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02. 08. 2002

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Jeder einzelnen Klasse soll eine Standortbestimmung ermöglicht werden."

Vergleichstest in Rheinland-Pfalz prüft Lernfähigkeit und -bedingungen von Achtklässlern

Vergleichstests sind „in“ in der (deutschen) Schullandschaft. Nach PISA und PISA-E erscheint jetzt die große Abschlusspublikation der Vergleichsstudie MARKUS. Im Mittelpunkt der Untersuchungen sowie der öffentlichen Diskussion stehen vor allem die Fachleistungen in Mathematik. Aber MARKUS geht darüber hinaus. Im Gegensatz zu PISA macht die Studie nicht nur Aussagen über die Leistungsfähigkeit der Schüler, sondern auch über die Lernbedingungen und das Schulumfeld.

Die Mathematik Gesamterhebung Rheinland-Pfalz. Kompetenzen, Unterrichtsmerkmale, Schulkontext (MARKUS) prüfte nicht nur isoliert die Mathematikfähigkeiten aller Achtklässler in Rheinland-Pfalz, sondern erstellte ein ganzheitliches Bild von der Leistungsfähigkeit. Schüler, Lehrer und Schulleiter wurden intensiv dazu befragt, wie guter Unterricht zustande kommt und welche Bedingungen das Lernen ausmachen. Die Auswertung der im Jahr 2000 durchgeführten Untersuchung erfolgte unter Leitung der Wissenschaftler A. Helmke und R.S. Jäger an der Universität Koblenz-Landau. Ziel war in erster Linie, Lehrkräften und Schulen eine Standortbestimmung zu ermöglichen und damit eine „empirisch begründete Wissensbasis für Maßnahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung“ bereitzustellen.

Getestet beziehungsweise erfragt wurden neben 1.) den Fachleistungen in Mathematik, 2.) Motivation, Lernen und Leistung, 3.) die Rolle des Kontextes, 4.) Unterricht aus der Sicht der Beteiligten, 5.) Unterricht, Mathematikleistung und Lernmotivation und 6.) Sozialer und Sprachlicher Hintergrund.
Aus den Ergebnissen und Antworten lassen sich interessante Zusammenhänge der Lernbedingungen und -leistungen ableiten.

Hat PISA-E bereits gezeigt, dass große Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern bestehen, belegt MARKUS, dass auch innerhalb eines Bundeslandes das Leistungsniveau sehr unterschiedlich sein kann.
Bemerkenswert ist, dass die Leistungsunterschiede nicht nur zwischen den einzelnen Schulformen bestehen. So schneiden die 20 besten Klassen der Hauptschulen besser ab als die 20 schlechtesten Gymnasialklassen. Auch in Sachen Lernmotivation für das Fach Mathematik überragen die Hauptschulen die Gymnasien. Sind 40% der Hauptschüler davon überzeugt, dass ihnen Mathematik im Alltag von Nutzen ist, glauben dies nur 16% der Gymnasiasten.

Der Unterricht an den Gymnasien zielt zu sehr an der Lebenswirklichkeit der Schüler vorbei. Gleiches gilt für die Anwendung unterschiedlicher Unterrichtsmethoden. Zwar werden in Rheinland-Pfalz insgesamt gesehen viele innovative Unterrichtsmethoden angewandt, aber nimmt man als Beispiel das die Leistungsmotivation und -fähigkeit fördernde Modell des kooperativen Lernens in kleinen Gruppen, so zeigt die Studie, dass fast die Hälfte der Gymnasiallehrer dieses Modell noch nie angewandt haben. Insgesamt gesehen lässt dies Rückschlüsse darauf zu, dass vor allem die Gymnasiallehrerausbildung zu praxisfern ist. Mehr praktische Beispiele und ein größerer Alltagsbezug könnten die Motivation der Schüler für das Fach Mathematik beleben. Auch die Kooperation der Lehrer untereinander, die Unterrichtsstil und damit auch Lernmotivation beeinflussen, wird überwiegend von Hauptschullehrern vollzogen. Hauptschulen beweisen also oft einen höheren Innovationsgrad.

Gefördert werden müsste auch, allerdings schulartübergreifend, die Selbständigkeit und das Lernmanagement der Schüler. Beide gelten als zentrale Arbeitstugenden und Schlüsselkompetenzen, die Untersuchung aber zeigt, dass die Schüler die eigenen Kompetenzen als viel zu gering einschätzen. Eine Förderung des eigenverantwortlichen Lernens könnte die Lernmotivation und -leistung steigern.

Macht man den Unterrichtsausfall hingegen im allgemeinen gern für schlechte Noten verantwortlich, widerlegt MARKUS dies zumindest für das Fach Mathematik. Auch spielt die Klassengröße bezogen auf die Leistungsfähigkeit einer Klasse keine allzu große Rolle. Interessanterweise hängt die Klassengröße dafür mit der subjektiv empfundenen Belastung von Lehrkräften zusammen. Je größer die Klassen, umso größer die Belastung.

Ein großer Zusammenhang besteht dafür zwischen der negativen Leistungsfähigkeit und der Bildungsferne des Elternhauses. Hierin beruhen die gravierendsten Unterschiede der Schulformen. Hauptschüler sind gegenüber den oft von Haus aus gebildeteren Gymnasial- und Realschülern eindeutig benachteiligt, was sich in den Leistungen widerspiegelt.
Der TV- und Videokonsum spielt jedoch, anders als vermutet, keine große Rolle. Das Ausmaß der Zeit für Fernsehen oder Videofilme hängt weder mit der Mathematikleistung noch mit den Zeugnisnoten zusammen.

Die Erkenntnisse der Studie sind zahlreich und aufschlussreich. Mit Hilfe der Befragung können fachliche Ergebnisse in den entsprechenden Kontext eingeordnet werden. Damit lassen sich aus diesen Angaben, besser als aus Leistungsnachweisen alleine, Maßnahmen des schulischen Qualitätsmanagements, für die Lehreraus- und -fortbildung sowie zur Selbstevaluation in Schulen gewinnen. Wer Interesse hat, dem rheinland-pfälzischen Modell zu folgen, findet im Anhang der Abschlusspublikation wertvolle Tipps und Orientierungshilfen zur Durchführung solcher Studien.


 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 02.08.2002
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