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21. 07. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Nur Ziele formulieren, reicht nicht aus

Bildungsforscherin Isabell van Ackeren über Grenzen und Chancen der Indikatorisierung im Bildungswesen

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Isabell van Ackeren

Bildung PLUS: Frau van Ackeren, was ist ein Indikatorsystem? Was sind Indikatoren?

van Ackeren: Indikatoren sind, greift man die ursprüngliche Wortbedeutung auf, ‚Anzeiger'. Damit sind sie mehr als statistische Daten deskriptiven Charakters, wenngleich sie in der Regel auf diesen basieren. Vorliegende Informationen werden vielmehr herangezogen bzw. neue Datensätze werden so generiert, dass sie einen Zustand anzeigen und sie evaluativen Charakter haben. Darüber hinaus können Informationen mit der Intention ausgewählt und herangezogen werden, dass sie Hinweise auf Handlungsoptionen, etwa für die Bildungspolitik, geben können; sie haben damit einen starken Anwendungsbezug. Diese beiden zentralen Aspekte der Begriffsbestimmung von ‚Indikatoren', nämlich die Identifizierung von Problemen - im Fachjargon ‚problem-finding'-Ansatz genannt - und die Perspektive der Erreichung zumeist bildungspolitisch festgelegter Ziele - der so genannte ‚target-setting'-Ansatz - erscheinen aus meiner Sicht zentral für die Definition und auch für die Funktionsweise von Indikatoren. Für eine wirklich umfassende integrative und steuernde Sicht auf das Schulsystem auf der Basis von Indikatoren bedarf es selbstverständlich nicht nur eines einzelnen Indikators. Indikatoren werden vielmehr in einem System mitgeteilt, das Querverbindungen und Interdependenzen aufzeigen bzw. zumindest plausible Annahmen stützen kann.

Bildung PLUS: Und welche Eigenschaften muss ein "Indikator" besitzen, damit er mehr ist als eine Zustandsbeschreibung, die auf statistischen Daten basiert?

van Ackeren: Neben dem gerade genannten Aspekt der Zusammenstellung von Informationen in einem Set von Indikatoren, mit dem sich Zusammenhänge und das Bedingungsgefüge des komplexen Systems ‚Bildungswesen' aufzeigen lassen, gibt es weitere Qualitätskriterien, die sich auf der Grundlage entsprechender Literatur der ‚school indicator research' sowie der Betrachtung existierender Indikatorensysteme und Berichterstattungen ableiten lassen. Grundlegend ist immer die Qualität der herangezogenen Daten, die valide, reliabel und objektiv sein müssen. Des Weiteren möchte ich die Bedeutung des Zeitaspektes von Informationen hervorheben: Indikatoren, in diesem Fall speziell Bildungsindikatoren, müssen auf regelmäßigen Erhebungen beruhen, um ein aktuelles Bild vom Zustand eines Bildungssystems zeichnen und zugleich Trends und Perspektiven im Zeitverlauf anzeigen zu können. Schließlich sollten die Personen, die Indikatorensets entwickeln und zusammenstellen, immer auch die ‚Datenempfänger' im Kopf haben, diejenigen also, an die sich ein Indikatorensystem richtet und die mit den Informationen umgehen sollen. Unter diesem Gesichtspunkt sind die Handlungsrelevanz, die Verständlichkeit der präsentierten Inhalte sowie die Glaubwürdigkeit und die Fairness der Darstellung zu berücksichtigen.

Bildung PLUS: Auf welche Indikator basierten Berichterstattungen oder Reporting-Systeme aus Deutschland konnten Sie in der Studie zurückgreifen?

van Ackeren: Zunächst einmal muss man voranstellen, dass die von uns vorgenommene Sichtung existierender Indikatorensysteme zweierlei Intentionen hatte: Zum einen wollten wir unsere theoretischen Überlegungen zur Bildung und Nutzbarmachung von Indikatoren im ersten Analyseteil über eine exemplarische, aber dennoch systematisierende Darstellung vorfindlicher Anwendungen von Indikatorensystemen im In- und Ausland im zweiten Teil ergänzen. Zum anderen haben wir im dritten Teil des Projektberichtes, in dem wir am Beispiel der ‚Forum Bildung'-Empfehlungen einen möglichen Weg  der Indikatorisierung aufgezeigt haben, auf vorliegende Datensätze und Berichterstattungen verwiesen und damit aufgezeigt, wo Datenmaterial bereits verfügbar ist und welche Lücken aus unserer Sicht deutlich werden. Wenn Sie speziell nach in Deutschland existierenden und von uns herangezogenen Rapporten fragen, so sind hier vor allem Berichtssysteme wie die vom BMBF herausgegebenen ‚Grund- und Strukturdaten', das ‚Berichtssystem Weiterbildung' und der ‚Berufsbildungsbericht' sowie beispielsweise ‚Schüler, Klassen, Lehrer und Absolventen der Schulen' der KMK  zu nennen. Andere Daten, die für eine Indikatorisierung der ‚Forum Bildung'-Empfehlungen herangezogen werden müssten, können in den Wissenschaftsministerien der Länder erfragt werden oder finden sich in thematischen Schwerpunktberichten in einzelnen Ländern.  Bei der Betrachtung existierender Indikatorensysteme ist jedoch deutlich geworden, dass eine grundlegende Konzeption der Bildungsberichterstattung in Deutschland fehlt, obgleich es viele gute Ansätze gibt, die sich etwa um eine Verknüpfung qualitativer und quantitativer Daten bemühen und diese für ein breites Publikum auch kommentieren. Schließlich erweist sich die Datengenerierung im föderalen System als nicht unproblematisch: Es gibt augenscheinlich den Bedarf eines kooperativen Datensystems mit gemeinsamen Variablen, Datenelementen und Kategorien, um ein breiteres Spektrum an Daten aus weiteren Analysebereichen übergreifend zu berichten und darzustellen.

Bildung PLUS: War es möglich, in der Studie alle Empfehlungen des Forum Bildung mit der gleichen methodischen Strenge zu indikatorisieren?

van Ackeren: An erster Stelle ist festzuhalten, dass in vielen Bereichen derzeit die empirische Basis für die Füllung von Indikatoren ausgesprochen lückenhaft ist. Dies gilt vor allem für den Aspekt der Qualität schulischer Arbeitsresultate und der diese Qualität bedingenden Faktoren. Darüber hinaus ist nicht zu übersehen, dass die aussagefähige Verknüpfung einzelner Indikatoren noch intensiver Forschung bedarf. Und schließlich hat sich gerade am Versuch der Indikatorisierung der ‚Forum Bildung'-Indikatoren gezeigt, dass sich bildungspolitische Empfehlungen, die Ausdruck bestimmter Zielsetzungen sind, nicht selten als so ‚weich' und unbestimmt erweisen, dass sie kaum indikatorisiert werden können.

Bildung PLUS: "Weiche" Formulierungen entziehen sich also der Indikatorisierung. Was heißt das generell für Reformbemühungen im Bildungswesen? Darf man nur "hart" und mit Bezug auf konkrete Daten formulieren, wenn die Umsetzung auch überprüfbar sein soll?

van Ackeren: Aus meiner Sicht liefert die vorliegende Studie zu diesem Aspekt eine zentrale Erkenntnis: Bildungspolitik sollte sich zukünftig hinsichtlich aller Zielformulierungen und Empfehlungen von vorneherein darum bemühen, zumindest eine Vorstellung davon mitzuliefern, wie die Erreichung dieser Ziele gemessen und damit überprüft werden kann. Allein das Bemühen um ein solches Bewusstsein kann vermutlich dazu beitragen, die Ziele der Bildungsentwicklung auch im Hinblick auf die Möglichkeit ihrer Erreichung deutlicher abzustecken. Wenn sich dies als schwierig erweist, da zum Beispiel eine konkrete Datenbasis nicht gegeben ist, so kann dies wiederum ein Anzeichen dafür sein, dass es an dieser Stelle Forschungs- und Entwicklungsbedarf gibt und dass der Datenbezug geschaffen werden muss.

Bildung PLUS: Können Sie das knapp an zwei Empfehlungen des Forum Bildung - zum Beispiel zur "Frühen Förderung" und "Lernorte öffnen und verknüpfen" - erläutern?

van Ackeren: Im Rahmen der Überlegungen zur ‚Frühen Förderung' wird u.a. empfohlen, den Bildungsauftrag der Kindertageseinrichtungen zu verwirklichen. Die gegenwärtige Bundesländer übergreifende Datenlage lässt lediglich eine Überprüfung dieses Aspektes auf der Basis von Input-Indikatoren zu: Dazu können die Anzahl und der Anteil der auf den Bildungsauftrag der Kindertageseinrichtungen bezogenen Unterrichtsstunden in der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sowie die Anzahl der Professuren für Frühpädagogik im Zeitverlauf herangezogen werden. Doch eigentlich zielt die Empfehlung auf ein Arbeitsergebnis, auf die Qualität vorschulischer Arbeit bzw. Arbeitsprozesse. Hierzu fehlen die entsprechenden Messinstrumente, die aufwändiger Forschungsverfahren bedürfen, jedoch die beste Datenbasis für die Indikatorisierung liefern würden. Der Forschungsbedarf ist damit deutlich umrissen. Mit Blick auf die Empfehlung der Öffnung und Verknüpfung von Lernorten, etwa durch die Weiterbildung von Lehrenden im Team in Bezug auf die Lösung konkreter Aufgaben der Bildungseinrichtung, erreicht die inhaltliche Füllung eines theoretisch denkbaren Indikators noch deutlicher ihre Grenzen. Hier fehlt nicht nur die Datengrundlage, sondern es fehlen die Möglichkeiten, diese konkrete Datenbasis zu schaffen. Dies wird umso schwieriger, je mehr man sich mit der Indikatorisierung der einzelschulischen Organisationsebene nähert.

Bildung PLUS: Was lässt sich für die Indikatorisierung einer nationalen Bildungsberichterstattung aus Ihrer Studie lernen? Welche Erfahrungen mit der Indikatorenentwicklung liegen in Europa oder den USA und Kanada vor?

van Ackeren: Andere Länder versuchen gezielt, die Qualität identifizierbarer Einzelschulen zu beschreiben und nicht nur die Schulsystem-Ebene bei der Bildung und inhaltlichen Füllung von Indikatoren im Blick zu haben. Die anderorts verfügbaren Daten stützen sich jedoch im Kern auf wiederholte umfassende Schulinspektionen und entsprechende einzelschulische Berichte sowie auf gezielte Evaluationen implementierter Maßnahmen; ein solches Vorgehen ist uns hierzulande fremd. Dennoch meine ich, dass das in Deutschland allmählich entstehende System von Leistungsindikatoren, die sich bislang weitgehend auf den Bereich kognitiver Kompetenzen beziehen, umfassender in die für schulische Leistungserbringung relevanten Rahmenbedingungen einzubetten ist. Die vorgelegte Studie hat die Grenzen der Entwicklung von Bildungsindikatoren exemplarisch am Beispiel der ‚Forum Bildung'-Empfehlungen verdeutlicht, zugleich aber auch Potenziale aufgezeigt, die mit einer entsprechenden Forschungsarbeit genutzt und ausgebaut werden können. Der Blick auf die Erfahrungen und das methodische Vorgehen anderer Länder ist dabei in jedem Falle hilfreich.


Zur Person:
Isabell van Ackeren, geb. 1974, studierte Biologie, Germanistik und Erziehungswissenschaft für die Sekundarstufen I und II. Nach dem
1. Staatsexamen 1999 arbeitet sie seit Januar 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Bildungsforschung/Bildungsplanung der Universität Duisburg-Essen mit. Arbeitsschwerpunkte van Ackerens bilden die Themenbereiche  "Qualitätsentwicklung: Leistungsvergleichsstudien und Entwicklung der Einzelschule im internationalen Vergleich" sowie "Übergänge: Schule-Berufswelt/Kooperationen Schule-Wirtschaft".

Autor(in): Michael Stolzke
Kontakt zur Redaktion
Datum: 21.07.2003
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