Strategie der Kulturministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt": von Null auf Hundert

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Dieser Fachartikel geht der Frage nach, wie gut sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrerinnen und Lehrer darauf vorbereitet sind, ab dem kommenden Sommer die Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt" umzusetzen.

Anbieter:

Lehrer-Online | Eduversum GmbH, Taunusstr. 52, 65183 Wiesbaden

Autor:

Markus Niederastroth

Lange Beschreibung:

Die Bundesländer haben sich dazu verpflichtet, ab dem kommenden Schuljahr an allen deutschen Schulen die  Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt"  umzusetzen. Nach den Sommerferien sollen die Lehr-Lern-Szenarien des Fachunterrichts (dem Primat des Pädagogischen folgend) systematisch und fächerübergreifend in digitale Lernumgebungen eingebettet werden. Schülerinnen und Schüler, die in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sekundarstufe I eintreten, sollen sich bis zum Ende ihrer Pflichtschulzeit einen umfangreichen Katalog digitaler Kompetenzen erschließen können (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2016, 9 ff.). Lernausgangslage Eigentlich sollten Schülerinnen und Schüler bereits heute überall dort, wo Unterricht stattfindet, mit Medien lernen können, so der Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. März 2012 (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2012, 6 ff.). Wäre das bereits erfüllt, dann bestünde Grund zur Hoffnung, dass die Schülerinnen und Schüler im kommenden Sommer den Sprung in die digitale Welt unproblematisch schaffen. Tatsächlich sieht die Realität jedoch anders aus. Bereits bei der International Computer and Information Literacy Study 2013 erhielt Deutschland im Bereich des schulischen Computereinsatzes die rote Laterne (Eickelmann, Schaumburg, Drossel & Lorenz, 2014, 204). Seitdem macht man sich darüber Gedanken, wie man dem digitalen Analphabetismus begegnen kann (Bundesfachausschuss Bildung, Forschung und Innovation der CDU Deutschlands, 2015, 4). Betroffen ist ein knappes Drittel aller Schülerinnen und Schüler, so Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (Gründerzene, 2016). Deutschland befindet sich im Bereich der digitalen Bildung auf dem Niveau eines Entwicklungslandes (Der Tagesspiegel, 2017). Nur 25,4 Prozent der deutschen Jugendlichen sind im digitalen Bereich so fit, dass sie selbstbestimmt und reflektiert an gesellschaftlichen Entwicklungen teilhaben können (Eickelmann, 2017, 17). Die Probleme beginnen bereits in der Primarstufe. Dort nutzt nur gut ein Drittel der sechs- bis zehnjährigen Schülerinnen und Schüler den Computer. Laut der KIM-Studie 2016 lernen die Grundschülerinnen und Grundschüler den Umgang mit dem PC in der Regel zu Hause oder bei Freunden (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2017a, 29).  Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung nutzt ungefähr die Hälfte aller Grundschülerinnen und Grundschüler im Unterricht nie oder nur höchst selten digitale Medien. An manchen Schulen müssen sich 20 bis 30 Kinder einen PC teilen (Thorn, Behrens, Schmid & Goertz, 2017, 16). Wertvolle medienpädagogische Arbeit kann so natürlich nicht geleistet werden. Die Mehrheit der Eltern stellt den Grundschulen deshalb in diesem Bereich auch ein schlechtes Zeugnis aus. Nur 38 Prozent der Eltern sind hier von der Arbeit der Grundschulen überzeugt (Büro für analytische Sozialforschung Hamburg, 2017). Den Kindern fehlt eine digitale Grundbildung. 45 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren lernen weder zu Hause noch in der Grundschule den Umgang mit digitalen Medien (Büro für analytische Sozialforschung Hamburg, 2017). Vor dem Hintergrund, dass drei Viertel aller Grundschülerinnen und Grundschüler regelmäßig Smartphone und Co. benutzen, ist diese Situation nicht zufriedenstellend (Büro für analytische Sozialforschung Hamburg, 2017). Die Schülerinnen und Schüler müssen auch auf diesen Teil ihrer Lebenswirklichkeit vorbereitet werden. Und dies gilt nicht nur für die Primarstufe. Bei der ICILS 2013 befanden sich knapp 30 Prozent aller Achtklässlerinnen und Achtklässler auf den untersten zwei Kompetenzstufen. Diese Schülerinnen und Schüler, auf die sich auch Ingo Kramer bezieht, verfügen bestenfalls über basale Wissensbestände und Fertigkeiten (Eickelmann, Gerick & Bos, 2014, 15 f.). Nennenswerte Fortschritte sind bislang nicht gemacht worden. Laut der JIM-Studie 2017 kommen in der Schule bis heute 12 Prozent der Schülerinnen und Schüler nie aktiv mit dem Internet in Berührung (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2017b, 53). Es stellt sich daher die Frage, wie es Schülerinnen und Schülern im Sommer gelingen soll, von Null auf Hundert zu starten. Genauso muss aber diskutiert werden, ob die Lehrerinnen und Lehrer auf den Sprung in die digitale Welt vorbereitet sind. Lehrausgangslage Die Lehrausgangslage der meisten Lehrerinnen und Lehrer ähnelt sich sehr. Der Dienstherr hat sie in der Regel weder früher als Schülerin oder Schüler noch während des Studiums, Referendariats oder berufsbegleitend ausreichend auf die digitale Dimension ihres Berufes vorbereitet. Insbesondere wurden sie nicht darin ausgebildet, die Lehr-Lern-Szenarien ihres Fachunterrichtes fächerübergreifend in digitale Lernumgebungen einzubetten. Es handelt sich bei diesem Fachwissen auch nicht um Wissen, das man en passant im Selbststudium oder auf einer kurzen Fortbildung erwerben könnte. Rudimentäres Anwenderwissen reicht nicht aus, um Schülerinnen und Schüler angemessen bilden zu können! Deshalb sollen Lehrerinnen und Lehrer nun zusätzlich zu ihren Fakultäten auch noch "Medienexperten" werden. "Konkret heißt dies, dass Lehrkräfte digitale Medien in ihrem jeweiligen Fachunterricht professionell und didaktisch sinnvoll nutzen sowie gemäß dem Bildungs- und Erziehungsauftrag inhaltlich reflektieren können" (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, 2016, 24). Auf den Seiten 25 und 26 der Strategie wird genau beschrieben, über welche umfänglichen Kompetenzen Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft verfügen sollen. Deutschland verfolgt große Ziele und will bis 2025 im Bereich der digitalen Bildung im internationalen Vergleich zur Spitzengruppe der Länder aufschließen und dort Maßstäbe setzen (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2016, 51) Es herrscht sicher Konsens darüber, dass die Mehrheit der deutschen Lehrerinnen und Lehrer noch keine Medienexperten sind, die international eine Vorreiterrolle übernehmen und auf dem internationalen Parkett Maßstäbe setzen könnten. Tatsächlich haben die deutschen Pädagogen bereits damit Schwierigkeiten, fächerübergreifende digitale Lehr-Lern-Szenarien zu entwickeln. Denn die deutschen Pädagogen arbeiten im IT-Bereich nicht gerne zusammen. Nur 11,8 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer kooperieren beispielsweise systematisch bei der Entwicklung von IT-gestützten Unterrichtsstunden.  Nur 30 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer bemühen sich in einem Team darum, die Nutzung digitaler Medien für den Unterricht zu verbessern. Nur 4,1 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in einer Arbeitsgruppe mit, die sich gezielt mit dem Einsatz von IT im Unterricht auseinandersetzt (Gerick, Schaumburg, Kahner & Eickelmann, 2014, 187 f.). Im internationalen Vergleich bilden die deutschen Lehrerinnen und Lehrer damit auch im Bereich der kollegialen, digitalen Kooperation das Schlusslicht (Gerick, Schaumburg, Kahner & Eickelmann, 2014, 192). Offensichtlich gibt es hier noch viele brach liegende Potenziale. Über die Gründe hierfür lässt sich nur mutmaßen. Möglicherweise liegt dies an der Struktur einer Schule mit dem Arbeitsplatz Klassenraum (Schween, 2017, 92). Vielleicht liegt dies auch daran, dass Lehrerinnen und Lehrer Konflikte scheuen (Vodafone Stiftung Deutschland, 2017, 5). Unter Umständen lassen sich viele Lehrerinnen und Lehrer aber auch nicht auf dieses Wagnis ein, weil nur 3 Prozent von ihnen die Lernkultur ihrer eigenen Schule als gut oder sehr gut erleben. 69 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer glauben, dass ihnen im Kollegium nicht zugestanden wird, Fehler zu machen (Vodafone Stiftung Deutschland, 2017, 6). Dies wiederum könnte damit begründet werden, dass nur 12,1 Prozent der deutschen Schulleitungen Fortbildungen zum Einsatz von IT im Unterricht eine hohe Priorität beimessen. Hier bildet Deutschland im internationalen Vergleich dieses Mal zusammen mit der Schweiz das Schlusslicht (Gerick, Schaumburg, Kahner & Eickelmann, 2014, 183). Ausblick Die Mehrheit der Grundschülerinnen und Grundschüler wird in der Primarstufe nicht an das digitale Lernen herangeführt. Noch in der achten Klasse ist jeder dritte Lernende ein digitaler Analphabet. Lehrerinnen und Lehrer sind mehrheitlich noch keine Medienexperten. Im Bereich der kollegialen, digitalen Kooperation bilden sie im internationalen Vergleich das Schlusslicht. Die Kollegien bieten ungünstige Rahmenbedingungen zum Lernen. Schulleitungen messen Fortbildungen zum Einsatz von IT im Unterricht keine hohe Priorität bei Die Umsetzung der Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt" gleicht einem Sprung ins kalte Wasser. Es bleibt spannend, ob Lernende und Lehrende im kommenden Sommer von Null auf Hundert durchstarten werden.

Bildungsebene:

Sekundarstufe I

Lizenz:

Frei nutzbares Material

Schlagwörter:

21. Jahrhundert; Bildungspolitik; Medienerziehung; Medienkompetenz

freie Schlagwörter:

digitale Lernwerkzeuge; Medienbildung; Mediennutzung Jugendliche; Medienreflexion

Sprache:

Deutsch

Geeignet für:

Lehrer