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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 25.04.2019:

Geflüchtete erhalten Einblick in verschiedene Ausbildungsberufe

BOF - Berufsorientierung für Flüchtlinge

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Bildrechte: Wege in Ausbildung für Flüchtlinge

Mit der bis zu 26 Wochen dauernden Maßnahme „Berufsorientierung für Flüchtlinge - BOF“ werden Geflüchtete und Zugewanderte darauf vorbereitet, eine Ausbildung beginnen zu können. Die Maßnahme ist untergliedert in eine Werkstatt- und eine Betriebsphase. Zudem werden die Teilnehmenden individuell intensiv begleitet.


Junge, nicht mehr schulpflichtige Flüchtlinge sollen in einem mehrstufigen Verfahren - Integrationskurs, allgemeine und vertiefte Berufsorientierung - für eine betriebliche Ausbildung im Handwerk fit gemacht werden. Dies ist das Ziel der gemeinsamen Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Bundesagentur für Arbeit (BA) und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) „Wege in Ausbildung für Flüchtlinge“, die am 5. Februar 2016 gestartet ist. Die Initiative „Berufsorientierung für Flüchtlinge - BOF“ ist neben dem Integrationskurs (Sprachkurs und Wertevermittlung) und dem Programm „Perspektiven für junge Flüchtlinge im Handwerk“ (allgemeine Berufsorientierung) der dritte Baustein dieses Verfahrens.

Die Maßnahme „Berufsorientierung für Flüchtlinge“
Mit der bis zu 26 Wochen dauernden Maßnahme erhalten die jungen Flüchtlinge vertiefte Einblicke in verschiedene Ausbildungsberufe des Handwerks. Sie lernen die Fachsprache und Fachkenntnisse für den angestrebten Ausbildungsberuf kennen, werden schrittweise auf eine Ausbildung im Handwerk vorbereitet und dabei kontinuierlich von einer Projektbegleiterin oder einem Projektbegleiter individuell unterstützt. Seitdem Ende März 2019 die Förderrichtlinie geändert wurde, können Teilnehmende auch auf andere Ausbildungsberufe vorbereitet werden, die einen berufsqualifizierenden Abschluss vorsehen. Außerdem wurde die bisherige Zielgruppe „Geflüchtete“ um „Zugewanderte mit migrationsbedingtem Förder- und Sprachunterstützungsbedarf“ erweitert.

Werkstatttage zur vertieften Berufsorientierung
Die Maßnahme findet in Lehrwerkstätten und Betrieben statt. Die Werkstatttage werden in den Werkstätten der überbetrieblichen Berufsbildungsstätten der Handwerksorganisationen (ÜBS) oder ihrer Kooperationspartner durchgeführt. Hier erhalten die Teilnehmenden zunächst eine allgemeine berufliche Orientierung in verschiedenen Berufsfeldern und anschließend die Möglichkeit, sich intensiv mit ein bis drei Ausbildungsberufen zu beschäftigen, in denen sie sich eine Ausbildung vorstellen können. Neun bis maximal 18 Wochen lang können sie ausprobieren, ob die ausgewählten Berufe ihren Neigungen und Fähigkeiten entsprechen. Außerdem erfahren sie während der Werkstatttage mehr zum Aufbau und Inhalt der dualen Ausbildung in den gewählten Berufen, die die meisten aus ihren Heimatländern nicht kennen. Und sie werden sprachlich und fachlich auf die Anforderungen der Berufsschule für den angestrebten Ausbildungsberuf vorbereitet.

Die Teilnehmenden entscheiden sich nach dieser Zeit für einen Ausbildungsberuf, den sie während der Betriebsphase in einem Unternehmen weiter testen. Hier wenden sie, vier bis maximal acht Wochen lang, die zuvor erworbenen Kompetenzen in der betrieblichen Praxis an. Dabei lernen sie die Arbeitsabläufe und den Betrieb kennen und vertiefen ihre Fach- und Sprachkenntnisse im Arbeitsprozess weiter. Umgekehrt hat auch der Betrieb die Chance, potenzielle Auszubildende kennenzulernen.

Theorie und Praxis sind wichtig
Ausbilder Jürgen Freitag bereitet junge Flüchtlinge im Rahmen der Maßnahme auf die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker/zur Mechatronikerin vor. Für viele Teilnehmer/innen bildet das praktische Nachvollziehen konkreter handwerklicher Arbeiten einen ersten Zugang zum Ausbildungsziel. „Bei dem hat das geklappt, so versuche ich es auch“, beschreibt Freitag das Vorgehen der jungen Geflüchteten. Er geht deshalb in seinem Unterricht auf diese Art von Lernen ein und zeigt vieles direkt an Auto und Motor. Der Ausbilder weiß aber auch, dass die Theorie für den Erfolg in der Berufsschule wesentlich ist. Vielen Teilnehmenden mangelt es an Lernmethoden und Lerntechniken, sie haben nicht gelernt zu lernen. Auch fehlt es vielen an Basiswissen in den Naturwissenschaften, insbesondere in der Physik. „Das räumliche Denken ist bei einigen nicht besonders stark ausgeprägt“, berichtet Freitag. Hier helfen vor allem die zehn Stunden berufsbezogener Fachunterricht pro Woche, der auf die Berufsschule vorbereitet. Das Vermitteln mathematischer und physikalischer Grundlagen lockert Freitag immer wieder durch kurze Pausen auf und erklärt beispielsweise Winkelmaße an konkreten Gegenständen. Der erfahrene Ausbilder befürchtet, dass die Ansprüche der Ausbildung am Ende für manche noch zu hoch sein könnten „Schulbildung kann man nicht innerhalb kürzester Zeit nachholen.“ Er plädiert deshalb für eine stufenweise Qualifizierung. Möglich ist so ein Heranführen an die Ausbildung durch die so genannte Einstiegsqualifizierung (EQ), die dem eigentlichen Ausbildungsbeginn vorgeschaltet wird.

An dem Programm beteiligte Ausbilder/innen haben die Möglichkeit, beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Seminare zu interkulturell sensibler Berufsorientierung zu absolvieren und sich damit besser auf die Herausforderung, Menschen aus anderen Ländern bei ihrer Berufsorientierung und Integration in den deutschen Arbeitsmarkt zu unterstützen, vorzubereiten. Durch die unterschiedlichen Voraussetzungen, die viele mitbringen, ist es nicht immer leicht, jedem Einzelnen gerecht zu werden. Viele Flüchtlinge und Zugewanderte kennen außerdem keine geregelte Ausbildung, und auch Sprache und Gestik können zu interkulturellen Missverständnissen führen.

Bewerbung der Maßnahme
Damit ausreichend Betriebe für die Betriebsphase, aber auch für eine anschließende Ausbildung zur Verfügung stehen, ist eine Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen und regionalen Branchenverbänden erforderlich. Auch um möglichst viele Teilnehmende zu gewinnen, ist die Vernetzung mit Partnern in der Region sehr wichtig. Zusätzlich gibt es in vielen Städten Informationsveranstaltungen - im Jobcenter, bei der Arbeitsagentur oder bei der Handwerkskammer - in denen das Projekt vorgestellt wird, um junge Geflüchtete und Zugewanderte über Inhalte und Chancen der Teilnahme zu informieren. „Bei den letzten beiden BOF-Maßnahmen hat die Ansprache über Info-Veranstaltungen großen Erfolg gezeigt“, erzählt Projektleiter Ahmed Barhdadi von der Handwerkskammer Leipzig, Ansprechpartner für interkulturelle Beratung und zuständig für das BOF-Programm. Viele ehemalige Teilnehmer/innen empfehlen die BOF-Maßnahme auch ihren Bekannten. „Die Mundpropaganda bei den Geflüchteten ist sehr stark und sehr hilfreich, um schnell passende und für die Zielgruppe interessante Informationen zu vermitteln“, meint Barhdadi. Viele Teilnehmende haben zuvor die Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit „Perspektiven für junge Flüchtlinge im Handwerk“ (PerjuF-H) durchlaufen oder kommen direkt aus Integrationskursen oder Förderklassen der Berufsschulen. Bevor sie einen BOF-Kurs beginnen, wird geprüft, ob sie für eine spätere Vermittlung in die angestrebte Ausbildung geeignet sind und die entsprechenden Sprach- und Schulkenntnisse sowie personale, soziale und methodische Kompetenzen mitbringen. Die Teilnahme an BOF ist auch in Teilzeit möglich. Dadurch können beispielsweise auch junge Frauen und Männer, die Kinder zu betreuen haben, am Programm teilnehmen. Sie werden auch bei der Organisation der Kinderbetreuung unterstützt.

Gute Begleitung ist wichtig

Für einen optimalen Verlauf der Maßnahme steht allen Teilnehmenden ein individueller Projektbegleiter bzw. eine individuelle Projektbegleiterin zur Seite, von dem oder der sie regelmäßig Feedbacks und schriftliche Dokumentationen zu ihren Lernfortschritten erhalten. Die Projektbegleitung hilft auch bei der Vermittlung in eine Ausbildung oder in eine weiterführende Maßnahme. Zusätzlich ist eine ehrenamtliche Betreuung von Fachleuten im Ruhestand durch den Senior Experten Service (SES) möglich.

Nach dem Ende der BOF-Maßnahme gibt es über jede/n einzelne/n Teilnehmer/in einen Abschlussbericht, in dem vor allem die Stärken genannt werden. Der Abschlussbericht ist für die Bewerbungsunterlagen und beinhaltet eine Beurteilung des Sozialverhaltens, der Werkstattphase, des Betriebspraktikums und eine persönliche Empfehlung.


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Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 25.04.2019
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