Suche

Erweiterte Suche

Ariadne Pfad:

Inhalt

Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 31.01.2019:

„Erinnern gegen das Vergessen.“

Gespräche mit Zeitzeugen

Bild

Der 27. Januar ist der Tag der Befreiung
von Auschwitz und offizieller deutscher
Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Die Zeitzeugenbörse und das Maximilian-Kolbe-Werk vermitteln Gespräche mit Zeitzeugen an Schulen und andere Interessierte. Damit fördern sie den Austausch zwischen den Generationen und schaffen eine Öffentlichkeit für persönliche Erinnerungen, die von unschätzbarem Wert für das kulturelle Gedächtnis unserer Gesellschaft sind.


Der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus haben unvorstellbares Leid über die Menschheit gebracht. Damit das Grauen und die Verbrechen dieser Zeit nicht in Vergessenheit geraten, vermitteln die Zeitzeugenbörse und das Maximilian-Kolbe-Werk Gespräche mit Zeitzeugen, die über die Ereignisse und Entwicklungen dieser Jahre anhand ihrer persönlichen Erlebnisse berichten.

Peter Lorenz, geboren 1929, ist einer von ihnen. Er ist im Krieg in Berlin groß geworden und musste von heute auf morgen seine Koffer packen und mit knapp 100 anderen Jungen nach Polen in ein Kinderlandverschickungslager fahren. Die Verhältnisse dort waren sehr chaotisch. Er erzählt von seiner Einsamkeit und Verunsicherung und davon, dass seine Kindheit auf einmal beendet war.

Die Zeitzeugenbörse
Über 180 Zeitzeugen, die in Berlin und Umgebung leben, haben sich der Zeitzeugenbörse angeschlossen und berichten auf Nachfrage von ihren privaten Erlebnissen oder öffentlichen Ereignissen, nicht nur aus der Zeit der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, sondern auch aus der Zeit des geteilten Berlin bis zum Fall der Mauer. Sie wollen ihren reichhaltigen Erinnerungs- und Erfahrungsschatz an Jüngere weitergeben und damit auch den Austausch zwischen den Generationen fördern.

Angefragt wird die Zeitzeugenbörse e.V., die 1993 von Ingeburg Seldte in Berlin gegründet wurde und seit 1998 als unabhängiger gemeinnütziger Verein arbeitet, rund 200 bis 250 Mal im Jahr. Vor allem Schulen und Journalisten interessieren sich für die Erzählungen der Zeitzeugen. Die Themenwünsche der Schulen und Hochschulen betreffen meist die Zeit des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit. Die Nachfragen der Journalisten sind oft abhängig von Jahrestagen - die Befreiung von Auschwitz, das Ende des Zweiten Weltkriegs, der Fall der Mauer etc. Mehr und mehr stoßen auch die Geschichte der DDR und Berlin als Hauptstadt des wieder vereinigten Landes auf stärkeres Interesse. Manchmal werden Zeitzeugen auch gefragt, ob sie bei Schulprojekten, Theaterstücken oder Filmen mitmachen möchten.

Zurzeit unterstützen rund 50 Mitglieder, darunter viele Zeitzeugen, und etwa 20 ehrenamtliche Mitarbeiter den Verein mit Sitz in Berlin-Mitte. Etwa 400 Zeitzeugen werden jährlich vermittelt. Zweimal im Monat haben sie Gelegenheit, sich untereinander auszutauschen und sich gegenseitig kennenzulernen.

Das Maximilian-Kolbe-Werk

Auch das Maximilian-Kolbe-Werk führt seit 2001 Zeitzeugengespräche in deutschen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie Pfarrgemeinden durch und erreicht damit bundesweit jährlich mehrere Tausend Schülerinnen und Schüler sowie junge Erwachsene. Gegründet am 19. Oktober 1973 durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dreizehn katholischen Verbänden, konzentrierte es sein Handeln zunächst auf die Unterstützung der Opfer des NS-Regimes in Polen und anderen osteuropäischen Ländern, die oft unter haftbedingten Krankheiten und traumatischen Erinnerungen leiden und in bedrückender Armut leben. Das Werk leistet hier ganz konkrete Hilfe und engagiert sich mit finanziellen Beihilfen, in der Krankenversorgung und häuslichen Pflege. Es wollte und will damit zur Verständigung und Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk und mit anderen Ländern Mittel- und Osteuropas beitragen. Seit 1978 lädt es KZ-Überlebende auch zu Erholungs- und Begegnungsaufenthalten nach Deutschland ein. Und seit 1992 - nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - werden Hilfsgütertransporte auch in die Ukraine, nach Weißrussland und Russland durchgeführt, die von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet werden.

Der eingetragene gemeinnützige Verein mit Sitz in Freiburg besteht aus den ehrenamtlichen Organen Vorstand und Mitgliederversammlung sowie der hauptamtlichen Geschäftsführung. In Deutschland engagieren sich rund 80 Ehrenamtliche für die Aufgaben des Maximilian-Kolbe-Werkes.

Zeitzeugengespräche an Schulen

Für die Zeitzeugengespräche kommen rund 50 Überlebende nationalsozialistischer Konzentrationslager und Ghettos aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern regelmäßig nach Deutschland. Ihnen ist es wichtig, ihren Teil dazu beizutragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Denn, so die dahinterstehende Überzeugung: Nur wer die Geschichte kennt, kann aus ihr für die Gegenwart und Zukunft lernen. Von den Zeitzeugen erfahren die Schülerinnen und Schüler aus erster Hand von den Verbrechen, die von Deutschen und in deutschem Namen während der NS-Diktatur verübt wurden. Einer von ihnen war der 2016 verstorbene Ignacy Artur Krasnokucki, der 1925 in einer jüdischen Familie in Lodz/Polen geboren und nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht mit seinen Eltern in ein Ghetto gebracht wurde. Dort kümmerte er sich nach der Verhaftung des Vaters, den er nie wiedersah, um seine kranke Mutter. Sie starb, geschwächt durch Hunger und Tuberkulose, in seinen Armen. Im März 1944 wurde Ignacy in ein Arbeitslager nach Czestochowa gebracht, danach in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Zwölf Stunden harter Arbeit und lange Fußmärsche vom Lager zu den Produktionsstätten waren sein Alltag.
Viele Jahre lang engagierte sich Ignacy Artur Krasnokucki, der nach seiner Flucht noch seinen Doktor in Chemie machte und in der Buntmetallindustrie arbeitete, als Zeitzeuge im Maximilian-Kolbe-Werk und besuchte dabei oft deutsche Schulen und andere Bildungseinrichtungen. An vielen Schulen gehören diese Gespräche mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Unterrichts, wenn die Themen Nationalsozialismus, Drittes Reich, Verfolgung und Widerstand behandelt werden.

Begegnungen in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Seit 2010 organisiert das Maximilian-Kolbe-Werk auch internationale Begegnungen für Nachwuchsjournalisten aus ganz Europa in Auschwitz und KZ-Gedenkstätten in Deutschland. Damit sollen die jungen Journalisten zur kritischen Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit angeregt werden und in ihren Beiträgen die Erinnerungen der Überlebenden des NS-Regimes öffentlich machen. Seit 2013 finden jährlich internationale Fortbildungsseminare für Lehrkräfte und Lehramtsanwärter aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz statt, darüber hinaus organisiert das Maximilian-Kolbe-Werk in Kooperation mit anderen Akteuren aus der Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit immer wieder Bildungsreisen, Studienfahrten und andere Projekte.

Die Arbeit gegen das Vergessen ist es, was beide Vereine antreibt.

Ihr Kommentar zu diesem Beitrag. Dieser Beitrag wurde bisher nicht kommentiert.

Weitere Beiträge im Archiv.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.01.2019
© Innovationsportal

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion von Bildung + Innovation erlaubt.

Die Redaktion des Online-Magazins Bildung + Innovation arbeitet journalistisch frei und unabhängig. Die veröffentlichten Beiträge bilden u. a. auch interessante Einzelmeinungen zum Bildungsgeschehen ab; die darin zum Ausdruck gebrachte Meinung entspricht nicht notwendig der Meinung der Redaktion oder des DIPF.

Inhalt auf sozialen Plattformen teilen (nur vorhanden, wenn Javascript eingeschaltet ist)