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01. 07. 2016

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Bildung und Migration“

Sechster nationaler Bildungsbericht: Eine Bilanz nach zehn Jahren

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Der sechste nationale Bildungsbericht

Der seit 2006 alle zwei Jahre erscheinende nationale Bildungsbericht wird von einer unabhängigen Wissenschaftlergruppe unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erarbeitet. Der sechste nationale Bildungsbericht beschreibt die Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens und hat nach zehn Jahren in seinem Schwerpunktkapitel erneut das Thema "Bildung und Migration" aufgegriffen.


Deutschland ist ein Einwanderungsland, das belegen die Zahlen zur Zuwanderung seit Beginn der Republik. Umso wichtiger ist die Förderung der Integration – der gleichberechtigten sozialen, beruflichen und kulturellen Teilhabe der Menschen mit Migrationshintergrund, unabhängig von der Migrationsgeneration, der Familiensprache oder dem Aufenthaltsstatus. Seit 2004 ist Integration als staatliche Aufgabe verankert und bleibt Dauerthema der Politik in allen wichtigen Feldern – besonders auch im Bildungswesen.

Bereits im ersten nationalen Bildungsbericht 2006 war das Verhältnis von Bildung und Migration Schwerpunktthema. Jetzt, zehn Jahre später, wurde es unter der Fragestellung: „Wie ist Integration im letzten Jahrzehnt in den Bildungsbereichen verlaufen und welche Herausforderungen bleiben?“ für eine bilanzierende Betrachtung erneut aufgegriffen.

Der Anteil der Bevölkerung
Betrachtet man den Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung, so ist er im Zeitraum von 2005 bis 2013 mit rund 20 Prozent relativ konstant geblieben. In den besonders bildungsrelevanten Altersgruppen beträgt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund allerdings 35 Prozent (bei den unter Zehnjährigen) sowie rund 30 Prozent (bei den Zehn- bis 20-Jährigen). Verändert hingegen hat sich im Verlauf der Zeit die Zusammensetzung. Durch die Erweiterungen der EU in den Jahren 2004, 2007 und 2013 sowie den damit verbundenen Regelungen der Freizügigkeit zwischen den Mitgliedsstaaten sind zunehmend mehr EU-Bürgerinnen und Bürger nach Deutschland gekommen. Auch die Zahl der im Jahr 2015 zugewanderten Schutz-und Asylsuchenden, von denen mehr als die Hälfte unter 25 Jahre alt ist, liegt auf einem vergleichbaren Niveau mit der EU-Binnenwanderung 2014.

Menschen mit Migrationshintergrund im Bildungssystem
Die vergangenen zehn Jahre Migration im deutschen Bildungswesen lesen sich als „eine Geschichte von Licht und Schatten, von Fortschritten in der Bildungsbeteiligung und den Bildungsergebnissen, aber auch von weiter bestehenden Bildungsungleichheiten“, steht im Bildungsbericht 2016. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die sich in mindestens einer Risikolage befinden, hat sich seit 2006 um zehn Prozentpunkte reduziert – liegt aber mit 44 Prozent im Jahr 2014 noch immer deutlich über dem Anteil der Kinder und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund (19 Prozent). Auch die Bildungsbeteiligungsquoten von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund haben sich angenähert. Der Anteil der unter Dreijährigen mit Migrationshintergrund, die Kindertageseinrichtungen besuchen, hat sich seit 2009 auf 22 Prozent im Jahr 2015 verdoppelt. Im Kindergartenalter liegt die Bildungsbeteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund 2015 sogar bei 90 Prozent. Trotzdem ist die Inanspruchnahme bei Kindern mit Migrationshintergrund gerade bei den unter Dreijährigen noch auffällig und wesentlich geringer als bei anderen Kindern.

Unterschiede trotz Annäherung

Was die schulischen Bildungsgänge angeht, haben sich die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im Sekundarbereich verbessert. Doch auch hier bleiben Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund, die vor allem auf den sozioökonomischen Status und die (nicht deutsche) Familiensprache zurückzuführen sind. Die Jugendlichen besuchen überproportional Schulen, die maximal einen mittleren Abschluss ermöglichen, an Gymnasien sind sie unterrepräsentiert. Ähnlich verhält es sich in der Berufsausbildung. So hat sich die Quote der jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die ins duale System einmünden, von 27 Prozent auf 36 Prozent erhöht und im Übergangssystem sank sie von 60 Prozent auf 47 Prozent. Doch gerade beim Übergang in eine vollqualifizierende berufliche Ausbildung zeigen sich eklatante Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen, bei letzteren erhöhen sich die Übergangsschwierigkeiten nochmals abhängig von den jeweiligen Herkunftsstaaten. Deutlich unterrepräsentiert sind sie auch an den Hochschulen.

Außerdem sind in der frühkindlichen sowie in der Schulbildung migrationsspezifische Segregationstendenzen festzustellen, die aufgrund der Verteilung in den Wohnquartieren, insbesondere in den Ballungsräumen, entstehen und den Erwerb der deutschen Sprache im Alltag im Umgang mit Gleichaltrigen deutlich erschweren.

Empfehlungen für die Bildungspolitik

Trotz steigender Bildungsbeteiligung und insgesamt verbesserter Kompetenzen im Schulbereich haben sich die an den erworbenen Abschlüssen gemessenen Bildungserfolge der deutschen und ausländischen Jugendlichen nicht in gleicher Weise angenähert. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Bremer Senatorin für Kinder und Bildung, Claudia Bogedan, hob in diesem Zusammenhang hervor: „Der aktuelle Bildungsbericht zeigt, dass in den letzten Jahren die Bildungsunterschiede von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund verringert werden konnten. Trotz der positiven Entwicklungen dürfen wir uns aber nicht auf dem schon Erreichten ausruhen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Befund, dass vermeintliche, auf Migration zurückzuführende Bildungsunterschiede eher auf der sozioökonomischen Situation beruhen. Der Abbau sozialer Ungleichheiten ist somit der Weg zur Verringerung migrationsspezifischer Unterschiede.“

Prof. Dr. Kai Maaz, Sprecher der Autorengruppe und Direktor der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens" am DIPF, empfiehlt im Namen der Autoren des Bildungsberichts, den Gründen für die bestehenden Unterschiede gerade im Hinblick auf die mit Zertifikaten verknüpften Übergangsmöglichkeiten und Übergangsentscheidungen verstärkt nachzugehen. Auch seien die Erfolge der in den letzten zehn Jahren zum Einsatz gekommenen vielfältigen Förderprogramme zur Unterstützung von Integration, wie beispielsweise der Sprachförderprogramme, zu wenig dokumentiert und evaluiert worden, womit ein wichtiges Lernpotenzial für die künftige Gestaltung von Integration bisher ungenutzt bliebe.

Aktuelle Aufgabe des Bildungssystems
Durch die 2015 stark angestiegene Zahl der in Deutschland Schutz- und Asylsuchenden ergeben sich für das Bildungssystem zusätzlich neue Herausforderungen. Die quantitative wie qualitative Bereitstellung der notwendigen Personalressourcen stellt neben finanziellen Investitionen eine zentrale Lösung dar, um Schutz- und Asylsuchende in das Bildungswesen und anschließend in den Arbeitsmarkt zu integrieren und so zu verhindern, dass sie in Gefahr geraten, sozial ausgegrenzt zu werden. Die Bildungsinvestitionen für die Flüchtlinge schätzen die Experten des Berichts auf zusätzlich 2,2 bis 3 Milliarden Euro jährlich. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert außerdem mehr Zeit und Raum für Bildung: „Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher brauchen mehr Zeit, um sich über pädagogische Konzepte für den Umgang mit Vielfalt untereinander auszutauschen und voneinander zu lernen. Sie brauchen mehr Zeit, um ihre Arbeit vor- und nachzubereiten und sich zugleich stärker individuell um Kinder und Jugendliche zu kümmern. Sie brauchen geeignete Räume, in denen ein zeitgemäßes Lernen möglich ist. Das kostet Geld: Deshalb muss der Bund Länder und Kommunen finanziell stärker als bisher unterstützen können."


 

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 01.07.2016
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