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Lesen in Deutschland: Landesporträt Bayern

 

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Lesen in Deutschland

Förderung von Lesen als Schlüsselkompetenz für Bildungsteilhabe: Initiativen in den Ländern

Bayern: Leseförderung mit Gütesiegel.
Akteure, Projekte und Strukturen





Gütesiegel für vorbildliche Bibliotheken
Gütesiegel für vorbildliche Bibliotheken
„Wer liest hat mehr vom Leben, kommt weiter in Schule, Studium und Beruf“ – diese Überzeugung gilt auch in Bayern, dessen Schülerinnen und Schüler nicht von ungefähr bei IGLU und PISA an der Spitze stehen und den internationalen Vergleich nicht scheuen müssen. Dieser Erfolg hat viele Ursachen. Günstige Rahmenbedingungen und eine von vielen Akteuren intensiv betriebene Leseförderung gehören sicherlich dazu.



Lese-Start
Die Leseförderung im Freistaat beginnt seit 2008 bereits im frühen Kindesalter. Als erstes Bundesland setzt Bayern flächendeckend die Aktion „Lesestart“ der Stiftung Lesen um. Die Sprach- und Leseerziehung im Kindergarten wird seit 2005 durch den Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan festgeschrieben, der den Bereich „Sprache und Literacy“ als eigenständigen Förderbereich ausweist. Zur Professionalisierung der pädagogischen Fachkräfte werden zahlreiche Fortbildungen durchgeführt. Ein landesweites Netz von 200 Sprachberaterinnen und Sprachberatern ist im Aufbau.

Gute Erfahrungen werden seit mehreren Jahren mit den Vorkursen Deutsch gemacht, die sich an Kinder mit Migrationshintergrund richten, deren Deutschkenntnisse am Ende des vorletzten Kindergartenjahres noch unzureichend sind. Im Schuljahr 2007/2008 wurden über 1.800 Kurse für mehr als 15.000 Kinder angeboten. Die erneute Ausweitung des Angebots ermöglicht 240 Förderstunden bis zur Einschulung. Grundlage für die Einschätzung des Sprachstands sind die Ergebnisse einer Sprachstandsdiagnose mithilfe eines standardisierten Testbogens. Zur Erleichterung des Übergangs in die Grundschule werden die Vorkurse zu gleichen Teilen vom pädagogischen Fachpersonal des Kindergartens sowie den Lehrkräften der Grundschule erteilt.

Lesekompetenz …
In der Schule kommt der Förderung der Sprach- und Lesekompetenz ausweislich der bayerischen Lehrpläne im Fach Deutsch seit jeher ein besonderer Stellenwert zu. Zumal im Rahmen der Hauptschulinitiative durch eine konsequente Modularisierung und Kompetenzorientierung neue Wege beschritten werden. Zentral erstellte Vergleichsarbeiten in der Grundschule und der 6. und 8. Jahrgangsstufe aller Schularten – „Orientierungsarbeiten“ oder „Jahrgangsstufenarbeiten“ genannt – dienen seit 2000 zur Überprüfung des individuellen Lernstands beim Umgang mit Texten. Sie bieten eine empirische Grundlage für die individuelle Förderung und die Verbesserung der Unterrichtsqualität. Gegenwärtig treten in den Jahrgangsstufen 3 und 8 bundesweit einheitliche Tests zur Überprüfung des Erreichens der KMK-Bildungsstandards für Deutsch an ihre Stelle, VERA 3 und VERA 8.

… und Leselust
Der Förderung der Lesemotivation dient seit langem der Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für die 6. Jahrgangsstufe, an dem sich jährlich die Hälfte aller bayerischen Schulen mit über 100.000 Kindern beteiligen. „Mehr lesen – mehr verstehen!“ lautet der Appell eines Unterrichtskonzepts, das Leseförderung als Aufgabe aller Fächer versteht und zum extensiven Lesen auch von Sachbüchern auffordert. In die gleiche Richtung zielen die Aktion „Bücher des Monats“, bei der Schüler ihre Lieblingsbücher vorstellen, sowie das Internet-Portal Antolin, das sich auch in Bayern großer Beliebtheit erfreut und von einem bayerischen Rektor initiiert wurde.

Autorenlesungen, Lesenächte, freie Lesestunden, Leseclubs, Wahlkurse „Literatur“ oder Lesewochen vor den Sommerferien gehören vielerorts ebenso zum Standardrepertoire der schulischen Leseförderung wie die Teilnahme an den Zeitschriften- und Zeitungsprojekten des Verbands der Zeitschriftenverlage in Bayern (VZB), der Augsburger Allgemeinen, der Mittelbayerischen oder der Süddeutschen Zeittung. Am Gymnasium Weilheim wird seit 1988 von einer Schülerjury der bundesweit bekannte Weilheimer Literaturpreis vergeben. Attraktive Modellprojekte mit Blick auf die Leseförderung und kulturelle Bildung in der Ganztagsschule bündeln die kommunalen Internet-Portale des Kultur- und Schulservice in Augsburg, Bamberg, Coburg, München und Nürnberg.

In allen anderen bayerischen Regierungsbezirken sorgen Regionale Arbeitskreise für die Leseförderung und Schulbibliotheksarbeit im Volksschulbereich. In der Aktion „Schule rund ums Buch“, die auf jährlich neu erstellten Empfehlungslisten des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) basiert, wird eine Wanderausstellung aktueller Kinder- und Jugendbücher auf eine Reise durch die Schulen geschickt.

Fördern und integrieren
Für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund steht vor allem in der Grund- und Hauptschule ein breites und differenziertes Förderangebot bereit, wie die Bildungsberichterstattung 2006 dokumentiert. Am „Förderunterricht Deutsch als Zweitsprache“ sowie den sog. „Intensivkursen“ und „Sprachlernklassen“ nahmen im Schuljahr 2004/05 fast 60.000 Schüler teil. Die „Aktion Integration“ des Bayerischen Ministerrats erlaubt es, in Klassen mit vielen Schülern mit Migrationshintergrund die vorgeschriebene Klassengröße zu reduzieren. „KommMit“  lautet das Kürzel für ein eben gestartetes Projekt, bei dem neue Wege der sprachlichen und kulturellen Integration sowie der Elternarbeit erprobt werden. Insgesamt stellt der Freistaat rund 750 Lehrerstellen zur Förderung der Sprach- und Lesekompetenz für Kinder mit Migrationshintergrund zur Verfügung.


Lehrerfortbildung
Art und Weise der schulischen Leseförderung in Bayern beschreiben die einschlägigen Handreichungen des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB). Zentral für alle Landesteile bietet die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung Dillingen regelmäßig Seminare zur Leseförderung und Gegenwartsliteratur. Seit 2003 wurden in mehreren Staffeln über 100 Multiplikatoren für Leseförderung und Schulbibliotheksarbeit ausgebildet. Die wichtigsten Inhalte dieses Programms sind im Akademiebericht „Leselust dank Lesekompetenz – Leseerziehung als fächerübergreifende Aufgabe“ einsehbar.

LESEFORUM BAYERN
Markenzeichen der Leseförderung in Bayern, das seit 2008 die Federführung im KMK-Projekt „ProLesen“ innehat, ist die enge Vernetzung von schulischen und außerschulischen Akteuren. Anlässlich der Fachtagung „Lesen beflügelt“ wurde hierzu 2002 das LESEFORUM BAYERN ins Leben gerufen und durch die Einrichtung des Referats „Leseförderung und Schulbibliotheken“ am ISB institutionalisiert. Seine Personalressource bildet ein schulübergreifender Arbeitskreis, der regelmäßig Empfehlungen zur aktuellen Kinder- und Jugendliteratur aussprechen und die Schulen bei der Bibliotheksarbeit und Leseförderung beraten. Als zentrale Kommunikationsplattform dient das Internet-Portal www.leseforum.bayern.de, das vielfältige Unterstützungsangebote bereithält.

Sichtbares Zeichen für Auftrag und Anliegen des LESEFORUMS ist die Verleihung des Gütesiegels „Lesespaß mit guten Büchern“ für Buchhandlungen, die sich in besonderer Weise der Leseförderung von Kindern und Jugendlichen annehmen. 2006 wurde erstmals das Gütesiegel „Bibliotheken – Partner der Schulen“ vergeben, das öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken auszeichnet, die Schulen bei der Leseförderung und Schulbibliotheksarbeit zur Seite stehen. Eine interministerielle Vereinbarung zwischen dem Kultus- und Wissenschaftsministerium regelt seither die Beratung und Unterstützung der Schulbibliotheken durch die Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen (BSB).

Verlage – Buchhandlungen – Börsenverein
Geschätzter Partner des LESEFORUMS ist der Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die bayerischen Verlage und Buchhandlungen vertritt und durch die Organisation des Geschwister-Scholl-Preises und des Corine - Internationaler Buchpreis nachhaltige Akzente der Leseförderung setzt. Darüber hinaus zeichnet der Börsenverein als Veranstalter der Münchner Bücherschau verantwortlich, der größten Bücherschau Deutschlands. Die Sonderausstellung „Die 100 Besten“ stellt die besten Neuerscheinungen der Kinder- und Jugendliteratur vor und tourt nach Ende der Bücherschau durch Münchner Schulen, Kulturzentren, Kinder- und Jugendeinrichtungen. Dabei wird ein Schulklassenprogramm geboten, auf Wunsch werden Aktionswochen konzipiert und umgesetzt. Seit 2007 findet zusätzlich zur großen Münchner Bücherschau die Münchner Bücherschau junior statt, die ausschließlich die neuesten Kinder- und Jugendmedien präsentiert, begleitet von einem attraktiven Kinderprogramm und Veranstaltungen für Lehrkräfte, Eltern und Erzieher.


Bibliotheken im Aufbruch
Gemeinsames Merkmal der annähernd 2.000 öffentlichen Bibliotheken in Bayern ist die verstärkte Hinwendung zum Leser und ein wachsendes Selbstverständnis als Bildungspartner. Kindern und Jugendlichen gilt dabei ein besonderes Interesse. Bibliotheken, die sich in besonderer Weise der jungen Leser annehmen, werden seit 2007 mit dem von E.ON Bayern gestifteten Kinderbibliothekspreis gewürdigt. Ein besonders gelungenes Beispiel für die zunehmend enger werdende Beziehung zwischen öffentlicher Bibliothek und Schule bietet das Spiralcurriculum Deutsch der Stadt- und Schulbibliothek Gunzenhausen. Die Förderung von Informationskompetenz hat sich die Arbeitsgruppe Informationskompetenz im Bayerischen Bibliotheksverbund (AGIK BAY) zum Ziel gesetzt. Ihr Schulungsangebot richtet sich auch an Schüler der gymnasialen Oberstufe.

Literaturstadt München
In der Literaturstadt München können sich Kinder und Jugendliche eines besonders reichen Angebots erfreuen. Die größte kommunale Stadtbibliothek der Bundesrepublik unterhält 25 Zweigstellen und kümmert sich intensiv um die Leser von morgen. Zusätzlich zu den bereits genannten Bücherschauen finden in der Landeshauptstadt jährlich das Literaturfest München, das Münchner Krimifestival, das Münchner Comicfest sowie das Wortspiele – Internationales Festival junger Literatur statt.


Zentraler Ort der Literaturvermittlung ist das Literaturhaus München. Das Literaturhaus junior veranstaltet Schreibwerkstätten für Kinder und Jugendliche und führt sie mit professionellen Autoren zusammen. Ein Jour fixe mit Lehrkräften bereitet diese auf die Ausstellungen des Hauses vor. Zur Vor- und Nachbereitung werden geeignete Unterrichtsmaterialien bereitgestellt. Wer sich für Lyrik interessiert, ist bei der Stiftung „Lyrik Kabinett“ an der rechten Stelle, die für Schulklassen handlungsorientierte Workshops anbietet. In der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) erwartet Kinder, Jugendliche und Schulklassen ein breit gefächertes, vor allem künstlerisch inspiriertes Programm. Auf diese Weise werden im Jahr rund 5.000 Schul- und Kindergartenkinder in das Bücherschloss im Münchner Westen gelockt.

Bei diesem Umfeld wundert es nicht, dass auch der Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V. (AKJ), der seit 1956 den Deutschen Jugendliteraturpreis vergibt, gerade in München seinen Sitz hat. Parallel zur Kritikerjury verleiht eine unabhängige Jugendjury den „Preis der Jugendjury“. Die Jugendjury besteht aus sechs über die Bundesrepublik verteilten Leseclubs. Die Jurys prüfen die Bücher aus der Produktion des Vorjahres und nominieren davon sechs Titel pro Sparte.

Ehrenamtliche Leseförderung
Dass Leseförderung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstellt, beweist Kultur- und Spielraum e.V., eine Gruppe von Sozial- und Kulturpädagogen, Künstlern und Lehrern, die seit über 30 Jahren in München Kulturprojekte für Kinder und Jugendliche realisieren und damit über 40.000 Teilnehmer pro Jahr erreichen. Projekte wie MINI-München oder KIKS, der Münchner Kinder-Kultur-Sommer, haben Modellcharakter und dienen als Vorbild für ähnliche Aktionen in anderen deutschen Städten.

Vorbildlich und bereits mehrfach ausgezeichnet ist die Arbeit des ebenfalls in München ansässigen Vereins Lesefüchse. Seinen mehr als 200 ehrenamtlichen Vorlesern liegt vor allem die Sprach- und Literaturförderung von Kindern aus sozial schwachen Familien und solchen mit Migrationshintergrund am Herzen.


In den Regionen
Das umfangreiche Angebot der Büchermetropole München sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass auch in anderen Städten im Leseland Bayern die Pflege des literarischen Lebens und die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen. Leuchttürme hierfür stellen das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. Volkach dar, wo auch die Märchen-Stiftung Walter Kahn beheimatet ist. Mit dem Literaturhaus Nürnberg oder der Villa Concordia Bamberg seien weitere wichtige Institutionen genannt.

Beliebte Ziele literarischer Exkursionen von Schulklassen sind die Gedenkstätten zu Jean Paul in Bayreuth, E.T.A. Hoffmann in Bamberg, Bertolt Brecht in Augsburg, Ödön von Horvàth in Murnau oder zu Marie-Luise Fleißer in Ingolstadt. Mittelalter-Interessierte kommen im Museum Wolfram von Eschenbach in Franken auf ihre Kosten. Im unterfränkischen Oberschwarzach lädt die Erich-Kästner-Bibliothek zum Besuch.

Höhepunkte des literarischen Lebens bilden das Erlanger Poetenfest, der Internationale Comicsalon Erlangen, die Weidener Literaturtage oder die Landshuter Literaturtage. 2007 veranstaltete der Bezirk Oberfranken erstmalig die Veranstaltungsreihe „WortSpiele. Literatur in Oberfranken“, die zahlreiche Schulen ebenso zur Teilnahme motivierte wie die beiden Schreib- und Lesefestivals von Infantastica in Feucht (2005) und Neuburg an der Donau (2007), die zur Gründung von Lesefest e.V. führten, einem Verein, der vor allem Grundschulen bei der Durchführung von Leseprojekten unterstützt. Seit 1980 veranstaltet der Bezirk Oberbayern mit dem Oberbayerischen Kreisjugendring die Oberbayrischen Kultur- und Jugendkulturtage .


Organisatoren und Vermittler
Von hoher Bedeutung für die Vermittlung und Bezuschussung von Autorenlesungen in Schulen und anderen Kulturinstitutionen sind seit längerem Bayern liest e.V., der Landesverband Bayern des Friedrich-Bödecker-Kreises e.V. sowie die Kester-Haeusler-Stiftung, die bei ihrem Engagement vom Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unterstützt werden, dem die Literaturförderung im Freistaat obliegt. Der Koordination und kulturellen Zusammenarbeit von über 50 bayerischen Gemeinden dient der Arbeitskreis Gemeinsame Kulturarbeit, der 2004 das erste landesweite Literaturfestival organisierte: „Die Literaturlandschaften Bayerns“. 2006 folgte das Festival „Wo befreundete Wege zusammenlaufen“, das ein eigenes Kinder- und Jugendprogramm bot und auch Schulen miteinbezog.

Zu den wichtigsten Unterstützern des literarischen Lebens in Bayern gehört sicherlich der Bayerische Rundfunk, der durch seine Schulfunksendungen, Hörspiele, Features und Literaturmagazine nachhaltige Impulse der Leseförderung setzt. Im Internet-Portal BR-Kinderinsel erhalten schon die Jüngsten wertvolle Medientipps und Spielanregungen. Beim BR angesiedelt ist die Stiftung Zuhören, die in enger Zusammenarbeit mit Schulen einen höchst innovativen Beitrag zur Leseförderung leistet.

Autor:
Hermann Ruch
Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung
Grundsatzabteilung, Ref. Leseförderung und Schulbibliotheken
Tel.: (089) 2170-2237
E-Mail: hermann.ruch@isb.bayern.de


Redaktionskontakt: schuster@dipf.de


Landesporträt erstellt am: 28.11.2008