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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 16.02.2017:

„Alle PIKSL-Dozenten sind Menschen mit Lernschwierigkeiten.“

Das Projekt bringt Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen

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Logo; Quelle: PIKSL

Im Rahmen des Projekts PIKSL werden Barrieren abgebaut und Menschen mit geistiger Behinderung an Informations- und Kommunikationstechnologien herangeführt. Im PIKSL-Labor werden sie dann selbst zu Experten und entwickeln gemeinsam mit Forschungseinrichtungen Produkte und Dienstleistungen, die allen zugute kommen.


Digitale Kommunikation ist heute selbstverständlich. Ob per E-Mail oder SMS, Nachrichten werden zu jeder Tag- und Nachtzeit rund um die Uhr verschickt. Und auch zur Beschaffung von Informationen und Dienstleistungen steht das Internet jederzeit zur Verfügung: So findet man zum Beispiel nicht nur die Abfahrtszeiten eines gewünschten Zuges oder Fluges im Netz, sondern das Ticket wird direkt „mitgeliefert“ und lässt sich von zuhause aus bequem ausdrucken.

Doch nicht alle Bevölkerungsgruppen nehmen gleichermaßen an diesem Service teil. Viele alte Menschen haben den Anschluss verpasst und auch Menschen mit geistiger Behinderung werden überwiegend ausgeschlossen. Die meisten Angebote sind nicht barrierefrei und für Menschen mit kognitiven Einschränkungen nicht zugänglich.

Das Projekt PIKSL
Das Projekt PIKSL will daran etwas ändern! PIKSL will digitale Barrieren abbauen und Komplexität im Alltag verringern. PIKSL steht für „Personenzentrierte Interaktion und Kommunikation für mehr Selbstbestimmung im Leben“ und macht moderne Informations- und Kommunikationstechnologie für Menschen mit geistiger Behinderung zugänglich, damit sie an der Gesellschaft teilhaben und ein selbstbestimmtes Leben führen können.

PIKSL ist ein Projekt der In der Gemeinde leben gGmbH (IGL) aus Düsseldorf. Die IGL berät und begleitet Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen an ihren Wohnorten sowie auf ihre Wünsche und Bedürfnisse ausgerichtet und sucht gemeinsam mit ihnen und ihren Angehörigen nach passenden Unterstützungsleistungen. In der Gemeinde leben steht in der Tradition ihrer beiden Gesellschafter, der Diakonie in Düsseldorf und der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, hat viel Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen und hält ein umfassendes soziales Angebot bereit.

Menschen mit und ohne Behinderung lernen gemeinsam
Das Projekt PIKSL bringt Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen, um innovative Ideen durch Inklusion zu verwirklichen. Menschen mit Behinderung tragen bei PIKSL zur Lösung von Problemen bei und entwickeln und erarbeiten gemeinsam mit Experten aus Forschung und Wissenschaft Produkte und Dienstleistungen, die Technik auf die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung ausrichten und dabei allen Menschen zugute kommen. Für diesen innovativen Ansatz wurde das Projekt von der Initiative Land der Ideen als „Ausgewählter Ort 2012“ ausgezeichnet. Ein Konsortium mit Fachleuten aus Forschung, Entwicklung, Design und Sozialwesen begleitet PIKSL seit Projektbeginn 2010 mit dem Ziel, Erkenntnisse aus dem Projekt zu nutzen, um damit nachhaltige Geschäftsmodelle für die Behindertenhilfe zu entwickeln.

Das PIKSL-Labor
Im Mittelpunkt des Projekts steht das PIKSL-Labor. Es befindet sich in Düsseldorf-Flingern, ein zweites wird zurzeit in Bielefeld errichtet. An diesem Ort lernen und arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam, sammeln erste Erfahrungen im Umgang mit digitaler Informations- und Kommunikationstechnik und/oder vertiefen ihre Kenntnisse. Dieses Labor ist das Herzstück des Projekts, ein großer, heller, freundlicher Raum, der das soziale Miteinander fördert. Als es darum ging, das PIKSL-Labor zu gestalten, wurden die Nutzer und Nutzerinnen daran beteiligt. Schließlich entschied man sich aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen für flexible Möbel, die eigens entworfen wurden und die Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Beeinträchtigungen das Lernen am Computer sowie einen optimalen Austausch untereinander ermöglichen. Außerdem gibt es einen Ruhebereich, in den man sich zurückziehen kann.

Im PIKSL-Labor werden Computerkurse, Internet-, Handy- und Facebook-Kurse sowie Office-Anwendungskurse angeboten. Es gibt Computertreffs und Computerwerkstätten. Anders als bei vielen anderen Kursen können die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer hier die Kursinhalte je nach Interesse, Anforderungen und den Fragen, die sie haben, mitgestalten. Außerdem werden die Kurse intensiv betreut: Je ein PIKSL-Dozent unterstützt zwei Teilnehmer/innen. In Kursen mit maximal acht Teilnehmer/innen bestimmen sie ihr Lerntempo selbst. Wer möchte, kann sein eigenes Gerät mitbringen, auch kann das Labor außerhalb der Kurszeiten zum Üben genutzt werden. Alle PIKSL-Dozenten sind Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die meisten von ihnen können nicht lesen und schreiben, aber sie haben im Labor den sicheren Umgang mit dem Computer erlernt und geben ihr Wissen nun an andere, zum Beispiel an Senioren, weiter. Sie schaffen eine behagliche Lernatmosphäre, indem sie geduldig und verständnisvoll mit ihren Schülerinnen und Schülern umgehen. Die PIKSL- Computerkurse sind bereits mehrfach ausgezeichnet worden.

Labor-Projekte
Darüber hinaus ist das PIKSL-Labor Treffpunkt und Denkfabrik, in dem die Menschen mit Behinderung als Entwickler und Forscher in den Entstehungsprozess technischer Lösungen eingebunden werden. Sie wirken daran mit, digitale Barrieren Schritt für Schritt abzubauen, moderne Computertechnologie einfacher und unkomplizierter zu gestalten und Ideen zu den unterschiedlichsten Problemstellungen des Alltags inklusiv, interdisziplinär und immer aus der Sicht des Nutzers zu entwickeln. So hat das PIKSL-Team zum Beispiel in dem Projekt KNOFFIT – ein Glossar für leichte Sprache – in Kooperation mit der TU Dortmund daran mitgearbeitet, Netzinhalte verständlicher zu gestalten. In Kooperation mit der Fachhochschule Düsseldorf, Studiengang Kommunikationsdesign, entstand wiederum eine Bildzeichensprache, mit der Wörter und Sinnzusammenhänge in Form von Piktogrammen eingegeben werden und die dabei helfen, Webinhalte beliebiger Art zu erstellen und zu verwalten.

Auf die Fragestellung, wie der öffentliche Personennahverkehr einfacher und komfortabler und damit attraktiver für alle werden kann, wird zurzeit von PIKSL, von den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und den Bielefelder Verkehrsbetrieben unter Förderung vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie an einem smartphone-basierten Navigationssystem gearbeitet, das auch Menschen mit kognitiven und körperlichen Einschränkungen durch den Großstadtdschungel geleitet. Wenn es fertig ist, soll es den Nutzern Haltestellen, Fahrzeiten, den Routenverlauf und Umsteigeverbindungen anzeigen, sich an die aktuelle Verkehrslage anpassen können und über einen barrierefreien Reiseweg informieren, indem es zum Beispiel über vorhandene Hochbahnsteige, Rolltreppen und Aufzüge aufmerksam macht.

Gemeinsam mit Studenten der Hochschule Rhein-Sieg erarbeitet das PIKSL-Team außerdem Empfehlungen für die Erstellung von barrierearmen Automaten-Oberflächen. Und unter dem Motto „Social Media für jeden greifbar machen“ haben Studierende der Hochschule Rhein-Waal, Studiengang E-Government, in Kooperation mit PIKSL ein alternatives Bedienkonzept entwickelt, das den Bewohnern einer Wohngruppe, die das Labor nicht besuchen können, erlaubt, ohne klassische Computer-Peripherie eine Videotelefonie-Verbindung über Skype aufzubauen, die mit „Ich-Steinen“ und „Du-Elementen“ agiert.

PIKSL - ein tolles Projekt, das Menschen mit Behinderung nicht zum Problem, sondern zum Problemlöser macht und von dem es in jeder Stadt eins geben sollte.




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Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 16.02.2017
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