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31. 03. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Fünf Stunden im Tempel der Schülerdemokratie

„Demokratie lernen und leben“ – Schulversuch der Bund-Länder-Kommission

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Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Niederwiesa

Demokratie fällt nicht vom Himmel.
Im Untergeschoß vor der Toilette ziehen sich drei Schüler der Riesengebirgs-Oberschule, Berlin, zurück und warten gespannt auf ihren Auftritt. In zwei Stunden werden Salef Jongue, 13, Aljoscha Driemel, 13, Nicolas Schulze, 15 das Projekt "Service-Learning" bei der Auftaktveranstaltung Demokratie lernen und leben präsentieren. Am 6. März 2003 nutzen fast 40 Schülerinnen und Schüler aus sieben Bundesländern die Gelegenheit, in der Landesvertretung Baden-Württemberg in Berlin ihre Projekte vorzustellen.

Das Gebäude der Landesvertretung ist nicht alltäglich, genauso wenig wie die Veranstaltung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung - BLK. Der Eingang wirkt einladend und öffnet sich nach innen wie Arme, die den Besucher willkommen heißen. Die Menschen, die sich um zehn Uhr morgens im lichten Foyer versammeln, wirken zuversichtlich. An der zehn Meter hohen Decke des Festsaals im Herzen der Landesvertretung sind die Lichter in Form eines Kreuzes angeordnet. Für fünf Stunden werden die Säle der Landesvertretung zum Tempel der Demokratie: "Es ist eine Ehre hier zu sein", sagt Nicolas. Demokratie fällt nicht von oben auf die Menschen herab, sondern liegt in den Händen der Schülerinnen und Schüler und das wollen sie in Berlin demonstrieren. Doch der Irakkrieg wirft bereits Schatten.

Thierse: Ohne Angst verschieden leben können
Thierse begründet, warum er den Schulversuch Demokratie lernen und leben nachdrücklich unterstützt: "Wir sind Demokratie gewohnt", sagt Thierse, doch ein Blick in die Vergangenheit aber auch in die Gegenwart zeige, dass wir ein "Gefühl für die Kostbarkeit, weil Verletzlichkeit, der Demokratie brauchen". Rechtsextreme Vorstellungen sind "stark verankert", "16 Prozent vertreten die Meinung, dass Weiße zu Recht führend in der Welt sind. Diese Einstellung findet sich in den Klassenräumen wieder", so Thierse. Das höchste weltliche Gut der Demokratie ist die Menschenwürde, denn sie ist konstitutiv für Demokratie. Demokratie lernen heißt in den Augen von Thierse, "ohne Angst verschieden leben zu können".

Ziel des Schulversuches der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung ist die "Demokratisierung des Schullebens" und die Steigerung der "zivilgesellschaftlichen Handlungskompetenz". Der Schulversuch, der alle Schulformen einschließt, hat eine Laufzeit von fünf Jahren und endet 2007. Bereits jetzt nehmen 160 Schulen aus zwölf Bundesländern teil. Insgesamt spricht der Schulversuch 40.000 Schülerinnen und Schüler an. Dabei sind sämtliche ostdeutschen Länder mit im Boot. Sie wollen Schulen in ihrem "institutionellen Kern" verändern, wie Eberhard Welz, Koordinator des BLK-Programmes, fordert. Das Ergebnis des Schulversuches muss eine "Anerkennungskultur sein, die über die Noten hinausgeht". Die BLK richtet sich mit dem Programm an Schulen, weil alle Schülerinnen und Schüler zur Schule gehen müssen und so eine hohe Zahl an Schülern mit Demokratie lernen und leben erreicht werden kann. Zudem werden die Weichen für ein gewaltfreies Verhalten schon früh in der Schule gestellt.

Demokratisierung der Schulen soll kein Strohfeuer bleiben, das nach vier Jahren erlischt. Mit regionalen Unterstützungssystemen begleitet die BLK die Arbeit der Schulen. "Wichtig ist, die ganze Man- und Womanpower weiterzutragen. Unser Ansatz ist es, in allen beteiligten Bundesländern Netzwerke aufzubauen, so dass Schulen die Impulse in Kooperation mit anderen Schulen weitertragen", sagt Alexa Samson, Koordinierungsstelle der BLK. Die Bewertung des Schulversuchs - oder Evaluierung, wie Fachleute sagen - übernimmt das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung unter der Leitung von Eckhard Klieme.

Im Vordergrund: Schüler als Dienstleister
Im Foyer der Landesvertretung sitzen die Zuschauer gegen Mittag traubenartig vor den Wandzeitungen der zehn Schülerprojekte und hören zu. Jetzt treten Schülerinnen und Schüler als Experten ihrer Projekte auf, und die etwa 250 Erwachsenen sind Zuhörer - ein Rollentausch.

Salef, Aljoscha und Nicolas erläutern, was sich hinter "Service-Learning" verbirgt. Aljoscha bestimmt "Service-Learning" so: "Anderen helfen und nicht nur für sich etwas tun. Außerdem macht es Freude, für andere etwas zu tun." Ihre Dienste bieten Schülerinnen und Schüler in der Gemeinde an. Dabei helfen rund 50 Schülerinnen und Schüler der siebten Stufe Menschen in Altenheimen, sozialen Einrichtungen, städtischen Bibliotheken, einmal in der Woche, nachmittags. Sie kommen ins Gespräch mit anderen Menschen, von denen sie etwas lernen können, etwa mit Vertretern einer für viele Schüler entrückten, älteren Generation. "Ich arbeite in der Thomas-Dehler-Bücherei. Mir macht es Spaß, anderen Leuten dabei zu helfen, wenn sie Bücher suchen. Dabei lerne ich mit dem Computer umzugehen. Den Besuchern kann ich eine Freude machen, wenn der gesuchte Titel da ist", sagt Nicolas.

Für die Mittelschule Niederwiesa ist "Phantasie wichtiger als Wissen"
Wer es unternimmt, Demokratie an Schulen zu leben, muss sich auf umfassende Veränderungen einstellen, die das gesamte Schulleben erfassen. Das zeigt das Projekt der Mittelschule Niederwiesa, Sachsen. Hier haben Schülerinnen und Schüler die Zukunftswerkstatt des Schülerrates ins Leben gerufen. In der Zukunftswerkstatt entwickeln Klassenlehrer und Schülervertreter, kooperativ und gleichberechtigt, Schule und Unterricht weiter. Dabei werden Schülerinnen und Schüler in Moderationstechniken unterwiesen. Um der Gewalt zwischen Schülern das Wasser abzugraben, bildet die Schule Streitschlichter aus, so genannte Mediatoren. In der Zukunftswerkstatt arbeiten die Beteiligten systematisch, Vorhaben der Werkstatt müssen vier Phasen durchlaufen: Vorbereitungsphase, Kritikphase, Realisierungsphase, Nachbearbeitungsphase.

Der vierstufige Projektablauf könnte aus der Werkzeugkiste einer professionellen Organisation stammen. Doch hier versucht eine Schule den Unterricht projektorientiert durchzuführen. Was macht die Dynamik der Zukunftswerkstatt aus? Direktorin Ingrid Schwendel fasst ihre Erfahrungen mit dem Partizipationsmodell in Sachsen zusammen: "Phantasie ist wichtiger als Wissen." Für Markus Vogelsang, 12, sieht der Alltag in der Zukunftswerkstatt so aus: "Schüler machen Verbesserungsvorschläge. Dabei darf der Lehrer nicht allmächtig auftreten und sagen: Ihr müsst das so machen, wie ich es will".

Sandra, Markus, Susann, Benjamin, Sandra - bei der Moderation wechseln sich Jungen und Mädchen ständig ab. Da steht eine Kleine neben einem Großen und alle können reden. Die Schüler tragen mit einer Sicherheit vor, die man bei manchem Erwachsenen vermisst. Trotzdem ist Sandra Weigel, 12, selbstkritisch: "Es ist gut gelaufen. Doch manchmal habe ich mich versprochen."

Nicht Demokratie lehren, sondern leben verändert die Schule in allen ihren Poren. Erweiterte Mitbestimmung, projektorientierter Unterricht, mehr gleichberechtigter Umgang zwischen Schülern und Lehrern sind die Zutaten, die beigegeben werden müssen, damit das Schulleben für alle Seiten zufriedener verläuft.

Einen Dreiklang schlägt auch Wolfgang Edelstein an, um für die Demokratisierung der Schulen zu werben.

Edelstein: Vordenker des Schulversuchs
Wolfgang Edelstein, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist ein unermüdlicher Streiter für die Demokratisierung an deutschen Schulen und "geistiger Vater" des Programms der BLK. Gemeinsam mit Peter Fauser, Universität Jena, hat er das Gutachten Demokratie lernen und leben zum gleichlautenden Schulversuch verfasst. Er will nicht kleckern, sondern eine "systematische Beteiligung" aller Schülerinnen und Schüler an der Gesellschaft in sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht. 

Die Schulen, wie sie jetzt geführt werden, bezeichnet Edelstein als selektive Schulen. In den Gemäuern deutscher Schulen seien Schülerinnen und Schüler ständiger Demütigung ausgesetzt. Und die Kosten einer selektiven Schule, die über Instrumente verfügt, Schülerinnen und Schüler in nicht wenigen Fällen willkürlich auszusieben, sind viel zu hoch: "Es bedarf einer dreimal so hohen Anstrengung, um die Lasten auszugleichen, die die selektive Schule bringt", sagt Edelstein.

Umwälzungen in Natur, Wirtschaft und Medienlandschaft verändern die Welt von Kindern und Jugendlichen dramatisch. Doch auf die Anforderungen der Zukunft können die Schulen ihre Klientel zur Zeit nicht wirksam vorbereiten. Schülerinnen und Schüler müssten daher neue Formen Handelns systematisch erlernen:

  • Verständnisintensives Lernen
  • Selbstwirksames Handeln
  • Perspektive des Anderen einnehmen

"Frontalunterricht ist tödlich für Demokratie"
Eine Position kristallisiert sich bei der abschließenden Podiumsdiskussion mit acht Schülerinnen und Schülern, mit Peter Fauser und mit Heike Kahl von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung immer mehr heraus: "Frontalunterricht ist tödlich für Demokratie". Bei Frontalunterricht verharren Schülerinnen und Schüler zu lange passiv auf ihren Plätzen. Frontalunterricht macht Schüler nicht glücklich, denn sie werden in die Rolle von Zwangszuschauern einer Lehrerdarbietung gedrängt. Ihre Talente können Schülerinnen und Schüler oft nur dann entfalten, wenn Zeit dafür übrig bleibt. Ein Schüler der Mittelschule Niederwiesa hat Demokratie folgerichtig so bestimmt: Demokratie ist, "wenn Schüler im Vordergrund stehen." Bei der Vorstellung ihrer Projekte im Foyer haben sie gezeigt, dass sie das auch können, wenn man sie lässt. Gefragt, wo sie in vier Jahren stehen wollen, beziehen die Schülerinnen und Schüler klare Stellungen:

  • Lehrpläne entrümpeln,
  • gleiches Gewicht der Stimmen von Lehrern und Schülern erreichen,
  • Schulische Steuergruppen mit Schülerinnen und Schüler einrichten,
  • Austausch mit Schülerinnen und Schülern im Ausland erleben,
  • zeitig Verantwortung übernehmen können.

Um 15 Uhr ist der Zauber beendet, die Wandzeitungen sind abgebaut. Schülerinnen und Schüler machen sich auf den Weg zurück in den Schulalltag in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein. Ingrid Schwendel blickt nach vorne: "Wir haben einen Motivationsschub bekommen. Die harte Arbeit kommt jetzt."

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.03.2003
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