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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 20.12.2018:

„Eine Plattform für die Ideen und Impulse, die notwendig sind, um die Schulen in das digitale Zeitalter zu überführen.“

Die Konferenz Bildung Digitalisierung 2018

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Dr. Nils Weichert
Bildrechte: Forum Bildung Digitalisierung / Phil Dera

Das „Forum Bildung Digitalisierung“ ist ein gemeinnütziger Verein, der sich damit beschäftigt, wie man mit digitalen Medien das Bildungssystem verbessern und zu mehr Chancengerechtigkeit gelangen kann. Derzeit engagieren sich hier sieben große deutsche Stiftungen: Deutsche Telekom Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Dieter Schwarz Stiftung, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Robert Bosch Stiftung, Siemens Stiftung und Stiftung Mercator. Vom 15. bis 16. November hat das Forum die Konferenz Bildung Digitalisierung 2018 durchgeführt, auf der rund 650 Expertinnen und Experten unter dem Motto „Gemeinsam für den digitalen Wandel“ im Berliner Cafe Moskau zusammenkamen. Die Online-Redaktion sprach mit dem Vorstand von Forum Bildung Digitalisierung, Dr. Nils Weichert, über die Themen der Konferenz und wie man den digitalen Wandel an Schulen voranbringen kann.

Online-Redaktion: Nach zweijähriger Projektphase wurde am 4. September 2017 der Verein „Forum Bildung Digitalisierung e. V.“ gegründet. Was sind seine Ziele?

Weichert: Es geht dem Forum vorrangig darum, die Schulpraxis mit der Politik sowie mit Expertinnen und Experten für schulische Entwicklung und für Schulinnovation zusammen zu bringen und in dieser gemeinsamen Konstellation eine Plattform zu sein für die Ideen und Impulse, die notwendig sind, um die Schulen in das digitale Zeitalter zu überführen. Wir haben uns vorgenommen, dabei in den kommenden Jahren nicht nur vernetzend tätig zu sein, sondern - gemeinsam mit Schulen - auch verstärkt eigene Produkte zu entwickeln: Hilfestellungen und Tools, die wir den Schulen für ihre Schulentwicklungsprozesse an die Hand geben möchten.

Online-Redaktion: Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung 2018 diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Praxis, Bildungspolitik und Bildungsverwaltung sowie Zivilgesellschaft darüber, wie sich Bildung und das Lehren und Lernen in der digitalen Welt verändern. Welche Schwerpunktthemen standen auf dem Programm?

Weichert: Ein Thema war, wie man Schulen unterstützen kann. Also wie konkrete Unterstützungsangebote gestaltet sein müssen, um Schulen für den digitalen Wandel fit zu machen. Das zweite Thema waren Lehrkräftequalifizierungen. Was muss das pädagogische Personal wissen, wenn es um digitalen Wandel an Schulen geht, und wie können konkrete Vorschläge aussehen? Bei dem dritten Schwerpunkt ging es um die Gestaltung der Schulentwicklung als einen auf Digitalität und digitale Gesellschaft fokussierten ganzheitlichen Prozess. Dazu gehören die technische Infrastruktur genauso wie neue Formen der Zusammenarbeit unter den Kolleg/inn/en. Ein viertes Thema wurde von Schülerinnen und Schülern vorgebracht. Sie haben mit uns gemeinsam einen Track gestaltet, in dem sie kenntlich gemacht haben, dass auch sie digitale Experten sind, die Unterricht gestalten können.

Online-Redaktion:
Welche konkreten Unterstützungsangebote geben Sie den Schulen an die Hand?

Weichert:
Das Forum Bildung Digitalisierung entwickelt als direkte Ableitung aus den Ergebnissen der Konferenzen und der Erfahrungen mit einem bundesweiten Netzwerk von Werkstattschulen nun konkrete Produkte und Tools, die es Schulen ermöglichen sollen, ihre Entwicklung selbst voranbringen zu können. Darüber hinaus werden Qualifizierungen für Schulleitungen erprobt.

Online-Redaktion: Neben interessanten Vorträgen und Keynotes von Bildungspolitiker/inne/n und anderen Expert/inn/en waren Workshops das zentrale Format der Konferenz. Welche Themen beinhalteten sie?

Weichert: Das Programm für die Workshops haben wir gemeinsam mit vielen Partnerinnen und Partnern gestaltet. Schulen haben ihre Projekte genauso vorgestellt wie Wissenschaftseinrichtungen und Organisationen der Zivilgesellschaft, also zum Beispiel das Learninglab in Düsseldorf oder die jungen Tüftler, ein mobiler Lernort, und gezeigt, wie Netzwerkarbeit funktioniert und wie man Unterrichtsentwicklung konkret betreiben kann. Es ging um „best practice“, die leicht in andere Bereiche, Bundesländer, Schulen, aber auch Verwaltungen transferiert werden kann. Dadurch wurden den Teilnehmenden praxisnah Ideen und Inspiration mitgegeben.

Online-Redaktion: Zu welchen Ergebnissen kamen die Workshops und die Diskussionsrunden?

Weichert: In dem Track „Auf Augenhöhe“ beispielsweise, den die Schülerinnen und Schüler mit uns gemeinsam gestaltet haben, haben sie die beteiligten Lehrkräfte und Schulverwaltungen dahingehend sensibilisiert, dass auch sie digitale Experten sind, die Unterricht und Schulkultur gestalten können, in dem sie zum Beispiel interaktive Schulzeitungen auch für die Lehrkräfte herausbringen oder Themen wie „Digitalisierung und Demokratie“ oder „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ miteinander verbinden. In „Design Thinking“-Workshops wiederum haben sich Bildungsverwaltung und Bildungsexpert/inn/en darüber ausgetauscht, wie Schulentwicklung angegangen werden kann, und konkrete Vorschläge entwickelt. Zum Beispiel, dass Schulen ein Leitbild für das digitale Zeitalter entwickeln müssen, auf dem aufbauend mit dem Kollegium erarbeitet werden kann, wie neue Kooperationsstrukturen aussehen können, die den örtlichen Nahraum oder die Eltern stärker einbinden. Im Diskussionsteil sind viele theoretische Konzepte weiterentwickelt worden. Es gab beispielsweise eine Diskussion, in der es um die Erarbeitung eines Orientierungsrahmens für gute Schule in der digitalen Welt ging, den auch das Forum Bildung Digitalisierung initiiert. Hier ist gemeinsam mit den Teilnehmenden erarbeitet worden, welche Dimensionen so ein Orientierungsrahmen haben sollte, an den sich Schulen konkret halten können. Die Ergebnisse sind sehr aussagekräftig.

Online-Redaktion: Wie weit ist Digitalisierung an den Schulen schon vorangeschritten, und was muss noch getan werden, um sie weiterzuentwickeln?

Weichert: Das ist ein sehr zweigeteiltes Bild. Es gibt einige wenige Pioniere, aber das Thema Digitalisierung kann nicht nur auf dem Engagement Einzelner beruhen, wir müssen mehr dafür tun und die Lehrkräfte sowie die Ansprechpartner in den Verwaltungen, die für die Umsetzung verantwortlich sind, für das Thema sensibilisieren. Digitalisierung wird immer noch als ein Zusatzthema wahrgenommen und nicht als ein Thema zur Bewältigung aktueller Herausforderungen wie Inklusion, Demokratie oder Chancengerechtigkeit, obwohl hierin eigentlich seine Potenziale liegen. Wenn Lehrkräfte erkennen, dass digitale Medien zum Beispiel für Demokratiebildung ausschlaggebend sein können, weil über Fake News und die Entwicklung von Teilöffentlichkeiten im Netz, über Radikalisierung und Hate Speech diskutiert werden kann, wird deutlich, dass darin ein Schlüssel für Unterricht liegt und nicht ein extra Thema.
Außerdem ist es momentan so, dass Digitalisierung meist auf Technisierung fokussiert wird, in der es vorrangig um die Ausstattung von Schulen geht. Neben den IT-Ausstattungsmerkmalen und der Bedienkompetenz braucht es aber vor allem methodisch-didaktisches Know-how, um die digitalen Medien einsetzen zu können. Durch den Einsatz digitaler Lehr- und Lernmethoden bei sehr heterogenen Lerngruppen beispielsweise können Lehrkräfte leichter binnendifferenzieren und unterschiedliche Tempi in den Unterricht einfließen lassen. Es entstehen mehr Möglichkeiten für Schülerinnen und Schüler, Lernfortschritte zu machen. Aber dieser Einsatz erfordert sehr viel Wissen und Qualifizierung bei den Lehrerinnen und Lehrern, und hier existiert eine große Lücke. Der Monitor Lehrerbildung, der von der Telekom Stiftung in diesem Jahr erarbeitet wurde, zeigt, wie wenig Lehrkräfte in der Lehrerbildung darauf vorbereitet werden. Und auch in den Zielvereinbarungen mit den Hochschulen taucht das Thema selten auf. Es darf auch nicht sein, dass es nur eintägige Fortbildungen gibt. Digitale Bildung muss innerhalb der Lehrerbildung - sowohl in der Ausbildung an der Hochschule als auch in der zweiten und dritten Phase der Lehrkräftebildung - als Querschnittsthema mit den anderen Themen sinnvoll verknüpft werden.

Online-Redaktion: Im Vorfeld der Konferenz boten Sie den Teilnehmenden die Möglichkeit, an Schulen zu hospitieren und Startups und gemeinnützige Organisationen zu besuchen, die im außerschulischen Bereich aktiv sind. Wie gestalten diese Akteure den digitalen Wandel? Und lassen sich diese Beispiele auf andere Schulen und Organisationen übertragen?

Weichert: Die Schulen, die das gut bewältigen, haben eine Sache geschafft. Sie haben Freiraum ermöglicht. Das ist, was sie auszeichnet, und das ist auch das, was die anderen Schulen lernen können. Und zwar Freiraum auf mehreren Ebenen. Häufig haben sie sich finanziellen Freiraum geschaffen, d.h. sie haben beispielsweise Fördergelder organisiert oder die staatlichen Strukturen genutzt für eine technische Grundausstattung. Das viel Wichtigere aber ist, sie haben auch Freiraum für das Kollegium geschaffen, d.h. es gibt Zeiten und Möglichkeiten für die Lehrkräfte, sich dem Thema zu widmen, in Arbeitsgruppen zusammen zu sitzen, zu diskutieren, was der beste Lösungsweg für ein Fach oder für eine ganze Fachgruppe sein könnte. Und - dritter und entscheidender Punkt - sie haben häufig außerschulische Expertise involviert. Das wollten wir mit den Besuchen, die wir angeboten haben, auch deutlich machen. Hospitiert werden konnte nämlich nicht nur an Schulen, sondern auch an Startups sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen, die an die Schulen gehen und zeigen, wie man in Kooperation mit ihnen das Thema gut bearbeiten kann. Damit wollten wir den Lehrkräften und Schulleitungen signalisieren: Ihr seid nicht allein! Es gibt viele Leute, auch neben der Schule, die Expertise haben, die Zeit und Lust haben zu helfen und die vielleicht auch finanzielle Möglichkeiten bieten.

Online-Redaktion: Welche Aktionen planen Sie für nächstes Jahr?

Weichert: Wir führen im kommenden Jahr wieder eine große Konferenz durch, mit der wir noch einen Schritt weiter gehen wollen. Von „best practice“ - guten Beispielen, wie sie in diesem Jahr gezeigt wurden - zu „next practice“. Denn, so schön Leuchttürme und gute Pionierschulen auch sind, häufig hat die Leuchtturmdebatte auch den negativen Effekt, dass Schulen, die noch nicht so weit sind, sich zurückhalten, wenn sie diese Pioniere oder Leuchttürme strahlen sehen. Deshalb wollen wir bei der nächsten Konferenz im September 2019 darüber sprechen, wie wir die Ansätze in die Breite bekommen.



Dr. Nils Weichert ist Politikwissenschaftler und Vorstand das Forum Bildung Digitalisierung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht das Thema „Bildung im digitalen Zeitalter“. Er befasst sich dabei schwerpunktmäßig mit der wissenschaftsbasierten Politik- und Gesellschaftsberatung zur zukünftigen Gestaltung des Bildungssystems. Daneben arbeitet er insbesondere zu Kompetenzfragen, Beteiligungs- und Diskursverfahren.

 

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.12.2018
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