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02. 10. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir wollen den Schulen Appetit machen"

Lernort Kino: Auch Filme lesen will gelernt sein

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Barbara Mounier im Kinosaal

Bildung PLUS: Ihre Initiative heißt "Lernort Kino". Was lernen Kinder denn im Kino?

Mounier: Unsere Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten auch mit Blick auf die mediale Ausrichtung stark verändert - von einer Welt, in der Wörter und Bücher im Mittelpunkt standen hin zu einer Bilderwelt. Wir sind überzeugt, dass Kinder sich mit dieser täglichen Bilderflut auseinandersetzen sollten und lernen können, sie besser zu verstehen. Filme ansehen ist ein emotionales Erlebnis. Es ist wichtig, dass junge Menschen in diesem Medium der Faszination den kritischen Blick nicht verlieren. Wir wollen direkt vor Ort, im Kino, mit Schülern über Filme diskutieren und gemeinsam die Sprache der Filme kennen lernen. Die Lehrer haben jetzt die Möglichkeit, ihren Schülern anhand gut gemachter Kinofilme zu erklären wie eine Geschichte im Film funktioniert. So lernen junge Menschen Qualitätsmerkmale kennen und gute von schlechten Filmen zu unterscheiden.  

Bildung PLUS: Verstehen Sie das unter einem "qualifizierten Zuschauer"?

Mounier: Ja. Ein qualifizierter Zuschauer ist imstande, die Bilder, die er sieht, zu deuten und bestimmte Mechanismen dahinter zu erkennen.

Bildung PLUS: Die Kulturstaatsministerin, Christina Weiß, diagnostiziert in Deutschland generell eine "Film-Lese-Schwäche". Sehen Sie das auch so?

Mounier: Dieser Aussage würde ich zustimmen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern steht "Film verstehen" nicht in deutschen Lehrplänen. In Frankreich ist die Filmkompetenz ein wesentlicher Bestandteil des Unterrichts. In Nordrhein-Westfalen ist "Medienkompetenz" als fachübergreifendes Element in den Lehrplan aufgenommen worden und das ist schon mal ein sehr guter Ansatz - aber "Film verstehen" an sich gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht. Wir hoffen natürlich, dass die Schulfilmwoche, die es nun fast bundesweit gibt, institutionalisiert wird und einen festen Platz im Lehrplan einnimmt.

Bildung PLUS: Sie bringen Schulen, Filmwirtschaft und Kinobetreiber an einen Tisch. Inwiefern verstehen Sie sich als Impulsgeber in Sachen Filmkompetenz?

Mounier: Wir wollen den Schulen Appetit machen, sich mit dem Medium Film zu beschäftigen. Das ist eine unserer Hauptaufgaben und die nehmen wir sehr ernst. Wir laden Lehrer eine Woche lang ein, mit ihren Schülern ins Kino zu gehen. Besonders interessant an den Schulfilmwochen ist, dass der Kontakt zwischen Kinos und Schulen hergestellt wird. Wir wünschen uns natürlich, dass dieser Kontakt nach den Schulfilmwochen bestehen bleibt und der Lernort Kino weiterhin genutzt wird. Und zum Teil passiert das auch schon.

Bildung PLUS: Für viele Lehrer dürfte der professionelle Umgang mit Filmkompetenz Neuland sein. Wie hoch ist die Hemmschwelle für Lehrer, sich im Unterricht mit Filmen zu befassen?

Mounier: Das hängt natürlich von vielen Faktoren ab - von der persönlichen Erfahrung, der Einstellung und manchmal auch von der Lehrergeneration, denn jüngere Lehrer stehen dem Medium generell etwas aufgeschlossener gegenüber. Lehrer, die sich für die Schulfilmwochen interessieren, können sich bei uns beraten lassen, welche Filme sich für ihren Klassenunterricht eignen. Alle Programme der Kinos vor Ort und Kurztexte zu den Filmen stehen auf unserer Website. Und wir schicken den Lehrern Begleitmaterial in Form von Filmheften zu. Darin finden sie sowohl Unterrichtsvorschläge als Fragen zu Filminhalt und Form. Außerdem bieten wir im Vorfeld jeder Schulfilmwoche Fortbildungsseminare mit kompetenten Referenten zum Thema "Film im Unterricht" an. Wir versuchen durch die persönliche Beratung, das pädagogische Begleitmaterial und unsere Einsteigerseminare die Hemmschwelle für Lehrer, sich mit Film im Unterricht zu beschäftigen, so niedrig wie möglich zu halten.

Bildung PLUS: Und wie kommen die Schulfilmwochen bei den Lehrern an?

Mounier: Unsere Auswertungen zeigen, dass Lehrer einen Film ungefähr drei bis vier Stunden im Unterricht nacharbeiten und die Erfahrung der Schulfilmwoche gerne wiederholen wollen. Viele Lehrer haben uns aber auch gesagt, dass sie sich aufgrund der finanziellen Situation der Schulen und dem begrenzten Zeitrahmen nicht mehr als ein- oder zwei Kinobesuche im Jahr erlauben können. Dennoch wollen die meisten mehr Filmarbeit in der Schule machen. Und wenn es dann nur auf dem Videorekorder passiert, ist dies zwar keine so tolle Erfahrung wie im Kino, aber auf jeden Fall besser, als gar keine Filmarbeit zu machen.

Bildung PLUS: Sind Ganztagsschulen der ideale Rahmen für einen Lernort Kino?

Mounier: Nicht zwangsläufig. Viele Kinobetreiber, die mit uns zusammenarbeiten, finden es prima, dass die Vorstellungen vormittags stattfinden, denn dann ist in den Kinos noch nichts los. An den Nachmittagen sind in den größeren Orten schon reguläre Vorstellungen. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich außerhalb der Schulfilmwoche im Rahmen der Ganztagsschule mehr Möglichkeiten ergeben, weil mehr Zeit da ist.

Bildung PLUS: Wie stehen die Eltern zu den Kinoausflügen?

Mounier: Eine sehr wichtige Aufgabe, welche die Schulen und wir wahrnehmen müssen, ist es, den Eltern klar zu machen, dass es hier nicht um Unterhaltung geht, sondern dass die Kinobesuche Unterricht sind. Wenn uns diese Überzeugungsarbeit im Vorfeld gelingt, sind die Eltern eine große Stütze des Projekts.

Bildung PLUS: Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Filmförderungsanstalt haben einen Filmkanon in Auftrag gegeben, der kürzlich vorgestellt wurde. Er beinhaltet 35 Filmklassiker. Was halten Sie davon?

Mounier: Der Filmkanon ist in erster Linie eine Diskussionsgrundlage über Filme, die dem Gremium besonders geeignet erscheinen, etwas über Film im Allgemeinen zu lernen. Im Herbst wird der Kanon verabschiedet und wir freuen uns auf die neuen Impulse, die sie dem Thema "Film im Unterricht" geben wird. Für die Schulfilmwochen und für viele Lehrer wird die Liste aber letzten Endes nicht maßgeblich sein. Lehrer machen ihre Wahl für einen Film vom Unterrichtsstoff abhängig, nicht von einem Kanon. Und es gibt natürlich mehr als 35 gute Filme auf der Welt.

Bildung PLUS: Was sind die Highlights in den Schulfilmwochen?

Mounier: Das unterscheidet sich nach Altersstufen und Bundesländern, weil wir unterschiedliche Angebote haben. Aber es gibt natürlich absolute Hits wie die Neuverfilmung von "Das fliegende Klassenzimmer", "Good Bye Lenin" und "Bowling for Columbine". Für die Kleinen ist "Das Fliegende Klassenzimmer" ein idealer Film, mit Themen wie Freundschaft, Verantwortung übernehmen und persönlicher Mut - und einem Schuss deutsch-deutscher Geschichte, denn die Neuverfilmung spielt in Leipzig und Klassenlehrer Justus erklärt seinen Zöglingen, "dass es da mal eine Mauer gab". So ergibt sich nicht nur im Film, sondern auch bei den kleinen Zuschauern eine Menge Gesprächsstoff.

Bildung PLUS: Nicht nur der Filmkanon deutet an, dass Filmkompetenz an Schulen gerade einen Boom erlebt. Schließlich haben auch Sie sehr prominente Unterstützer...

Mounier: Wir merken, dass die Nachfrage steigt. Schulen sind daran interessiert, im Unterricht mit Filmen zu arbeiten. Das liegt daran, dass in den Schulen das Bewusstsein gereift ist, sich der Realität anzunehmen: Schließlich ist Fernsehen das Leitmedium schlechthin und Jugendliche schauen statistisch gesehen drei bis vier Stunden täglich Fernsehen. Die Schulen wollen ihren Schülern einen Leitfaden an die Hand geben, um sich in diesem Medium zurechtzufinden. Ich glaube nicht, dass wir es mit einem Boom zu tun haben, sondern mit einer langsamen Entwicklung, die sich schon länger abzeichnet. Ob sich aber alle Schulen dafür entscheiden, Filmsprache im Kino oder mit anderen Medien zu vermitteln, kann ich nicht voraussehen. Wir sind der Meinung, dass speziell der Lernort Kino einen Mehrwert für den Unterricht bringt.

Bildung PLUS: Schulen und Kino kommen einander langsam näher. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mounier: Da kann ich speziell für den Lernort Kino sagen: Eine Institutionalisierung der Schulfilmwoche. Lernort Kino sollte ein permanenter Ansprechpartner für Schulen bundesweit sein und nicht wie bislang alle drei Monate wie eine Karawane in ein anderes Bundesland weiterziehen. Für Filmkompetenz allgemein wünsche ich mir, dass dieses Thema in den Schulen und der Politik noch viel präsenter wird.

Barbara Mounier ist Projektleiterin von "Lernort Kino", einer Initiative, die Schulen und Kinos zusammenbringt.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 02.10.2003
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