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26. 04. 2000

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Raus, weg - anders denken lernen"

Ulrich Wickert über moderne Tugenden, Auslandserfahrungen und den Umgang mit Eliten

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Ulrich Wickert

Forum Bildung: Herr Wickert, sind Tugenden noch moderne Bildungsziele?

Wickert: Absolut. Ich glaube, dass die Tugenden und Werte in der Bildung eine Rolle spielen, mehr als man es merkt. Die Begriffe Tugend und Moral sind negativ besetzt. Das hängt mit unserer Geschichte zusammen und man denkt, Tugenden seien etwas des 19. Jahrhunderts. Völliger Quatsch. Tugenden sind sehr modern: Gerechtigkeit ist eine Tugend, Toleranz ist eine Tugend, Solidarität ist eine Tugend - drei Begriffe, die alle progressiven Menschen benutzen. Ich sehe ein ganz großes Problem, dass die Vermittlung der Tugenden nicht den Rang haben, den sie haben sollten. Das hängt mit sozialen Problemen zusammen.

Forum Bildung: Wie lässt sich das ändern?

Wickert: Wir müssen mehr auf die Erziehung achten. Die Lehrer haben das Problem, dass bei Ihnen immer mehr abgeladen wird, was im restlichen Bereich der Gesellschaft nicht mehr stattfindet. Und dann haben wir ein ganz grundsätzliches Problem, das aus der antiautoritären Denkweise herrührt. Einem Kind muss man erzählen, das darfst du, das darfst du nicht, hier sind Grenzen, die musst du einhalten, dann hat es ein Gerüst, von dem es weiß, in diesem Gerüst kann ich mich bewegen und bin freier als wenn ich kein Gerüst habe und immer über die vermeintliche Grenze hinausschieße.

Forum Bildung: Dann sind Sie auch der Meinung, ein fester Bildungskanon - wie Dietrich Schwanitz es beispielsweise fordert - ist eine sinnvolle Sache?

Wickert: Natürlich. Es gibt bestimmte Dinge, die Grundlagen unserer Zivilisation sind und da bin ich der Meinung, dass es einen Bildungskanon geben muss. Kultur ist ein ganz wesentliches Element zum Beseitigen von sozialen Problemen und solange wir nicht viel in die Kultur investieren, werden wir soziale Probleme nicht beseitigen. Richard von Weizsäcker hat in seiner Abschiedsrede auch davor gewarnt, die Kulturetats zu kürzen, weil er der Meinung ist, über unsere Kultur vermitteln wir unsere Werte und unser Denken.

Forum Bildung: Wie schätzen Sie das moderne Schlagwort der Medienkompetenz ein?

Wickert: Medienkompetenz ist eine Kompetenz von ganz vielen - keine ausschließliche.

Forum Bildung: Wie steht es denn mit Ihrer Medienkompetenz?

Wickert: Internet hab ich hier, Internet hab ich zu Hause, ich hab ja schon zwei Bildschirme hier.

Forum Bildung: Haben Sie in der Schule etwas gelernt, dass Sie heute noch als wichtig erachten?

Wickert: Ich habe zu wenig in der Schule gelernt. Sag ich heute.

Forum Bildung: Da gibt es zwei Auslegungsvarianten: Sie waren zu faul oder die Schule hat nichts angeboten?

Wickert: Ich war faul, ich wollte nicht, ich fühlte mich gequält. Heute sage ich, es gibt einige Dinge, die ich hätte lernen sollen.

Forum Bildung: Wie motiviere ich Menschen, immaterielle Dinge wie Tugenden gut zu finden?

Wickert: Die Einsicht ist etwas ganz Wichtiges. Die Tugend ist das Maß des richtigen Verhaltens. Eine Tugend funktioniert, indem ich die Einsicht habe, dass ich die Umwelt schützen muss. Jetzt kommen zwei negativ besetzte Worte und ich benutze sie trotzdem: Ich gehorche meiner Einsicht, ich nehme mich in die Pflicht. Wenn es uns gelingt, diese Themen - Gerechtigkeit, Toleranz, Solidarität - besser zu vermitteln, glaube ich, dass es gar kein Problem ist, junge Leute zu sehr sozialem Verhalten zu erziehen. Ich bin für die Einführung eines sozialen Pflichtjahrs - ob in der Umwelt, ob im Sozialen, ob in der Stadtpflege etc... Ich glaube, dass dies dazu führen würde, dass die Diskussion darüber - jeder hat alle Freiheiten für sich als Individuum und gleichzeitig Verantwortung für die Gemeinschaft - sehr stark bei jedem verankert sein könnte.

Forum Bildung: Halten Sie das für eine Utopie oder für durchsetzbar?

Wickert: Ich halte es für sehr interessant, dass sich immer mehr Menschen diesem Gedanken nähern. Also Helmut Schmidt hat diesen Gedanken letztens aufgenommen, Richard von Weizsäcker ist dafür und 60% der jungen Leute sind nach einer Umfrage dafür. Aber da die meisten Politiker Populisten sind, wird es wahrscheinlich nicht kommen.
Forum Bildung: Die Bildungsdiskussion geht nun schon seit Jahren. Was würden Sie sofort umsetzen?

Wickert: Es gibt eine ganze Reihe von Punkten, die man in der Schule angehen muss und es gibt einige Punkte, die man in der Ausbildung nach der Schule angehen muss. Also ich glaube, dass in der Schule die Lehrpläne konzentrierter sein müssen, dass man auch ein paar klassische Dinge wieder lernen muss - Gedichte. Man lernt nicht, wie man mit Geld umgeht, man lernt nicht, wie man sozial umgeht. Sachen, die meiner Ansicht nach sehr wichtig sind. Ich würde in jede Volksschule für jedes Kind einen Computer hinstellen, die müssen das von Grund auf lernen, so wie man mit einem Fahrrad umgeht. Das ist gar keine Frage. Da ist natürlich in Deutschland immer noch die Ideologie mancher Eltern, die sagen, nein, nein, das reicht, wenn die mit 14 anfangen. Das halte ich für einen totalen Quatsch.

Forum Bildung: Fremdsprachen. Wie finden Sie die Idee, Englisch schon in der Grundschule einzuführen?

Wickert: Völlig richtig. In Frankreich werden Fremdsprachen schon in den Kindergärten gelehrt. Es ist natürlich ein Problem, weil man nicht voll dreisprachig sein kann. Man kann nur eine Sprache voll beherrschen.

Forum Bildung: Wie viele Schuljahre?

Wickert: 12 Schuljahre. Alles andere find ich eine Idiotie.

Forum Bildung: Wie beurteilen Sie den Begriff "Leistung" in der Schule?

Wickert: Ich bin dafür, dass man Kindern klar macht, dass Leistung belohnt wird. Es ist in der gesamten Gesellschaft so und das müssen die halt lernen. Man muss nicht den Leistungsdruck übertreiben, dass sie kaputtgehen, wie es in der japanischen Gesellschaft ist. Aber man muss ein Maß finden. Aber dieses "man muss gar nichts mehr leisten" - das ist das Denken in unserer Gesellschaft. "Ich brauch gar nichts zu tun" ist ein Denken, dass auch die Politiker vermittelt haben. "Ihr braucht euch um nichts zu kümmern, wir kümmern uns um alles, ihr braucht nur in Urlaub fahren". Das muss man verändern.

Forum Bildung: Was ist mit den Universitäten?

Wickert: Die Universität muss verändert werden. Das Humboldtsche Prinzip ist wunderbar, das kann ich hochhalten, wenn ich 2000 Studenten habe. Ich glaube, die großen Unis müssen ganz anders funktionieren. Viel mehr die Leute an die Hand nehmen, ihnen vorgeben, in zwei Jahren machst du den Abschluss, in zwei weiteren Jahren machst du den Abschluss. Es ist abenteuerlich, welche Gelder da verschwendet werden.

Forum Bildung: Auslandssemester als Pflichtübung an der Uni. Ist diese internationale Erfahrung auch eine Erziehung zu Toleranz?

Wickert: Ich glaube ja. Es ist ja erstaunlich, welche Scheuklappen man haben kann, selbst wenn man ein sehr frei denkender Mensch ist. Tabus in einer Gesellschaft wirken ja so, dass man nicht weiß, dass es Tabus gibt, sondern die werden rund um einen gesetzt. Insofern ist ein internationaler Austausch etwas sehr Wichtiges. Ich habe durch meine verschiedenen Auslandsaufenthalte gemerkt, dass ich in manchen ganz grundsätzlichen Dingen ganz anders denke als in Deutschland gedacht wird. Das fängt mit dem Begriff Freiheit an, den ich in den USA kennen gelernt habe und in Frankreich habe ich gelernt, dass man mit dem Begriff Nation anders umgehen kann als wir es tun. Da kann man nur sagen - raus, weg, anders denken lernen.

Forum Bildung: Deutsche Nobelpreisträger leben und forschen im Ausland. Ist die Förderung in den USA anders als hier?

Wickert: Die Amerikaner haben ein anderes System der Förderung. Die fördern nicht den Drittsemestler, sondern die fördern den Habilitanten. Das ist schlau, dass man die fördert, wo man sagt, die sind auf dem Weg und nicht sagt, wir fördern wahllos jeden.

Forum Bildung: Was halten Sie von Elitenbildung?

Wickert: Jedes Land hat seine Art und Weise, Eliten zu bilden. Für uns ist Elite ein negativer Begriff. Das hat natürlich mit den Nazis zu tun. Jede Gesellschaft hat ihre Eliten. Das ist ein soziologischer Begriff und es ist nur die Frage, wie offen ist der Zugang zur Elite. In Frankreich ist er ziemlich geschlossen. Unsere Elitenbildung ist sehr viel offener. Bei uns haben sie eine Wirtschaftselite, die im Schnitt sehr unpolitisch und sehr ungebildet ist.

Forum Bildung: Wie soll man mit Hochbegabten umgehen?

Wickert: Ich bin dafür, dass Hochbegabte entsprechend ihrer Begabung gefördert werden. Das ist ja das Missverständnis bei uns, dass man sagt, Hochbegabte darf man nicht mehr fördern. Die muss man entsprechend ihrer Begabung fördern. Ganz Hochbegabte müssen ja nachher nicht unbedingt Genies sein.
 

 

Autor(in): Udo Löffler/ Michael Stolzke
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Datum: 26.04.2000
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