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29. 09. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Auch Filme lesen will gelernt sein

Filmerziehung soll in deutschen Schulen mehr als eine Fußnote sein

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Ein Kanon hat immer einen bitteren Beigeschmack. Doch warum soll es den 35 Filmen, die Ende des Jahres Gegenstand einer öffentlichen Anhörung im Bundestag sein werden, anders ergehen als einem klassischen Literaturkanon, an dem es neben seiner bloßen Existenz immer irgendwas zu mäkeln gibt. Dabei wird die 19-köpfige Expertenkommission der Bundeszentrale für politische Bildung, nicht müde zu betonen, der Kanon sei kein Kanon, sondern eine offene Diskussionsgrundlage. Wie dem auch sei, allein dass er auf dem Tisch liegt, zeigt, dass Filmbildung mehr ist als eine Fußnote der Medienkompetenz. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale, beklagt denn auch, dass "das bewegte Bild das Leitmedium des 20. Jahrhunderts ist und in den Schulen immer noch nicht die angemessene Bedeutung findet im Gegensatz zur Literatur". Auch die Schirmherrin des Kanons, Kulturstaatsministerin Christina Weiß, will Kinder mit der Bilderflut, die täglich über sie hereinbricht, nicht alleine lassen und diagnostiziert Deutschland generell eine "Film-Lese-Schwäche". Nicht nur Texte wollen gelesen, verstanden und interpretiert werden, sondern eben auch Filme.

Medienpädagogen bescheinigen Kindern zwar die Fähigkeit, Bilder blitzschnell aufnehmen und ordnen zu können, doch von Ordnen zu Einordnen, sprich Verstehen, ist es ein weiter Weg. Und der Unterschied zwischen Kriegsbildern in den Nachrichten und dem Kassenschlager Matrix ist in der Realität größer als im Kopf vieler Kinder.

Filmkompetenz und der qualifizierte Zuschauer
Die Vermittlung von Filmkompetenz soll nicht nur "qualifizierte Zuschauer" - auch im Sinne von Filmgeschichte, Filmsprache und Filmproduktion - hervorbringen, sondern auch als Trittbrett für andere gesellschaftliche und politische Themen dienen. Schließlich diskutiert es sich wesentlich leichter über den Holocaust nach Steven Spielbergs "Schindlers Liste" als nach der trockenen Lektüre eines Schulbuchs. Die meisten deutschen Lehrpläne legen - im Gegensatz zu den europäischen Nachbarn wie Frankreich und England - keinen Schwerpunkt auf Filmerziehung, sondern handeln das Thema unter Medienerziehung ab.

"Lernort Kino" bringt Schulklassen ins Kino
Im Grunde findet Kino in deutschen Schulen nur an Projekttagen, in außerschulischen Unternehmungen oder dank engagierter Lehrer statt. Das soll sich ändern und zwar nicht nur dank eines Filmkanons. Immerhin 25 Initiativen versuchen mittlerweile in Deutschland Filmkompetenz zu vermitteln und Kino für Schüler erlebbar zu machen. Die Galionsfigur der Bewegung ist "Lernort Kino", initiiert vom Institut für Kino und Filmkultur in Köln und unterstützt von zahlreichen Institutionen, Verbänden und der Politik. Die Macher von "Lernort Kino" veranstalten in mittlerweile sieben Bundesländern Schulfilmwochen. Eine Woche lang können Lehrer mit ihren Klassen in örtlichen Kinos zuvor ausgewählte Filme anschauen. "Lernort Kino" lässt dabei die Lehrer nicht in der cineastischen Wüste stehen und gibt ihnen für alle Filme, immerhin hundert an der Zahl, das nötige pädagogische Rüstzeug an die Hand.

Doch der Blick der Macher geht weit über Begleithefte und Fortbildungsseminare hinaus: Barabara Mounier, Projektleiterin von "Lernort Kino", versteht ihre Initiative auch als Impulsgeber und wünscht sich vor allem eine dauerhafte Etablierung von "Lernort Kino" als Schnittstelle zwischen Schulen, Kinos und der Filmwirtschaft. Die Nachfrage spricht für sich: Allein vergangenes Jahr besuchten 160.000 Schüler und 6.000 Lehrer die für sie reservierten Kinosäle. Highlights waren in Nordrhein-Westfalen, je nach Altersstufe, "Emil und die Detektive", "Good Bye Lenin" und der Dokumentarfilm "Bowling for Columbine", der im Original auch die Englischkenntnisse der Schüler aufpolieren dürfte.

Obwohl Politikern nach dem Internet-Hype, Schulfach Wirtschaft und "Laptops für alle" manchmal ein wenig der Verdacht anhaftet, auf kurzlebigen Modewellen mitzusurfen, scheint doch der politische Wille da zu sein, Filmerziehung an den Schulen mehr in den Vordergrund zu rücken - wenn auch nicht unbedingt im Lehrplan.
 

 

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 29.09.2003
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