Kombinierte Klassen an Grundschulen

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In diesem Fachartikel zum Thema Kombinierte Klassen werden die Besonderheiten dieser Klassenform und ihre Aktualität in der derzeitigen Bildungslandschaft erklärt. Lehrkräfte, die zum ersten Mal in einer Kombiklasse unterrichten, erhalten hilfreiche Tipps zur Unterrichtsorganisation.

Anbieter:

Lehrer-Online | Eduversum GmbH, Taunusstr. 52, 65183 Wiesbaden

Autor:

Annette Holl

Lange Beschreibung:

Begriffsklärung "Kombiklasse" In einer Kombiklasse werden zwei Jahrgangsstufen zu einer Lerngruppe zusammengefasst . Meistens sind das die ersten beiden Grundschulstufen (jahrgangsgemischte Schuleingangsstufe), teilweise auch Dritt- und Viertklässler. In Berlin werden die Klassen 1 bis 3 und 4 bis 6 kombiniert. Geschichtlicher Hintergrund Im Zuge der reformpädagogischen Bewegung entstand ein alternatives Lernkonzept, das besagt, dass das Wissen und Können von Kindern nicht an ein bestimmtes Alter gebunden ist. Auch heute noch ist jahrgangsübergreifendes Lernen Unterrichtsprinzip in Montessori- und Jenaplanschulen. In ländlichen Gebieten gab es angesichts geringer Kinderzahlen schon immer altersheterogene Klassen. Aktualität von Kombiklassen Unter dem Motto "Kurze Wege für kurze Beine" wurden in etlichen Bundesländern (zum Beispiel Saarland, Rheinland-Pfalz, Brandenburg) Klassen zusammengelegt, um trotz rückläufiger Schülerzahlen und steigenden Lehrermangels Schulschließungen zu verhindern und eine wohnortnahe Beschulung (Erreichbarkeit der Schule mit dem Bus in maximal 30 Minuten) zu gewährleisten. Die Lernerfolge in jahrgangsgemischten Klassen in Skandinavien sind seit der PISA-Studie bekannt. Im Zuge dessen wurden auch in Deutschland mancherorts Kombiklassen eingeführt . In Berlin waren sie in den Jahrgangsstufen 1/2 zwischen 2005 und 2009 sogar verpflichtend. In Berlin, Hamburg und zuletzt in Bayern fanden wissenschaftlich begleitete Schulversuche durchweg positive Ergebnisse. Im Jahr 2017 wurden bundesweit 20 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler altersgemischt unterrichtet . Vorteile für Schülerinnen und Schüler in einer Kombiklasse Alle Kinder lernen zeitgleich im selben Raum auf unterschiedlichen Niveaus . Jede und jeder bearbeitet den Lernstoff, der dem eigenen Lernvermögen entspricht. Schulanfängerinnen und Schulanfänger in einer Kombiklasse haben eine geringe Eingewöhnungszei t in den Schulalltag. Sie schauen sich vieles von den Älteren ab und übernehmen vorhandene Rituale und Regeln ganz selbstverständlich. Beim gemeinsamen Lernen von älteren und jüngeren Kindern mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten werden die sozialen Fähigkeiten wie beispielsweise Rücksichtnahme und gegenseitige Hilfe trainiert. Da in Kombiklassen häufig mit Wochenplänen oder in Werkstattarbeit gearbeitet wird, verlangt dies von den Schülerinnen und Schüler einiges an Selbständigkeit und Eigenverantwortung . (Hoch-)begabte Kinder können ganz unproblematisch zwei Schuljahre in einem durchlaufen, indem sie den Lernstoff der höheren Klassenstufe absolvieren. Ein Kind, das Mühe beim Lernen hat, kann relativ unbemerkt die Klasse wiederholen , denn es muss hierzu weder den Klassenraum noch die Lehrkraft wechseln. Problemfelder in einer Kombiklasse Die Leitung einer Kombiklasse ist eine deutliche Herausforderung für die Lehrkraft. Sie muss das Lernpensum von zwei Schuljahren in einer Klasse mit einer sehr breiten Leistungsschere parallel unterrichten. So hat sie eine deutlich höhere Arbeitsbelastung , zum Beispiel durch das Erstellen und die Suche von/nach (individuellen) Arbeitsmaterialien. Außerdem muss sie zwangsläufig alternative Unterrichtsformen wählen, um der Heterogenität der Kinder optimal zu begegnen. Zudem kann sie relativ leicht den individuellen Lernstand ihrer Schülerinnen und Schüler aus den Augen verlieren , da sie durch den offenen Unterricht etwas weniger Kontrolle über das Arbeitspensum jedes einzelnen Kindes hat. Es kann passieren, dass schwächere Kinder nicht arbeiten , wenn die Lehrkraft eine Einführung mit einem Teil der Klasse macht, da sie auf Hilfe angewiesen sind. In Arbeitsphasen kann dadurch zeitweise eine große Unruhe und Lautstärke entstehen, wenn jeder mit etwas anderem beschäftigt ist. Mitunter sitzen einzelne Kinder untätig herum, die schon alles erledigt haben. Nicht zuletzt sieht die Lehrkraft sich oftmals mit kritischen Fragen aus der Elternschaft konfrontiert. Tipps für Neulinge in einer Kombiklasse Ein sanfter Einstieg in den offenen Unterricht stellt die Freiarbeit dar. Die Schülerinnen und Schülern bearbeiten dabei zu einer bestimmten Zeit (etwa an zwei Tagen in der Woche 30 Minuten lang) Übungsaufgaben, zum Beispiel Einmaleins und Grammatik und/oder Lernspiele zu Sachthemen, die in einem speziellen Regal ausliegen. Die Materialien sind weitestgehend selbsterklärend. Für Themen des Deutsch- und Mathematikunterrichts, die in beiden Klassenstufen vorkommen wie beispielsweise das Rechnen mit Geld oder die Wortarten, ist eine Lerntheke geschickt. Auf einem Tisch oder der Fensterbank legt die Lehrkraft differenzierte Arbeitsmaterialien aus. Die wohl gängigste Arbeitsweise im jahrgangsübergreifenden Unterricht ist die Wochenplanarbeit . Jedes Kind erhält eine (individuelle) Liste mit Aufgaben, die es im Laufe einer Woche zu erledigen hat, mitunter sind auch die Hausaufgaben integriert. Im Sachunterricht kann in altersgemischten Gruppen sehr gut projektorientiert gelernt werden. Zur Vermeidung von Leerlauf (insbesondere für schnellere Kinder) sollte die Lehrkraft auf jeden Fall Zusatzaufgaben , gegebenenfalls auch Knobelaufgaben für (hoch-)begabte Kinder bereitlegen. Mithilfe eines rhythmisierten Ablaufs sorgt die Lehrkraft für einen klaren Rahmen. Rituale wie eine feste Lesezeit am Morgen sorgen dafür, dass immer wieder gemeinsame Momente erlebt werden können. Mithilfe eines Helfersystems werden Wartezeiten verhindert, während denen ein hilfesuchendes Kind nicht weiterarbeiten kann. So können Kinder als Expertenkinder für einen Themenbereich fungieren. Zusätzlich zu Klassendiensten kann die Lehrkraft wechselnde Assistenten benennen, die zeitweise Lehrerfunktionen übernehmen und beispielsweise mit einem Teil der Klasse ein Spiel durchführen, während die Lehrkraft eine Themeneinführung macht. Die Lehrkraft sollte sich nicht scheuen, die Eltern in den Unterricht miteinzubeziehen . Diese können Teile des Unterrichts übernehmen und zum Beispiel zum Vorlesen kommen, Dinge abfragen oder auch als zusätzliche Aufsicht einspringen. Es ist wichtig, dass die Lehrkraft weiß, wie weit jedes Kind mit dem Lernstoff ist. Deshalb sollte sie mehrmals wöchentlich Beobachtungen notieren : Wer befindet sich bei welchem Themenbereich in Deutsch oder Mathematik? Auf welcher Seite in welchem Lehrwerk beziehungsweise Arbeitsheft befindet sich das Kind? Bei welcher Aufgabe im Wochenplan steckt der Schüler oder die Schülerin fest? Da die Kinder viel frei arbeiten, sind häufige Kurztests wie zum Beispiel Zehn-Minuten-Rechnen, Lesetests oder Einmaleins-Abfragen sinnvoll. Außerdem sollte die Lehrkraft regelmäßig die Hefte und schriftlichen Materialien kontrollieren . So erkennt sie Stofflücken oder Problembereiche schnell und kann gegebenenfalls mit einem reduzierten oder anspruchsvolleren Wochenplan reagieren. Die Lehrkraft sollte einen engen Elternkontakt pflegen, um so gut wie möglich über jedes Kind informiert zu sein. Sie sollte regelmäßig abfragen, wie es bei den Hausaufgaben läuft, ob das Kind nach der Schule erschöpft, unausgeglichen oder voller Tatendrang ist. Die Reflexion hat einen großen Stellenwert. In Gesprächsrunden, Einzelgesprächen oder auch in schriftlicher Form sollten die Schülerinnen und Schüler regelmäßig über ihr Pensum, ihre Leistungsbereitschaft, mögliche Probleme, aber auch über eventuelle Störquellen im Unterricht berichten. Weiterführende Literatur Holl, Annette (2019): Kombiklassen. Jahrgangsübergreifendes Lernen mit Leichtigkeit. Saulgrub: Lernbiene. Schagerl, Ursula und Elke van der Linde (2007): Kursbuch jahrgangsübergreifender Unterricht. München: Oldenbourg.

Bildungsebene:

Primarstufe

Lizenz:

Frei nutzbares Material

freie Schlagwörter:

Unterrichtskonzept; kooperatives Lernen; Lernziele

Sprache:

Deutsch

Geeignet für:

Lehrer