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25. 08. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Lernen ist erfolgreich, wenn erfolgreich an Vorwissen angeknüpft werden kann"

Lernforscherin Prof. Dr. Elsbeth Stern über Möglichkeiten und Vorteile der frühen Förderung

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Prof. Dr. Elsbeth Stern

Bildung PLUS: Frau Stern, Sie behaupten "Wissen und nicht Intelligenz ist der Schlüssel zum Können." Heißt das, dass aus jedem Menschen, der fleißig lernt, etwas werden kann?

Stern: Auf jeden Fall zahlt sich Lernen für jeden aus, und niemand, der etwas können möchte, kommt um das Lernen herum. Natürlich gibt es mehr oder weniger komplexe und schwierige Inhaltsgebiete. Eine höhere allgemeine Intelligenz sowie Spezialbegabungen erleichtern den Zugang zu bestimmten Bereichen.

Nicht jeder Mensch könnte sich beispielsweise mit vertretbarem Aufwand in die theoretische Physik einarbeiten. In einem funktionierenden Schulsystem hat man am Ende der Schulzeit ein Gefühl dafür bekommen, in welchem Verhältnis Aufwand und Ertrag beim Lernen in unterschiedlichen Inhaltsbereichen stehen.

Bildung PLUS: Sollten bereits kleine Kinder damit anfangen, Wissen zu erwerben?

Stern: Das tun sie sowieso. Die Frage ist nur, inwieweit Lernvorgänge durch bestimmte Angebote gelenkt werden sollen. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass der Mensch in seiner heutigen genetischen Ausstattung zwar schon seit 40.000 Jahren die Erde bevölkert, dass aber die in der Schule vermittelten Kulturtechniken sowie das behandelte Wissen erst vor wenigen Jahrhunderten oder manchmal auch Jahrzehnten entwickelt wurden. Da die Natur den Menschen nicht auf diese Art des Lernens vorbereiten konnte, müssen wir die zur Verfügung stehende Zeit effizient nutzen, indem professionelle Lerngelegenheiten angeboten werden.

Bildung PLUS: Wie lernen kleine Kinder am besten?

Stern: Bei Kindern wie bei Erwachsenen hängt die optimale Art des Lernens sehr stark vom Inhalt ab. In der Mathematik geht es vorwiegend darum, die Regeln des Symbolgebrauchs zu verstehen und diese kreativ anzuwenden, z.B. um bestimmte Muster abzubilden. In begrenztem Maße können dies bereits Kindergartenkinder. In den Naturwissenschaften geht es darum, Ereignisse zu erklären und vorherzusagen. Dazu muss man verallgemeinern und Aussagen auf eventuelle Widersprüche prüfen.

In weniger komplexen Bereichen können auch Kinder sich selbst Erklärungen erarbeiten. Im sprachlichen Bereich spielen Übung und Wiederholung - die aber nicht stupide sein dürfen - eine wichtige Rolle. Auch mit Kindern kann man bereits Sprachübungen durchführen.

Bildung PLUS: Unterscheiden sich ihre Lernprozesse von denen Heranwachsender und Erwachsener?

Stern: Kinder haben noch Defizite in der sogenannten Metakognition. Erst zwischen drei und vier Jahren wissen sie, dass man etwas lernen muss, bevor man etwas weiß, und dass deshalb nicht alle Menschen das gleiche Wissen haben. Man nennt dies auch Perspektivübernahme.

Zur Metakognition gehören Lern-, Gedächtnis- und Denkstrategien. Diese entwickeln sich als höchst brauchbares Nebenprodukt des inhaltlichen Lernens, aber auch im Grundschulalter haben Kinder noch erstaunliche Defizite, was beispielsweise die Planung angeht. Metakognition entwickelt sich nicht von selbst, sie ist aber auch nicht direkt lehrbar, sondern sie setzt Lernerfahrung voraus. Man muss Kindern Angebote machen, darf aber nicht die gleichen Fortschritte erwarten wie bei Erwachsenen.

Bildung PLUS: Wie können Eltern und Erzieherinnen die geistige Entwicklung der Kinder unterstützen?

Stern: Eltern sollten den spontanen Wissensdurst ihrer Kinder befriedigen, indem sie ihre Fragen beantworten oder mit ihnen Dinge üben, die ihnen Spaß machen. Darüber hinaus sollten Eltern nur gehen, wenn ihr Kind spezielle Probleme hat und sie zuvor professionelle Beratung in Anspruch genommen haben. Für Kindergärten gibt es bereits einige systematische Lernprogramme, z.B. zur Vorbereitung des Schriftspracherwerbes. Dabei werden jedoch nicht das Lesen und das Schreiben vorverlegt, sondern die Kinder für bestimmte Sprachstrukturen sensibilisiert, die sich dann später leichter verschriftlichen lassen.

Auch zur Förderung des mathematischen Denkens gibt es bereits spielerische Lernprogramme. Hier geht es nicht darum, Rechnen zu lernen, sondern ein grundlegendes Verständnis für mathematische Strukturen aufzubauen. Für das naturwissenschaftliche Verständnis müssen solche vorbereitenden Lernprogramme allerdings noch entwickelt werden.

Bildung PLUS: Gibt es Reifungsprozesse des Gehirns, die zunächst abgeschlossen sein müssen, bevor eine Förderung in Frage kommt?

Stern: Mit etwa vier Jahren sind wichtige Kompetenzen wie der Spracherwerb oder die weiter vorn angesprochene Perspektivübernahme so weit entwickelt, dass sie für die zuvor angesprochenen vorbereitenden Übungsprogramme offen sind. Natürlich lernen Kinder auch schon in den ersten vier Jahren, aber sie sind sprachlich noch nicht so weit entwickelt, dass systematische Lernprogramme wirklich erfolgversprechend sind.

Bildung PLUS: Kann man Kinder überfordern?

Stern: Ein großer Vorteil einer Frühförderung besteht auch darin, dass man das Lernen lockerer angehen kann, weil mehr Zeit zur Verfügung steht. Für den in Deutschland sprichwörtlichen Ernst des Lebens, der mit der Einschulung beginnt, sind Kinder auch mit sieben Jahren noch zu jung. Der Übergang vom Kuschelkindergarten zum Frontalunterricht überfordert viele Kinder und wirkt sich negativ auf ihre Lernhaltung aus. Überforderung resultiert aus zu knapp bemessener Lernzeit.

Bildung PLUS: Was sollten Kinder schon in der Grundschule lernen?

Stern: Zwischen der Grundschule und der Sekundarstufe gibt es in Mathematik und in den Naturwissenschaften einen Bruch. Im deutschen Mathematikunterricht der Grundschule wird viel gerechnet, aber es werden kaum anspruchsvolle Textaufgaben behandelt, mit deren Hilfe die Kinder ein abstrakteres Zahlverständnis aufbauen können, wie es z.B. in der Algebra benötigt wird.

Im naturwissenschaftlichen Unterricht könnte man die Kinder beispielsweise selbst Erklärungen erarbeiten lassen, warum manche Gegenstände im Wasser schwimmen und andere sinken. Wenn dann in der Sekundarstufe Konzepte wie Dichte oder Auftrieb eingeführt werden, kann an dieses Wissen anknüpft werden.

Ganz generell gilt: Lernen ist erfolgreich, wenn erfolgreich an Vorwissen angeknüpft werden kann.

Bildung PLUS: Welche Lehr- und Lernformen sind für Kinder im Vor- und Grundschulalter besonders geeignet?

Stern: Kinder benötigen gut strukturierte und gut durchdachte Lernumgebungen, in denen sie sich selbständig etwas Komplexes erarbeiten, dabei aber immer auf Unterstützung durch die Lehrperson zurück greifen können. Längere Erklärungen können sie meist noch nicht verstehen.

Bildung PLUS: In der internationalen Vergleichsstudie PISA schneiden deutsche Schülerinnen und Schüler schlecht ab. Wird an deutschen Schulen an den Lernbedürfnissen der Kinder vorbeigelehrt?

Stern: Der deutsche Schulunterricht ist zu lehrerzentriert. Man spricht auch von der Osterhasenpädagogik: Der Lehrer versteckt das Wissen, und die Kinder müssen es suchen, indem sie Fragen beantworten. Schüler, die wissen, was der Lehrer gemeint hat, kommen gut raus, und der Rest bleibt auf der Strecke.

Besser lernt man, wenn man eigenständig eine komplexe Aufgabe bearbeitet, deren Lösung nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. In einem derartigen Unterricht sind Lehrer natürlich stärker gefordert. Einerseits müssen sie sich sehr genau überlegen, welche Aufgaben den Kindern weiter helfen, und andererseits müssen sie sehr nahe an dem Wissen der Schüler sein, damit sie erkennen können, welche Missverständnisse bestimmten Fehlern zugrunde liegen.

Man könnte es auch so sagen: Beim schlechten Unterricht müssen die Schüler herausfinden, was der Lehrer gemeint haben könnte, während beim guten Unterricht der Lehrer herausfindet, was der Schüler gemeint haben könnte und wie man halb Verstandenes in die richtige Richtung lenkt.


Elsbeth Stern, Jahrgang 1957, ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Honorarprofessorin für Pädagogische und Entwicklungspsychologie an der Technischen Universität Berlin. Sie untersucht in einem Lernlabor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, wie man Kinder schon im Grundschulalter mit Mathematik und Naturwissenschaften vertraut machen kann

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 25.08.2003
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