Influencer als (Nicht-)Vorbilder in der Corona-Krise

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Dieser Fachartikel widmet sich dem Einfluss von Influencern auf Kinder und Jugendliche während der Corona-Krise. Der Medienwissenschaftler Dr. Frederik Weinert erläutert, wie Influencer von Kindern und Jugendlichen als Vertrauenspersonen wahrgenommen werden. Gerade durch das Beobachtungslernen ahmen viele Heranwachsende riskante Verhaltensweisen nach. Der Artikel beleuchtet allerdings auch wertvolle Aspekte wie zum Beispiel Video-Tutorials.

Anbieter:

Lehrer-Online | Eduversum GmbH, Taunusstr. 52, 65183 Wiesbaden

Autor:

Dr. Frederik Weinert

Lange Beschreibung:

Über Oliver Pocher lässt sich streiten. Zu Beginn der Corona-Krise im März 2020 hatte der Comedian jedoch seine Sternstunde. Via Instagram kritisierte Pocher: "Lasst die Kinder raus aus euren Storys, die können sich nicht wehren." (Mahler 2020). Storys sind eine beliebte Instagram-Funktion, um Fotos und Videos mit der digitalen Fan-Gemeinde zu teilen. Besonders während der bundesweiten Ausgangssperre fotografierten sich Eltern mit ihren Kindern, manchmal mit Mundschutz, manchmal mit hochgehaltenen Tafeln: Wir bleiben zuhause . Die Geste ist gut gemeint, doch es ist kein Geheimnis, dass Fotos mit kleinen Kindern mehr Likes geben. Oliver Pocher war sich also sicher, dass viele Influencer-Eltern sowohl die Corona-Krise als auch ihre Kinder für hohe Klick-Zahlen ausnutzten. Gefährliche Mutproben in Zeiten von Corona Die Kritik an den Influencern während "Corona" ist durchaus angebracht. In dieser Zeit entstehen zum Teil widerliche digitale Mutproben, genannt Challenges  beispielsweise das Ablecken des Toilettensitzes oder der Haltestange im Bus. Die Influencer filmen sich dabei und stellen die vermeintliche Heldentat ins Internet. Einige von ihnen fangen sich Covid-19 tatsächlich ein, was zu einer gewissen Schadenfreude führt. Zwei bayerische Influencer zeigten sich auf der Kloschüssel mit haufenweise Toilettenpapier und Corona-Bier. Die "Bild" griff das Ereignis öffentlichkeitswirksam auf und der Bekanntheitsgrad der beiden Influencer schnellte nach oben (vgl. "Bild" 2020). Es gilt die Devise, mit allen Mitteln aufzufallen, um Fans und Follower auf das Profil zu locken. Das lohnt sich für die Influencer dann auch finanziell, weil über die Kanäle Werbung und Marketing betrieben wird. Vor allem Kinder und Jugendliche finden solche Challenges cool und mutig. Das Ansehen und Verbreiten solcher Videos, ja, auch die Bewunderung solcher Influencer, ist ein pubertäres Statement, in gewisser Weise ein Auflehnen gegen die Eltern, Lehrkräfte und das politisch korrekte Establishment. Doch nicht nur das: Influencer, die solche Challenges auf Plattformen wie TikTok einstellen, finden viele Nachahmerinnen und Nachahmer. Wenn solche Videos unzählige Likes bekommen, dann müssen die doch gut sein, werden sich einige Kids denken. Also wird das eigene Smartphone ausgepackt, um sich bei irgendeiner Corona-Challenge zu filmen. Von der Clique gibt es Applaus, von den Eltern nicht  doch die müssen ja nicht immer alles wissen! Influencer sind Vertrauenspersonen Soziale Bestätigung ist ein wichtiger Faktor für Kinder und Jugendliche auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Die Maslowsche Bedürfnishierarchie bietet einen guten Erklärungsansatz. Bleiben beispielsweise Verständnis und soziale Bindung im realen Alltag aus, können diese Bedürfnisse über das Internet gestillt werden. Das Besondere an Influencern ist ja, dass eine "Community" entsteht. Die Community agiert nicht nur mit dem Star, sondern auch untereinander. Es entsteht ein Wir-Gefühl , und das führt zu sozialen Bindungen. Die Kids erfahren darüber hinaus auf Plattformen wie TikTok und Instagram seelische Wertschätzung in Form von Likes und Komplimenten. Die Interaktion in und mit den Sozialen Medien ermöglicht den Heranwachsenden eine Form der Selbstverwirklichung und Teilhabe, die im Familien- und Schulleben nicht immer selbstverständlich ist. Influencer haben einen so starken Einfluss auf die Kids, weil das Prinzip der parasozialen Interaktion greift. Parasoziale Interaktion meint die Illusion eines gesprächshaften Austausches zwischen Influencer und Follower. Bei den Kindern und Jugendlichen kann sich das Gefühl einstellen, dass sie persönlich angesprochen werden (vgl. Hartmann 2017: 9). Auf diese Weise entwickeln sich in den Sozialen Medien recht intensive Beziehungen. Es gilt als bewiesen, "dass parasoziale Freundschaften im Vergleich zu normalen Beziehungen verlässlicher und vorhersehbarer sind" (Hartmann 2017: 50). Die Begründung ist sehr einfach, vielleicht sogar erschreckend, denn Influencer spielen eine einstudierte Rolle, die konstant und somit täglich auf die gleiche Weise wiederkehrend ist. Streitsituationen zwischen Followern und Influencern sind also selten, während es in der Familie oder Schule immer mal wieder Krach und Meinungsverschiedenheiten geben kann. Influencer sind demnach eine besonders verlässliche Konstante im Leben der Kids. Mehr noch, denn Influencer sind Idole, die Werte und Moralvorstellungen vorleben und vor allem vorgeben. Wie Kinder und Jugendliche von Influencern lernen Das Verhalten anderer ist wie ein Modell. Wir beobachten das Verhalten und entwickeln daraus sowohl Schemata als auch kognitive Strategien. Dieses Prinzip nennt sich Beobachtungslernen (vgl. Tulodziecki/Herzig 2006: 62). Ein Teenager, der sich zum ersten Mal einen Computer zusammenbaut, beobachtet (1) den Arbeitsprozess beispielsweise anhand eines YouTube-Tutorials. Durch das aufmerksame Zusehen wird die Arbeitsanweisung erschlossen (2) und "in eigene Handlungsmuster umgesetzt" (Tulodziecki/Herzig 2004: 132). Die kognitive Modellierung führt schließlich zur realen Erprobung (3), die im besten Fall im ersten Anlauf glückt. Dieses Beispiel zeigt, dass Video-Tutorials hilfreich und pädagogisch wertvoll sein können. Es gibt nämlich viele Influencer, die sich auf Technikfragen spezialisieren. Es gibt natürlich auch Influencer, die sich in Unterwäsche zeigen, Kloschüsseln ablecken und sich gegenseitig fiese Streiche spielen, die sogenannten "Pranks". Aus Sicht der Pädagogik sind solche Inhalte zweifelhaft und unnütz. Das Zielpublikum sind aber nicht Lehrerinnen und Lehrer, sondern Kinder und Jugendliche in der Pubertät, die ihre Grenzen austesten wollen. Die vielen Likes, die solche Inhalte bekommen, sind in der Influencer-Szene ein Gütesiegel. Das heißt: Wenn das Ablecken eines Einkaufswagens während der Corona-Krise 100.000 Likes bringt, gilt ein solches Video in der Szene als qualitativ hochwertig. Das suggeriert den Kids, dass ein solches Handlungsmuster eine erfolgreiche Strategie ist, um an Beliebtheit und sozialer Akzeptanz zu gewinnen. Das Anschauen solcher Challenges in den sozialen Medien ähnelt einer Sekundärerfahrung, die in der realen Welt erprobt wird. Man gewinnt rasch den Eindruck, dass fiese Corona-Challenges in der Subkultur der sozialen Medien ein Zeichen von Stärke sind. Das ist natürlich, vor allem aus der Sicht der Medienpädagogik, ein Irrglaube. Fazit für Eltern und Lehrkräfte Ein Influencer ist eine Person, die in den sozialen Medien als Experte gilt. Bedingung ist eine große Anhängerschaft, eine digitale Community. Influencer geben ihr (Nischen-)Wissen an ihre Fans weiter, punkten allerdings auch mit ihrer sozialen Autorität und ihrem Einfluss als Trendsetter. Influencer üben einen großen Einfluss auf ihre Fans aus, der zur Verhaltensänderung führen kann. Die meisten Kinder und Jugendlichen empfinden die Selbstdarstellung der Influencer als authentisch und echt. Besonders wenn das Verhältnis zu den eigenen Eltern nicht optimal ist, nimmt der Lieblingsinfluencer bald die erste Stelle im Leben ein. Die Bewunderung ist so groß, dass Verhaltensweisen nachgeahmt werden. Diese Verhaltensweisen sind nicht immer schlecht. Es gibt viele vorbildliche Influencer, beispielsweise in den Bereichen Fitness, Ernährung, Gesundheit, Bildung und Technik. Die große Chance, vor allem aber auch Herausforderung, ist es, die richtigen Influencer für das eigene Kind zu finden. Es lohnt sich als Elternteil oder Lehrkraft, Zeit für die Recherche zu investieren, um die Kids für Influencer zu begeistern, die ihrer Vorbildrolle gerecht werden . Auf diese Weise können digitale Inhalte wie Videos, Bilder und Texte sinnvoll in den Unterricht eingebunden werden. Literaturverzeichnis Bild (2020): Bayrische Influencer mit fragwürdiger Aktion. Bild.de. Online:  https://www.bild.de/regional/muenchen/muenchen-aktuell/muenchen-bayerische-influencer-mit-fragwuerdiger-aktion-69557102.bild.html . Hartmann, Tilo (2017): Parasoziale Interaktion und Beziehungen . In: Rössler, Patrick und Hans-Bernd Brosius (Hrsg.): Konzepte. Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Baden-Baden: Nomos Mahler, Veronika (2020): "Lasst die Kinder aus euren Storys, sie können sich nicht wehren". Bunte.de. Online:  https://www.bunte.de/stars/star-life/oliver-pocher-erneute-wutrede-jetzt-wettert-er-gegen-influencer-die-mit-ihren-kindern-geld-machen.html . Tulodziecki, Gerhard und Bardo Herzig (2004): Handbuch Medienpädagogik, Band 2 . Mediendidaktik. Stuttgart: Klett Cotta. Tulodziecki, Gerhard und Bardo Herzig (2006): Computer & Internet im Unterricht. Medienpädagogische Grundlagen und Beispiele. 5. Auflage. Berlin: Cornelsen.

Bildungsebene:

Sekundarstufe I

Lizenz:

Frei nutzbares Material

Schlagwörter:

Medienerziehung; Medienpädagogik

freie Schlagwörter:

Soziale Netzwerke; Medienreflexion; kritisches Denken; Analysieren und Reflektieren; Onlinemedien

Sprache:

Deutsch

Geeignet für:

Lehrer