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20. 06. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir wissen nicht alles besser"

Interview mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche

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Manfred Kock

Forum Bildung: Wirtschaft soll ein Schulfach und Religion durch Ethik ersetzt werden? Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Kock: Die einzelnen Schulfächer dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Natürlich brauchen junge Menschen eine sachgerechte Ausbildung, die sie befähigt, einen Beruf zu ergreifen. Deswegen müssen sich die Interessen und Erfordernisse von Wirtschaft und Industrie in der Ausbildung widerspiegeln. Je komplexer allerdings die Anforderungen werden, je mehr Verantwortungsbewusstsein, Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit und Kreativität man heute erwartet, desto mehr rückt der einzelne Mensch in den Mittelpunkt. Wie überall, gilt es auch in der Schule Freiräume zur Besinnung zu schaffen, um das eigene Denken und Handeln zu reflektieren. Da kommen dann sehr schnell religiöse und ethische Fragen ins Spiel, die einfühlsam und kompetent aufgenommen werden müssen. Gerade haben die Kirchen ein Spitzengespräch mit der Kultusministerkonferenz geführt, bei dem das gemeinsame Interesse an einer Sicherung des Zeitanteils für den allgemeinbildenden Unterricht - und damit auch für den Religionsunterricht - in den berufsbildenden Schulen, betont wurde.

Forum Bildung: Die Evangelische Kirche ist ja auch Mitglied im Forum Bildung. Welchen Beitrag können Sie zu einer Bildungsreform leisten?

Kock: Zunächst einmal gilt: Wir lernen mit. Wir wissen nicht alles besser. Dennoch sind wir als die größten Träger freier Bildungseinrichtungen auf dem Bildungsmarkt mit einem bestimmten Interesse präsent. Evangelische Kindergärten und Schulen, kirchliche Hochschulen und Einrichtungen der evangelischen Erwachsenenbildung sind Ausdruck der Verantwortung, die die Kirchen zusammen mit anderen gesellschaftlichen Trägern für das öffentliche Bildungssystem wahrnehmen. Zahlreiche unserer Einrichtungen sind reformpädagogischen Ansätzen verpflichtet und bieten innovative Lernkonzepte an. Diese Erfahrungen können und wollen wir in die aktuelle Bildungsdebatte einbringen.

Forum Bildung: Für welche Bildungsziele und Werte steht die Evangelische Kirche heute in der Schule? Besteht die Gefahr, dass diese in der Informationsgesellschaft unter die Räder kommen?

Kock: Es geht um eine Integration von Wissenschaft und Kultur, von Technikwissen und Kulturwissen. Das Verständnis von Arbeit sollte nicht nur auf Erwerbsarbeit verengt werden. Arbeit ist kulturelle Tätigkeit im weitesten Sinn. Leben, Lernen und Arbeiten bilden einen Zusammenhang. Bildung dient der Lebensorientierung und Daseinsvorsorge. Bildung dient auch dem Schutz des Lebens. Bildung, deren Ziel der Schutz des Lebens ist, ist Gewissensbildung. Unsere Gesellschaft braucht dringend Menschen, die dem Leben mit Dankbarkeit und Staunen, mit Ehrfurcht und Barmherzigkeit begegnen, die Achtung vor dem Leben anderer mit Bejahung des eigenen Lebens verbinden und sich durch Mut und Zivilcourage auszeichnen.

Demgegenüber ist unsere Kultur heute von Kommerzialisierung und Konsum geprägt. Wissenschaften, die technisch und sozial anwendbares Wissen produzieren, dominieren und erweitern unsere ökonomischen Handlungsmöglichkeiten. Erkenntnisse, die sich nicht auf diese Weise nutzbringend einsetzen lassen, gelten als weniger wichtig. Zweckfreies Wissen und ästhetische Sensibilität werden vernachlässigt. Leider gilt das auch für Erkenntnisbemühungen, die sich der Frage stellen: Was ist der Mensch? Wie kann er sein Selbstverständnis und sein Weltverständnis so zusammenbringen, dass er die Wirklichkeit besser versteht und zu einem angemessenen Umgang mit sich, seinen Begabungen und Grenzen findet. Wie kann der Mensch lernen, dass er nicht nur nach den rationalen Strukturen und ökonomischen Abläufen fragt, sondern nach dem Sinn des Lebens, der Tiefe fragt? Wie kann der Mensch die Wirklichkeit verantwortlich gestalten und entwickeln? Wie kann er das Menschliche bewahren und auf eine humane Zukunft hinwirken?

Das Bildungsverständnis darf nicht einseitig funktionalisiert und auf die Bedürfnisse von Wirtschaft und Technik eingeschränkt werden. Allerdings zeigt sich hier bereits ein Umdenken. Die Krise am Neuen Markt hat dazu geführt, dass man nicht mehr so sehr von der "New Economy", sondern bereits von der "Next Economy" spricht, in der - plakativ gesprochen - Alt und Neu, Tradition und Moderne, Gesellschaft und Individuum, Globalität und Regionalität stärker zusammen gesehen und reflektiert werden.

Forum Bildung: Können diese Werte nur im Religions- und Ethikunterricht erworben werden?

Kock: Der Unterricht in religiösen und weltanschaulichen Fragen erfordert ein hohes Maß an Fachwissen und an pädagogischer Kompetenz. Religionsfreiheit ist unserer Verfassung ein hohes Gut. Die Regelungen des Grundgesetzes zum Religionsunterricht haben sich in der Schule pädagogisch bewährt. Allerdings darf die Auseinandersetzung mit Sinn- und Wertfragen nicht auf diese Fächer abgeschoben werden. In der Schule geht es um den Dialog der verschiedenen Disziplinen. Nach tragfähigen Werten suchen im übrigen nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Erwachsenen.

Forum Bildung: Stichwort interkonfessionelle Zusammenarbeit. Welche gemeinsamen Aufgaben haben die Glaubensgemeinschaften der Christen und Muslime in Sachen Bildung?

Kock: Die Säkularisierung wirkt sich auch in der muslimischen Bevölkerung aus. Die muslimischen Schülerinnen und Schüler erleben die Pluralität unserer demokratischen Gesellschaft auf dem Hintergrund der kulturellen Prägung ihrer Familien. Sie haben natürlich die Chance, ein tolerantes Zusammenleben einzuüben, aber sie werden in besonderer Weise mit den Problemen des Wertewandels konfrontiert und sitzen dabei oft zwischen allen Stühlen. Die Schule ist da ein wichtiger Lernort nicht nur für die christliche, sondern auch für die islamische Identitätsbildung. Für christliche wie muslimische Schülerinnen und Schüler ist sie der wichtigste Platz des interkulturellen und damit auch des interreligiösen Zusammenlebens.

Forum Bildung: Reagiert die Kirche auf die Veränderungen (Internet, Medienkompetenz in der Schule, Flexibilität etc.) und wenn ja, wie?

Kock: Natürlich reagiert die Kirche auf diese Veränderungen. Wenn wir beim Beispiel Religionsunterricht bleiben, sind es gerade die Religionslehrerinnen und -lehrer, die über eine hohe Medienkompetenz verfügen müssen, um die Schülerinnen und Schüler für Unterrichtsinhalte aufzuschließen, die in der öffentlichen Aufmerksamkeit eher am Rande stehen. Viele Religionslehrkräfte waren daher früh im Netz und haben Internetseiten aufgebaut, die sich sehen lassen können, z.B. reliweb.de.

Forum Bildung: Durch den rasanten Wandel in der Arbeitswelt fühlen sich viele Menschen orientierungslos. Ist das nicht auch eine Chance für die Kirche, die über abnehmende Mitgliederzahlen klagt, um sich zu positionieren und eine Corporate Identity zu schaffen?

Kock: Die Mehrheit der Menschen bei uns empfindet sich nicht als orientierungslos. Zweifellos gibt es heute einen hohen Bedarf an Orientierung, der aber nicht als Zeichen einer Krise gedeutet werden sollte. Viele Menschen nutzen z.B. das Internet, um sich Informationen und Wissen und damit auch Orientierung zu verschaffen. Gefragt sind vielmehr Angebote, die den Menschen helfen, Subjekt zu werden. Die Kirche ist gefordert, orientierende Sinnbestimmungen des Lebens zu erschließen. Im Übrigen braucht die Kirche keine Corporate Identity zu schaffen, denn die ist bereits vorhanden. Es kommt eher darauf an, dass die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Corporate Identity immer wieder neu entdecken, leben und weitergeben.

Forum Bildung: Nutzt die Kirche das Internet als Instrument mit den Menschen in Dialog zu treten? Gibt es da schon konkrete Beispiele?

Kock: Schauen Sie doch einfach mal auf unsere Homepage www.ekd.de.

Forum Bildung: Herr Kock, surfen Sie eigentlich im Internet und wenn ja, was sind Ihre Lieblingsseiten?

Kock: Ich spare mir das für den Ruhestand auf.

Forum Bildung: Wie lautet Ihre Botschaft als Ratsvorsitzender der EKD für die Bildungsreform?

Kock: Das Bildungsverständnis darf sich nicht darin erschöpfen, Menschen für die Bewältigung der Wirtschafts- und Modernisierungsdynamiken zu qualifizieren. Es kommt auf das Können des einzelnen Menschen an. Der Mensch muss aber auch versagen dürfen. Vergesst die Schwachen und die formal Ungebildeten nicht.

 

Autor(in): Udo Loffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.06.2001
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