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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 24.11.2016:

Tipps zur Berufswahl aus erster Hand

Das Projekt „Rent-a-Stift“

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„Rent-a-Stift“ ist in der Schweiz sehr erfolgreich

„Rent-a-Stift“ ist ein Informationsangebot für die Schülerinnen und Schüler der Klassen acht und neun in der Schweiz. Berufslernende im 2. Lehrjahr aus verschiedenen Branchen und Betrieben kommen in den Unterricht und berichten in Zweierteams von ihren Erfahrungen aus der Berufswelt.



Viel zu viele junge Menschen brechen eine Ausbildung wieder ab. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum Teil liegt es daran, dass sie sich für einen falschen Beruf entschieden oder ihre Fähigkeiten nicht richtig eingeschätzt haben. Manche Jugendliche wählen einen der klassischen Ausbildungsberufe und achten nicht genügend auf ihre eigenen Bedürfnisse und Talente. Auch trauen Mädchen sich oft nicht, einen „typischen Männerberuf“ zu ergreifen, obwohl ihre Neigungen im technisch-handwerklichen Bereich liegen. Aus diesem Grund hat das Schweizer Bundesamt für Berufsbildung und Technologie das Berufswahlprojekt „Rent-a-Stift“ eingeführt.

Das Projekt „Rent-a-Stift“
Im Kern des Projekts geht es darum, dass junge Menschen, die selber noch in der Ausbildung stehen, Schulklassen der Stufe acht und neun besuchen, um die Schülerinnen und Schüler über den Berufswahlprozess aufzuklären. Die Berufslernenden, die „Stifte“, können von den Schulen im Zweierteam „gemietet“ werden. In den einzelnen Klassen geben sie Tipps zur Berufswahl: Sie erzählen den Schülern, warum sie sich für ihren Beruf entschieden haben, wie sie ihre Berufswahl und die Lehrstellensuche angegangen sind, wie sie den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt erlebt haben und welche Erfahrungen sie in ihrer Ausbildung machen. Sie schildern den Alltag in ihrem Lehrbetrieb und in der Berufsfachschule, zeigen, wie man Bewerbungen schreibt und wie man sich in Vorstellungsgesprächen verhält. Und sie beantworten die vielen Fragen, die die Schülerinnen und Schüler brennend interessieren. Zum Beispiel, wie sie ihre Lehrstelle gefunden haben, wie man sich gegenüber seinem Chef und den Mitarbeitern richtig verhält oder wie viel man für die Berufsschule lernen muss. „Es geht mehr um ein Stimmungsbild und nicht um die konkreten Details des Berufes“, erklärt Projektleiterin Anne Lammerskitten von der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern.

Das Angebot „Rent-a-Stift“ ergänzt den üblichen Berufswahlunterricht an den Schulen und macht die Lehre als attraktiven Ausbildungsweg bekannt. „Das kommt bei den Schülerinnen und Schülern gut an“, berichtet eine Lehrerin. „Sie sind oft überrascht, wie vielseitig die vorgestellten Berufe sind.“ Was den Schülerinnen und Schülern vor allem gut gefällt, ist, dass die Informationen „aus erster Hand“ kommen. Und zwar in einer Sprache, die sie verstehen, denn die Berufslernenden sind nicht viel älter als sie selbst. Dadurch wird die Berufswahl für sie konkret, greifbar und begreifbar. Sie trauen sich Fragen zu stellen und bauen Unsicherheiten und Berührungsängste, die im Rahmen der Berufsfindung und Lehrstellensuche bei ihnen auftauchten, ab. Sie verstehen auf einmal viel besser, wie eine Ausbildung abläuft und entdecken Berufsbilder, die sie interessieren.

Die Berufslernenden werden auf ihre Aufgabe gut vorbereitet
Während der rund einstündigen Präsentation ziehen sich die Lehrkräfte vollständig zurück und überlassen den „Stiften“ die ganze Aufmerksamkeit. Optimal ist es, wenn sie die Schülerinnen und Schüler bereits zuvor auf die Stunde vorbereitet haben, so dass diese konkrete Fragen stellen können. Auch eine Nachbereitung der Präsentation ist im Rahmen der Berufsorientierung sehr sinnvoll. Die Berufslernenden, die im zweiten Lehrjahr stehen, werden für diese Aufgabe gut ausgewählt und während eines ein- bis zweitägigen Workshops auf ihren Einsatz an den Schulen gut vorbereitet. Sie lernen verschiedene Präsentationsmittel und -techniken wie Power-Point, den Einsatz von Folien, Flipchart und Videotechniken kennen, mit deren Hilfe sie die Informationen zur Berufswahl aufzeigen. Außerdem werden sie auf den genauen Ablauf vorbereitet, spielen ihn mehrfach durch und bekommen dafür ein Feedback von den Coaches und Mitlernenden. Insbesondere bekommen sie auch den angemessenen „Umgang mit Störungen“ sowie die „Aktivierung der Schüler/innen“ vermittelt. Das ist für die jungen Auszubildenden besonders hilfreich.

Die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig, allerdings muss der Betrieb dahinterstehen, da er die Berufslernenden für das Projekt an den einzelnen Tagen freistellen muss; die Schuleinsätze finden nicht an Berufsschultagen statt. Bei der Teambildung wird darauf geachtet, dass „die Stifte“ den Berufsinteressen der Sekundarschulen entsprechen, auch werden die Teams so zusammengestellt, dass die Lernenden aus unterschiedlichen Branchen und Betrieben kommen. Die Berufslernenden besuchen im Schnitt drei bis sechs verschiedene Sekundarschulen im Jahr, an denen sie in bis zu vier Schulklassen ihre Präsentationen vorführen. Durch die wiederholten Einsätze verbessern die Lernenden ihr Auftreten und sammeln wertvolle Erfahrungen auch für ihren eigenen Berufsalltag.

Von dem Projekt profitieren alle
Das Konzept „Rent-a-Stift“ ist in der Schweiz sehr erfolgreich. Seit 2002 setzt die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern das Projekt ein. Die Resonanz ist groß, die Nachfrage nimmt stetig zu, so dass schon Wartelisten eingerichtet werden mussten. Seit einigen Jahren ist es auch in anderen Kantonen, wie dem Kanton Zürich, Luzern, Aargau u.a. eingeführt worden. In Basel besteht es seit elf Jahren. Mit der authentischen, lockeren und praxisorientierten Ergänzung zum normalen Berufswahlunterricht leisten die Lernenden einen wertvollen Beitrag zur Berufsorientierung an den Schulen. Das Projekt kommt vor allem deshalb so gut an, weil sich die „Stifte“ noch gut in die Schülerinnen und Schüler hineinversetzen können. Noch vor kurzem waren sie in der gleichen Situation, ihre Fragen und Ängste sind ihnen sehr vertraut. Das macht ihre Aussagen für die Schülerinnen und Schüler sehr glaubwürdig. Doch auch die Berufslernenden selbst profitieren von dem Projekt: Sie werden selbstbewusster, lernen sich zu organisieren, knüpfen soziale Kontakte und üben wertvolle Schlüsselqualifikationen ein, Kompetenzen wie methodisches Vorgehen, Präsentationstechniken, Kommunikation oder Teamfähigkeit. Und dazu macht es ihnen noch großen Spaß.




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Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 24.11.2016
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