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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 05.07.2018:

„Wir brauchen eine koordinierte Steuerung des Bildungssystems als eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe aller Akteure.“

Siebter nationaler Bildungsbericht veröffentlicht

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Bildrechte: Prof. Dr. Kai Maaz

Am 22. Juni 2018 ist der siebte nationale Bildungsbericht erschienen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) den Bericht „Bildung in Deutschland 2018“ in Berlin vorgestellt. Der Bericht beschreibt die Gesamtentwicklung des deutschen Bildungswesens. Das Schwerpunktkapitel widmet sich dieses Mal den „Wirkungen und Erträgen von Bildung“. Der Bericht wurde unter Federführung des DIPF von einer Autorengruppe erstellt. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Prof. Dr. Kai Maaz, dem Sprecher der Autorengruppe, über die Ergebnisse und aktuellen Herausforderungen.


Online-Redaktion: Welche Aufgaben und Ziele verfolgt der nationale Bildungsbericht im Kontext des Bildungsmonitorings?

Maaz: Der Bildungsbericht ist eine gemeinsame Berichterstattung von Bund und Ländern und ein Instrument der Gesamtstrategie der KMK zum Bildungsmonitoring. Der Unterschied zu den anderen drei Instrumenten – der Teilnahme an internationalen Schulleistungsstudien, wie PISA, TIMSS oder IGLU, den Bildungsstandards sowie ihrer Überprüfung in den verschiedenen Bildungsbereichen und den Verfahren zur Qualitätssicherung auf Schulebene, wie den Vergleichsarbeiten – ist, dass der Bildungsbericht nicht nur auf Schule fokussiert, sondern in seiner Analyse das gesamte Bildungsgeschehen in den Blick nimmt, von der frühen Bildung bis zur Weiterbildung im Erwachsenenalter. Er ist die kontinuierliche, datengestützte Information der Öffentlichkeit über Rahmenbedingungen, Verlaufsmerkmale, Ergebnisse und Erträge von Bildungsprozessen mit dem Zweck, das Bildungsgeschehen in der Gesellschaft über alle Bildungsbereiche hinweg transparent zu machen. Als systembezogene, evaluierende Gesamtschau möchte die Bildungsberichterstattung eine Grundlage für Zieldiskussionen und politische Entscheidungen schaffen.

Online-Redaktion: Auf welchen Daten und Indikatoren beruht er?

Maaz: Im Wesentlichen sind die Indikatoren, die im Hauptteil des Berichts, also in den bildungsbereichsspezifischen Kapiteln zugrunde gelegt werden, amtliche oder repräsentative Daten, die wiederkehrenden Charakter haben, wie zum Beispiel die PISA-Studie. So kann man sie besser vergleichen. Anders sieht es beim jeweiligen Schwerpunkt der Berichte aus, hier sind auch einzelne Studien verwendbar.

Online-Redaktion: Zu welchen zentralen Ergebnissen kommt der Bildungsbericht 2018?

Maaz: Wir haben versucht, einzelne Ergebnisse in übergreifenden Entwicklungslinien zusammenzufassen, die sich durch alle Bildungsbereiche ziehen. Neben dem Schwerpunkt haben wir fünf übergreifende Trends herausgearbeitet. Der erste Trend zeigt, dass es einen Zuwachs an Bildungsteilnehmer/inne/n gibt. Immer mehr Leute durchlaufen aus unterschiedlichen Gründen – z.B. Anstieg der Geburtenzahlen, höhere Müttererwerbstätigkeit, es kommen mehr Menschen nach Deutschland, als aus Deutschland wegziehen – gleichzeitig die verschiedenen Institutionen des Bildungssystems. Eine zweite Entwicklungslinie ist ein anhaltender Trend zu höherer Bildung. Immer mehr Menschen erwerben das Abitur und Hochschulabschlüsse. Trotz dieser Höherqualifizierung besteht allerdings im unteren Qualifizierungsbereich ziemlicher Stillstand. Bei Personen ohne Migrationshintergrund machen schon seit Jahrzehnten ca. 10 Prozent keinen beruflichen Abschluss, bei Personen mit Migrationshintergrund sind es zwischen 30 bis 40 Prozent. Es ist eine Herausforderung neben dieser positiven Entwicklung, den unteren Bereich nicht zu vernachlässigen. Als dritte übergreifende Entwicklungslinie sehen wir, dass sich die Heterogenität in allen Bildungseinrichtungen vergrößert hat.

Zwei weitere übergreifende Problemlagen haben wir schon im letzten Bericht thematisiert, aber sie sind nach wie vor bedeutsam: Die anhaltenden sozialen Disparitäten im Bildungssystem, bezogen auf den Kompetenzerwerb als auch auf die Bildungsbeteiligung, sind in vielen Bereichen stabil geblieben. Die Schere zwischen den Bildungsbenachteiligten und der Leistungsspitze wird eher größer. Und auch die unterschiedlichen Entwicklungsperspektiven in den Bildungsregionen bestehen weiterhin. Insbesondere in den strukturschwachen Regionen gibt es einen deutlichen Abbau von Bildungsinstitutionen.

Online-Redaktion: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Spanne immer größer wird, warum immer mehr junge Menschen Abitur machen, während viele andere keinen Schul- und/oder Berufsabschluss schaffen?

Maaz: Erklärungen können wir mit dem Bericht darauf nicht bieten, aber wir können Vermutungen anstellen. Während die Nachfrage nach höherer Bildung in der Gesellschaft angekommen ist, fruchten viele auch bildungspolitische Bemühungen, Bildungsbenachteiligungen anzugehen, entweder noch nicht, oder es sind möglicherweise nicht die richtigen. Es gibt im Bildungsbereich an verschiedenen Stellen Bildungsungleichheiten. Aber da, wo sie sichtbar werden, entstehen sie nicht. Ungleichheiten, die zum Beispiel bei 15-jährigen in der PISA-Studie sichtbar werden, entstehen nicht erst im Sekundarschulsystem, die Grundlagen werden bereits im frühkindlichen Bereich gelegt. Man braucht einen sehr langen Atem, um diese Ungleichheiten anzugehen. Man müsste mit einer frühen Förderung im vorschulischen Bereich beginnen und sie über die Bildungsbiografie hinweg durchziehen. Installiert man Programme erst an der Stelle, wo Ungleichheit sichtbar wird, ist das meines Erachtens zu spät.

Online-Redaktion: Welche positiven Veränderungen haben sich im Bildungswesen seit den ersten Berichten vollzogen?

Maaz:
Ich sehe hier drei positive übergreifende Trends. Zum einen der Trend zu höherer Bildung. Bildung wird als Gut in der Gesellschaft nachgefragt. Positiv ist außerdem, dass wir seit einigen Jahren einen starken Ausbau in der vorschulischen Bildung haben. Insbesondere in den alten Bundesländern hat eine verstärkte Nachfrage zu einem Ausbau geführt, die Betreuungsquoten auch bei den unter Dreijährigen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die gleiche positive Entwicklung haben wir beim Ausbau des Ganztags in den Schulen. Auch da ist in den letzten Jahren sehr viel investiert worden. Es gibt mehr Ganztagsangebote, die zwar unterschiedlich in ihrer Struktur sind - hier liegt noch eine Herausforderung -, aber insgesamt ist das ein positiver Trend. Eine dritte aus meiner Sicht positive Entwicklungslinie ist eine deutliche Verschlankung der Schulstrukturen, auch wenn sie zwischen den Bundesländern noch etwas unübersichtlich ist. Die meisten Bundesländer bieten entweder ein Zweisäulenmodell oder ein erweitertes Zweisäulenmodell an. D.h. es gibt das Gymnasium als Konstante und eine alternative, nicht gymnasiale Schulform, die alle Bildungsgänge und -abschlüsse anbietet. Das zieht auch eine Öffnung des Bildungssystems nach sich, die Kindern und Jugendlichen die Möglichkeiten gibt, sich später als an den standardisierten Bildungsübergängen zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen.

Online-Redaktion: Aber ist es für viele Jugendliche nicht auch ein Nachteil, dass die mehr Praxis bezogene Hauptschule zusehends wegfällt?

Maaz: Nein, das ist es meines Erachtens nicht. Praxisbezug und Berufsvorbereitung sind Inhalte, die an jede Schule gehören. Es ist wichtiger, diese Inhalte in alle vorgehaltenen Schularten zu integrieren, als eine spezielle dafür vorzuhalten. Das wäre das Gegenteil von einer Öffnung des Systems, wie ich sie mir vorstelle.

Online-Redaktion: Vor welchen Aufgaben und Herausforderungen steht die Bildungspolitik weiterhin?

Maaz: Die Aufgabe besteht darin, auf diese zentralen Entwicklungslinien zu reagieren. Wir haben das im Bildungsbericht versucht, in fünf Herausforderungen zusammenzufassen. Die erste liegt im Ausbau der Bildungseinrichtungen. Dadurch, dass mehr Menschen Bildung nachfragen, muss das System ausgebaut werden, sonst wird das Bildungsangebot nicht reichen. Dabei sollten die Bildungsangebote über Ländergrenzen hinweg vergleichbarer (in Berlin heißt die zweite Schulform beispielsweise Sekundarschule, in Hamburg Stadtteilschule und in Bremen Oberschule) und offener werden, u.a. in Bezug auf den Umgang mit Digitalisierung bzw. mit den sich daraus ergebenen Herausforderungen. Die zweite liegt im Bereich der Personalentwicklung und des Personalausbaus. Um Qualität zu sichern und weiterzuentwickeln, braucht man gut ausgebildetes und hinreichendes Personal in allen Bildungseinrichtungen.

Eine dritte Herausforderung lässt sich beschreiben als eine Verständigung auf Qualitätsmaßstäbe, die sich nicht nur auf leistungsbezogene Output-Kriterien beziehen, sondern auch auf Merkmale von Rahmenbedingungen wie Erreichbarkeit, Durchlässigkeit, Chancengerechtigkeit, Finanzierbarkeit oder Vergleichbarkeit. Wir haben inhaltlich in einigen Bereichen meines Erachtens unzureichende Qualitätsstandards, beispielsweise im Bereich der Ganztagsschulen. Hier gibt es nach wie vor offene Fragen beim Auf- und Ausbau in Bezug auf die Trägerschaft, die institutionelle Anbindung, den zeitlichen Umfang, die Art und die Qualifikation des Personals, aber auch auf die pädagogischen Ziele und die Qualität. Oder es gibt zum Beispiel in den Bundesländern sehr unterschiedliche Quoten von Abgängern, die die Schule ohne einen Hauptschulabschluss verlassen. Auch brauchen wir für eine Qualitätsentwicklung andere Datengrundlagen. Indikatoren müssen nicht nur das System messen und beschreiben können, sie sollen auch der Unterrichts- und Schulentwicklung und damit auch der Qualitätsentwicklung und -sicherung dienen können.

Wenn man sich diesen unterschiedlichen Entwicklungstrends stellt, braucht man – als letzte übergreifende Herausforderung – eine koordinierte Steuerung des Bildungssystems als eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe aller Akteure. Bildung ist Ländersache, das soll und wird auch so bleiben, aber die Frage ist, wie Kompetenzen auf Bundesebene und auf kommunaler Ebene mit genutzt werden können und wie weitere Partner mit ins Boot geholt werden können. Darin, Bildung auch als eine zivilgesellschaftliche Aufgabe zu verstehen, liegt die Chance, die Steuerung in der föderalen Struktur neu zu überdenken.

Online-Redaktion: Dieses Jahr steht das Thema „Wirkungen und Erträge von Bildung“ im Fokus der Bildungsberichterstattung. Zu welchen Ergebnissen kommt der Bericht hier?

Maaz: Wir haben versucht, zu identifizieren, ob Bildung, die man mit einem Bildungsabschluss kumuliert, positive Effekte auf verschiedene Bereiche im Erwachsenenalter hat: auf Arbeitsmarkt bezogene nicht monetäre Erträge (Erwerbstätigkeit), auf monetäre Erträge (Einkommen) und auf nicht monetäre Erträge außerhalb des Arbeitsmarktes. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Bildung im Erwerbsleben auszahlt. Je höher der Bildungsabschluss, desto höher die Erwerbstätigkeit. Allerdings zahlt sich Bildung im Erwerbsleben für Frauen und Männer in unterschiedlichem Maße aus, was aber nicht an der Bildung liegt, sondern an der Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Vor allem die Einkommen unterscheiden sich bei gleicher Qualifikation sehr. Und: Je höher die Qualifikation, umso größer sind die Einkommensunterschiede! In vielen gesellschaftlichen Bereichen gibt es ebenfalls Effekte, die mit Bildung in einem Zusammenhang stehen: Bildung wirkt sich positiv auf sportliche Aktivitäten, gesundes Verhalten, Ernährungsweise, gesellschaftliches Engagement, Wahlbeteiligung, Partizipation in Vereinen, politischen Organisationen etc. aus.

Wir haben auch untersucht, in welcher Weise bildungspolitische Strukturen als Steuerungsmaßnahmen wirken und wie sie im System ankommen. Hier gibt es positive Entwicklungen, zum Beispiel eine Veränderung in der Bildungsnachfrage im frühkindlichen Bereich, die mit dem Ausbau einhergeht. Insbesondere in den westdeutschen Bundesländern hat der Ausbau von Bildungseinrichtungen im vorschulischen Bereich auch zu einer größeren Inanspruchnahme geführt. Die Beteiligung an Kindergartenbetreuung und Kindergartenleben wirkt sich wiederum positiv auf Vorläuferkompetenzen am Beginn der Schulzeit aus. Kinder, die mehr als zwei Jahre in einer Kita waren, haben Leistungsvorteile den Kindern gegenüber, die weniger als zwei Jahre in einer Kindertageseinrichtung waren. Die Unterschiede sind zwar nicht riesig, aber es sind Startunterschiede, die sich dann in der Schule weiter vergrößern können. Auch finden wir positive Effekte von Kitaqualität auf Kompetenzstände.

Online-Redaktion: Gibt es auch gewünschte Wirkungen, die nicht erzielt wurden?

Maaz: Ja, wir sehen, dass beispielsweise Intentionen, die man mit dem Ausbau von Ganztagsschulen hatte, bis jetzt noch nicht nachgewiesen werden konnten. Der Abbau von sozialen Ungleichheiten beispielsweise durch den Ganztag ist ein ganz hohes Ziel gewesen, das mit dem Ausbau des Ganztagsbereiches einherging, für das es aber keine Nachweise gibt. Dafür gibt es andere Effekte. Beispielsweise ist die Müttererwerbstätigkeit durch den Ganztag gestiegen. Auch hat sich das Schulklima verbessert. Es muss in den nächsten Jahren genau darauf geachtet werden, welche Ziele man mit dem Ganztag verbindet, damit man überprüfen kann, ob sie eingelöst werden.

Aber es gibt noch ein gutes Beispiel für „Wirkungen von Bildung“. Es gibt ja in Deutschland zum Teil heftige Diskussionen um die Variante Abitur im G8- oder im G9-System. Betrachtet man die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, die entweder 12 oder 13 Jahre zur Schule gehen, überwiegen die Gemeinsamkeiten. Es gibt keine eindeutige Tendenz, die sagt, Schüler, die im G8 sind, sind schlechter als die im G9 und umgekehrt. Das ist ein, wie ich finde, doch positiver Effekt.




Prof. Dr. Kai Maaz, Direktor der Abteilung „Struktur und Steuerung des Bildungswesens“ am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main/Berlin und zugleich Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildungssysteme und Gesellschaft an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Schwerpunktthemen: Bildungsbiografien und Übergangsentscheidungen, Bildungsreformen, Entwicklung des Bildungssystems, Schulentwicklung und soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Sprecher der Autorengruppe Bildungsberichterstattung seit 2014.





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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 05.07.2018
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