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06. 11. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Bildung als Show

Wie eine internationale Schülerleistungs-Studie unters Volk gebracht wird

Bild

Thüringen feiert mit Promi Janine Reinhardt den 1. Platz beim Ländertest - Freigabe des Bildes mit freundlicher Genehmigung des WDR Köln

Eine Blondine liegt im Swimmingpool auf einer Luftmatratze. An ihrer Seite ein Goldbarren. Was passiert, wenn der Goldbarren in den Pool fällt, fragt Jörg Pilawa in der Sendung "PISA - Der Ländertest", während er mit dem Mikrofon zwischen den Kandidatengruppen hin und her tigert. Steigt der Wasserstand, sinkt er oder bleibt er gleich? Drei Multiple-Choice-Fragen. Wie beim offiziellen PISA-Test, in dem 15-Jährige in 32 OECD-Mitgliedstaaten befragt wurden, gab es Fragen in vier Kategorien, die aus dem Alltag entlehnt sind: Naturwissenschaften, Mathematik, Sehen/Hören/Verstehen sowie problemorientiertes Denken.

Bildung - spröde Dame oder sexy Lady?
Für das Erste Programm jedenfalls war die Sendung Gold wert: "PISA - Der Ländertest" ist eine populär aufbereitete Sendung, moderiert von TV-Moderator Jörg Pilawa, bekannt als der Quiz-König des Ersten. Sie kam zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Nahezu jeder zehnte Deutsche, also knapp acht Millionen, haben die Sendung gesehen. Der Marktanteil von "PISA - Der Ländertest" lag bei knapp 26 Prozent: der Spitzenwert des Abends. Die Sendung "Wer wird Millionär" von RTL landete hingegen abgeschlagen auf Platz zwei. Mit der großen PISA-Show ist das Thema "Bildung" aus der Nische befreit worden. Parallel zur Sendung konnten Internetsurfer die Fragen auf der Homepage der Sendung nachspielen: 68.000 Surfer versuchten, die Aufgaben online zu lösen.

Den Fragen von Jörg Pilawa stellten sich öffentlich 320 Kandidaten aus den 16 Ländern. Die 16 Teams wurden aus jeweils 20 repräsentativ ausgewählten Kandidaten zusammengesetzt und von einem prominenten Paten angeführt. Musiker Thomas Anders trat für Rheinland-Pfalz an, Schauspieler Jürgen Drews für Schleswig Holstein und Politiker Reinhard Höppner für Sachsen-Anhalt.

Und Pilawa wollte der "Löwenbändiger" sein oder besser: Länderbändiger, so Pilawa im Interview mit dem WDR, der die Sendung auch entwickelt hat. An seiner Seite als wissenschaftlicher Berater Prof. Manfred Prenzel vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften. Hat sich die spröde Dame "Bildung" jetzt, da sie die Massen erreicht, verjüngt? Ist Bildung sexy geworden? 

Die Gefahr, dass PISA veralbert wird
 "Gemischte Gefühlen" hatte Michael Hartung, 18 Jahre, während der Sendung "PISA - Der Ländertest". Hartung ist Mitglied im Vorstand von Jugendpresse Deutschland. Pilawa erschien dem Jungredakteur, der unter anderem für das Jugendmagazin Yaez.de arbeitet, als "oberlehrerhaft". Nach der zehnten von zwanzig Fragen erging es ihm wie früher in der Schule: "Ich habe wie im Klassenzimmer auf die Uhr geschaut und gefragt: Wann ist die Zeit vorbei?" Außerdem sieht er die Gefahr, dass PISA "veralbert" wird, dabei ist das "kein lustiges Thema".

Hartung kommt aus Hessen. Als Hesse hatte er bei PISA E, der PISA-Ergänzungsstudie, die die Schülerleistungen der 16 Länder untersuchte, eher wenig zu lachen.

In der Siegerliste von "PISA - Der Ländertest" stand am Ende Thüringen ganz oben, gefolgt von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Letztes Land wurde Bremen, wie bei der echten PISA-Studie. Dies mag der Sendung im Ersten den Anstrich der wissenschaftlichen Relevanz gegeben haben. Hessen erreichte am Abend der großen PISA-Show den undankbaren Platz 15. Ein Viertel der Zuschauer bei "PISA - Der Ländertest" waren Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 15 Jahren. Zwölf Prozent der Zuschauer von "PISA - Der Ländertest" bzw. 120.000 kommen aus der Gruppe der 15-Jährigen, der "Zielpopulation", wie es im Fachjargon der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) heißt.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Klügste...?
Allerdings fühlt sich Hartung durch das Ergebnis nicht ungedingt vertreten: "Es wäre arrogant zu sagen, dass mein Test besser ausgefallen ist als der von Hessen", sagte der Jungredakteur. Doch man dürfe das nicht überbewerten: "Das gibt natürlich eine Schlagzeile, wenn man sagen kann: Wir haben die Klügsten Deutschen gefunden". Ich glaube, dass die schlauesten Deutschen zu schlau wären, um bei diesem Test mitzumachen", sagt Hartung. Bei Multiple-Choice-Fragen spiele ohnedies das Glück immer ein bisschen mit.  

Die Presse kümmert sich allerdings weniger um differenzierte Wahrnehmung der PISA-Show: "Thüringen hängt alle ab" tituliert die Rheinische Post aus Düsseldorf. Für diese Zeitung war Thüringen das "klügste Land". Können denn Länder klug sein? Die "gescheitesten User kommen aus Sachsen" und, und, und. Doch wie beim Sport: Man redet nur über die Sieger und vielleicht noch über die Letzten. Und als die Intelligentesten können sich die Sieger der Sendung ohnehin nicht bezeichnen.

Das Ergebnis bei "PISA - Der Ländertest" hat wenig mit Intelligenz zu tun, Manfred Prenzel, PISA-Koordinator der mathematischen Studie des Jahres 2003. Die typischen PISA-Fragen, bei der Sendung genauso wie beim echten PISA-Test, ermitteln das Verständnis in Schlüsselbereichen wie Lesefähigkeiten, Naturwissenschaften und Mathematik. "Es gibt einfach klingende Fragen, die ziemlich anspruchsvoll sind", so Prenzel.

The show must go on
Beim ersten PISA-Ländervergleich hatten rund 50.000 Jugendliche teilgenommen. So sagt Prenzel: "Man braucht sehr große Stichproben, um zuverlässige Aussagen über Länderunterschiede machen zu können". Von einigen Dutzend Kandidaten in der Sendung auf die Bildungsunterschiede in den Ländern zu schließen, sei sehr riskant.

Nun soll die PISA-Show mit Erwachsenen in Kürze im wirklichen Leben durchgespielt werden. Dann könnte Klarheit darüber herrschen, ob in Thüringen die klügsten Menschen wohnen, wie es die Sendung versprach. Oder die am besten gebildeten. Der "PISA-Test für Erwachsene" soll drei Altersgruppen befragen: 20- bis 35-Jährige, 35- bis 50-Jährige und die über 50-Jährigen. Dabei soll die Bereitschaft der Erwachsenen erhöht werden, ihr liebes Leben lang zu lernen. Denn die Zukunft der Industriegesellschaften wird immer mehr von der Ressource "Wissen" abhängen.

Zeigt eine Sendung wie "PISA - Der Ländertest" an, dass Bildung in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft hat? In den Augen von Prenzel ist der Stellenwert von Bildung gestiegen. Mit der Sendung "PISA - Der Ländertest" wurde PISA einer breiteren Öffentlichkeit nähergebracht, etwa indem sie über den Aufgabentyp unterrichtet, der PISA-Fragen ausmacht. Schön sei es, wenn Länder aus der Sendung Selbstbewußtsein beziehen würden. Viele Zuschauer hätten auch nachvollziehen können, mit welchen Schwierigkeiten die Jugendlichen bei dem PISA-Test vor drei Jahren konfrontiert wurden und weiter konfrontiert werden.

In das gleiche Horn stößt Hartung: "Vielleicht trägt die Sendung dazu bei, dass die Eltern verstehen, dass auch sie nicht das Non Plus Ultra auf der Schule waren", und fügt hinzu: Bei einigen Freunden, die die Schule verlassen hätten, sehe er einen "Hunger auf Bildung". Allerdings werde deren Bildungshunger weniger durch eine PISA-Show angeheizt.

Zur Veröffentlichung der Ergebnisse von PISA 2003, das die Grundbildung von Jugendlichen in Mathematik unter die Lupe nimmt, plant der WDR eine neue wissensbezogene Sendung, die wieder an die breite Bevölkerung gerichtet ist, so Veronika Nowak, Pressereferentin im WDR.

Übrigens, die Antwort der oben genannten PISA-Frage lautet: Der Wasserstand im Pool sinkt.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 06.11.2003
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