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12. 12. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Wolfgang Edelstein will demokratisch verfasste Schulen

"Stiftung Brandenburger Tor" macht Schule mit nachhaltigem Jugendprogramm

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Prof. Wolfgang Edelstein

Bildung PLUS: Was will die Stiftung "Brandenburger Tor" mit dem Programm "Jugend übernimmt Verantwortung" erreichen?

Edelstein: Wir wollen auf ein Defizit, auf einen Notstand  antworten. Der akute Mangel soll kompensiert werden, den viele Schüler in Schulen erfahren. Das ist diese mangelhafte Gelegenheitsstruktur. Mangel an Gelegenheit zu sinnerfülltem, selbstwirksamem, zukunftorientiertem Handeln in eigener Verantwortung. Schulen sind ja eine Maschine zur Erzeugung von Passivität. Passivität ist schlecht fürs Lernen, schlecht fürs Leben, es erzeugt Langeweile, es erzeugt nicht zuletzt Depressionen, gerade an deutschen Schulen. Wir suchen nach Wegen, den Schulen zu demonstrieren, was aktives Lernen ist und wie sie Schüler zu aktivem Lernen bringen können.

Bildung PLUS: Was hat die Stiftung  Brandenburger Tor damit bis jetzt erreicht?

Edelstein: Wir haben jetzt fünf Wettbewerbe mit über 1000 Projekten. Wir haben Projekte aus allen Bundesländern. Aus dem Saarland und Bayern kommen wenige, ganz viele kommen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die meisten kommen aus den ostdeutschen Bundesländern. Es gibt natürlich eine Ungleichverteilung zwischen den Ländern, aber wir haben erstaunlich viel Resonanz. Natürlich hat es eine gewisse Weile gebraucht, doch jetzt sind es zwischen 230 bis 240 Bewerber, die auf die Ausschreibung antworten. Anreiz waren die Preise und die Prominenz. Altbundespräsident Roman Herzog hat die Preise im Jahr 2002 präsentiert. Wir sind ziemlich zufrieden und das schlägt sich in einer guten Dokumentation nieder (www.schulprojekte-online.de ).

Bildung PLUS: Nach welchen Kriterien sind die Sieger des Wettbewerbes 2001/2002 ausgesucht worden?

Edelstein: Wir wollen von den Siegern des Wettbewerbs:

- Aktivierung
- In der Schule breit verankerte Projekte
- Projekte außerhalb der Schule, in der Jugendarbeit
- Nachhaltige Projekte

Unsere zentralen pädagogischen Intentionen können nicht an einem Sonntag abgearbeitet werden. Gute Projekte müssen vielmehr einen strukturierenden Einfluss auf Schule und Kooperation in der Schule haben und sie müssen mikropolitische Ziele verfolgen.

Bildung PLUS: Welche Ergebnisse hat der Wettbewerb 2001/2002 erbracht? Inwieweit konnten dabei "demokratische Handlungskompetenzen" geübt werden?

Edelstein: Beim Wettbewerb 2001/2002 haben die Jugendlichen Gelegenheit gehabt, Handlungskompetenzen wie selbstverantwortetes Handeln zu üben. Selbstverantwortetes Handeln erfordert Kooperation, gemeinsame Planungsprozesse, Abstimmungen über Strategien, die Jugendliche selbst aushandeln müssen. Dabei entstehen mikropolitische Demokratieprozesse. Natürlich sind es keine formalisierten Prozesse der Herrschaftsdomestizierung, sondern es sind Basisprozesse der Kooperation, der gemeinsamen Entscheidung, aber ich denke das ist außerordentlich wichtig, weil es zugleich Zivilcourage und zivile Planungsprozesse repräsentiert.

Bildung PLUS: Welches Projekt beim Wettbewerb "Jugend übernimmt  Verantwortung" hat Sie am meisten beeindruckt? Warum?

Edelstein: Sehr gut finde ich das Projekt "Die bunten Schafe". Es ist ein Projekt gegen rechts. Das sind fünf oder sechs Schüler einer Schule in Brandenburg, dem Berthold-Brecht-Gymnasium. Die Schüler haben sich vorgenommen ein Programm gegen rechts zu machen, indem sie die umliegenden Grundschulen immunisieren -  gegen die Sirenengesänge der rechten Verführer. Die "bunten Schafe" klären die Grundschüler durch eigene Theaterstücke auf, die sie dafür schreiben, durch Kunst und Rockmusik.

Die "bunten Schafe" wollen gleichzeitig schulische und kulturelle, also nachschulische Aufklärung bieten, eine hochgradig durchdachte, mit hohem Anspruch versehene und mit hohem Selbstanspruch an Bereitschaft zur eigenen Leistung, zur eigener Tätigkeit, mit den Kleineren "Peer-Work" zu machen. Das hat sowohl kognitive Folgen, affektive, wie tatsächliche in einer Landschaft, wo die Rechten sehr stark sind. Die "bunten Schafe" wollen den Grundschülern einen Gegenhalt anbieten.

Bildung PLUS: Wie kann Gewalt an Schulen, Rechtsextremismus wirksam bekämpft  werden?

Edelstein: Es hat viele Projekte gegeben, die Jugend gegen Rechts mobilisiert haben. Das Grundprinzip ist: Jugendliche anzuziehen für künstlerische oder jugendspezifische Aktivitäten, die den Rechten das Wasser abgraben. Mit Interessenkontexten und mit Mitteln, wie sie die rechten Jugendlichen auch einzusetzen versuchen, nämlich Musik, Gruppensolidarität, gleichzeitig aber mit Aufklärung. Dies sind heroische Projekte, weil ich nicht glaube, dass man die Rechten wirklich erreichen kann.

Meine prinzipielle Vorstellung von Rechtsradikalismus: Wenn Jugendliche schon rechts sind, ist es schwierig dagegen anzukämpfen. Es sei denn Jugendliche gehen präventiv vor, wie die "bunten Schafe". Das ist erfolgreich.

Letztendlich greifen die rechten Jugendlichen auf eine Erfahrungswelt zurück, die sie enttäuscht hat, weil sie das Gefühl haben, sie sind gedemütigt. Die Rekrutierungsbasis der Rechten: Die enttäuschten und gedemütigten Schüler, diejenigen, die Schule als sinnlos empfinden, die den Lehrern misstrauen, die sowieso wissen, dass sie eine miese Perspektive haben, das Gefühl haben, die Ausländer, die Juden und die Schmarotzer nehmen ihnen alles weg. Die Rechten überschätzen die Anzahl von Ausländern in Deutschland maßlos. 

Das Programm "Jugend übernimmt Verantwortung" hat mit der Frage begonnen: Was kann man eigentlich produktiv tun? Mittlerweile hat sich die "Stiftung Brandenburger Tor" weit über diese Fragestellung hinaus entwickelt. Die Jugendlichen müssen eine befriedigende Schulerfahrung machen. Eine Schulerfahrung, in der sie von Anfang an geachtet und anerkannt sind, sie müssen mitbestimmen können, sie müssen in einer Ganztagsumgebung eine Kultur erfahren, die ihnen Alternativen bietet, die ihnen ein sinnvolles Leben bietet, dann werden sie gar nicht rechts.

Bildung PLUS: Mehrere Bundesländer z.B. Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen probieren aus, wie mehr Selbstständigkeit an Schulen und im schulischen Umfeld die Qualität des Unterrichts verbessert. Wie beurteilen Sie die Versuche?

Edelstein: Grundsätzlich beurteile ich die positiv. Wenn das nur darum geht, die Schulen zu selbstverwalteten Firmen zu machen, also verwaltungs- und fiskalische Entlastung herzustellen, dann habe ich natürlich meine Vorbehalte. Nicht dagegen, dass sie das machen, sondern Vorbehalte gegen die Rücknahme auf diese Funktion.

Ich finde es sinnvoll, wenigstens den Schulleitungen und den Kollegien die Möglichkeit zu geben, mehr zu sein als Befehlsempfänger. Auch Lehrer müssen Verantwortung übernehmen, nicht nur Jugendliche. Es ist natürlich eine eingeschränkte und administrativ bestimmte Art von Autonomie. Was sie bräuchten ist eine Autonomie, die ihnen ermöglicht, die lebensweltliche Selbstständigkeit zu entfalten, eine mikropolitische Einheit zu sein, weniger eine Firma, als eine lebensweltliche Mikropolis darzustellen.

Aber doch so etwas, in der das Kollegium tatsächlich eine Entwicklungsgemeinschaft ist, ihre Schule in eine Entwicklung führt, die zugunsten aller Betroffenen entfaltet wird. Es ist dann eine suchende, eine heuristische Gemeinschaft der Schulentwicklung, in der Unterricht weiterentwickelt wird, in der Kooperation stattfindet, in der die Lehrer nicht hinter verschlossenen Türen ihren privaten Kollektivunterricht machen. Schüler und Lehrer entwickeln zusammen eine Schulkultur, die es ihnen ermöglicht, befriedigendes Handeln zu entwickeln und konstruktiv zu sein, eben den pädagogischen Zweck kooperativ zu erfüllen.

Bildung PLUS: Wie müsste eine "selbstständige Schule" aussehen, die das Lernziel  "Demokratie" Ernst nimmt?

Edelstein: Solch eine Schule sollte eine kooperative Organisation der eigenen Zweckbestimmung im Rahmen staatlicher Vorgaben sein. Sie müsste eine Kollegialverfassung haben, in der die Entwicklung der Schule selbst permanent Gegenstand der Verhandlung ist. Die Schule als Ganze müsste lernende und handelnde Schule sein, die sich als selbst gestaltende Schule entwickelt. Sie müsste eine Ganztagsschule sein, in der nicht die repressiv komprimierte Stundenplantätigkeit auf sechs oder sieben Stunden zusammen gefasst wird, mit fünf Minuten Pause, wo ein Gespräch zwischen Schülern und Lehrern und zwischen Lehrern untereinander oder gar eine geplante Innovation, gruppenteilig organisierte Arbeit gar nicht möglich sind.

Dies sind die Voraussetzungen für eine Schule mit substanzieller Selbstständigkeit, wie es die Schweden praktiziert haben. Da haben die Kultusminister leider, wie man sieht, genau die falschen Vorstellungen. Nämlich den Druck zu verstärken, anstatt die Schulen zu reformieren. Die Selektion zu verstärken, statt die Selektion aufzuheben, die Grundschule in ihrer gegenwärtigen Unerträglichkeit zu bestätigen, sie ist nämlich viel zu kurz, anstatt die Gelegenheit zu nutzen, das System zu liberalisieren. Die Schüler lernen nicht mehr unter Druck, sondern schlechter unter Druck, erfolgloser unter Druck, bestrafter unter Druck.

Dieses kann nur dann geschehen, wenn die Lehrer wissen, wie sie das machen. Dazu müssten sie eine Lehrerbildung haben, oder eine Fortbildung haben, oder eben eine Organisation des Selberlernens in der Schule, die es ihnen ermöglicht, zu begreifen was die eigentliche Lerndynamik bei Schülern nährt.

Bildung PLUS: Was unterscheidet das Lernen in den Schulen heute vom "verständnisintensiven Lernen"?

Edelstein: An den Schulen heute wird im Wesentlichen nicht verständnisintensiv gelernt, sondern gedächtnisbetont, faktenorientiert und regelbetont. Das verständnisintensive Lernen ist ein Lernen, das kompetenzorientiert ist. Kompetenzorientiert heißt, dass man handlungsbetont und verstehensintensiv lernt, ein mit tiefem Verstehen ausgestattetes Lernen, das dem Handeln zur Verfügung steht. Es
unterscheidet sich grundlegend vom regelorientierten, fertigkeitsorientierten Bevorratungslernen, das in der Schule institutionalisiert ist. PISA hat das noch mal ganz deutlich gemacht. Dagegen ist das kompetenzorientierte Lernen flexibel, assimilativ, ein Erwerb von Kompetenzen, der auf ein sinnhaftes Handeln hin orientiert ist.
 
Dieses Lernen wird insbesondere in solchen Projekten praktiziert, denen ein weiteres Projektverständnis zugrunde liegt. Projekten mit denen nicht nur einfach ein momentaner Erfolg gesucht wird, sondern der Aktivität auf unterschiedlichen kognitiven Niveaus mobilisiert: sozial, kooperativ, strategisch-planend, evaluativ usw.

Bildung PLUS: Wie sieht "selbstständige Schule" im Ausland aus?

Edelstein: Die Schweden haben die Schule kommunalisiert. In gemeinsamer Regie von Kommunen und selbstverwalteten Schulen entwickeln die Schulen ihr eigenes Programm. Dafür gibt es Ansätze in Deutschland. Dieses Programm wird dadurch validiert, dass die Schüler wählen, das heißt die Schüler bringen die Schulfinanzierung mit.

Wenn die Schulen Schüler verlieren und die Kinder und Jugendlichen in Schulen mit anderem Klima abwandern, dann nehmen sie das Geld mit. In dieser Hinsicht sind die Schulen dann tatsächlich Firmen oder selbstverwaltete Organisationen, die ihr eigenes Geld einbringen. Das ist zwar staatliches Geld, aber es geht mit den Schülern in die Schule. Dies setzt einen ungeheureren Anreiz, dass das Kollegium als Inhaber dieses Betriebes die Schüler als eine Klientel betrachtet, die sie zufrieden stellen muss, und die Eltern als eine Klientel, die sie überzeugen muss, das sie für die Schüler wirklich was tut und das Richtige tut.

Bildung PLUS: Haben Sie eine Vision für die Bildungslandschaft Deutschland? Wie sieht die aus?

Edelstein: Mir würde es reichen, wenn skandinavische Verhältnisse hier eingeführt würden. Ich bin ja in Island groß geworden und bin dort auf die Einheitsschule gegangen. Der wesentliche Gewinn für eine solche Bildungslandschaft ist, dass die Lehrer die Kinder akzeptieren, wie sie sind, heterogen, vielseitig, mit unterschiedlichen Reifegraden, unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten. Die Lehrer sollten wissen, dass sie allen Schüler gerecht werden müssen und dass sie alle fördern müssen, unabhängig davon mit welchen Ausgangslagen sie in die Schule kommen. Dann wird die Schule automatisch anders und eine verkrampfte Homogenisierung ist nicht Gesetz, sondern eben Förderung aller.

Das würde aber heißen, dass wir in einem idealen System nicht die vierjährige Grundschule hätten, sondern mindestens eine Schule für alle in den ersten acht Jahren. In Island oder in ganz Skandinavien gibt es die Schule für alle, in der alle zusammen in die gleiche Klasse gehen - bis einschließlich zum fünfzehnten Lebensjahr. Das sind in der Regel zehn Klassen. Ich würde mal vorsichtig sagen: In Deutschland kommen wir erst im Jahre 3000 dahin, wahrscheinlich werden wir im Jahre 2050 die ersten acht Klassen zusammenführen werden, ohne Selektion.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.12.2002
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