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22. 05. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"...alles andere ist Kosmetik am System"

Bayern erprobt ab Oktober Bildungsplan für Kindertagesstätten

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Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis

Bildung PLUS: Was steht in dem Bildungs- und Erziehungsplan, der ab Oktober in Bayern in seine Erprobungsphase tritt?

Fthenakis: Der Bildungsplan soll ein verbindlicher Rahmen sein, der die Erziehung und Bildung für Kinder in den Kindertagesstätten regelt. Allerdings besteht seine Zielsetzung nicht in der Kontrolle der pädagogischen Arbeit in den Einrichtungen, sondern in derer Orientierung. Es wird von der Fachkraft vor Ort erwartet, dass sie unter Berücksichtigung der lokalen Bedingungen, der Bedürfnisse der Eltern und der Kinder den Bildungsplan für die Einrichtung konkretisiert. Dies ist dann auch die verbindliche Ebene der Umsetzung. Allerdings muss der individuelle Plan nachweisen, dass er konform mit dem allgemeinen Bildungs- und Erziehungsplan ist. Das Kernstück des Planes besteht in einer Neudefinition von Bildung: Bildung ist als sozialer Prozess zu verstehen und nicht mehr als Selbstbildungsprozess. An diesem sozialen Ko-Konstruktions-Prozess beteiligen sich Kinder, Eltern, Fachkräfte und Erwachsene. In diesem Sinne regelt Bildung auch das Verhältnis aller Beteiligter.

Bildung PLUS: Wie kann eine Kindertagesstätte denn nachweisen, dass sie die allgemeinen Zielvorgaben erfüllt?

Fthenakis: Das strengste Instrument ist die Evaluation. Wir werden dabei auf zwei Ebenen handeln: Zum einen soll die Evaluation im Dienst der Entwicklung von Bildungsqualität stehen, was bedeutet, dass Selbstevaluationselemente eine wichtige Rolle einnehmen. Aber wir werden  auch die Fremdevaluation einführen und zwar in einem doppelten Sinne: Erstens als Reflexionsebene für die eben genannte Selbstevaluation. Das heißt konkret, dass die einzelnen Kindertagesstätten Expertisen von außen einholen können. Die zweite Ebene der Fremdevaluation betrifft die Weiterentwicklung des gesamten Systems: Wie entwickeln sich die verschiedenen Einrichtungsformen, wie wird der Bedarf gedeckt, ist die Steuerung des Systems insgesamt qualitativ hochwertig? Über dieses Instrumentarium der Evaluation soll gewährleistet werden, dass die Ziele des Bildungsplans erreicht werden. Hinzu kommen noch Befragungen von Eltern, Kindern, Fachkräften sowie Zusatzinstrumente, die das System  steuern und die Qualität nachweisen sollen.

Bildung PLUS: Nach welchen Kriterien werden die Kindertagesstätten für die Erprobungsphase ausgesucht?

Fthenakis: Die Kindertagesstätten, die für eine systematische Implementation ausgewählt werden, sollen die Komplexität der Tageseinrichtungen in Bayern abbilden. Der Bildungs- und Erziehungsplan wird ab Oktober d. J. für alle Einrichtungen freigegeben, die ihn erproben wollen. Allerdings ohne wissenschaftliche Begleitung, dafür aber mit einer Fortbildung der FachberaterInnen, so dass diese für Nachfragen aus allen Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Bildung PLUS: Andere Länder haben schon vor Jahren Bildungspläne eingeführt. Was kann man von der Erfahrung dieser Länder lernen?

Fthenakis: Man kann zunächst feststellen, dass unser Plan mit seiner Orientierung, seinem Verständnis von Qualität und seinen inhaltlichen Schwerpunkten auf der Höhe der internationalen Entwicklung steht. Wir können vom Ausland allerdings die Art lernen, wie moderne Bildungspläne entstehen. Sie sind im Ausland nicht mehr das Produkt der Fachlichkeit und/oder der Politik allein. In Bayern haben wir dem Rechnung getragen, in dem in der zuständigen Kommission alle Perspektiven eingebettet waren, auf die es ankommt: Fachkräfte von allen Einrichtungen, Grundschullehrer, Vertreter der Ausbildungsstätten, der Spitzenverbände, der Ministerien und auch der Eltern. Ein absolutes Novum ist, dass Eltern bei der Konstruktion von Bildungsplänen beteiligt wurden.

Bildung PLUS: Haben die Bildungspläne dieser Länder auch ein anderes Verständnis von Bildung im frühkindlichen Bereich?

Fthenakis: Ja. Das zweite, das wir vom Ausland gelernt haben, ist die Ebene zu verändern, an der Bildungspläne ansetzen. Bislang haben wir nur den Fertigkeiten von Kindern Beachtung geschenkt. Heute wissen wir, dass wir auch komplexere Prozesse ins Auge fassen sollten. Das ist zum einen die Vermittlung lernmethodischer Kompetenz und von Basiskompetenzen, dass die Kinder in der Lage sind, Veränderungen und Risikosituationen so anzugehen, dass Risiken minimiert und der Nutzen maximiert wird. Für eine so komplexe Situation reicht natürlich eine Kompetenz allein nicht aus, sondern die Kinder müssen ihre gesamten Ressourcen aktivieren.

Bildung PLUS: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Fthenakis: Natürlich. Nehmen Sie einen Kaufladen: Die Kinder lernen viel, indem sie kaufen und verkaufen. Was sie aber nicht lernen, ist die Reflexion darüber, dass sie lernen, was sie lernen und wie sie lernen. In einem meta-kognitiven Arrangement müsste die Erzieherin mit den Kindern vor dem Spiel die Ziele gemeinsam definieren. Die Komplexität des Kaufladens muss den Kindern angemessen vermittelt werden - die Perspektive des Verkäufers, des Käufers, des Lieferanten, die unterschiedlichen Bewertungen und Erwartungen. Auch die Frage nach der Rolle des Geldes muss geklärt werden. Für Kinder ist es einfach da. Sie haben seine Rolle in diesem komplexen Geschehen nicht begriffen. Das Wissen darum ist die Voraussetzung für lernmethodische Kompetenz. Außerdem muss die Erzieherin mit den Kindern immer wieder reflektieren, was sie gelernt haben, es dokumentieren und zum Abschluss noch einmal darüber sprechen. Die Kinder müssen in der Lage sein, ihr Wissen auch anderen Kindern zu vermitteln. Dieser ganze Aspekt wird in den Einrichtungen momentan nicht hinreichend beachtet. Empirische Studien haben nachgewiesen, dass Kinder ohne lernmethodische Kompetenz auf einer unteren Ebene des Lernens stehen bleiben, auf der sie das Lernen lediglich als Tun begreifen.

Bildung PLUS: Dieses neue Verständnis von Bildung verlangt aber auch einiges von den ErzieherInnen. Was muss sich in der Ausbildung ändern?

Fthenakis: Wir sind der Auffassung, dass der Bildungsplan Herausforderungen für das gesamte Bildungssystem mit sich bringt. So können nicht mehr Bildungspläne für die Tageseinrichtungen und die Grundschulen separat entwickelt werden. Wir brauchen mindestens einen Bildungsplan für das Alter von null bis zehn Jahren, am besten bis zum Abitur bzw. zum Schulabschuss. Eine andere Herausforderung ist die Professionalisierung des Personals auf universitärem Niveau und eine gemeinsame Ausbildung der Fachkräfte des Elementar- und des Primarbereichs. Dafür muss allerdings das Ausbildungscurriculum reformiert werden. Die Segmentierung der Ausbildung und der Bildungspläne auf bestimmte Bildungseinrichtungen ist für die Zukunft nicht zu halten - alles andere ist Kosmetik am System.

Bildung PLUS: Die Reform der Erzieherausbildung wird sicher einige Jahre dauern. Wie werden die Fachkräfte in Bayern auf die aktuellen Herausforderungen vorbereitet?

Fthenakis: Wir erwägen in Bayern, die Schlüsselpositionen von Leiterinnen auf ein höheres Ausbildungsniveau zu bringen. Dazu hat die Politik allerdings noch nicht das letzte Wort gesprochen. Außerdem  wird ein flächendeckendes Fortbildungsprogramm für erforderlich gehalten.

Bildung PLUS: Was für eine Rolle spielen die Eltern, die plötzlich nicht als Kunden, sondern als Mitgestalter gefragt sind?

Fthenakis: Wir wollen eine Erziehungs- und Bildungspartnerschaft etablieren. Alle Entscheidungen über den Kindergarten, die vor Ort getroffen werden, sollen in einem Gremium fallen, in dem Fachkräfte, Träger und Eltern beteiligt sind. Wir werden  die Eltern in die Verantwortung mit hineinnehmen. Der Bildungsplan sieht sieben unterschiedliche Dimensionen der Kooperation mit Eltern vor - eine davon ist die Mitbestimmung. Es ist ein Qualitätsmerkmal des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplanes das Verhältnis zwischen formell organisierter und informeller Bildung neu zu regeln und das Verhältnis auf eine dialogisch-partizipatorische Ebene zu bringen: Ko-Konstruktion auf partnerschaftlicher Basis und die Stärkung demokratischer Entscheidungsprozesse ist unser Ziel.


  

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.05.2003
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