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Bildung + Innovation Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Erschienen am 03.03.2016:

„Ich wünsche mir, dass der Mehrwert von OER stärker sichtbar wird.“

Das Projekt „Mapping OER“ findet seinen Abschluss

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Elly Köpf; Foto: Jan Apel, CC-BY-SA 4.0

Wikimedia hat in den vergangenen elf Monaten im Rahmen des Projekts „Mapping OER – Bildungsmaterialien gemeinsam gestalten“ zusammen mit vielen Akteuren daran gearbeitet, Ansätze zu entwickeln, wie Open Educational Resources (OER) in Deutschland gestärkt werden können. Die Ergebnisse wurden am 28. Februar 2016 in einem sogenannten Praxisrahmen veröffentlicht. Das Projekt wurde vom BMBF gefördert. Die Online-Redaktion von „Bildung + Innovation“ sprach mit Projektleiterin Elly Köpf über die Herausforderungen und Ergebnisse des Projekts.


Online-Redaktion: Welche Idee steht hinter dem Projekt „Mapping OER“?

Köpf: Unsere Idee war, im Rahmen des Projekts zunächst eine Karte zu zeichnen bzw. eine Bestandsaufnahme zu machen, wo Open Educational Resources (OER) derzeit in Deutschland stehen. Und daraus resultierend Lösungsansätze zu erarbeiten, die konkrete Vorschläge beinhalten, wie man OER in Deutschland in der Breite verankern kann.

Online-Redaktion: Wer war an dem Projekt beteiligt?

Köpf: Insgesamt über 250 Leute. Uns war wichtig, im Sinne des Multi-Stakeholder-Ansatzes, den wir für das Projekt gewählt hatten, möglichst unterschiedliche Akteursgruppen zusammenzuführen – praxisnahe Akteure, Institutionen, Verlage, politische Vertreter –, die gemeinsam in einen Dialog darüber treten, wohin sich OER entwickeln sollen. Die Herausforderungen, vor denen wir dabei stehen, und die Bedürfnisse der Benutzer sollten in den Vordergrund rücken.

Online-Redaktion: An welchen Fragestellungen haben Sie sich orientiert?

Köpf: Innerhalb der vier Bildungsbereiche Schule, Hochschule, Berufliche Bildung und Weiterbildung haben wir uns auf vier zentrale Fragestellungen konzentriert: Qualitätssicherung, Qualifizierung für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Finanzierungs- und Geschäftsmodelle sowie Lizenzierung und Rechtssicherheit. Daraus haben wir noch Unterfragen abgeleitet, wie zum Beispiel „Was sind die lizenzrechtlichen Schwierigkeiten in der Nutzung?“ oder „Wie motiviert man jemanden dazu, OER zu nutzen, und welcher Anreize bedarf es dafür?“

Online-Redaktion: Wieso haben Sie gerade diese vier Themen gewählt?

Köpf: Das waren für uns die vier zentralen Themen, zu denen es in der vorherigen Debatte um OER die wenigsten Lösungsansätze gab. Fragen wie „Braucht es eine neue OER-Lizenz?“, „Wie kann Qualität bei Material gesichert werden, das immer im Prozess ist?“ oder „Wie kann man jemanden zu OER qualifizieren?“ tauchten immer wieder auf. OER sind vielen Akteuren, die sie nachher nutzen sollen, noch nicht bekannt. Vor allem ist ihnen der Mehrwert dessen, was sie verändern können und was OER so wichtig macht, noch nicht deutlich, um Bildungsarbeit im digitalen Zeitalter voranzubringen. Kollaboratives Arbeiten, Aktualität, individualisierte Lehr- und Lernmaterialien etc. sind zwar Themen, mit denen sie sich in der Praxis beschäftigen, von denen die meisten aber nicht wissen, dass OER die Antwort darauf sein können.

Online-Redaktion:
Wie sind Sie im Rahmen des Projekts vorgegangen?

Köpf: Wir haben unser Vorgehen in drei Phasen eingeteilt. In der Analysephase haben wir anhand der vier Bildungsbereiche und der vier Themenschwerpunkte den Ist-Stand sehr detailliert zusammengetragen. Darauf aufbauend wurden im Rahmen der Dialogphase vier Themenworkshops durchgeführt, in denen die Stakeholder miteinander in Dialog traten und Lösungsansätze entwickelten. Dieser Dialog wurde auch auf der Projektwebseite veröffentlicht. Im Rahmen der Synthesephase wurden diese Ergebnisse themen- und gruppenübergreifend auf einem Abschlussworkshop zusammengeführt und für den „Praxisrahmen für Open Educational Resources (OER) in Deutschland“ aufbereitet, der am 28. Februar veröffentlicht wurde. Er fasst die Ergebnisse aus allen Elementen und Phasen zusammen und zeigt Lösungsansätze auf.

Online-Redaktion: Können Sie einige Ansätze nennen?

Köpf: Wir haben insgesamt über 70 Lösungsansätze herausgearbeitet, von denen wir 15 im Praxisrahmen detaillierter vorstellen. Wir haben sie zwar zu den o.g. vier Themenschwerpunkten erarbeitet, sie diesen im Praxisrahmen aber nicht zugeordnet, weil deutlich wurde, dass es sehr viele Lösungsansätze gibt, die sowohl bereichsübergreifend als auch themenübergreifend funktionieren. Eine zentrale Coaching-Beratungs-Plattform als Lösungsansatz für Qualifizierung beispielsweise wirkt sich auch auf Lizenzierung und Rechtssicherheit aus und hat auch Auswirkungen auf eine Vernetzung der Akteure. Damit haben die Lösungsansätze großes Potenzial, um OER in der Breite zu verankern. Wir haben sie stattdessen in vier Handlungsfelder eingeteilt.

Online-Redaktion: In welche?

Köpf: „Anreizsysteme und Förderstrukturen“, „Beratung und Qualifizierung“, „Auffindbarkeit und Tools“ sowie „Vernetzung und Zusammenarbeit“. Bei dem Handlungsfeld „Anreizsysteme und Förderstrukturen“ ging es uns darum, Lehrenden den Mehrwert von OER deutlich zu machen und Anreizsysteme im Sinne von Freistellungen oder Förderstrukturen aufzubauen. Im Handlungsfeld „Beratung und Qualifizierung“ wird deutlich, dass eine Qualifizierung alleine nicht reicht, um freie Bildungsmaterialien benutzen und erstellen zu können. Erst muss ein Verständnis für eine Kultur des Teilens geschaffen und der Mehrwert von OER deutlich werden. Deswegen beschreiben wir hier Peer-to-Peer-Ansätze, die dem prozesshaften Charakter von OER gerecht werden. Das dritte Handlungsfeld befasst sich mit „Auffindbarkeit und Tools“. Freie Bildungsmaterialien lassen sich oft nicht gut finden, auch ist die Benutzbarkeit der Plattformen, auf denen sie derzeit zur Verfügung stehen, nicht immer optimal für den User. Services sind deshalb ein ganz zentraler Punkt: In welcher Form können die Nutzer die Angebote schnell, effektiv und individuell für ihre Lehr- und Lernkontexte anwenden? Mögliche Lösungsansätze sind eine zentrale Suchmaschine, Tools oder eine digitale Arbeitsplatzerstellung. Wir sehen hier auch großes Potenzial für Geschäftsmodelle, die sich stark an Serviceangeboten ausrichten können. Das vierte Handlungsfeld „Vernetzung und Zusammenarbeit“ wiederum zeigt, dass es bei einer breiteren Etablierung von OER in Deutschland um eine Vernetzung und Zusammenarbeit aller Beteiligten geht. Es gibt zwar schon viele Aktive, die sich als OER Community bezeichnen und untereinander austauschen, aber wenn es mehr werden sollen, sind Vernetzungsstrukturen der Ansatz dafür, Multiplikatoreneffekte zu erwirken.

Online-Redaktion: Wie zufrieden sind Sie mit den Ergebnissen?

Köpf:
Ich denke, dass uns das Ziel des Projekts gut gelungen ist: den Kreis derer zu vergrößern, die sich mit dem Themenfeld beschäftigen. Wir haben vor allem diese bunte Mischung an Akteuren, die daran mitgearbeitet haben, als extrem positiv empfunden. Diejenigen, die relativ neu in dem Thema sind, konnten einen guten Blick auf die Bedürfnisse anderer Akteure werfen. Auch sitzen Akteure aus Politik und Praxis im Bildungsbereich in der Regel nicht so häufig zusammen an einem Tisch, das war für alle Beteiligten eine sehr große Bereicherung. Die unterschiedlichen Blickwinkel und Sichtweisen, die durch das Prozessmäßige des Projekts hervorgegangen sind, sind ebenso ein großer Gewinn. Aus meiner Sicht ist dieser Prozess schon ein ganz großer Teil der Chancen, die in solch einem Dialog mit unterschiedlichen Akteuren liegen, und nicht allein die Publikation.

Online-Redaktion: Auf einer abschließenden Fachtagung Ende Januar wurden die Ergebnisse des Projekts präsentiert und mit den Teilnehmenden diskutiert. Wurden auch deren Sichtweisen in den Praxisrahmen mit eingebracht?

Köpf: Ja, es war sehr spannend, noch einmal weitere Blickweisen mit einbinden zu können. Wir konnten methodisch sehr frei agieren und auch offene Formate wählen, zum Beispiel konnten sich Teilnehmende zwischendurch aufs Podium setzen. Uns war wichtig, dass auch hier wieder ein sehr offener Dialog auf Augenhöhe ermöglicht wurde. Wir wollten gemeinsam herausfinden, welches die Herausforderungen und Bedürfnisse bei OER sind. Das wird auch im Praxisrahmen sehr stark herausgearbeitet. Zu jedem Themenfeld gibt es einen Punkt, der erst die Herausforderungen beschreibt, dann die Potenziale und darauf aufbauend die Lösungsansätze.

Online-Redaktion: Welche Fragen bleiben offen, welche Herausforderungen bestehen weiterhin?

Köpf: Ich denke, eine zentrale Herausforderung wird die Frage bleiben, inwiefern zentrale Institutionen jeglicher Art es in Deutschland schaffen können, länderübergreifend Anknüpfungspunkte für OER zu bieten. Eine zweite Herausforderung wird sein, die Anreize des Themas und die Potenziale von OER deutlicher zu machen. Ich würde mir wünschen, dass der Mehrwert von OER stärker sichtbar wird. Gerade im Zeitalter einer digitalen Gesellschaft müssen sich Lehrende und Lernende damit beschäftigen, wie diese Digitalisierung in der Bildung Einzug hält. Denn sie wird Einzug halten, und OER sehe ich als eine Chance, als großes Potenzial, dem als Lösung zu begegnen, mehr denn als Problem.

Online-Redaktion: Welche Perspektiven sehen Sie für OER in Deutschland?

Köpf: Ich hoffe, dass Bildung, nicht nur durch OER, sondern auch durch die veränderte Lehr- und Lernkultur, die sich dahinter verbirgt, einen Wandel vollzieht. Dieser Wandel kann dazu führen, den Lernenden zu einem noch mündigeren Individuum zu entwickeln, das in unserer heutigen Gesellschaft besser bestehen kann. Bislang sind in unserem Bildungssystem noch Mechanismen etabliert, die darauf basieren, dass man in festen Strukturen arbeitet – wie frontale Lernszenarien oder bestimmte Arbeitsweisen. Viele Lehrende wissen nicht, wie sie der Aufforderung, im Unterricht mehr kollaborativ zu arbeiten, nachkommen sollen. OER haben dieses Potenzial: Bildung offener, kollaborativer und freier zu gestalten. Das bringt auch eine Veränderung der Rollen der Lehrenden und Lernenden mit sich. Der Lehrende tritt als Informationsgeber mehr in den Hintergrund und nimmt eine stärker beratende Rolle ein, der Lernende muss sich in diesem Kontext emanzipieren und ermutigt werden, Dinge selbst zu verändern und aktiv mit zu gestalten. Wenn das gelingt, wäre das für den Bildungsbereich eine starke Bereicherung.

Online-Redaktion: Ende Februar erschien der „Praxisrahmen für Open Educational Resources (OER) in Deutschland“. Wem wird er zugänglich gemacht? Und wie finden die erarbeiteten Lösungsansätze den Weg in die Praxis?

Köpf:
Der Praxisrahmen wird auf der Seite www.mapping-oer.de veröffentlicht und ist natürlich frei lizenziert und für alle frei zugänglich. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Lösungsansätze einen guten Anstoß geben können, um die weitere Förderung und Etablierung von OER in Deutschland voranzutreiben. Inwiefern die Lösungsansätze nachher in die Praxis umgesetzt werden, obliegt denen, an die sich der Praxisrahmen richtet. Aber Wikimedia Deutschland wird auf jeden Fall mit daran arbeiten, dass die Debatte um Open Educational Resources auch auf Basis und auf Grundlage der Ergebnisse, die im Praxisrahmen vorliegen, stärker darauf fokussiert, Anreizsysteme zu schaffen und den Blick in die Zukunft zu lenken. Diese Chance liegt in dem Praxisrahmen. Denn der Praxisrahmen ist für uns nicht nur das Ende des Projekts „Mapping OER“, sondern auch der Beginn für einen weiteren Dialog zur Zukunft von OER in Deutschland.



Elly Köpf arbeitet als Projektmanagerin bei Wikimedia Deutschland e.V. im Bereich "Bildung und Wissen". Die studierte Medienwissenschaftlerin und Pädagogin verbindet in dieser Arbeit die Aufklärung über freies Wissen mit der Frage der didaktischen Umsetzung. Ihre Themenschwerpunkte liegen im Bereich Open Educational Resources, Wikipedia im Unterricht und kollaborative Arbeitsprozesse.




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Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 03.03.2016
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