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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 13.09.2018:

„Heute steht das gemeinsame Leben und Lernen im Vordergrund.“

Eine europäische Agentur für Inklusion

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Bildrechte: Ulrike Suntheim

Die „European Agency for Special Needs and Inclusive Education“ setzt sich dafür ein, dass gemeinsames Lernen in allen Phasen des Lebens selbstverständlich wird. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit der Projektkoordinatorin für Deutschland, Ulrike Suntheim, über die Aufgaben und Ziele der europäischen Organisation.


Online-Redaktion: Was ist die „European Agency for Special Needs and Inclusive Education“, und wie kam es zu ihrer Gründung?

Suntheim: Die European Agency ist eine unabhängige Organisation, die im Jahr 1996 im Rahmen eines Helios II-Programms der Europäischen Kommission auf Initiative des dänischen Bildungsministeriums entstanden ist. Das Ziel war, Bildungspolitiker/inne/n und Schulleiter/inne/n verschiedenster Länder die Möglichkeit zum Austausch über bildungspolitische Strategien im Hinblick auf Lernende mit Beeinträchtigungen und sonderpädagogischem Förderbedarf zu geben. Gründungsmitglieder waren zunächst die europäischen Kernländer. Mittlerweile hat die European Agency 31 Mitgliedsländer, d.h. alle Mitglieder der Europäischen Union sowie Island, Norwegen, die Schweiz und Serbien.

Online-Redaktion: Wie ist die Organisation strukturiert?

Suntheim: Die Agency wird von den Bildungsministerien aller Mitgliedsländer finanziert und von der Europäischen Kommission im Rahmen des ERASMUS +-Programms unterstützt. Der Hauptsitz der Organisation und der Geschäftsführung ist in Odense, Dänemark, ein zweiter Sitz in Brüssel. Neben der Geschäftsführung entsendet jedes Mitgliedsland eine/n Vertreter/in aus den jeweiligen Bildungsministerien in das sogenannte Repräsentantenboard. Deutschland stellt hier zwei Mitglieder, eine/n Vertreter/in des Bundes und immer abwechselnd eine/n Vertreter/in der Länder, Großbritannien zum Beispiel je ein Mitglied aus England, Wales, Nordirland und Schottland. Dieses Board wählt in regelmäßigen Abständen aus seinen Reihen einen Vorstand, das Managementboard, das gemeinsam mit der Geschäftsführung den Haushalt überprüft und die Aufgaben und Strategien diskutiert, die dann in halbjährlichen Konferenzen mit allen Mitgliedern besprochen und abgestimmt werden. Außerdem hat jedes Land einen Koordinator bzw. eine Koordinatorin. Unsere Aufgabe ist es, das laufende Geschäft zu betreuen, also die Informationsverbreitung zu gewährleisten, die Projekte zu betreuen, Recherchen anzustellen, Anfragen zu beantworten und ähnliches.

Online-Redaktion: Welche Aufgaben und Ziele hat die European Agency?

Suntheim: Der Schwerpunkt der Arbeit und der Projekte liegt auf der Umsetzung der inklusiven Bildung in allen Schulformen, in der frühen und der beruflichen Bildung und natürlich auch in den Übergängen. Im Vordergrund steht dabei immer die Frage, wie die Leistungen aller Lernenden auf allen Stufen des inklusiven lebenslangen Lernens verbessert werden können, um ihre aktive und dauerhafte Teilhabe in der Gesellschaft zu fördern und zu gewährleisten. Diese Ziele werden im Rahmen von Konferenzen regelmäßig diskutiert, evaluiert und fortgeschrieben. Das führte zum Beispiel auch dazu, dass sich in den vergangenen Jahren der Fokus von der sonderpädagogischen Förderung hin zu mehr inklusiver Bildung in allen schulischen Bereichen verschoben hat. Sichtbar wurde das, als 2013 der Name der Agency verändert wurde. Von 1996 bis 2013 hieß sie „European Agency for Developments in Special Needs Education“, also: Europäische Agentur für Entwicklungen in der sonderpädagogischen Förderung. Der Begriff der inklusiven Bildung kam damals überhaupt nicht im Namen vor, obwohl er immer mitdiskutiert wurde. Erst 2013 entschied man, eine Änderung des Namens vorzunehmen, weil sich die Ziele in den letzten 20 Jahren deutlich verschoben hatten. Heute steht das gemeinsame Leben und Lernen im Vordergrund.

Online-Redaktion: Wie wird Inklusion an den Schulen der Mitgliedsländer praktiziert?

Suntheim: In keinem der Mitgliedsländer wird Inklusion in Bezug auf gemeinsame schulische Bildung noch in Frage gestellt, und in allen Ländern werden Möglichkeiten diskutiert, wie die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung mit der höchst möglichen Qualität zu gewährleisten ist. Aber in der Umsetzung gehen die Länder natürlich verschiedene Wege, die in hohem Maße von den jeweiligen Schulsystemen, den Traditionen und auch den Möglichkeiten der Länder abhängen.
Es gibt Länder wie Rumänien und Bulgarien, in denen erst einmal versucht wird, die schulische Bildung von Menschen mit Behinderung sicherzustellen und Länder wie Norwegen, wo es schon seit 20 Jahren eine weitgehende inklusive Beschulung aller Kinder gibt und zwar in einem ganz hohen Maße mit Beratungs- und Förderzentren, mit besonderen Hilfen für alle Kinder vom Kindergarten bis weit in die berufliche Bildung hinein. Aber bei inklusiver Beschulung muss man natürlich auch immer über die Qualität reden. Es genügt nicht, alle Förderschulen aufzulösen und die Kinder nur gemeinsam in eine Schule zu schicken. Wichtig ist, wie die Qualität der schulischen Bildung für Menschen mit Behinderung in den jeweiligen Schulen umgesetzt wird.

Online-Redaktion: Wer entscheidet, welche Projekte durchgeführt werden, und wie finden sich die Projektpartner?

Suntheim:
Die Themenstellungen entstehen aus aktuellen Diskussionen in den Ländern, gesellschaftlichen Veränderungen etc. Alle Mitglieder können in den halbjährlichen Konferenzen Themen einbringen, die dann zur Diskussion gestellt und abgestimmt werden. Wird ein Projekt ausgewählt, bestimmen die Mitglieder eine Steuergruppe, die aus Ländervertreter/inne/n, Wissenschaftler/inne/n und Agency-Mitarbeiter/inne/n besteht. Diese entwickelt entsprechend der Themenstellung die Projektstrategie. Alle Länder werden aufgefordert, themenbezogene Länderberichte zu erstellen und besondere, relevante Länderinitiativen, Schulen sowie Einrichtungen vorzustellen. Aus diesen Vorschlägen wählt dann die Steuergruppe interessante Beispiele aus, die sich zur Weiterarbeit, für Study-Visits etc. eignen. Um inhaltliche Überschneidungen zu vermeiden, arbeitet die European Agency eng mit einer Reihe von Organisationen zusammen, die ebenfalls für den Bereich Inklusion zuständig sind, wie der UNESCO und ihren Instituten (IBE, IITE), der OECD, Eurostat, Eurydice, Cedefop und der Weltbank.

Online-Redaktion:
Inwiefern gehen die Ergebnisse bereits bearbeiteter Projekte in die Praxis und die Bildungspolitik der Länder ein?

Suntheim: Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich und kommt natürlich immer auf das jeweilige Projekt an. Das im Projekt „Lehrerbildung für Inklusion“ erarbeitete Profil für inklusive Lehrer/innen zum Beispiel hat in fast allen europäischen Ländern Eingang in die Lehrerbildung gefunden. Es wurde auf vielen Tagungen diskutiert und international vorgestellt. In Deutschland wird es in vielen Phasen der Lehrerbildung genutzt, sowohl an den Universitäten als auch in den Studienseminaren und der Weiterbildung. Das Bildungsreferat Berlins z.B. nutzt das Profil als Rahmen zur Weiterentwicklung von Berliner Schulen auf dem Weg zur Inklusion. In vielen Projekten entstehen Reflexionsbögen oder Checklisten, die es den Ländern ermöglichen, Einrichtungen und Systeme unter besonderen Fragestellungen zu betrachten. Im Projekt „Inklusive frühkindliche Bildung und Erziehung: Neue Einblicke und Instrumente“, an dem Deutschland mit Kolleg/inn/en aus der Praxis und mit Vertreter/inne/n der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF) teilgenommen hat, ist zum Beispiel ein Selbstevaluierungsbogen entstanden. Dieser soll dazu dienen, die Qualität von Einrichtungen zu beurteilen, und wird bereits in einigen Ländern verwendet. Länder, die noch am Anfang der inklusiven schulischen Bildung stehen, profitieren natürlich in hohem Maße von den Ergebnissen und Erfahrungen der Länder, die diese Entwicklungen bereits seit Jahren verfolgen. Aber auch in bereits lange bestehenden Systemen gibt es, nach unserer Erfahrung, immer wieder Lern- und Entwicklungsbedarf, den die verschiedenen Projekte anregen können.

Online-Redaktion: Welche Projekte führt die European Agency aktuell durch?

Suntheim: Die vorrangigen Projekte in den letzten Jahren befassten sich mit der Frage, wie Qualität in der Bildung für alle Lernenden erreicht und gesichert werden kann und welcher Veränderungen es nicht nur in den Curricula, sondern auch in der Schulentwicklung und der Finanzierung von Bildung bedarf. Das Identifizieren von Finanzierungsmechanismen ist wichtig, um Ungleichheiten in der Bildung zu reduzieren. Im Rahmen dieses Projekts werden verschiedene Ansätze zur Bildungsfinanzierung geprüft, um eine wirksame Förderpolitik zu identifizieren, die zur Verringerung der Ungleichheiten in der Bildung führt.

Ein weiteres Projekt, das immer wieder fortgeschrieben wird, ist die Länderdatenerhebung zur inklusiven Bildung in Europa. Sie trägt das Akronym „EASIE - European Agency Statistics on Inclusive Education“, aber die Statistik zur Umsetzung inklusiver Bildung ist alles andere, nur nicht „easy“. In diesem Projekt können die Daten zur inklusiven und zur sonderpädagogischen Beschulung in den Mitgliedsländern abgerufen und verglichen werden. Zudem bietet es umfängliche Hintergrundinformationen zu den Bildungssystemen der Länder in Bezug auf sonderpädagogische Förderung und Inklusion.

Das neueste Projekt, das nun im Herbst starten wird, nennt sich „CROSP - The Changing Role of Specialist Provision“. Es wird sich mit der veränderten Rolle der Schulen, der Systeme, der Beratungs- und Förderzentren usw. in der inklusiven schulischen Bildung befassen.

Online-Redaktion:
Welche Pläne hat die Agentur noch für die Zukunft?

Suntheim: Im Vordergrund aller Projekte und Arbeiten der Agency steht das Ziel, dass das gemeinsame Lernen in allen Phasen des Lebens in der Gesellschaft als selbstverständliches Recht wahrgenommen und verankert wird. Dies geschieht neben den beschriebenen Projekten verstärkt in thematischen Konferenzen, Peer-Review-Aktivitäten und Audits, die in den Mitgliedsländern auf deren Wunsch hin durchgeführt werden können. Es gibt ergänzend kleine Projekte, in denen Länder zu besonderen thematischen Schwerpunkten zusammenarbeiten, wie zum Beispiel zur Ausbildung oder zum Einsatz von Schulbegleitern etc. Das haben wir in den letzten Jahren erfolgreich praktiziert, und das soll auch in Zukunft weiter ausgebaut werden.


Ulrike Suntheim, nationale Koordinatorin der European Agency for Special Needs and Inclusive Education und Mitarbeiterin der Arbeitsstelle für Diversität und Unterrichtsentwicklung - Didaktische Werkstatt am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

 

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 13.09.2018
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