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20. 02. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Schweden: Wenig Staat, viel Schule

Nationale Bildungsagentur steuert durch Zielvorgaben

Bild

Beginn des Unterrichts

Früher Tradition der Vorgaben, heute Dezentralisierung
Vor mehr als zwanzig Jahren wurden die Schulen in Schweden von oben gesteuert. Doch das Land hat frühzeitig auf den rasanten gesellschaftlichen Wandel reagiert, auf die Internationalisierung. Bereits seit 1988 richten sich Schulen in Schweden nach nationalen Bildungszielen, "national objectives". Die nationalen Bildungsziele wiederum müssen im Licht der demokratischen Grundwerte gesehen werden, das will das Gesetz.

Seit 1991 hat der Staat die Steuerung der schwedischen Schulen aus seinen großen Händen in viele kleinere und beweglichere gegeben: 289 Kommunen haben die vollständige Verantwortung für die Schulen übernommen. Die Schulen werden nun dezentral gesteuert. Die Autonomie liegt bei den schwedischen Kommunen. Sie sind nun Arbeitgeber der Lehrer und Schulleiter. Der Staat gibt lediglich den gesetzlichen Rahmen vor.

Die Oberste Schulaufsicht, die Skolöverstyrelsen und 24 Schulaufsichtsbehörden wurden einfach aufgelöst und 900 Mitarbeiter entlassen. An seine Stelle trat das Skolverket, die nationale Bildungsagentur mit ca. 200 Mitarbeitern. Mats Ekholm ist der Direktor von Skolverket. Die stark verkleinerte Behörde gibt jetzt nur noch die Bildungsziele vor und kontrolliert, ob die Schulen die Anforderungen erfüllen: "a target oriented system with significant local responsabilities". Ihre Aufgabe ist Supervision, Beratung und Kontrolle der landesweiten Leistungstests.

Der schwedische Staat hat somit die Weichen "von input-orientierter Steuerung hin zu output-orientierter Steuerung" gestellt. Bei output-orientierter Steuerung richtet sich der Staat nach den Lernergebnissen der Schülerinnen und Schüler und nicht mehr nach staatlichen Verordnungen und Lehrplänen. In der Erziehungswissenschaft spricht man von einem "Paradigmenwechsel in der Steuerungsphilosophie".

Im deutschen Bildungssystem herrscht derzeit noch immer die Steuerung der Schulen über den Input vor.

Balance zwischen lokaler, staatlicher und öffentlicher Macht
Die Gemeinden steuern die Schulen über Pläne und lokale Evaluationen. Gemeinde- und Schulvertreter erarbeiten gemeinsam Schulpläne, "schoolplans", und die Schulen brechen die kommunalen Schulpläne herunter auf lokale Arbeitspläne, "local work plans". Die Folge ist, dass es eine Vielzahl von örtlichen Schulprofilen gibt. Nun muss der Staat darauf achten, dass die Qualität der Bildung im ganzen Land gleichwertig ist.

So sind Gemeinden und Schulen verpflichtet, dem Staat jährlich Rechenschaft über die Qualität der schulischen Arbeit abzulegen. Darüber hinaus führt Skolverket landesweite Tests in Fächern wie Schwedisch, Englisch und Mathematik durch, um den Leistungsstand zu messen. Im zweiten und fünften Schuljahr sind die Tests freiwillig, Pflicht im neunten.
Skolverket legt die Testergebnisse der Schulen offen. Die Durchschnittswerte der Noten aus den neunten Klassen sind für alle im Internet nachzulesen.

Nach Ekholm übt auch die Öffentlichkeit eine wirksame Kontrolle über die Qualität der Schulbildung aus: "Damit man ein stark dezentralisiertes Schulsystem überhaupt steuern kann, ist es erforderlich, dass die Ergebnisse der Arbeit in der Schule offengelegt, diskutiert und verbessert werden." Nicht nur auf diese Weise hält der Staat weiterhin seine Finger im Spiel: "Schweden versucht, eine wirkungsvolle Mischung zu finden zwischen zentraler Kontrolle und lokaler Macht", sagt Mats Ekholm.

Das Vertrauen ist gut und die Kontrolle auch. So lernt man an schwedischen Schulen freier zu atmen.

Stell dir vor, es ist Schule und alle gehen gerne hin
Und die Luft an schwedischen Schweden macht freier als in Deutschland. Dort besuchen alle Schüler im Alter von sieben bis sechzehn Jahren die grundskola, eine Gesamtschule mit Ganztagsangebot. In dieser Zeitspanne gibt es keine Noten, stattdessen Lernberichte.

Bei den so genannten "progress meetings", den Gesprächen über die schulische Entwicklung der Schülerinnen und Schüler, treffen sich Schüler, Eltern und Lehrern, um gleichberechtigt über die Lernerfolge und sozialen Kompetenzen zu sprechen: "The experience and opinions of all three parties at the meeting are of equal importance." Schüler und Lehrer sprechen also weniger übereinander als miteinander. Nach der grundskola stellen sich immerhin um die 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Benotung auf dem Gymnasium. Fast 70 Prozent der Gymnasiasten besuchen später die Hochschule.

Knut Schwippert, vom Institut für International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft in Hamburg, hat beobachtet, dass Schülerinnen und Schüler in Schweden gerne zur Schule gehen. Kennzeichnend für Schweden ist ein "hohes Maß an Kooperation zwischen Lehrern, Eltern und Schülern" und "Wertschätzung der Bildung".

"... an active role"
"In Schweden lernen Schülerinnen und Schüler in Gruppen. Sie bekommen Wochenaufgaben und können viel experimentieren. Der Lehrer berät, doch muss er nicht pausenlos vorexerzieren, was eine unglaublich anstrengende Bändigerleistung ist, die deutsche Lehrer täglich frontal vor einer Klasse vollführen," sagt Wolfgang Edelstein, Experte für Schulentwicklung am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Weniger Frontalunterricht, mehr kooperatives Lernen ist charakteristisch für schwedische Schulen heute. Schülerinnen und Schüler sind angehalten, den Unterricht mitzugestalten, sie können Inhalte und Methoden des Unterrichts beeinflussen. Je älter die Schülerinnen und Schüler sind, umso mehr Verantwortung tragen sie auch.

Die Nationale Behörde für das Bildungswesen, Skolverket, versteht dies als demokratisches Training: "This is part of their training in the democratic process." Die Behörde fördert ausdrücklich die Aktivierung von allen, die am Schulleben mitwirken: "That both adults and children take an active role." Da immer mehr junge Schwedinnen und Schweden im Ausland studieren und arbeiten wollen, ist das eigenverantwortliche Lernen eine sinnvolle Vorbereitung auf das Leben nach der Schule.

Evaluierung mit Füßen
Die Eigenständigkeit schwedischer Pennäler wird besonders an der Schulfinanzierung deutlich. Alle Schülerinnen und Schüler können sich die Schule selbst auswählen. Für die Einschreibung eines Schüler bekommt die Schule einen Betrag, mit dem die Schule Personal, Sachmittel und Unterricht finanziert - Skolpeng. Skolpeng bedeutet soviel wie Schulpfennig und ist eine Art Bildungsgutschein. Das Geld kommt und geht mit jedem einzelnen Schüler. Dazu Edelstein: "Dies setzt einen ungeheureren Anreiz, dass das Kollegium als Inhaber dieses Betriebes die Schüler als eine Klientel betrachtet, die es zufrieden stellen muss, und die Eltern als eine Klientel, die es überzeugen muss."

Schulen müssen nicht nur auf die Lernleistungen ihrer Kunden achten, sondern auch auf den Umgang miteinander auf dem Schulhof und in Pausen. Als die drei wichtigsten Erfolgsfaktoren für gute Lernkultur gelten:

  • Zeit für Gespräche, Beziehungen pflegen
  • Auf die informelle Schulumgebung achten: Verhalten außerhalb des Unterrichts wie Hänseleien, Schikanen, rassistische Äußerungen
  • Orientierung an demokratischen Grundwerten

Gerade in städtischen Gegenden, wo die Schülerinnen und Schüler ihr Wahlrecht auch tatsächlich nutzen, wirkt der Skolpeng wie eine Evalualierung mit den Füssen. Diese Praxis ist nur möglich, weil der Staat die Alleinherrschaft über die Klassenzimmer aufgegeben hat.

Und der Erfolg gibt den Schweden Recht.  

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 20.02.2003
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