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07. 08. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Früh übt sich, wer ein Meister werden will"

Lernforscher befürworten gezielte Förderung kleiner Kinder

Bild

Synapsen

"...18, 19, 20", zählt Charlie. Charlie ist fünf Jahre alt und besucht den Kindergarten. Das Zählen bis 20 hat er bei seinem großen Bruder abgeguckt, der schon die Grundschule besucht. Bis 20 zu zählen ist Lernstoff der Klasse 1 und Achim, Charlies Bruder hat es soeben gelernt. Charlies Eltern fragen sich, ob er sich zu früh mit Zahlen beschäftigt, ob sie besser darauf achten sollen, dass ihr kleiner Sohn noch nicht so schwierige Sachen lernt oder ob es vielmehr eine tolle Leistung ist, wenn Charlie so früh bereits bis 20 zählen kann?

Bei der Beantwortung der Frage scheiden sich die Geister. Während viele Eltern ihre Kinder vor Beginn der Grundschulzeit lieber "schonen" und sie vor Leistungsanforderungen bewahren möchten, nutzen andere die Aufnahmefähigkeit ihrer Sprösslinge aus und bringen ihnen schon vor der Schulzeit einiges bei.

Frühe Förderung
Diese Frage, die sich viele Eltern stellen, beschäftigt auch die Bildungspolitik. Spätestens seit dem schlechten Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei der internationalen Vergleichsstudie PISA werden verstärkt Forderungen nach einer frühen Förderung laut. Die bislang vernachlässigte intensive frühe Förderung soll unter anderem zum Lernerfolg deutscher Schüler beitragen. Soweit besteht Einigkeit. Nur über Inhalte wird noch diskutiert. Differenziert werden Fragen der "Belastbarkeit" betrachtet. Was können kleinste Kinder lernen und wie lernen sie, kurz: Wie kann man Kinder fördern, ohne sie zu überfordern?

Ein Blick auf neueste Erkenntnisse der Lernforschung zeigt, dass auch kleinste Kinder nicht nur lernen können, sondern sogar wollen! Lernen ist durchaus ein Prozess, der Kindern Spaß macht. Wenn er angemessen und altersgerecht abläuft.

Der "Glückseffekt"
Prof. Dr. Henning Scheich, Neurobiologe und Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, behauptet sogar, dass es Kinder glücklich macht, wenn sie lernen. Lernen ist seinen Erkenntnissen nach ein Prozess, der durch Erfolg und Misserfolg in der Anwendung von neuen Dingen und in der Erkenntnis von Zusammenhängen geprägt ist. Ein wichtiger Mechanismus, der das Lernen fördert, ist das "interne Belohnungssystem" im Gehirn. Wird ein Kind mit einer neuen Aufgabe konfrontiert und findet es durch Ausprobieren die Lösung, entsteht ein "Aha-Erlebnis". Dabei werden vom Gehirn bestimmte Neurotransmitter ausgeschüttet, die ein Glücksgefühl auslösen. Und nur aufgrund dieses Glücksgefühls verfolgt das Kind die Strategie weiter.

Sensitive Phasen
Echte Lernprozesse interagieren dabei im kindlichen Gehirn mit Reifungsprozessen, die zunächst stark von sozialer Interaktion geprägt sind. Erhält ein Kind bereits im frühen Alter viele Anregungen, können sich seine Nervenzellen umso komplexer im Gehirn verbinden. Besonders gut lernen Kinder in sensitiven Phasen. Bereits vor Jahren entdeckten die Hirnforscher diese "Zeitfenster", in denen Kinder besonders offen sind, um etwa Sprachen oder Musizieren zu lernen. Ist das menschliche Gehirn mit 15 oder 16 erst einmal weitgehend fertig entwickelt, werden durch das Lernen nur die bis dahin entstandenen Synapsen gestärkt oder geschwächt. Henning Scheich empfiehlt deshalb, Kindern gerade möglichst früh vielfältige Erfahrungen zu vermitteln und sie Natur-, Sprach- und Mathematikerfahrungen machen zu lassen. Die Fähigkeit, Netze für Musterunterscheidung optimal zu strukturieren, ist in der Vorschulzeit am höchsten.

Individuelle Förderung
Nur sollte man seiner Ansicht nach auch in der (frühen) Schulzeit darauf achten, Kinder nicht mit riesigen Stoffsammlungen zu überfrachten, sondern sie exemplarisch lernen zu lassen. Kinder sollten auch in der Schule vom Erfahrbaren ausgehen können und nach praktischer Anwendung suchen dürfen. Dies entspricht am ehesten ihren Lernbedürfnissen. Von Bedeutung sieht er dabei das individuelle Hinführen auf Erfolgserlebnisse. Werden Kinder nicht dazu gebracht, sich anzustrengen, meldet das Gehirn keine Erfolgsleistung. Dadurch verkümmern sowohl starke als auch schwache Schüler. "Die einen, weil sie unter-, die anderen weil sie überfordert sind." Gerade bei schwachen Kindern gilt: Misserfolge sind zwar Bestandteile der Lernprozesse, sie dürfen aber nicht überwiegen: Wenn Kinder ständig überfordert sind und immerzu die Erfahrung machen, dass alle Anstrengungen zu Misserfolg führen, fällt das interne Belohnungssystem aus und sie reagieren schließlich mit Passivität. "Deshalb sollte man gerade schwache Schüler mit Umsicht an Probleme heranführen und ihnen Erfolgserlebnisse vermitteln." Frühe Förderung heißt also auch in jedem Fall "individuelle Förderung"!

Und da der Transfer von Wissen vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis schließlich ein sehr komplizierter Prozess ist, der den ganzen Tag dauert und unbewusst verläuft - mehrmals am Tag muss Gelerntes wiederholt und vertieft werden - lassen sich die Lernprozesse optimal in der Ganztagsschule vollziehen, betont Prof. Henning Scheich. Aber nur, wenn sich Lern- und Erholungsphasen abwechseln!

Kinder gezielt mit dem Lehrstoff der Schule vertraut machen
Auch Elsbeth Stern, Professorin der Neuropsychologie am Max-Planck-Institut in Berlin, Lernforscherin und Befürworterin einer anspruchsvolleren Erziehung in Kindergarten und Schule, warnt vor einer überalterten Vor- und Grundschulpädagogik, die Kindern einen Lernschonraum zugesteht, bis ihr Gehirn herangereift sei. Damit verbleiben sie nur unnötig lange in einem "geistigen Naturzustand". Sie fordert eine anregendere Lernumgebung schon im Kleinkindalter, was für sie nicht heißt, möglichst viel Lernstoff in die ersten Lebensjahre zu packen. Abgesehen davon, dass kleine Kinder eine sehr begrenzte Aufnahmekapazität haben und "keinen Schwamm, der neue Informationen in sich aufsauge", gehe es ihrer Ansicht nach vielmehr darum, "Kinder schon in frühem Alter gezielt mit dem Lehrstoff der Schule vertraut zu machen." Die "Idee der formalen Bildung", nach der an deutschen Schulen unterrichtet wird - optimale Schulung des Intellekts durch Beschäftigung mit möglichst komplexen und abstrakten Problemen, egal was deren Inhalte sind - ist in ihren Augen unhaltbar. Es gelang ihr gemeinsam mit Ludwig Haag und mithilfe moderner statistischer Methoden zu bestätigen, "dass sich keinerlei Effekte des Lateinlernens auf das logische Denken nachweisen lassen. Es kommt sehr wohl auf den Inhalt des Gelernten an, auf das Wissen also."

"Nicht Intelligenz, sondern Wissen ist der Schlüssel zum Können."
Während Defizite bei der Intelligenz und speziellen Begabungen durch besonders intensives Üben in gewissem Maß ausgeglichen werden können, ist fehlendes Wissen nicht kompensierbar. Anders herum: Kinder, die unabhängig von ihrer Intelligenz schon zu Beginn des Schuljahres Wissen mitbringen, haben die besten Chancen, etwas dazuzulernen. Dies beweist Elsbeth Stern anhand einer Untersuchung: Ausschließlich Kinder, die bereits in der zweiten Klasse ein fortgeschrittenes Verständnis von Zahlen hatten, konnten in der elften Klasse noch sehr gute Leistungen erbringen. "Wer es jedoch nicht geschafft hat, seine Intelligenz in Wissen umzusetzen, der hat in dem entsprechenden Fachgebiet weniger Chancen als jemand, der bei schlechteren Ausgangsbedingungen mit vielleicht etwas größerer Anstrengung Wissen erworben hat."

Experimentelle Grunderfahrungen
Dies spricht dafür, dass auch Kinder mit ungünstigeren Voraussetzungen bereits früh mit der Anhäufung von Wissen beginnen sollten. Wie bereits kleine Kinder sich intelligentes Wissen, also verwertbares Wissen, aneignen können, zeigt sie in ihrem "Lernlaboratorium". Hier machen bereits Grundschulkinder experimentelle mathematische und physikalische Grunderfahrungen mit Dichte, Kraft und Masse. Mit Hilfe einer Balkenwaage und unterschiedlichen Gewichten beispielsweise, bekommen sie eine Ahnung von den Koordinaten der x- und y-Achse und lernen spielerisch, eine lineare Funktion aufzuzeichnen. Auch kleine Kinder sind also durchaus zu abstrakten Denkleistungen in der Lage, wenn sie aus "der Anschauung aufsteigen und sich anschließend als brauchbares Instrument erweisen".

Intelligentes Wissen
Vorwissen muss allmählich aufgebaut werden, wenn etwas hängen bleiben soll. Eine Anhäufung von Wissen, und zwar nur Faktenwissen, das in intelligent vernetztes Begriffswissen eingebettet ist, soll vom Lernenden konstruiert werden. Dies geschieht, indem er mit der neu eingegangenen Information an sein bereits bestehendes Wissen anknüpft. Je mehr Wissen er hat und je besser dieses strukturiert ist, umso leichter kann er neu eingehende Informationen aufnehmen und nur so kann er die mit dem Lernen einhergehende "Automatisierung" von Wissen besser und sinnvoller ausschöpfen. Und wie wichtig Automatisierungsprozesse auch gerade für schwächere Schüler sind, zeigt Elsbeth Stern an PISA: "Ein im Lesen ungeübter Mensch muss jeden Buchstaben in einen Laut übertragen und daraus mühsam ein Wort konstruieren. Es wird Arbeitsspeicherkapazität gebunden, die für das Sinnverständnis verloren geht. Die PISA-Studie zeigte, dass hier das Problem für viele Hauptschüler liegt: Der Leseprozess ist so wenig automatisiert, dass die gesamte Aufmerksamkeit absorbiert wird und für das Stiften von Sinnzusammenhängen nichts übrig bleibt."

Gemeinsame Wege finden
Ob also individuelles Heranführen an den"Glückseffekt" beim Lernen oder langfristiger Aufbau einer intelligenten Wissensbasis, beide Lernforscher zeigen, dass bereits kleine Kinder gerne und viel lernen und sich Wissen aneignen können, ohne überfordert zu werden. Wichtig ist nur in jedem Fall eine anregende Lernumgebung und die Anpassung an ihre Lernbedürfnisse: Experimentelles Lernen hat sich in beiden Beispielen als Methode bewährt. Aufgabe einer engeren Zusammenarbeit beider Gruppen, der Wissenschaftler und der Lehrer, ist es, lernfördernde Anregungen aufzuzeigen bzw. Übungen in Vor- und Grundschule zu konkretisieren, die den späteren Unterricht am besten unterstützen.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.08.2003
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