haben ganz viele Leute, die sagen, eigentlich hör ich keinen HipHop und kein Ragga, aber was ihr sagt, das haben wir verstanden. Sie können unsere Message nachvollziehen und das ist auf jeden Fall ein Kompliment. Damit sprengt man Grenzen, die es eigentlich nicht geben sollte.

Bildung PLUS: Und was ist eure Message?

Maxine: Wir können ja nur über das schreiben, was wir selber gesehen und erlebt haben, sprich Lieder über Krieg oder über unser Leben in Deutschland. So ist "Kanaken Art & Weise" entstanden, ein Lied, in dem es einfach nur darum geht, dass wir in Deutschland leben, aber alle woanders herkommen. Wir haben das Wort "Kanake", das eigentlich ein Schimpfwort geworden ist, produktiv genutzt und interpretiert. Das repräsentieren wir als unseren Lifestyle.

Iva: Wir beschäftigen uns mit der Thematik, die hier passiert, das heißt wir erzählen nicht vom Ghetto, sondern über alltägliche Dinge. Aber eben auf eine witzige Art und Weise. Wir wollen nicht mit dem Zeigefinger kommen. Wir nehmen das Thema Ausländerfeindlichkeit, bearbeiten es auf unsere Art & Weise und was daraus entsteht, ist eine ironische Geschichte.

Conny: Und durch die Vorteile, die wir haben, weil wir die deutsche Kultur so gut kennen, wollen wir auch für alle anderen mitsprechen, denen es nicht gut geht. Uns geht´s gut und wir wollen um Gottes Willen nicht sagen, uns geht´s so schlecht hier und ihr behandelt uns alle so schlecht, sondern wir wollen einfach die Probleme aufzeigen, die es in der Gesellschaft gibt.

Bildung PLUS: Werdet ihr aufgrund eurer Hautfarbe oder eurer Herkunft diskriminiert?

Maria: Also was ich öfter von Leuten höre, wenn sie über Ausländer reden, ist der Satz `jetzt nichts gegen dich, aber ...´ und das sind dann immer so die besten Sätze. Da weiß ich direkt, wo ich dran bin. Wie der Mensch denkt und wie der vielleicht auch erzogen ist. Halt falsch!

Maxine: An meiner Schule gibt´s auch viele Vorurteile. Die Vorurteile kommen aber nicht nur von den Schülern, sondern auch von den Lehrern. Sie wollen einen zwar nicht bewusst diskriminieren, sind aber übervorsichtig. Einmal meinte eine Lehrerin zu ein paar Jungs, die auf Trommeln schlugen, "das machen doch nur die Neger, wir sind hier auf dem Gymnasium". Dann hat sie mich gesehen und dann war ihr das furchtbar peinlich. Für den Rest der Zeit hatte ich dann bei ihr immer eine Eins, weil sie fürchtete, dass ich sie verpetze. Und das finde ich auch wieder taktlos. Klar, so ist sie halt erzogen worden, sie kann auch nichts dafür. Aber das zeigt eben, wie weit Deutschland manchmal ist.

Bildung PLUS: Was müsste sich denn ändern?

Maxine: Ich denke, es fehlt einfach an Konfrontation. Wie will man lernen, Andersartigkeit aufzunehmen, wenn man das nicht praktisch lernt. Natürlich bleibt es theoretisch, wenn man seinen Kindern sagt, anders ist nicht schlecht, anders ist wertfrei. Man muss die Ausländer auch in der Klasse haben und von ihnen lernen, dass sie anders essen und andere Gewohnheiten haben und man muss mal probieren, was der Türke auf seinem Butterbrot hat.

Conny: In erster Linie ist es Aufgabe der Eltern, ein Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeiten zu schaffen und die Kinder nicht zum Konsum zu drillen. Solange aber bei den Jugendlichen kein Interesse vorhanden ist zu lernen, zu teilen und abzugeben, können die Lehrer gar nichts mehr machen. Sie können froh sein, wenn morgens 20 Prozent der Schüler anwesend sind. Klar macht Schule nicht immer Spaß. Früher hab ich Schule auch verteufelt, aber jetzt weiß ich, dass es mir gut getan hat, denn nur dort lernt man die Grundsätze des Denkens und wirkungsvolle Informationsverarbeitung. 

Maria: Und es sollten unbedingt Schuluniformen eingeführt werden! An meiner Schule gab´s wegen der Klamotten immer Schlägereien. Die Leute können nach der Schule herumrennen, wie sie wollen, aber in den Schulen finde ich Uniformen auf jeden Fall ein Muss heutzutage.

Bildung PLUS: Als Band habt ihr ja auch Vorbildcharakter. Was könnt ihr anderen Jugendlichen nicht deutscher Herkunft mit auf den Weg geben, damit sie erfolgreich ihren Weg gehen?

Iva: Erst einmal ist es superwichtig, dass jeder Mensch selbstständig denken kann und auch nachdenkt. Die Leute sollen so sein, wie sie sind, echt, ohne, dass ihnen jemand vorsagt, was sie machen sollen.

Maria: Und sie sollen sich nicht ständig von irgendwelchen Klamotten oder vom Fernsehen manipulieren lassen. Man muss nicht alles haben, um "in" zu sein. Sie sollen ihr Ding verfolgen und durchziehen und wenn sie dran glauben, wird´s auch funktionieren.

Maxine: Ja, und man soll Sachen hinterfragen und nicht alles akzeptieren, was einem vorgesetzt wird. Fernsehen ist heute die reine Gehirnwäsche und man sollte immer versuchen beide Seiten zu betrachten. Nichts ist schwarz-weiß, man muss die Hintergründe von Sachen verstehen und sich vielleicht auch mehr mit Leuten darüber austauschen. Wir verarbeiten unsere Erfahrungen, indem wir Musik machen, andere Leute machen was anderes. Hauptsache, man ist selber produktiv und zeigt, wie man die Realität verarbeitet, damit andere Leute von einem lernen können und man sich aus seiner eigenen Kunst heraus weiterbringt.

Bildung PLUS: Ihr habt dieses Jahr den Künstlerinnenpreis von Nordrhein-Westfalen bekommen, was bedeutet euch der Preis?

Maria: Sehr viel. Wir waren sehr überrascht, dass wir ihn tatsächlich bekommen haben. Der Förderungspreis hat uns einiges gebracht, wie nagelneue Funkmikros für Live-Auftritte, und die Produktion von unserem ersten Video. Und es ist natürlich ein sehr schönes Gefühl, wir fühlen uns geehrt!

Iva: Der Preis stärkt uns auch in unserer Unabhängigkeit, unsere Musik so durchzuziehen, wie wir es wollen und unseren Weg weiterzugehen. Er ist eine Bestätigung für unsere Arbeit.

Bildung PLUS: Wenn ihr einen Song für die Regierenden schreiben würdet, welche Botschaft hätte er?

Ischen Impossible: Also "Kanaken Art & Weise" ist genau der Richtige!

 

Die Ischen Impossible aus Düsseldorf, das sind die MC's Iva aka Snoos Di Iva von Ischen, Maria, Maxine aka Maxima, die Sängerin Nina, sowie Conny und Mel für Organisation und Booking. Plattenakrobat der Ischen ist DJ Steilo (Uppercutz-Crew, Berlin). Die Wurzeln der multikulturellen Band liegen in Kreta, in Amerika, in Afrika und im ehemaligen Jugoslawien. Ihre Muttersprachen fließen ebenso wie die deutsche Sprache in ihre provokanten Texte ein. Heraus kommt eine Musik, die sie selbst "balkan-afro-germanisch" nennen und deren Stil eine Kombination von HipHop und Raggae ist.
2003 erhielten sie für ihre Musik den Künstlerinnenpreis des Landes Nordrhein-Westfalen.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 04.12.2003
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