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10. 04. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Die natürliche Zweisprachigkeit fördern.“

Kinder nicht deutscher Herkunft sollen auch in ihrer Muttersprache unterrichtet werden

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Dr. Ertekin Özcan

Bildung Plus: Herr Dr. Özcan, Eltern spielen eine große Rolle im Schulleben ihrer Kinder. Interessieren sich türkische Eltern für die Schule ihrer Kinder? Wenn ja, wie bringen sie sich ein?

Özcan: Das lässt sich nur differenziert beantworten. Etwa ein Viertel der Eltern türkischer Herkunft interessiert sich sehr für die Schule ihrer Kinder. Sie wünschen sich, dass ihre Kinder im Schulleben erfolgreich sind und später einen guten Beruf erlernen. Sie legen Wert auf aktive Mitbestimmung und nehmen an Elternabenden und Schulgremien teil. Wenn nötig, besprechen sie die Probleme ihrer Kinder mit den Lehrern bzw. der Schulleitung und tragen zu ihrer Lösung bei. Diese Gruppe der Eltern kann man als bildungsbewusste und bildungsnahe Eltern bezeichnen. Ein weiterer Teil der Eltern interessiert sich zwar auch für ihre Kinder, kann aber aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht an den Elternabenden teilnehmen und die Kindern unterstützen. Und eine dritte, bildungsferne Elterngruppe, immerhin etwa die Hälfte der Eltern türkischer Herkunft, ist weder sprachlich noch sozial dazu in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern.

Bildung Plus: Welche Möglichkeiten der Elternbeteiligung gibt es?

Özcan: Eltern können an den Schulgremien auf der Bezirks- und Landesebene teilnehmen und mitbestimmen bzw. dort die Interessen ihrer Kinder vertreten. Die Beteiligung ist aber aufgrund der Sprachprobleme der meisten Eltern nicht sehr groß. Vor zwanzig Jahren verließen etwa 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft die Schule ohne Abschluss. Sie sind inzwischen Eltern geworden. Sie können sich weder in Deutsch noch in Türkisch artikulieren.

Bildung Plus: Wie sieht die Bildungssituation der heutigen türkischen Jugend aus?

Özcan: Nicht gut. Über 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft haben keine bzw. sehr geringe Berufsbildungschancen. Von den ca. 550.000 Schülern türkischer Herkunft verlassen ca. 20 Prozent die Schule ohne Abschluss, über 40 Prozent mit einem einfachen Hauptschulabschluss. Gerade 9 Prozent erreichen die Hochschulreife. Ihre Erziehungs-, Bildungs- und außerschulischen Probleme gehören immer noch zu den größten Problemen der türkischen Minderheit in der Bundesrepublik. Die PISA-Studie hat belegt, dass es dem deutschen Schulsystem nicht gelungen ist, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche genügend zu fördern. Zu dieser Gruppe zählen zumeist auch türkische Kinder.

Bildung Plus: Welches sind ihre Hauptprobleme?

Özcan: Dass der Spracherwerb und das Sprachenlernen der zweisprachigen bzw. mehrsprachigen Kinder durch die öffentlich-rechtlichen Institutionen (KITAS und Schulen etc.) grundsätzlich nicht genügend gefördert werden. Aus finanziellen, familiären bzw. kulturellen und sozialen Hintergründen beginnt ein großer Teil der türkischen Kinder mit der Grundschule, ohne vorschulische Einrichtungen besucht zu haben. Diese Kinder haben entweder gar keine oder nur sehr geringe Deutschkenntnisse. Die Konzentration der türkischen Schüler auf bestimmte Einzugsgebiete und Schulen, wie zum Beispiel in Berlin auf Kreuzberg, Nord-Neukölln u.a. trägt nicht zur Lösung dieser Probleme bei.

Bildung Plus: Wie kann die Föderation türkischer Elternvereine in Deutschland helfen bzw. welche Aufgaben übernimmt sie?

Özcan: Die Föderation türkischer Elternvereine in Deutschland (FÖTED) wurde am 5. November 1995 in Berlin gegründet, um einen Beitrag zur Lösung der Erziehungs- und Bildungsprobleme türkischer Kinder und Jugendlicher im vorschulischen, schulischen und außerschulischen Bereich zu leisten und um auf Landes- und Bundesebene eine bessere Interessenvertretung zu ermöglichen. Unser Verein hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, dafür zu sorgen, dass die Eltern und Erziehungsberechtigten an der Lösung der Probleme in Erziehung, Bildung und Berufsbildung der Kinder und Jugendlichen türkischer Herkunft auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene mitwirken und Einfluss nehmen. Er entwickelt die notwendigen Aktivitäten, damit die Kinder sowohl die Möglichkeiten und Erfahrungen aus ihrer Herkunftskultur als auch die ihres Umfeldes nutzen können und somit in psychischer Gesundheit aufwachsen, zweisprachig und interkulturell erzogen und ausgebildet werden. FÖTED setzt sich bundesweit und überparteilich für die Interessen türkischer Eltern und Kinder ein. Sowohl im Hinblick auf die Bundesrepublik als auch auf die Türkei stellen wir Forderungen auf und entwickeln Vorschläge, um gleiche Rechte und Gleichbehandlung der Kinder und deren Eltern zu erreichen.

Bildung Plus: Welche Forderungen sind das?

Özcan: Nach 42 Jahren Einwanderung sind Kindertagesstätten (KITAS) und Schulen noch immer monolingual und monokulturell ausgerichtet. Dabei sieht die Lebensrealität vieler Kinder in Deutschland ganz anders aus. Der größte Teil der Schulen ist multikulturell und mehrsprachig. Viele Kinder werden zugleich in türkischer oder einer anderen und in deutscher Sprache und Kultur sozialisiert. Diese natürliche Zweisprachigkeit sollte deshalb sowohl in den vorschulischen Einrichtungen als auch in den Schulen unterstützt werden. Zudem wird das Erlernen der Muttersprache von der Wissenschaft einhellig als Voraussetzung für die Festigung der eigenen Persönlichkeit, aber auch für das Erlernen aller weiteren Sprachen angesehen. Wie Ihnen sicher bekannt ist, schreiben auch die Europäischen Richtlinien vor, dass die Sprachen der eingewanderten Minderheiten möglichst ins jeweilige Schulsystem integriert werden sollen. Wir als FÖTED legen deshalb großen Wert darauf, dass das Türkische als Muttersprache in den normalen Schulunterricht aufgenommen wird und ab der ersten Klasse bis zu fünf Unterrichtsstunden wöchentlich als zeugnis- und versetzungsrelevantes Fach mit einem interkulturellen Ansatz neben der deutschen Sprache unterrichtet wird. Es sollte auch als zweite und/oder dritte Fremdsprache anerkannt und als Leistungskurs und Prüfungsfach im Abitur belegt werden können.
Sprachförderung beginnt aber bereits im Kindergarten. Deshalb sollten die Erzieher verstärkt in der Spracherziehung aus- und weitergebildet und mehr Muttersprachler eingestellt werden. Die Gebühren für Kindertagesstätten sozial schwacher und kinderreicher Familien sind zu reduzieren bzw. abzuschaffen.
An den Universitäten sollte das Studienfach "Lehramt für Türkisch" eingerichtet werden. In diesem Zusammenhang danken wir dem Ministerium für Schule, Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung in NRW und der Universität Essen für die Einrichtung des Faches "Lehramt für Türkisch". Wir hoffen, dass das Ministerium sich nicht auf die Ausbildung des Lehrpersonals in der Sekundarstufe beschränkt, sondern vielmehr auch die Primärstufe (d. h. Türkischlehrer für Türkisch als Muttersprache und zweisprachige Erziehung etc.) erfasst.

Bildung Plus: Wie viele Eltern sind zurzeit Mitglied in türkischen Elternvereinen und welche Vorteile haben sie gegenüber unorganisierten Eltern?

Özcan: Auf Bundesebene sind etwa 5.000 Eltern türkischer Herkunft in den Mitgliedervereinen der FÖTED organisiert. Sie haben den Vorteil, sich kontinuierlich über die aktuellen Angebote und Aktivitäten der Elternvereine zum Schulsystem informieren und daran teilnehmen zu können. Sie haben die Möglichkeit, die Probleme ihrer Kinder zu bündeln, Lösungsvorschläge zu entwickeln und Forderungen zu stellen. Damit tragen sie zur Verbesserung ihrer Situation bei. Schließlich können sie die Interessen ihrer Kinder durch die Aktivitäten der Elternvereine und deren Bundesverband besser vertreten.

Bildung Plus: Werden PISA und der Reformbedarf des Schulsystems unter türkischen Eltern diskutiert?

Özcan: Der Reformbedarf des Schulsystems wird seit Jahrzehnten unter den Eltern türkischer Herkunft diskutiert. Die aktiven Eltern und ihre Verbände stellen seit Jahren die oben genannten Forderungen. Nach der PISA-Studie diskutierten Eltern und Elternverbände intensiver über deren Umsetzungsmöglichkeiten.

Bildung Plus: Was wünschen Sie sich als Vater für den Bildungsweg Ihrer Kinder?

Özcan: Ich wollte, dass meine beiden Töchter dreisprachig aufwachsen und wünsche mir für ihre Zukunft, dass sie einen guten Abschluss an der Universität erhalten. Sie haben ihr Abitur gemacht und studieren Informatik und Betriebswirtschaftslehre.


Ertekin Özcan, 57, Sozialwissenschaftler, Jurist und Dichter, ist Bundesvorsitzender der FÖTED - Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland - und hauptamtlicher Koordinator des Türkischen Elternvereins in Berlin-Brandenburg. Er hat zwei Töchter im Alter von 21 und 23 Jahren, die Türkisch als zweite Fremdsprache hatten und zurzeit die Uni besuchen.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 10.04.2003
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