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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 06.12.2018:

„Brücken bauen zwischen Religionen und Kulturen.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Nationalen Integrationspreis verliehen

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Bildrechte: Bundesregierung

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am 29. Oktober 2018 den mit 10.000 Euro dotierten Nationalen Integrationspreis verliehen. Mit dem „Nationalen Integrationspreis der Bundeskanzlerin“ werden Einzelpersonen, Personengruppen, Organisationen oder Kommunen ausgezeichnet, die sich um die Integration von Migrant/inn/en verdient gemacht haben. Der Preis will zeigen, dass sich „Integration lohnt“, er will gute Beispiele bekannt machen und zur Nachahmung anregen. Der erste Nationale Integrationspreis wurde im Jahr 2017 an die Stadt Altena und ihr Leitbild „Vom Flüchtling zum Altenaer Mitbürger“ vergeben.

Eine Bewerbung um den Preis ist nicht möglich. 33 Institutionen aus allen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen sind von der Kanzlerin dazu ernannt worden, Vorschläge zu unterbreiten. Eine ehrenamtliche Jury, die aus fünf Fachleuten und Personen des öffentlichen Lebens besteht, wählt aus diesen dann den Preisträger aus. Die noch bis einschließlich 2019 von der Bundeskanzlerin berufene Jury besteht aus der Berliner Integrationsforscherin Naika Foroutan, dem Fußballprofi Sami Khedira, dem Autor Ahmad Mansour, der langjährigen Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth sowie dem ehemaligen Vorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit und ehemaligen Leiter des BAMF, Frank-Jürgen Weise, der zugleich Jury-Vorsitzender ist. Die Jury kann einen jährlich wechselnden Schwerpunkt festlegen.

Die Preisverleihung

Der Schwerpunkt in diesem Jahr lautet „Integration und Wertevermittlung“ – und das Projekt, dem das nach Ansicht der Jury besonders gut gelingt, ist das Projekt „Brückenbau – Vielfalt begegnen!“ der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und der Hilfsorganisation IsraAID Germany e.V. Das Projekt vermittelt „in einem einzigartigen Ansatz zwischen Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Herkunft und hebt damit die Bedeutung von Toleranz für den Integrationserfolg hervor“, so die Jury. Nominiert wurde das Projekt vom Zentralrat der Juden in Deutschland.

Die Preisverleihung fand im Bundeskanzleramt statt. Neben der Bundeskanzlerin, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz, und den Preisträgern war die gesamte Jury anwesend. Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis führte durch die Veranstaltung. Die Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz eröffnete die Veranstaltung und hob hervor: „Integration gelingt dort, wo es Orte und Gelegenheiten der Begegnung gibt. Solche Orte gibt es, sie bleiben aber häufig unsichtbar. Mit dem Nationalen Integrationspreis wollen wir die vielen positiven Integrationsgeschichten würdigen und sichtbar machen.“

In dem Preisträger-Projekt „Brückenbau – Vielfalt begegnen!“ unterstützen arabisch-israelische, jüdisch-israelische und deutsche Psycholog/inn/en, Sozialarbeiter/innen und Kunsttherapeut/inn/en gemeinsam die Integration und psychosoziale Versorgung von Flüchtlingen in zehn Erstaufnahmeeinrichtungen in Berlin und Frankfurt am Main. In Einzel- und Gruppengesprächen geht es um Themen wie die Beziehung zwischen Mann und Frau, Sexualität, Schwangerschaft, Frauenrechte und Bildung. Aktuell nehmen bereits über 6.000 Schutzsuchende an dem Projekt teil. „Brückenbau hilft Menschen, die in ihrer Heimat oder auf der Flucht Schlimmstes erlebt haben, und baut zugleich Brücken zwischen Religionen und Kulturen. Das ist gelebte Integration“, lobte Staatsministerin Widmann-Mauz.

Das Projekt „Brückenbau – Vielfalt begegnen!“
Die Initiative, die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland Anfang 2016 ins Leben gerufen wurde, bietet psychosoziale Hilfe für traumatisierte Frauen und Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt an. Das Projekt wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration finanziert, die israelische Hilfsorganisation IsraAid stellt das Personal. In den zehn Einrichtungen in Frankfurt am Main und in Berlin kümmern sich psychologisch geschulte Fachkräfte um Geflüchtete, die unter schrecklichen Erfahrungen leiden, die sie in ihrer Heimat und auf der Flucht gemacht haben. Zu dem Team gehören auch die beiden Israelis Nadim und Tahrir Ghanayem, die bei der Preisverleihung anwesend waren. Seit Mai 2016 sind sie im Rahmen des Projekts in einer Gemeinschaftsunterkunft der Arbeiterwohlfahrt für geflüchtete Menschen im Stadtteil Unterliederbach in Frankfurt am Main tätig. Da beide Arabisch sprechen, können sie sich problemlos mit vielen Geflüchteten aus dem arabischen Raum unterhalten. Bei einigen gab es zunächst Schwierigkeiten und Vorbehalte wegen des Nahost-Konflikts, der das Verhältnis zwischen Arabern und Israelis auch in Deutschland belastet. Aber genau darum geht es laut der Begründung der Jury auch beim „Brückenbau“-Projekt: mit diesen Spannungen umzugehen und Toleranz zu entwickeln. Schon allein der Kontakt der Geflüchteten aus dem arabischen und afrikanischen Raum mit Fachkräften unterschiedlicher nationaler und religiöser Herkunft kann das gegenseitige Verständnis und die Toleranz fördern. „Wir wollen Menschen auf dem Weg in ein neues Land motivieren, sich für eine neue Kultur und eine neue Lebenswelt zu öffnen. Und Offenheit uns gegenüber ist ein erster Schritt“, erklärt der 36-jährige Nadim Ghanayem. In seinem Heimatland Israel hat er Psychologie studiert. Er hat bereits als Trauma-Therapeut gearbeitet und konzentriert sich heute auf die Vermittlung von Methoden zur psychischen Bewältigung sexueller Gewalt. Seine Ehefrau Tahrir hat sich auf soziale Arbeit spezialisiert. In der Gemeinschaftsunterkunft in Frankfurt bieten beide etwa 80 Menschen psychologische Hilfe an.

Die Begleitung traumatisierter Frauen steht für das Team von IsraAid im Mittelpunkt. In Einzelgesprächen und Gruppensitzungen geben die Expertinnen und Experten den Betroffenen die Möglichkeit, sich Ängsten zu stellen und intensiv mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Um die Frauen psychisch zu stärken, wenden die Fachkräfte auch Empowerment-Methoden an. Das Aufschreiben von Sorgen und das Zerplatzen von Ballons gehören dazu. „Durch gemeinsame Aktionen wie diese entsteht das Gefühl, dass die Betroffenen nicht allein sind. Und sie spüren, dass durch das Ritual Kraft entsteht“, so der Trauma-Experte. Das Gefühl, in Deutschland auf sich allein gestellt zu sein, eine neue Sprache, ein neues Land und neue Werte kennenzulernen, bereitet vielen zusätzlich Angst. Doch die Gespräche mit den Fachkräften von IsraAid geben ihnen Kraft und Orientierung.

„Wegweisende Initiative“
Bundeskanzlerin Angela Merkel lobt vor allem den „psychosozialen Ansatz“ des Projekts: „Er schafft es, dass Menschen, die Schmerz und Trauer erlebt haben, sich überhaupt für ein neues Land öffnen können.“ Sie bezeichnet das Projekt als „wegweisende Initiative“. „Sie leben Respekt vor dem unterschiedlichen Glauben vor, ob es nun Christen, Juden oder Muslime sind“, meint Merkel. Das Projekt verdeutliche, ergänzt die Jury, dass die Grundlage für gelungene Integration die Vermittlung von Werten wie Toleranz, Gleichberechtigung, Nichtdiskriminierung und die Akzeptanz unterschiedlicher (religiöser) Lebensweisen sei. Dadurch tragen die Projektträger auf besondere Weise zu einer gelungenen Integration von Geflüchteten in Deutschland bei. Gal Rachman, Geschäftsführer von IsraAID Germany e.V. freut sich über den Preis: „Wir sind zutiefst dankbar und geehrt, diese höchste Anerkennung der Bundeskanzlerin zu erhalten. Wir fühlen uns erneut bestätigt, unsere Integrationsarbeit fortzusetzen, von der sowohl Geflüchtete als auch die deutsche Gesellschaft profitieren können.“

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Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 06.12.2018
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