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14. 06. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Ohne wenn und aber für das 21. Jahrhundert"

Philologenverband fordert radikale Reform der Lehrpläne

Forum Bildung: Herr Durner, was läuft schief in der Schule?

Durner: Die meisten Lehrer strengen sich im Unterricht und bei der Lernvorbereitung unglaublich an. Das Verhältnis zwischen diesem Input und dem Wissenszuwachs ist allerdings relativ bescheiden. Ich glaube, wir brauchen im Bildungsbereich eine pädagogische Ökonomie - eine Optimierung unserer Lernprozesse. Man spricht von einer neuen Lern- und Anstrengungskultur.

Forum Bildung: Können Sie die "Pädagogische Ökonomie" konkretisieren?

Durner: Durch Evaluation muss geprüft werden, ob der Arbeitsaufwand, den die Lehrer in eine Klasse hineinstecken, auch zu dem gewünschten Lernzuwachs führt. Ein Beispiel aus der Praxis: Man kann naturwissenschaftliche Phänomene nicht mit trockener Theorie erklären, denn da schalten die Schüler ab. Man muss sie zum Staunen bringen, sie neugierig machen und zu Eigenständigkeit motivieren. Die Resonanz zwischen Lehrer und Klasse muss stimmen.

Forum Bildung: Ist Motivation also eine Kernkompetenz, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker es in einem Interview mit dem Forum Bildung bereits beschrieben hat ?

Durner: Natürlich. Der Wissenszuwachs von 1970 bis heute ist größer als in der ganzen Menschheitsgeschichte zuvor. Aus diesem Grund ist Motivation sehr wichtig, weil der Einzelne sich das komplexe Fachwissen gar nicht mehr aneignen kann.

Forum Bildung: Was ist mit der Lehrerbildung? Werden Lehrer so geschult, dass sie Schüler motivieren können?

Durner: Das wird in der Lehrerbildung nicht oder nur unzureichend vermittelt. Die Uniprofessoren müssen sie lange suchen, die Lehrer heute so ausbilden, dass sie die Schüler für das Fach motivieren. Da hat sich die Lehrerbildung grundlegend zu verbessern.

Forum Bildung: Liegt das an der fehlenden Praxisnähe der Lehrerausbildung?

Durner: Ja. Und das in allen Schulbereichen. Ich möchte als Beispiel den Grundschulbereich nennen. Wenn zum Beispiel ein Lehramtsstudent Chemie belegen muss, wird er in einer Tiefe ausgebildet, die überflüssig ist, weil es das Fach in der Grundschule überhaupt nicht gibt. In Germanistik muss der Student Mittelhochdeutsch lernen - auch überflüssig für den späteren Grundschulunterricht.

Forum Bildung: Wie ließe sich diese Praxisnähe herstellen?

Durner: Es muss ein Austausch zwischen Schulen und Hochschulen stattfinden. Hochschullehrer müssen an Gymnasien unterrichten und Lehrer müssen zurück an die Hochschule, zum Beispiel für einen Lehrauftrag.

Forum Bildung: Man kann die Lehrerbildung nicht ohne die Lehrpläne betrachten. Sind die Lehrpläne geeignet, junge Menschen auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten?

Durner: Die Lehrpläne sind angehäuft mit Wissen, das keinen Nutzen für das 21. Jahrhundert mehr hat. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: In der Elektrotechnik stehen in der 9. und 10. Klasse immer noch Serienschaltungen und Parallelschaltungen auf dem Lehrplan. Da frage ich mich: Warum eigentlich? Andere Bereiche der Elektrodynamik und Elektronik sind für die Zukunft wichtiger.

Forum Bildung: Müssen die Lehrpläne dann nicht radikal neu ausgerichtet werden?

Durner: Ja. Ohne wenn und aber. Unsere Lehrpläne sind auf die neuen Zielorientierungen überhaupt nicht ausgerichtet. Wir hantieren mit Lehrplänen aus den sechziger und siebziger Jahren und lassen die Schule mit Weltbildvorstellungen des 19. Jahrhunderts ins 21. Jahrhundert. Und dies nicht nur in den Naturwissenschaften.

Forum Bildung: Sind die Naturwissenschaften heute ein zentraler Bestandteil der Allgemeinbildung?

Durner: Unbedingt. Die Quantenphysik wird das 21. Jahrhundert dominieren. Wer die phänomenologischen Prinzipien der Quantenphysik nicht kennt, weiß nicht, wohin er geht. Das ist Allgemeinbildung. Und Leute, die stolz von ihrer Fünf in Mathe und Physik berichten, sollten sich diesen Stolz schnell abgewöhnen, weil nicht mehr nur die Geisteswissenschaften die Allgemeinbildung ausmachen.

Forum Bildung: Aber nicht nur Fachwissen zählt heute zu den Bildungszielen. Was ist für Sie ein übergeordnetes Bildungsziel?

Durner: Wir müssen zurück zu einer neuen Eigenverantwortung der jungen Menschen. Wir haben unseren Kindern leider beigebracht, dass immer alles linear weitergeht und dass Verantwortung immer von oben übernommen wird. Die Entverantwortlichung der Jugend war eine der größten Fehlentwicklungen der letzten 50 Jahre.

Forum Bildung: Die Forderung nach Eigenverantwortung gab es schon vor Jahrzehnten. Gehen wir zurück zu den Wurzeln?

Durner: Die Pädagogik ist der einzige Friedhof der ewigen Wiederauferstehung. Es sind immer wieder die gleichen Systeme, die kommen, allerdings in anderer Qualität.

Forum Bildung: Wie kann diese Eigenverantwortung in der Praxis umgesetzt werden?

Durner: In meiner Schule zum Beispiel können Schüler das ganze Jahr auch außerhalb des Unterrichts in die Schule. Sie holen sich gegen Unterschrift einen Schlüssel für die verschiedenen Arbeitsgemeinschaften. Die Sprecher der Arbeitsgemeinschaften sind mir gegenüber verantwortlich. Die Schüler übernehmen diese Verantwortung mit Respekt und Stolz. Schmierereien und ähnliche Probleme sind kein Thema mehr, weil die Schüler die Schule als IHRE Schule begreifen.

Forum Bildung: Welche Rolle spielen die Familien in der Ausbildung?

Durner: Elternhaus und Schule müssen eine Erziehungs- und Leistungsgemeinschaft bilden. Eltern müssen mehr in die Pflicht genommen werden. Viele Kinder sind nicht einmal in der Lage, eine Frage richtig zu wiederholen. Das müssen die Eltern mit den Kindern üben - aber mit Geduld. Auch das soziale Verhalten muss man im Elternhaus einüben. Es war falsch, die Mitbestimmung der Eltern in der Schule einseitig in demokratischen Organisationsgremien zu suchen.

Forum Bildung: Wie kann man ein Erziehungsklima schaffen, bei dem Schule und Eltern an einem Strang ziehen, bevor das Kind in den Brunnen fällt?

Durner: In den Brunnen fällt zuerst einmal das Elternhaus selber. Ich beobachte, wenn Kinder in ihren Leistungen einbrechen oder traurig sind, dass zu Hause etwas nicht stimmt. Nicht das Kind ist in den Brunnen gefallen, sondern die Umgebung. Hier brauchen wir mehr Sensibilität, aber auch Zeit und Kraft, mit den Eltern zu sprechen.

Forum Bildung: Wie soll ein Lehrer, der so schon überlastet ist, auch noch Zeit für Erziehungsaufgaben haben?

Durner: Hier muss Freiraum für eine Lehrkraft geschaffen werden oder dem Klassenlehrer wird eine Stunde für diese Aufgabe angerechnet. Solche Investitionen zahlen sich hundertfach aus. Später, meist zu spät, gibt man Millionen für Therapiemaßnahmen aus.

Forum Bildung: Wie sieht die Schule der Zukunft aus: Ein einheitliches Schulsystem oder Autonomie für die Schulen?

Durner: Ein einheitliches Schulsystem wird es nicht mehr geben - das ist ja nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Region zu Region verschieden. Ich würde mich einer Entwicklung nicht verschließen, in der Schulen auf der Basis eines gemeinsamen Standards besondere Profilsetzungen vornehmen können. Nicht aber im Sinne einer selbstgesteuerten Autonomie.

Forum Bildung: Sind Sie dafür, dass sich die Schulen ihre Lehrer selber aussuchen können?

Durner: In einem gewissen Rahmen ja. Sie sollten wegen ihrer Profilsetzung ein Mitspracherecht haben. Hier will zum Beispiel Bayern neue Wege versuchen.

Forum Bildung: Wenn sich die Schulen die Lehrer selbst aussuchen können, würde sich doch eventuell auch ein angelsächsisches Schulmodell durchsetzen?

Durner: Stellen Sie sich mal vor, dass die Bezahlung durch den Schulträger dazu kommt. Das würde dazu führen, dass wir sehr bald ein gutes Privatschulwesen auf der einen und ein weniger befriedigendes staatliches Schulwesen auf der anderen Seite bekämen. Der Schulweg der Kinder würde dann vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Der Großteil der jungen Menschen wäre benachteiligt, während die 5% Hochbegabten ohnedies ihren Weg machen - völlig unabhängig vom Schulsystem. Was wir aber existenzsichernd brauchen, ist eine hohe Bildung der breiten Bevölkerung.

Forum Bildung: Diese Grundidee liegt ja auch dem heutigen Schulsystem zugrunde?

Durner: Die Sozialverpflichtung des deutschen Bildungssystems ist ein großer Erfolg. Wir müssen nur aufpassen, dass wir uns von der Industrie nicht dauernd dreinreden lassen, was wir zu tun und zu lassen haben. Ich kann die Frage "Was erwartet die Industrie von den Schulabgängern?" nicht mehr hören. Jugendliche müssten die Frage stellen dürfen: "Was können wir von der Industrie erwarten?". Die Wirtschaft ist doch nicht der Überbau eines Staates.

Heinz Durner, geboren 1941, ist Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik, seit 1989 Direktor des Gymnasiums Unterhaching und seit 1992 Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes.

 

Autor(in): Udo Loffler
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Datum: 14.06.2000
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