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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 08.03.2017:

„Das zählebigste Hindernis für eine Gleichstellung liegt im Steuerrecht.“

Frauen haben im Beruf ungleiche Chancen

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Alexa Wolfstädter

Seit über 100 Jahren wird weltweit am 8. März der Internationale Frauentag gefeiert. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Alexa Wolfstädter, Referentin im Bereich Frauen- und Gleichstellungspolitik bei ver.di (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft) darüber, warum von einer beruflichen Gleichstellung auch heute noch keine Rede sein kann.


Online-Redaktion: Woran liegt es, dass es immer noch keine berufliche Gleichstellung zwischen Männern und Frauen gibt?

Wolfstädter:
Obwohl in den letzten Jahren viel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan wurde, gibt es nach wie vor einige Hürden für die Frauen. Ein Hindernis ist zum Beispiel, dass Frauen in vielen Branchen überwiegend Teilzeitarbeitsverhältnisse oder Minijobs angeboten bekommen und nach einer Babypause bei der Rückkehr in den Beruf Hürden zu überwinden haben. Wir fordern deswegen ein Rückkehrrecht aus der Teilzeit, eine Befristung der Teilzeit und eine Begrenzung der Vergabe von Minijobs. Erschwert wird die Vollbeschäftigung von Frauen auch dadurch, dass die Kinderbetreuung vor allem für die Ein- bis Dreijährigen noch nicht der Nachfrage entsprechend ausgebaut ist und auch noch nicht überall Ganztagsschulen vorhanden sind. In Führungsfunktionen sind Frauen zu selten vertreten. Generell verfügen Frauen oft nicht über flexible Arbeitszeiten und werden gerade in Branchen mit typischen Frauenberufen – aber nicht nur da! – im Durchschnitt auch immer noch schlechter bezahlt.

Das zählebigste Hindernis für eine Gleichstellung aber liegt im Steuerrecht. Wir kämpfen schon lange für die Abschaffung des Ehegattensplittings. Die Steuerklassenkombination 3/5 schafft für Frauen nur Anreize in kleinere Arbeitsverhältnisse zu gehen oder unter Umständen gar nicht zu arbeiten. Insofern ist die Gleichstellungspolitik nicht konsistent. Auf der einen Seite gibt es Fortschritte zu verzeichnen, was die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung angeht, aber das Steuerrecht und die Minijobs, in denen Frauen überdurchschnittlich vertreten sind, setzen genau entgegengesetzte Signale. Das schafft widersprüchliche Lebenssituationen für Frauen.

Online-Redaktion: In welchen Berufen und Branchen ist die ungleiche Bezahlung besonders gravierend?

Wolfstädter: Das sind die Bereiche, in denen es verstärkt Minijobs oder prekäre Arbeit gibt, zum Beispiel im Handel, im Hotel- und Gaststättengewerbe oder im Reinigungsgewerbe. Im Handel z.B. geht die Entwicklung der letzten Jahre dahin, dass viele Konzerne oder Ketten nur noch Teilzeitarbeitsverhältnisse, Minijobs oder Werkverträge anbieten. Und da in diesen Branchen überwiegend Frauen arbeiten, führt das zu großen Ungleichheiten. Männer hingegen bekleiden in diesen Bereichen oft die leitenden Positionen. Ungleiche Bezahlung gibt es aber auch woanders! Zum Beispiel wird der Entgeltunterschied auch in den Bank- und Finanzberufen, die ja eher dem hochqualifizierten Bereich zuzuordnen sind, im Laufe der Berufsjahre immer größer. Nach 11 bis 20 Jahren liegt er bei 29 Prozent, bei den Rechtsberufen sieht es ähnlich aus. Frauen haben also auch in den nicht typischen Frauenberufen ungleiche Chancen.

Online-Redaktion:
Was kann man tun, um mehr Frauen den Weg in Führungspositionen zu ermöglichen?

Wolfstädter: Die Quotenregelung, die es jetzt gibt, ist ein Anfang, aber sie ist noch nicht ausreichend. Es müsste noch härtere Quoten geben, mehr Kontrolle und mehr Sanktionen auch für Vorstände. Hilfreich wäre sicherlich auch ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, außerdem müsste viel mehr über die Kultur in Unternehmen geredet werden. Die Präsenzkultur bzw. die Kultur immer und überall erreichbar zu sein und nur für den Job zu leben, ist etwas, was für viele Frauen schwierig ist und was sie sich für ihr Leben nicht vorstellen wollen oder können. Es gibt auch zunehmend junge Männer, die unter diesen Umständen Leitungsfunktionen nicht ausüben möchten. In Deutschland müssten also dringend Antworten auf die Frage gefunden werden, wie man Führungs- und Leitungsfunktionen so organisiert, dass sie mit dem Privatleben vereinbar sind, denn dass das möglich ist, sehen wir an anderen Ländern, wie zum Beispiel in Skandinavien.

Online-Redaktion: Welche Ziele vertritt die Frauenpolitik von ver.di?

Wolfstädter: Es geht uns darum, dass Frauen die Chance haben, eine eigenständige Existenzsicherung aufzubauen und die Vielfalt ihrer Lebenssituationen in Einklang bringen zu können. Wir wollen, dass sich Frauen und Männer die Lebensaufgaben ‒ sei es nun die Kinderbetreuung oder die Pflege Angehöriger, es gibt ja mehrere Lebensphasen, in denen Anforderungen des Privatlebens mit dem Arbeitsleben vereinbart werden müssen ‒ teilen können. Wir machen uns dafür stark, dass Frauen von ihrem Job leben können, dass sie ihre Arbeit in Würde erledigen können und nicht ausgebeutet werden oder gezwungen sind mehrere Jobs auszuüben, um zu überleben. Denn das ist entwürdigend und auf Dauer auch nicht zu schaffen, wenn man gesund bleiben möchte.
Deswegen setzen wir uns für die Eindämmung prekärer Beschäftigung, für Entgeltgleichheit, für eine Aufwertung von typischen Frauentätigkeiten und für flexible Arbeitszeiten ein. Ein weiteres Schwerpunktthema, dem wir uns zurzeit verstärkt widmen, ist die Digitalisierung mit ihren Auswirkungen, Chancen und Risiken für Frauen und Frauenarbeitsplätze. Digitalisierung spielt gerade im Dienstleistungsbereich, in dem viele Frauen tätig sind, eine große Rolle.

Online-Redaktion: Wie fördert ver.di als Ehrenamtlichenorganisation sowie als Arbeitgeberin von hauptamtlichem Personal die Chancengleichheit von Frauen?

Wolfstädter: ver.di ist eine der größten Frauenorganisationen. Der Anteil der weiblichen Mitglieder liegt bei 52 Prozent, das sind über eine Million Frauen. Das verpflichtet uns schon lange dazu, Frauen auf allen Ebenen diese Plätze auch zu gewähren. Wir haben deshalb eine Frauenmindestquote, die besagt, dass Frauen in den ehrenamtlichen Gremien mindestens entsprechend ihrem Mitgliederanteil vertreten sein müssen. Auf Bundesebene müssen Frauen also zu mindestens 52 Prozent vertreten sein, in den Fachbereichsgremien variiert das entsprechend. Diese Quote gibt es auch für die Wahlämter im hauptamtlichen Bereich, also für die Vorstände sowie für die Leitungen auf Landesebene. Außerdem gibt es für das hauptamtliche Personal Frauenfördermaßnahmen, damit Frauen die Chancen und Möglichkeiten haben, Führungsaufgaben übernehmen zu können.

Online-Redaktion: Welche Funktionen haben der Bundesfrauenrat und die Bundesfrauenkonferenz?

Wolfstädter: Auch diese Gremien wurden entwickelt, weil wir so einen starken Frauenanteil haben. Es gibt auf jeder Ebene Frauenräte, auch in den Fachbereichen. Auf Bundesebene gibt es den Bundesfrauenrat, er ist ein arbeits- und beschlussfassendes Gremium, er berät, was wir frauenpolitisch tun wollen und welche Position wir zu verschiedenen politischen Fragestellungen und Gesetzesvorhaben einnehmen. Die Bundesfrauenkonferenz hingegen tagt nur alle vier Jahre. Sie berät und beschließt über die ver.di Frauenpolitik insgesamt, formuliert Arbeitsprogramme, fasst Grundsatzbeschlüsse. Sie hat auch die Möglichkeit, Anträge an den Bundeskongress zu stellen, damit die Vorhaben und Positionen, die wir ver.di Frauen vertreten, auch zu denen der Gesamtorganisation werden können.

Online-Redaktion: Wie beteiligt sich ver.di am Internationalen Frauentag?

Wolfstädter: ver.di ruft als Mitglied im DGB mit den DGB-Frauen zusammen den Internationalen Frauentag aus, gibt das Motto vor und verteilt Materialien. Dazu kommen viele einzelne Aktivitäten, die von den Frauen an der Basis, auf örtlicher Ebene und in den Betrieben durchgeführt werden und die entweder von ver.di selber initiiert wurden oder von Frauenbündnissen, an denen sich ver.di beteiligt. Auch in diesem Jahr findet wieder eine große Palette an Veranstaltungen statt, von Straßenaktionen bis zu Demos, Diskussionsveranstaltungen, Frauenfrühstücken und Filmabenden, damit Frauen zusammenkommen, gemeinsam feiern, diskutieren, sich Aktionen überlegen oder gegen Missstände gemeinsam protestieren können.

Online-Redaktion: Trägt der Internationale Frauentag Ihrer Ansicht nach zu mehr Gleichstellung zwischen Frauen und Männern bei?

Wolfstädter:
Der Frauentag ist immer ein Anlass und wird auch von der Politik zum Anstoß genommen, über Frauenthemen zu reden, d.h. natürlich nicht, dass sich gleich etwas ändert, aber es schafft Öffentlichkeit und Bewusstsein. Auch kann man an ihm viele Frauen erreichen, die sich sonst nicht so um das Thema kümmern und sich nicht dessen bewusst sind, dass sie als Frau zu einem gewissen Maß betroffen sind. Aber abgesehen davon muss man natürlich jeden Tag zum Frauentag machen und für die eben genannten Ziele kämpfen, da reicht der eine Tag nicht aus.


Alexa Wolfstädter, Diplom-Politologin, ist seit 2001 Referentin im Bereich Frauen- und Gleichstellungspolitik bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Sie ist Expertin für die Themen diskriminierungsfreie Tarifverträge, Entgeltgleichheit und  Frauengleichstellungspolitik.

 

 

 

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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.03.2017
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